Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
29.10.2001. Lipobay und Ciprobay gehen in die Geschichte ein - und die SZ erzählt sie. In der NZZ annonciert Andzrej Wajda das Ende des politischen Kinos. In der taz ist Gabriele-Goettle-Tag. Die FAZ befasst sich mit Antiamerikanismus in Russland und China.

NZZ, 29.10.2001

Der polnische Regisseur Andzrej Wajda sagt im Gspräch mit Michael Marek und Matthias Schmitz das Ende des politischen Kinos an: "Wann entsteht ein politischer Film? Er entsteht unter dem Druck der Obrigkeit, die einen bestimmten politischen Film sehen will, der natürlich ein anderer ist als der von den Zuschauern erwartete. Mit Eisensteins 'Panzerkreuzer Potemkin' war es auch nicht so, dass er von der Obrigkeit als Propagandafilm angesehen wurde, sondern erst die Deutschen haben ihn so verstanden. Das heißt, der politische Film muss einen richtigen politischen Grund finden, um den Zuschauer zu erreichen. Heute findet die Politik im Fernsehen statt. Die Politiker treten dort auf, die Zuschauer politisieren gegen oder für etwas."

Susanne Ostwald informiert uns über steigende Studiengebühren in den USA: "In den letzten zehn Jahren stiegen die Kosten für den Besuch eines staatlichen College um 79 Prozent, während die Durchschnittseinkommen nur 38 Prozent zulegten und die Verbraucherpreise um lediglich 27 Prozent anstiegen."

Weiteres: Joachim Güntner resümiert die Tagung "Literatur, deutsche Sprache: Was soll's" der deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Michael Mayer hat der Tagung "Figuren des Europäischen" des Berliner Zentrums für Literaturforschung zugehört. Besprochen werden Schillers "Maria Stuart" am Wiener Burgtheater und das "Viper"-Festival für Film, Video und Neue Medien in Basel.

SZ, 29.10.2001

Rainer Erlinger macht sich schon einmal an die Geschichte der Medizin im 21. Jahrhundert. An den beiden Medikamenten "Lipobay" und "Ciprobay", mit denen der Pharmakonzern Bayer - unter jeweils umgekehrten Vorzeichen - in die Schlagzeilen kam, lasse sich "das ganze Dilemma überspannen, meint Erlinger. Es sei "eine Geschichte von Wirkung und Nebenwirkung, Vorbeugen und Heilen, Allmacht und Ohnmacht, Vertrauen und Misstrauen, Gewinn und Verlust". Es gelte die Devise: "Ein Gott kennt kein Versagen, nur ein Nichtwollen." Das große Problem sieht Erlinger darin, dass die "Wirksamkeit der Medizin nur statistisch feststellbar ist: "Der Nutzen ist für den einzelnen nicht sicher, nur wahrscheinlich."

Karol Sauerland bemerkt, dass in der polnischen Übersetzung des Karfreitagsgebets auf das Judentum mit der Wendung "das einst auserwählte Volk" Bezug genommen wird, so als gehörte die Auserwählung der Vergangenheit an. Folgerichtig lobt er die Bemühungen um einen katholisch-jüdischen Dialog in Polen, den die Monatszeitschrift "Wiez" (das Band) mit einer Sonderausgabe in Ganz zu setzen versucht.

Weitere Artikel: Thomas Steinfeld meint, die Verleihung des Büchner-Preises an Friederike Mayröcker wäre vielleicht ein "großes Ereignis" geworden, wäre Thomas Klings Zunge nicht zu flink gewesen. Bernd Graf lobt das neue Betriebssystem von Microsoft, "Windows XP", als "anwenderfreundlich und hautsympathisch" - was immer das heißen mag. XP jedenfalls soll für Experience stehen- also Erfahrung. Außerdem war Tim B. Müller bei einer Tagung über Uwe Johnsons "Jahrestage" in Princeton und Julia Encke schreibt über Care-Pakete.

Besprochen werden Andrea Beths Inszenierung der "Maria Stuart" am Wiener Burgtheater, die Aufführung "Dogma" in Frankfurt ("Heiliger Bimbam!"), Luis Mandokis Film "Angel Eyes" mit Jennifer Lopez. Außerdem ein Konzert, das Pierre Boulez bei der Musica Viva in München dirigiert hat und die Ausstellung "The Mystery of Painting" in der Münchner Sammlung Goetz. Und der neue Roman "Lewis Reise" von Per Olov Enquist, der bisher allerdings nur auf Schwedisch erschienen ist.

FR, 29.10.2001

Wie immer knappes Montagsfeuilleton in der FR. Stephan Hilpold hat Andrea Breths Inszenierung der "Maria Stuart" am Wiener Burgtheater gesehen und war entsetzt: "Auf der Bühne stand - als nach dreieinhalb Stunden alles vorbei war - die Regisseurin Andrea Breth, von der wir jetzt wissen, dass sie unter all den Staatstheaterregisseuren jene ist, die am kompromisslosesten eine Staatstheaterästhetik auch auf die Bühne bringt."

