Magazinrundschau

Was hast du da nur angerichtet, Edelfeder?

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
02.06.2026. Nach Putin wird es ein russisches Game of Thrones geben, weiß Istories, denn rivalisierende Clans bringen sich bereits in Stellung. Die LRB staunt derweil, wieviele verschiedene Ideologien unter Putin florieren dürfen, solange es nur gegen den Westen geht. Respekt weiß, warum der tschechische Premier Andrej Babiš ganz auf Longevity setzt. HVG und Elet es Irodalom träumen von einem Ungarn, in dem Partizipation und Medienfreiheit herrschen. Nehmt euch in acht vor hitzebeständigen Mikrobiomen, warnt der New Yorker: Sie sind überall. Newlines überwindet die Trennung von Mensch und Natur durch altarabische Dschahili-Dichtung

Istories (Lettland / Russland), 29.05.2026

Wenn Wladimir Putin in der nächsten Zeit die Macht verlieren sollte, warten im Hintergrund viele Akteure, die dann um ihre Vormachtstellung im russischen Staat kämpfen würden, befürchtet Roman Anin: "Im Vorfeld der Parade zum Tag des Sieges auf dem Roten Platz bat Wladimir Putin Donald Trump, Wolodymyr Selenskyj davon zu überzeugen, Moskau während der Feierlichkeiten nicht anzugreifen. Ein Staatschef, der alle davon überzeugen will, dass er den Krieg gewinnt, bittet seine Feinde nicht um eine vorübergehende Waffenruhe, damit er die Parade einer stark dezimierten Armee gefahrlos verfolgen kann. Wladimir Putin ist in eine Falle getappt, die er selbst gestellt hat - ein System, das nicht auf demokratischen Institutionen beruht, sondern auf informellen Regeln und rivalisierenden Clans, die sich um Geld, Sicherheitsstrukturen, politischen Einfluss und persönliche Loyalität gegenüber dem Zaren gruppieren. Jahrzehntelang fungierte Putin als oberster Schiedsrichter zwischen diesen Gruppen und hielt ihre Interessen im Gleichgewicht. Doch während der Druck des Krieges wächst und Putins Autorität schwindet, beginnt das Gleichgewicht innerhalb der Elite zu bröckeln. Verschiedene Fraktionen bereiten sich nun stillschweigend auf eine ungewisse Zukunft vor - sie stärken ihre Kontrolle über finanzielle Ressourcen, Sicherheitsbehörden und sogar private Streitkräfte. Um zu verstehen, wohin sich Russland in den kommenden Jahren entwickeln könnte, muss man die wichtigsten Clans kennen, die das russische System heute dominieren - und den Kampf, der beginnen könnte, sobald das derzeitige Machtgleichgewicht endgültig zusammenbricht. Um die Entwicklung des russischen Staates in den kommenden Jahren zu verstehen, ist es unerlässlich, die Hauptakteure zu identifizieren, die wahrscheinlich an dem unvermeidlichen russischen 'Game of Thrones' teilnehmen werden."
Archiv: Istories
Stichwörter: Putin, Wladimir, Russland

