Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.04.2001.

NZZ, 21.04.2001

Michael Kinski schildert anlässlich der BSE-Krise alte Diskussionen ums Fleischessen in Japan. Jahrhundertelang verzichtete man dort mehr oder weniger auf Fleisch. "Diese Orientierungen in der Ernährung änderten sich mit der Öffnung des Landes gegenüber dem Ausland nach 1868. Nicht nur wurde die technische und geistige Kultur Europas und Nordamerikas neu bewertet und zum Modell für die eigene Entwicklung genommen, auch deren Ernährungsweise mit hohem Fleischanteil wurde mit den Vorsprüngen auf der Bahn des zivilisatorischen Prozesses in Verbindung gebracht. Der Genuss von Rindfleisch erschien als Voraussetzung für einen modernen, starken Staat mit gesunden, kräftigen Bürgern." In Mode kam das Rindfleisch allerdings erst, nachdem verlautete, der Kaiser habe einen Eintopf gegessen.

Es gibt kein Recht auf Faulheit, hat Kanzler Schröder neulich gesagt. Aber es steht noch schlimmer, meint Joachim Güntner: Es gibt kein Faulheitsethos und darum bleibt die Arbeitslosigkeit die Hölle unserer Arbeitswelt: "Es sieht ganz so aus, als sei der Geist des Kapitalismus, wie Max Weber ihn beschrieben hat: dem Tätigsein verschworen mit einem (durch protestantische Bibelübersetzungen vorbereiteten) strengen Begriff von 'Beruf', verstanden als Selbstverpflichtung zur Arbeit - als sei dieses Pathos des Erwerbsfleisses gesellschaftlich so tief eingewurzelt, dass ihm niemand ohne Schaden entsagen kann."

Georges Waser erzählt die Geschichte eines literarischen Schwindels in Kanada: Der Übersetzer David Olway erwarb sich Verdienste um den griechischen Dichter Karavis, einen scheuen Man mit Fischermütze. Die griechische Botschaft organisierte ein Empfang ihm zu Ehren. Aber nun hat David Solway, "wie das amerikanische Magazin Lingua Franca berichtet, gestanden, er habe Karavis erfunden -nicht weil er selbst ein Fälscher in der Art des unglücklichen englischen Jünglings Chatterton sei,sondern weil er sich als Lyriker ausgeschöpft gefühlt und ein 'Alter Ego' gebraucht habe."

Besprochen werden die Ausstellung "Made in Italy" in Mailand, eine Sean-Scully-Ausstellung in Düsseldorf und einige Bücher, darunter der Roman "Die Flussbiegung" des Petersburger Autors Andrei Dmitriew.

In Literatur und Kunst denkt Herta Müller, die in diesem Jahr Gast am Collegium Helveticum ist, über die Wörter und die Dinge nach. Ausgangspunkt des Essays ist ihre Kindheit: "In der Dorfsprache - so schien es mir als Kind - lagen bei allen Leuten um mich herum die Worte direkt auf den Dingen, die sie bezeichneten. Die Dinge hießen genau so, wie sie waren, und sie waren genau so, wie sie hießen. Ein für immer geschlossenes Einverständnis. Es gab für die meisten Leute keine Lücken, durch die man zwischen Wort und Gegenstand hindurchschauen und ins Nichts starren musste, als rutsche man aus seiner Haut ins Leere. Die alltäglichen Handgriffe waren instinktiv, wortlos eingeübte Arbeit, der Kopf ging den Weg der Handgriffe nicht mit und hatte auch nicht seine eigenen, abweichenden Wege. Der Kopf war da, um die Augen und Ohren zu tragen, die man beim Arbeiten brauchte."

Zu Müllers Artikel gehört ein kleines Porträt der rumäniendeutschen Dichterin von Andrea Köhler: "Herta Müller schreibt Deutsch, ein klingendes, raues, dingliches Deutsch, eins, das seine Herkunft von der östlichen Peripherie des Deutschen noch weiss und das es nur in ihren Büchern gibt."

Gleich drei Artikel widmen sich Schweizer Bauten des Architekten Gottfried Semper. Andreas Hauser schreibt über den "Polytechnikumsbau inZürich als imposantes Schul-Schloss", Beate Schnitter befasst sich mit der Villa Garbald im Bergeller Grenzdorf Castasegna, und Roman Hollenstein vergleicht Sempers Villa Garbald mit Schinkels Landhausarchitektur.