Weitere Artikel: Michael Braun gratuliert Friederike Mayröcker zum Georg-Büchner-Preis. Besprochen werden eine "Madame Butterfly" in Frankfurt, Strindberg am TAT und politische Bücher, darunter Gregor Schöllgens Willy-Brandt-Biografie (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).
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TAZ, 29.10.2001

Die taz glänzt heute mit 865 Zeilen von Gabriele Goettle über den Mathematiker Friedrich Hirzebruch, ehemaliger Direktor des Max-Planck-Instituts für Mathematik in Bonn. Hirzebruch konnte 1954 "den sog. Satz von Riemann-Roch in beliebigen Dimensionen beweisen. Das brachte ihm sofortigen Weltruhm in der internationalen Fachwelt." Nach dem Besuch des Instituts ist es Mittag, "die Glocken des Münsters läuten melodisch. Herr Professor Hirzebruch schultert einen schwarzen City-Rucksack mit dem Namenszug von Alexander von Humboldt (ein Geschenk der gleichnamigen Stiftung an ihre Gutachter) und lädt uns zum Essen ein in sein Lieblingsbistro. Als er unterwegs eine kurze Zeit vor uns her geht, fällt uns auf, dass seine linke Schulter steil nach unten hängt. Er erklärt uns, das sei nichts weiter als eine Angewohnheit, die im Prinzip durch das Hochziehen der Schulter zu beheben sei. Einige Momente lang hebt er die arme Schulter, die unter der totalen Vorherrschaft des Kopfes einfach in Vergessenheit geraten ist."

Schließlich Tom.

FAZ, 29.10.2001

Jürgen Todenhöfer, früherer CDU-Abgeordneter im Bundestag und Afghanistan-Kenner, kritisiert in aller Schärfe die amerikanische Kriegsführung: "Als der amerikanische Präsident George W. Bush sich nach den Terroranschlägen vom 11. September mehr als drei Wochen Zeit nahm, um über die richtige Strategie gegen den internationalen Terrorismus nachzudenken, glaubte ich, er habe diese Lektion der Geschichte gelernt. Dass dem mächtigsten Land der Welt dann doch nichts anderes einfiel, als Bomben auf Afghanistan zu werfen, macht mich fassungslos. Genauso fassungslos macht mich die eilfertige Unterwürfigkeit, mit der deutsche Politiker darum betteln, mitbombardieren zu dürfen. Denn dieser Krieg wird in der jetzt geführten Weise für die Vereinigten Staaten und ihre Mitstreiter ein Desaster werden wie für alle Großmächte zuvor."

Zhou Derong stellt antiamerikanische Tendenzen in China fest, macht dafür aber weder die Globalisierung noch einen "Kampf der Zivilisationen" verantwortlich: Sie wurzeln für ihn eher "in der tiefen Enttäuschung über Amerika als Inbegriff für Demokratie und Freiheit... Nachdem in Peking die Studentenbewegung blutig niedergeschlagen worden war, setzte sich Amerika bald über alle menschenrechtlichen Bedenken hinweg und bildete mit China eine weltumspannende Koalition gegen den Saddam Hussein, der Kuweit überfallen hatte. Dass sich der Westen nur kurz mit einem Schurken verbündet, um einen anderen, noch böseren Schurken niederzukämpfen, leuchtete den chinesischen Demokratiekämpfern nicht ein. In China glaubt man, dass Amerika damals nur des Öls wegen in den Krieg gezogen ist. Als dann 1993 die Amerikaner bei Chinas Bewerbung um die Austragung der Olympischen Spiele 2000 plötzlich wieder die Menschenrechte entdeckten..., hatten sie jeglichen moralischen Kredit verspielt."

Weiteres: Kerstin Holm schildert russische Reaktionen auf den 11. September, die jenseits von der Solidarisierung durch die offizielle Politik recht indifferent zu sein scheinen. Martin Kämpchen berichtet über das Internet in Indien und gibt eine Menge Surftipps für indische Medien. Hubert Spiegel resümiert die Herbsttagung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, die den Titel "Literatur, deutsche Sprache, was soll's?" trug ("Wenn Kulturpessimismus fruchtbar werden soll, muss er sich dem Paradox beugen und innovativ werden", empfiehlt Spiegel) Bei dieser Gelegenheit wurde auch der Büchner-Preis an Friederike Mayröcker verliehen, und die FAZ dokumentiert die Laudatio von Thomas Kling.

Ferner schildert Patrick Bahners die Karriere des Naziprofessors Ernst Anrich. Dietmar Polaczek hat ein italienisches Gesprächsbuch mit dem jordanischen Prizen El Hassan bin Talal gelesen, der sich für den Dialog der Religionen einsetzt. Christian Schwägerl fragt "Wie viele Milzbrandbakterien lagern in deutschen Laboratorien. Dietmar Dath diskutiert mit Programierern über die Frage, was ein schöner Computercode sei. Heinrich Wefing unterhält sich mit Hannes Swoboda, welcher der Expertenkommission für den Berliner Schlossplatz vorsitzt - Humboldtuni, Stiftung Preußischer Kulturbesitz und Landesbibliothek wpollen hier nun ein "Humboldtforum" gründen, in dem Wissenschaft und Kultur in den Dialog treten sollen. Welche Hülle es erhält - ob modern oder als Imitation des Stadtschlosses - ist noch nicht klar.

Auf der Medienseite geht es um die Pläne des neuen Deutsche-Welle-Intendanten Erik Bettermann und um die Arbeit der Afghanistan- und der arabischen Redaktion des Senders.

Theaterpremiere des Wochenendes war offensichtlich Andrea Breths Inszenierung der "Maria Stuart" an der Wiener Burg, die Gerhard Stadelmaier glorios fand. Besprochen werden weiterhin die Hofer Filmtage, eine "Madame Butterfly" in Frankfurt, ein "Falstaff" in der Moskauer Helikon-Oper, das Stück "Dogma" in Frankfurt, eine Richard-Artschwager-Ausstellung im Neuen Museum Nürnberg und eine Ludwig-Knaus-Ausstellung im Oldenburger Landesmuseum.