London Review of Books (UK), 02.06.2026

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Der russische Historiker Greg Afinogenov liest drei aktuelle Bücher, mit Marlène Laruelles "Ideology and Meaning-Making under The Putin Regime", Paul Robinsons "Russia's World Order: How Civilisationism explains the Conflict with the West" und Jeremy Morris' "Everyday Politics in Russia: From Resentment to Resistance" drei Bücher, die sich mit der aktuellen politischen und ideologischen Landschaft Russlands beschäftigen. Ein wichtiger Begriff, auf den er dabei immer wieder stößt, ist "Zivilisationismus", eine Ideologie, die nicht den Nationalstaat, sondern einen vermeintlich übergeordneten Kulturkreis als primäre politische und moralische Identität definiert. Afinogenov ist sich nicht sicher, wie einflussreich ein solches Konzept tatsächlich ist. Zwar sind Denker in dieser Traditionslinie wie etwa Nikolai Danilevsky, der einen ewigen Konflikt zwischen der Slawischen und der Römisch-Deutschen Zivilisation heraufbeschwört, in Putins Russland tatsächlich en vogue; aber auch ganz andere ideologische Projekte können im Land florieren, solange sie der Regierung nicht gefährlich werden. Afinogenov beschreibt den politischen Diskurs im Land als "das staatlich kontrollierte Simulakrum eines vielfältigen ideologischen Spektrums - allerdings eines, aus dem Liberale zumindest auf der Ebene der öffentlichen politischen Debatte ausgeschlossen wurden. Zu den verbliebenen Strömungen zählen rechtsgerichtete Sozialdemokraten, die mit der Kommunistischen Partei der Russischen Föderation verbunden sind, stärkere sozialstaatliche Schutzmaßnahmen fordern und sowohl eine patriotische Nostalgie für die Sowjetunion als auch eine ablehnende Haltung gegenüber Einwanderung zeigen; nationalistische Z-Patrioten, die eine vollständige Mobilisierung für einen umfassenden Konflikt mit dem Westen befürworten; sowie religiöse Konservative, die mit der Russisch-Orthodoxen Kirche oder muslimischen Organisationen verbunden sind. Diese Gruppen teilen einen gemeinsamen Gegner - den liberalen Westen -, jedoch nicht zwangsläufig eine gemeinsame Vorstellung von Russlands Zukunft. Ihre Deutungen der Vergangenheit unterscheiden sich erheblich. So weist Laruelle beispielsweise darauf hin, dass die Russisch-Orthodoxe Kirche zu den wenigen Organisationen gehört, denen es weiterhin öffentlich gestattet ist, die Repressionen der Stalin-Ära zu kritisieren."

Nach dem Krieg kommt der Goldrausch. Jedenfalls, berichtet Claire Wilmot, in Tigray, jener Region Äthiopiens, in der zwischen 2020 und 2022 ein brutaler Bürgerkrieg wütete. Derzeit wird die Gegend von Goldsuchern bearbeitet - wobei die Profite meist an vermeintliche "Investoren" abfließen, die teils mit dem Versprechen angetreten waren, das weitgehend zerstörte Tigray wieder aufzubauen. Wilmot schlüsselt die ökonomischen Hintergründe auf: "Zum Zeitpunkt des Waffenstillstands im Jahr 2022 wurde eine Unze Gold für rund 1600 US-Dollar gehandelt. In den Jahren danach hat sich ihr Wert mehr als verdoppelt. Im Januar überschritt der Goldpreis die Marke von 4600 US-Dollar, nachdem das US-Justizministerium den Vorsitzenden der US-Notenbank vorgeladen hatte. Im Februar stieg er auf über 5000 US-Dollar, bevor er im Zuge des Kriegs mit dem Iran leicht nachgab. Ein weiterer Anstieg erscheint möglich: Die geopolitischen Faktoren, die die Preise nach oben treiben, zeigen bislang keine Anzeichen einer Abschwächung. Untersuchungen des Weltwirtschaftsforums und anderer Institutionen weisen seit der Rückkehr Trumps ins Präsidentenamt auf eine deutliche Zunahme globaler finanzieller und politischer Instabilität hin. Goldkäufer, darunter auch Zentralbanken, hoffen, diese Unsicherheit zu überstehen, indem sie ihr Vermögen in einem greifbaren Sachwert anlegen. Andere Käufer versuchen, ihre Abhängigkeit vom US-Dollar zu verringern. China beobachtete, wie Russland nach dem Einmarsch in die Ukraine im Jahr 2022 den Zugang zu Vermögenswerten in Höhe von mehreren hundert Milliarden Dollar verlor, und begann daraufhin, seine Goldkäufe deutlich auszuweiten. Ende 2025 waren Chinas Goldreserven auf mehr als 2300 Tonnen angewachsen - etwa sechs Prozent der weltweiten Bestände."