Und noch mal drei Artikel handeln von Sterbehilfe. "Die Tabuisierung des Sterbens erleichtert die Enttabuisierung des Tötens", kommentiert Uwe Justus Wenzel die Freigabe der Sterbehilfe in den Niederlanden. Udo Brenzenhöfer betrachtet Euthanasie und Sterbehilfe in ärztlicher Perspektive. Und Johannes Fischer will sich und uns klarmachen, "worüber, genauer besehen, nicht gestritten werden müsste - und worüber gestritten werden sollte".

Schließlich legt Andreas Nentwich einen Essay über Martin Kessels bei Schöffling wiederveröffentlichten Angestelltenroman "Herrn Brechers Fiasko" vor: "Deses Buch, das aus dem Nadelöhr des Angestelltenalltags die ganze menschliche Komödie zieht, ist nicht nur eines der großen Sprachkunstwerke des 20. Jahrhunderts und ein Hauptbeitrag zur 'Physiologie der Hauptstadt' (Benjamin), ranggleich mit Döblins 'Berlin Alexanderplatz', sondern ein Desillusionierungsprojekt von gespenstischer Aktualität."

SZ, 21.04.2001

Holger Liebs erzählt von einem neuen Staat, der am 28. April "am Ende eines langen Hafenpiers in Rotterdam" von dem Künstler Joep van Lieshout errichtet wurde: der Freistaat AVL-Ville. "Die Kommune, die bislang von den Behörden zwar argwöhnisch beäugt, aber geduldet wird, umfasst ein Schlachthaus, eine mobile Klinik, eine Liegewiese für sexuelle Vergnügungen aller Art - tierische eingeschlossen - , eine nahegelegene Ökofarm, eine Schnapsbrennerei sowie eine veritable Waffen- und Bombenfabrik. Sogar ein Wohnversteck für Terroristen ist enthalten, eigene Geldscheine, teils mit Phallus-Motiven, sind schon entworfen, und selbst für die Exkremente der Kommunarden ist gesorgt: In einem 'Biodigestor' sollen sie kompostiert und zu Biogas verarbeitet werden - und das alles in handelsüblichen Schiffscontainern." Man arbeitet jedoch auch an wirlich nützlichen Dingen, darunter einem "Sex-Roboter", der "sowohl Männer als auch Frauen beglücken kann und vor allem für klinische Therapien mit Behinderten gedacht ist. 'Manchmal', so van Lieshout, hast du eben kein Lust auf Sex mit deinem Partner - oder mit einem Vertreter der Spezies Mensch. Und Vibratoren kann man ja wohl kaum als ausgereift bezeichnen.'"

Joachim Sartorius, neuer Leiter der Berliner Festspiele, erzählt, wie die Festspiele künftig zu verstehen sind: "Die Festspiele müssen mit international ausgerichteten Programmen und mit einem von Kontinuität, Loyalität und Treue gekennzeichneten Brückenschlag zu Polen, Tschechien, Ungarn, Russland und dem skandinavischen Raum den europäischen Diskurs der Metropole beeinflussen. Das ist die eine große Aufgabe. Die andere wird sein ... eine Art ästhetischer Geschichtsschreibung der Berliner Republik in Gang zu setzen." Dazu gehört beispielsweise die Ausstellung "Berlin-Moskau 1950-2000", die im Jahr 2003 im Gropius-Bau gezeigt werden soll. "Fürs Jahr 2004 wird über das Thema: 'Die Neuerfindung des Ichs' nachgedacht. Hier können sich die Festspiele im Spannungsfeld zwischen Schirrmachers Genom-Obsession und Kampers praktischer Anthropologie als Ort der Selbsterkenntnis und der Wahrnehmung neuer naturwissenschaftlicher und biotechnischer Erfahrungen definieren."

Niklas Maak ist angewidert von den langweiligen Skandalgeschichten um Bohlen, Becker und Müller (freitag abend stand der Text noch im Internet, heute morgen hat er sich irgendwie verflüchtigt). Ja früher "konnte man die Geschichten der Haute Volee erzählen - weil sie Geschichten zu bieten hatte." Heute fehlt es der Prominenz eben an ordentlichen Biografien. Zum Beweis, wie wichtig das ist und schon immer war, schleift uns Maak zurück bis zu Baldassare Castiglione (früher hätte der Autor aus seiner eigenen Biografie zitiert). Und heute? "rächt sich die Popkultur an sich selbst: Früher musste man erstmal viel lernen und viel erleben, deswegen hatte man später als Berühmtheit viel zu erzählen. Das Versprechen des Pop war das Gegenteil: Kauf' Dir eine Gitarre und eine ordentliche Lederjacke, lerne ein paar Akkorde und singe was Wütendes, schon bist Du ein Star, und dann erlebst Du was." Aber das war nicht Pop, Schätzchen, das war Punk. Frag Sid Vicious.