New Yorker (USA), 01.06.2026

Die Erderwärmung bedroht uns auch, weil Mikrobiome gedeihen, warnt Shayla Love. Durch ihre schnelle Evolutionsgeschwindigkeit sind sie anpassungsfähig - und deswegen auch über den kompletten Erdball verteilt zu finden: "Was fast alle Mikroben gemeinsam haben, ist, dass sie allgegenwärtig sind. Es gibt ein Sprichwort unter Umweltbiologen, die sich auf Mikroben spezialisiert haben, erfahre ich von der Meeresbiologin Antje Boetius: Alles ist überall. Ein einzelner Tropfen Salzwasser kann beispielsweise eine Million Mikroben enthalten, inklusive hundert oder mehr verschiedenen Bakterienarten. Mikroben kolonisieren jede Pflanze und jedes Tier, tot oder lebendig; sie leben auf eingefrorenen Berggipfeln, in höllisch heißen Vulkanen und auf dem Boden der tiefsten Höhlen und Ozeane. Wissenschaftler, die Proben aus den sauberen Räumen genommen haben, in denen die NASA ihre Raumfahrzeuge baut, haben allein auf den Böden 215 verschiedene Bakterienstämme gefunden. Mikroben haben sogar ihre eigenen Mikroben." Der Forscher Daniel Smith hat die Adaption eines Pilzes an die ihn umgebenden Bedingungen mit einem ungewöhnlichen Versuch erforscht: "Er hat gelbe Starburst-Kaubonbons in verschiedenen Nachbarschaften in Baltimore auf den Gehweg geklebt, in der Hoffnung, dass sie als Kleber für Mikroorganismen fungieren würden. Er hat die Bonbons dann in Kochsalzlösung aufgelöst und Kulturen des mikrobiellen Lebens genommen (…). Die Pilze aus heißeren Nachbarschaften zeigten sichtbare Differenzen: Schimmel und Hefen waren heller, was bedeutet, dass sie weniger Melanin produzieren, das Hitze absorbiert. Mehrere Arten von Fungi konnte er nur an den heißesten Orten finden - zum Beispiel eine hitze-resistente Kultur einer gewöhnlichen Hefe und mehrere Arten von Cystobasidium, das immungeschwächte Menschen infizieren kann. Eine Art, Cystobasidium minutum, konnte bei 31 Grad wachsen. 'Je mehr die Temperaturbedingungen der Welt die unseres Körpers nachahmen, desto wahrscheinlicher wird es, dass Pilze die thermale Barriere überwinden können, die uns für Millionen Jahre geschützt hat.'"

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Becca Rothfeld liest das noch einmal aufgelegte Opus magnum "Love and Death in the American Novel" des Literaturkritikers Leslie Fiedler , der hier argumentiert, dass Bücher wie "Huckleberry Finn" oder "Moby Dick" "Visionen des Entkommens von der Zivilisation und somit vom Erwachsenwerden sind. Die Protagonisten sind Ausreißer - etwa Männer, die sich Walexpeditionen anschließen, um der Krise an Land zu entgehen, Jungs, die auf einem Floß den Mississippi runterbrettern, um ihren Erziehungsberechtigten und ihren Aufgaben im Haushalt zu entkommen. Stilistisch sind diese Bücher oft surreal und verträumt, mit der hingehauchten Textur der Kindheitsträume. 'Unsere Fiktion ist essentiell und im besten Fall unrealistisch, gar anti-realistisch', schreibt Fiedler. Eine Welt ohne Vergangenheit - eine Welt der ewigen Kindheit - muss eine Welt ohne Sex sein, und in Fiedlers Augen gibt es keine Literatur, die so prüde ist wie die unsere." Ob die These, dass die amerikanische Literatur mit ihrem Fokus auf die Jugend vor Sexualität davonrennt, in jedem Falle haltbar ist, ist für Rothfeld die falsche Frage: "Eine fünfhundert Seiten umfassende Studie zum amerikanischen Roman, die unentwegt unangreifbar ist, wäre ein Werk simpler Beschreibungen, nicht aber ein passionierter Interpretation - es wäre also langweilig."
Archiv: New Yorker

New Lines Magazine (USA), 01.06.2026

Mahmoud Habboush führt in die Besonderheiten der Dschahili-Dichtung ein, eine altarabische Kunstform aus der Zeit vor dem Aufstieg des Islam im 7. Jahrhundert nach Christus. Habboush erklärt, dass die Dschahili-Dichtung ein ganz besonderes Merkmal hat, nämlich den Ausdruck "einer Lebenserfahrung vor der modernen Trennung zwischen Mensch und Natur, Subjekt und Objekt, innerem Gefühl und äußerer Welt." Die "alten arabischen Traditionen, die Dichtung als Besessenheit durch einen Dschinn verstanden, bergen eine bemerkenswerte Intuition: Dichterische Rede entspringt nicht einem distanzierten, beobachtenden Selbst, sondern einer Kraft, die den Dichter ergreift und Welt, Körper, Erinnerung und Gefühl zugleich in die Sprache einfließen lässt." Als Beispiel nennt er einige Gedichtzeilen des beduinischen Dichters Imru al-Qays, der als der größte Dichter der vorislamischen Zeit gilt. In seinen Gedichten manifestiere sich diese spezielle "unmittelbare und partizipatorische Präsenz der Natur":

"Und eine Nacht, gleich den Wellen des Meeres, senkte ihre Schleier über mich,
mit aller Sorgfalt, um mich zu prüfen."

Die Nacht "bringt Kummer nicht als abstrakte Idee. Ihre Sorgen kommen mit der Schwere der Meereswellen, die auf seiner Brust lasten. Diese Zeile findet sich etwa in der Mitte des Gedichts, nach einem fulminanten Auftakt, der von einer Klage über Lagerplätze über den Schmerz unerfüllter Liebe bis hin zu erotischem Prahlen über das Verweilen mit hochgeborenen Frauen und das Eindringen in geschützte Räume der Intimität reicht. Hier erinnert er uns daran, dass er nachts, vielleicht wenn er nicht mehr in den Bann einer Geliebten tritt, mit seinen endlosen Sorgen allein ist. Vielleicht liegt hinter dieser Einsamkeit die alte Geschichte seiner Verbannung durch seinen Vater, sofern wir dieser weitverbreiteten Tradition überhaupt Bedeutung beimessen. In der nächsten Zeile, in einem einzigen Akt, als befänden wir uns in einem surrealen Traum, nimmt die vom Meer beschwerte Nacht den Körper eines kamelartigen Tieres an:

"So sprach ich zu ihm, als es seine Lenden ausstreckte,
nachfolgte mit seinen Hinterläufen und stemmte sich mit seiner Brust nach unten."

"Nacht, Meer, Kamel, Trauer und menschliches Bewusstsein sind alle in dieselbe Ordnung eingebunden", so Habboush, sie "wirken aufeinander ein und werden voneinander beeinflusst. Die Nacht gleicht der Welle in ihrer Ausdehnung und Schwere und dem Kamel in seiner Streckung, seinen Hinterläufen und seiner schweren Brust. Trauer kommt nicht nur als inneres Gefühl, sondern wird von dieser Nacht getragen, als wäre sie eine materielle Last, die auf der Brust drückt."

Farea Al-Muslimi zeichnet nach, wie die schiitisch-islamistische Miliz der Huthi als Teil der "Achse des Widerstandes" zwischen Iran, Syrien, aber vor allem mit der Hilfe der Hisbollah im Libanon wuchs und sich verselbstständigte. In den frühen 2010er-Jahren begannen die gemeinsamen Bestrebungen der iranischen Revolutionsgarden und der libanesischen Terrororganisation, ihren Einfluss auf den Jemen auszudehnen und gezielt Huthi-Kämpfer auszubilden. Den Höhepunkt dieser Zusammenarbeit bildete die Einnahme der jemenitischen Hauptstadt Sanaa durch die Huthi, erklärt der Autor. Der Krieg mit Israel führt jedoch zu einer Veränderung der Dynamik: "Die Tötung Hassan Nasrallahs im Jahr 2024 markierte einen bedeutenden Bruch. Weitere Operationen legten Schwachstellen innerhalb der internen Systeme der Hisbollah offen, darunter Geheimdienstlücken, die eine präzise Tötung hochrangiger Kommandeure an mehreren Fronten ermöglichten. Dieser Druck schränkte die Fähigkeit der Hisbollah ein, im gleichen Umfang im Ausland zu operieren. Ihre Präsenz im Jemen wurde eingeschränkt, Kämpfer wurden abgezogen und ihre Sichtbarkeit verringert. Auch das regionale Umfeld veränderte sich. Der Zusammenbruch des Regimes von Baschar al-Assad in Syrien entfernte eine zentrale Säule des Hisbollah-Netzwerks. In diesem Kontext gewannen die Huthi an Bedeutung. Sie sicherten sich die territoriale Kontrolle, weiteten ihren Einflussbereich aus und entwickelten ihre militärischen Fähigkeiten weiter. Sie benötigten die Hisbollah nun deutlich weniger als zuvor." Die Hisbollah hatte ein Monster geschaffen, das sie nun nicht mehr kontrollieren konnte: "Obwohl die Huthis heute dank der Hisbollah (und damit indirekt auch des Irans) regional und innenpolitisch deutlich stärker sind, agieren sie lokal und international, unabhängig vom Schicksal ihrer Verbündeten. Ihre Angriffe im Roten Meer im Jahr 2023 sind ein Beispiel dafür: Der Iran, der eine Eskalation fürchtete, bat sie, keine Angriffe auf internationale Lieferungen zu starten. Doch ungeachtet dessen und mit den durch den Iran und die Hisbollah gewonnenen Kapazitäten handelten die Huthis nach ihren eigenen Prioritäten."