Weitere Artikel: Uwe Mattheis berichtet über sozialdemokratische Kulturpolitik in Österreich, Peter Richter schreibt über die 2. Berlin Biennale, und Henning Klüver stellt recht enthusisastisch die "größte Kulturbaustelle Europas" vor: Mailand.

Besprochen werden Caroline Links Verfilmung von Stefan Zweigs Exilgeschichte "Nirgendwo in Afrika", ein "Nabucco" in Frankfurt unter der Regie von Bettina Giese, Johnnie Tos Film "Cheung Fo" und Humboldts Reisenovellen.


Die SZ am Wochenende präsentiert nicht einen Geburtstagsartikel. Dafür gibt es eine Reportage von Christine Martin über eine Kirche im Moskauer Viertel Tscherkisowo: "Gold und rot ist der quadratische Innenraum. Und niedrig. Das Gewölbe nicht viel mehr als zwei Meter hoch und vollständig ausgemalt. Rot, gold und grün. Gospodi pomilij - 'Herr, erbarme dich', fleht der Sopran, dröhnend folgt der Bass. Herr erbarme dich. Die Gesichter der Heiligen sind rußgeschwärzt durch Millionen von Kerzen, die vor ihnen abgebrannt wurden. Die Mutter Gottes darf nicht mehr auf ihren dunkel gewordenen Mund geküsst werden. Eine Glasscheibe schützt ihr Gesicht. Kerzen in einem Messingbecken beleuchten ihr angedeutetes, tröstliches Lächeln. Wärme steigt auf, zusammen mit dem schweren Geruch nach Weihrauch. Im rußigen Licht Dutzender von Kerzen bewegt eine junge Frau ihre Lippen zu einem stummen Gebet und weint. Schaukelnd, in sich gekehrt, der Realität entrückt, folgt sie ihrem eigenen Rhythmus, dem Pulsschlag ihrer Nöte. Allem sonst abgewandt."

Jenny Zylka macht sich Gedanken, was aus dem Abfall wird, der im Weltraum schwebt: "Kunstwerk oder reiner Schrott - Was nur tun mit all dem Weltraummüll, der mittlerweile die Erde und auch das All verunreinigt? Mehr als 26000 Teile, die größer als zehn Zentimeter sind, befinden sich laut NASA zur Zeit im Orbit, von den Millionen Kleinstteilchen ganz zu schweigen. Dazu kommt noch der organische Müll: Allein die Mir hat während ihrer 15 Jahre mehr als 200 Müllbeutel mit gefrorenem Urin und Borschtsch-Resten verklappt. Vermutlich wäre niemand entzückt, wenn ihm so eine Biomülltüte mit Kosmonautenpisse in den Garten fiele." Bestimmt nicht.

Weitere Artikel: Robert Lessmann beschreibt den zerbrechlichen Versöhnungsprozess in Kolumbien. Heiko Flottau hat in Aden ein Hotel entdeckt, in dem Arthur Rimbaud gewohnt hat (es nennt sich "Rambo"), Michael Zeller schreibt über Theobul Kosegarten, den "Mann, der Caspar David Friedrich auf Rügens Kreidefelsen aufmerksam machte", Jörg Völkerling porträtiert den letzten Muldenhauer Erich Dämmrich und Dorette Deutsch schreibt über Profiler - das sind Menschen, die versuchen, aus Tatort und Leiche Rückschlüsse auf den Verbrecher zu ziehen. Sie selbst nennen sich sympathischerweise lieber Fallanalytiker.

FR, 21.04.2001

Hubert Winkels sucht in einem langen Artikel den Dichter Thomas Kling zu fassen. "Auf einer Dokumenta in Kassel - die letzte der siebentausend Eichen wird gepflanzt - komme ich nachts in einen Raum, in dem ein Heidenlärm herrscht: Palaver, eine Band, vor allem ein lautes Schlagzeug. Als die Musik zurücktritt, schreit einer. Jetzt gibt es Ärger. Ein Gleichgewicht wird gestört. Aufmerksamkeit wird gezogen, Köpfe drehen sich, da wird aus dem Schreien ein rhythmisches Lautspektakel. Wer mal eben nach Streithähnen schauen wollte, blieb an einem blonden Kerl mit großem Mund hängen, der das Mikrophon so heftig hielt, als wolle er wie Savonarola die Strafe Gottes herbeizitieren für alle, die der Botschaft nicht lauschten ... Kling erobert Räume, setzt Grenzen, umreißt klar und deutlich Ort und Zeit, und lässt sein Sprechen ebendort Wirkung tun. Das hat Autorität, was man ja Anfang der 80er noch nicht so gerne mochte. Aber man kann es nicht von innen mit Verständnis und Kritik aushebeln. Es ist opak, in seiner Gegenwärtigkeit nicht zu beeinträchtigen. Man kann Kling-Räume meiden, in ihnen eine andere Szene aufziehen kann man nicht. Hermeneutik ist für später. Jetzt ist kurz und kühl, schnell und heftig. Und so war's. Dann übernahm das Schlagzeug."