Dekoder (Deutschland), 28.05.2026

Humor war für die Belarussen schon in der Sowjetunion wichtig, unter Alexander Lukaschenko ist er zurzeit eine der beliebtesten und einer der letzten verbliebenen Protestformen, konstatiert Iryna Chalip für Nowaja Gazeta Europe (deutsche Übersetzung von Jenny Seitz auf Dekoder). "Seit 2020 sprießen in Belarus satirische Telegram-Kanäle: zum Beispiel Grustny Kolenka (dt. Armer kleiner Kolja), der von Lukaschenkos jüngstem Sohn Nikolai geführt wird (Ein Beispiel: 'Offizielle Meldung! Papa hat Prigoshin angerufen, der hat persönlich bestätigt, dass er bei dem Absturz ums Leben gekommen ist!') - oder der Kanal Sowjetisches Belarus, der die Propagandamedien parodiert. Erst kürzlich, am 13. März 2026, wurde Letzterer vom Bezirksgericht der Stadt Miory in der Oblast Witebsk als 'extremistisch' eingestuft. Daraufhin tauchte in dem Kanal ein reumütiger Brief des Herausgebers an das Gericht auf, ganz im Stil des Kanals: 'Als ich nach der Einstufung unseres Mediums als extremistisch halluzinierte, erschien mir mehrfach das Bild des jungen A. G. Lukaschenko. Er kam auf mich zu und sagte: 'Was hast du da nur angerichtet, Edelfeder? Ich werde dem Gericht in Miory sagen, es soll dir vergeben!' Es war so real, dass ich buchstäblich aufsprang und einen Freudentanz aufführte! So sehr vermischte sich bei mir die Realität mit dem Wahn!' In Belarus vermischt sich die Realität mit dem Wahn derweil nicht nur in satirischen Telegram-Kanälen. Aber es gibt Dinge, die unerschütterlich bleiben, und dazu gehört der Humor. Ein Tyrann kann einen oder eine halbe Million Menschen aus dem Land vertreiben. Er kann sie alle ins Gefängnis stecken, sie töten. Aber er kann ihnen nicht die Fähigkeit zu lachen nehmen. Und solange die Belarussen über den Tyrannen lachen, sind sie unsterblich. Im Gegensatz zu ihm, auch wenn er schon seit über 30 Jahren an der Macht ist."
Archiv: Dekoder

Respekt (Tschechien), 31.05.2026

Im aktuellen Schwerpunkt-Artikel gehen Journalisten der Frage nach, unter welchen Einflüssen der tschechische Premier Andrej Babiš, ähnlich Donald Trump, angebliche Deep-State-Strukturen gegen sich bekämpft, und schildern daneben seine Longevity-Fixierung: "Wenn Andrej Babiš neben der Regierungsführung eine Leidenschaft hat, dann ist es die Kontrolle über seinen Körper. Immer wieder bekommen auch seine Minister von ihm zu hören, er wolle 'noch mit 120 Jahren hier sein'. Kürzlich erwähnte er vor seinen Kollegen, dass er sich für 21.000 Kronen einen Halbjahresvorrat an Cholesterinsenker-Spritzen gekauft habe." Und auch vor der größeren Öffentlichkeit macht der Premier keinen Hehl aus seiner Ambition, ewig zu leben: "Mein größtes Ziel ist es, die Wahlen 2029, 2033 und 2037 zu gewinnen. Na ja, wir haben große Ziele", erklärte er unlängst in seinem Podcast. (Übrigens ist Babiš auch jetzt schon, mit 71 Jahren, der älteste Regierungschef seit Gründung der Tschechoslowakei.) Respekt kommentiert: "Babiš' Drang, an immer neuen Wahlen teilzunehmen, könnte freilich auch einen anderen existenziellen Grund haben als nur den Wunsch nach Langlebigkeit: Die Regierungskoalition hat ihm für seine Verurteilung wegen Subventionsbetrugs vorläufige Straffreiheit zugesichert, während seine Mitangeklagte Jana Nagyová eine dreijährige Bewährungsstrafe und eine Geldstrafe von einer halben Million Kronen erhielt. Babiš ist somit offenbar dazu verdammt, in der Politik zu bleiben, da ihm jede weitere Wahl Immunität garantiert."
Archiv: Respekt

HVG (Ungarn), 02.06.2026

Die Publizistin Réka Kinga Papp mahnt nach den Wahlen in Ungarn, dass die neue Regierung sich vor allem auf Partizipation und Inklusion konzentrieren sollte: "Die demokratische Landkarte der EU sieht ramponiert aus; und in (solch einer) Situation muss die Zweidrittelmehrheit an der Tisza ein - auch auf internationaler Ebene nutzbares - Beispiel für demokratische Wiedergutmachung und Wiederaufbau geben. Wie? Die Wähler, die Fidesz massenhaft den Rücken kehren, sind nicht plötzlich zu demokratisch engagierten, ihren Mitmenschen gegenüber barmherzigen, gutgläubigen Teamplayern geworden. Die Zerstörungsarbeit der Orbán-Regierungen hat die Staatsverwaltung und den politischen Apparat in ihren Grundfesten erschüttert. Zurück blieb ein ausgehöhltes, handlungsunfähiges institutionelles System, was sowohl Nachteil als auch Chance ist. Es gibt kaum institutionelle Unbeweglichkeit, die unprofessionellen, überzentralisierten und auf politische Anpassung ausgerichteten NER-Gremien stürzen hintereinander wie ein Kartenhaus zusammen. Man kann also bei Null anfangen - das ist ein Risiko und eine riesige Aufgabe. Im Schatten des NER haben mehrere Generationen engagierter Fachleute eine neue Art partizipativerer demokratischer Arbeitsweise erlernt, und auf der Ebene der Kommunalverwaltungen haben viele Wähler bereits erste Erfahrungen damit gemacht. Der Schlüssel zum Erfolg liegt darin, ob die Tisza-Regierung in der Lage sein wird, dieses, von unten kommendes Wissen zu integrieren und zu nutzen. Das Sexappeal von Péter Magyar nach seinem Erscheinen lag gerade darin, dass er das Orbán-System von innen kannte. Wir werden sehen, ob neben ihm auch diejenigen genügend Raum erhalten, die die demokratische und gerechte Funktionsweisen von innen kennen."
Archiv: HVG
Stichwörter: Magyar, Peter, Ungarn