Christian Thomas schreibt über "das grandiose IG-Farben-Haus" von Hans Poelzig in Frankfurt, von dem aus die Konzernleitung "die Versklavung und Vernichtung von mindestens 25 000 Gefangenen in der werkseigenen IG Auschwitz" befahl." Es wurde nicht nur saniert, sondern auch von neuen Nutzern bezogen: "Historiker und Theologen, Germanisten, Ethnologen, und Philosophen. Am Montag wird die Johann Wolfgang von Goethe-Universität in dem Gebäude offiziell den Semesterbetrieb aufnehmen. Damit ist das Bauwerk endlich fassbar nicht nur auf Distanz. Doch mit dem Bezug durch die Geisteswissenschaftler beginnt was? Eine nüchterne Nutzung? Eine hitzige Aneignung oder eine hehre? Immer ist da auch ein Argwohn gewesen, eine Reserve bis zuletzt. Poelzig-Bau? IG-Farben-Gebäude? Bereits die angemessene Bezeichnung des Bauwerks geriet zu einer Demo der Political Correctness."

Hans-Jürgen Heinrichs gratuliert Michel Leiris zum 100. Geburtstag, und Karin Ceballos Betancur beschreibt die therapeutischen Aspekte des "Bundes der polnischen Versager" : "Piotr Mordel will eigentlich überhaupt nichts organisieren. Nur am Tisch sitzen und Kaffee trinken, für den Moment. 'Die meisten Leute wollen erfolgreich sein und glauben, sie seien es auch, dabei stimmt das gar nicht. Wir haben uns eben damit abgefunden, Versager zu sein. In Deutschland wirkt das wahrscheinlich sehr exotisch.' Piotr ist 39 Jahre alt und Elektroingenieur. Seit zwölf Jahren lebt er in Berlin, 'West-Berlin, sonst hätte ich ja gleich in Polen bleiben können'."

Besprochen werden Kenneth Lonergans Film "You Can Count On Me", die 2. Berlin Biennale und Bücher, darunter Hans Ulrich Gumbrechts "1926" und "Arbeitscollagen" von Karl Blossfeldt (siehe auch unsere Bücherschau des Tages morgen ab 11 Uhr).
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TAZ, 21.04.2001

Die freien Kräfte des Marktes sind es die den Künstlern der gerade eröffneten Berlin-Biennale Sorgen bereiten, behauptet Harald Fricke: "Wie schafft man es, das Spiel mitzuspielen, ohne sich dabei über den Tisch ziehen zu lassen?, das ist eine der Grundfragen für fast alle der immerhin 48 Teilnehmenden. Und auch für die Kuratorin der Ausstellung, Saskia Bos, geht es darum, mit 'Gegen-Kartografien', wie sie sagt, 'alternative Lösungen für Situationen zu entwickeln, die vollkommen von Politik und Marktstrategien dominiert werden'." Na, Hauptsache, die Kunst verkauft sich dann auch.

Weitere Artikel: Volker Weidermann stellt das Zeitschriftenprojekt Babylon17 vor. Antje Bauer hat in Israel ein Stück gesehen, das Naziogrößen als normale Menschen zeigt, was sie irgendwie als provozierend empfindet. Und Siv Bublitz, Chefin des Rowohlt-Berlin-Verlags erklärt als achte in der Reihe "welche Bücher ich gerne verlegen würde".

Ferner werden zwei Bücher besprochen, Mario Vargas Llosas Roman "Das Fest des Ziegenbocks" und Norbert Zähringers Debüt "So".

Das taz-Mag stellt ein Dossier zur taz-Veranstaltung "Wie wollen wir leben" zusammen, die heute, gegen Eintritt, hoffentlich auch Antworten auf die Frage gibt.
Schließlich Tom.

FAZ, 21.04.2001

Der britische Altersforscher Tom Kirkwood hält in diesem Jahr die von der BBC veranstalteten Reith Lectures. Die FAZ druckt sie ab heute "in leicht gekürzter" (immer noch eine ganze Seite) Fassung nach. Im ersten Teil der Serie stimmt uns Kirkwood darauf ein, dass "Altern weder unvermeidlich noch notwendig ist" - worüber wir uns freuen sollten: "Besonders wichtig ist in diesem Zusammenhang die Botschaft, dass Altersprozesse abzumildern sind, wenn wir nur einsehen, dass wir zum Überleben und nicht zum Sterben programmiert sind. Der Alterungsprozess wird in Bewegung gesetzt, weil sich im Verlauf unseres Lebens in unseren Zellen und Geweben allmählich Schäden ansammeln, nicht weil es in unserem Köper einen aktiven Mechanismus gibt, der Tod und Zerstörung hervorbringt. Wenn es uns gelingen wird, die Entstehung dieser Schäden aufzuklären, können wir auch darauf hoffen, ihre Ansammlung zu verhindern." Kirkwood warnt aber auch davor, dass es noch ziemlich lange dauern wird, bis wir alle 200 Jahre alt werden. Und: "Eine der Paradoxien und zugleich die größte Gefahr dieses Projekts liegt darin, dass wir bisher noch nicht sehr gründlich darüber nachgedacht haben, wie unsere künftige Welt aussehen soll. Es ist daher höchste Zeit, dass wir die gegenwärtigen Veränderungen und die ihnen zugrunde liegenden Kräfte aufs neue analysieren." Das macht er dann ja vielleicht im zweiten Teil.

Paul Ingendaay schreibt eine "kleine Chronik spanischer Plagiatsfälle aus jüngerer Zeit". Vier waren es, der letzte betrifft Luis Racionero, Direktor der Madrider Nationalbibliothek, der in seinem Buch "Das Athen des Perikles" fast wörtlich gut 12 Seiten aus einem Buch von 1921 abgeschrieben hat, ohne dies kenntlich zu machen. Der Zeitung El Pais erklärte Racionero: 'Man nennt das Intertexualität'. Wo kann man das kaufen?

Weitere Artikel: Joseph Croitoru wirft einen Blick in osteuropäische Zeitungen und stellt dabei fest, dass Nationalisten in Polen und Ungarn sich "gegen die angeblich mechanische Übernahme westlicher Ideen" wehren und eine Aufnahme ihrer Länder in die EU ablehnen. Michael Hanfeld meldet in einer kurzen Notiz, dass die Ratifizierung des Fußballvertrags zwischen ARD, ZDF und Kirch wieder fraglich geworden ist.

Besprochen werden eine Ausstellung über dekorative Ensembles von Bonnard, Vuillard, Denis und Roussel im Art Institute in Chicago, Marc Minkowskis Aufführung von Händels "Ariodante" mit den Musiciens du Louvre-Grenoble in Paris, der Zeichentrickfilm "Prinzessin Mononoke" (hier ein paar Szenen aus dem Film), Mathieu Kassowitz' Film "Die purpurnen Flüsse", eine "Götterdämmerung" in Münster und Sachbücher (siehe auch unsere Bücherschau des Tages morgen ab 11 Uhr).


In der Wochenendbeilage Bilder und Zeiten schreibt Dieter Bartetzko über "Frauen, kokett, aber sehr selbstbewußt. Blitzend schwarze Mandelaugen, prüfende Blicke unter bizarren Hutkreationen, quirligen Stirnlocken und sorgfältig gezupften Brauenbögen. Lippen, die maliziös lächeln oder klug, kirschrot geschminkt wie die Brustwarzen auf den nackten, weiß gepuderten Busen, die von goldstarrenden bestickten Miedern lasziv angehoben werden. Glockenförmig schwingende, aufgeplusterte Reifröcke, ornamentierte Schürzen, die sich wie Kolliers den Hüften anschmiegen." Auch ein Lilienprinz kommt vor. Es geht um Gestalten aus Knossos.

Weitere Artikel: Heinrich Wefing beschreibt Le Corbusiers Entwürfe für das indische Chandigarh, Otto Krabs porträtiert die schöne Vannozza de Cattaneis, die Geliebte Rodrigo Borgias, Heinrich Dieckmann schreibt über Ernst Benedikt Kietz' Porträts von Richard Wagner, Richard Kämmerlings gratuliert Michel Leiris zum 100. Geburtstag, Patrick Bahners sieht in der Malerin Bridget Riley die "wahre Erbin" von Prousts Malerfigur Elstir, und

Besprochen werden der Briefwechsel von Paul Celan mit seiner Frau Gisele Celan-Lestrange und die Erinnerungen von Consuelo de Saint-Exupery. In der Frankfurter Anthologie stellt Michael Krüger ein Gedicht von Christine Lavant vor: "Der Mond kniet auf".