Elet es Irodalom (Ungarn), 29.05.2026

Die Dozentinnen der Wirtschaftshochschule Budapest, Judit Bayer und der Universität von Amsterdam, Kati Cseres, sowie die Leiterin des technologischen und juristischen Programms der Civil Liberties Union for Europe, Éva Simon formulieren einen Aufruf an die neue ungarische Regierung, die Rahmenbedingungen für Medienfreiheit und Medienpluralität im Einklang mit der EU-Regelung zügig wiederherzustellen und entsprechende institutionelle Garantien zu schaffen: "Dies ist nicht nur eine fachliche und politische Frage, sondern eine der Grundvoraussetzungen für die Rechtsstaatlichkeit: Ohne unabhängige und vielfältige Medien gibt es keine demokratische Öffentlichkeit. Darüber hinaus ist die Wiederherstellung und Gewährleistung der Medienfreiheit eine Voraussetzung für den Abruf von EU-Mitteln sowie für die Rückforderung unrechtmäßig gezahlter staatlicher Beihilfen und politisch verzerrter Werbeausgaben. (…) Die Medienfinanzierung muss auf eine neue Grundlage gestellt werden. Die Vergabe staatlicher Werbeaufträge muss auf Marktlogik sowie transparenten und überprüfbaren Regeln beruhen: Öffentliche Ausschreibungen, objektive Kennzahlen und Audits sind erforderlich, um politisch motivierte Diskriminierung wirksam auszuschließen. Parallel dazu muss ein Presseförderungsfonds zur Unterstützung des unabhängigen, lokalen, bürgernahen und investigativen Journalismus eingerichtet werden. Über die Verteilung der Mittel des Fonds muss ein Entscheidungsgremium entscheiden, das fachliche und gesellschaftliche Vertretung gewährleistet und frei von politischer Einflussnahme ist. Die EU-Anforderungen zur Medienfinanzierung müssen vollständig in die ungarische Gesetzgebung übernommen werden, insbesondere die Garantien für eine transparente, objektive und diskriminierungsfreie Verteilung staatlicher Werbeausgaben."

Merkur (Deutschland), 01.06.2026

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Der Germanist Matthias Rothe antwortet auf eine Rezension von Eva Geulen, die ebenfalls im Merkur Steffen Martus' "Erzählte Welt. Eine Literaturgeschichte der Gegenwart, 1989 bis heute" "schlagende Vollständigkeit" attestierte und jenen, die irgendein Fehlen bemängelten, zurief, sie sollten "sich schämen, denn er oder sie hat die monumentale Leistung dieses Buches schlicht nicht begriffen." Maxim Biller hatte Martus bereits das Fehlen jüdischer AutorInnen vorgeworfen (unsere Resümees), Rothe macht nun eine weitere Leerstelle aus: "Die Wende wird bei Martus einschlägig mit Volker Brauns Gedicht Das Eigentum, Thomas Brussigs Helden wie wir, Ingo Schulzes Simple Storys, Erich Loests Nikolaikirche und prominent - nach Maßgabe des Feuilletons und vermeintlich repräsentativ - mit Uwe Tellkamp in den Blick geholt. Damit ist DDR-Geschichte abgehakt und die neue, gesamtdeutsche Gegenwart beginnt. Vergeblich (ich muss mich nun wohl schämen das zu sagen) sucht man etwas zur Nachwendegeschichte der Prenzlauer-Berg-Autoren, und man findet weder Wolfgang Hilbig (immerhin Büchner-Preisträger), Gert Neumann, Angela Krauss (immerhin Bachmann-Preisträgerin), Annett Gröschner oder Lutz Seiler und Eugen Ruge (immerhin Gewinner des Deutschen Buchpreises) noch gibt es substanzielle Einlassung zu Heiner Müller, Christoph Hein oder Jenny Erpenbeck. Diese poppen nur in Aufzählungen kurz auf, als Symptom von Gruppenmentalität. Orientiert sich Martus' Erzählte Welt vielleicht zu sehr an einem Feuilleton, das nicht verstehen kann, wieso der Jubel über die Ankunft im Westen nicht anhält oder ausgeblieben ist, und grundsätzlich blind bleibt für eine über Generationen fortwirkende Produktionsästhetik, die nur bedingt feuilletonfähig ist, weil sich durch sie - wie störrisch - eine andere Vergangenheit (und Zukunft) geltend macht?
Archiv: Merkur

Wired (USA), 26.05.2026

Mit großer Skepsis beobachtet Steven Levy die sich bereits abzeichnende nächste Eskalationsstufe in Sachen Künstlicher Intelligenz: Aufgrund der bislang noch hohen technischen Zugangsschwelle stürzen sich derzeit zwar vor allem Programmierer auf KI-Assistenten wie OpenClaw, doch ist abzusehen, dass auch dieser Trend weitere Kreise ziehen wird. Entsprechende Tools versprechen die vollständige Übernahme täglicher Redundanzen mit einem User-Interface, das die Komplexität einer gängigen Chat-App nicht übersteigt: Emails, Rechnungen, Organisation des alltäglichen Kleinkleins bis hin zur Erledigung von Arbeitsroutinen und was man sich an Annehmlichkeiten noch so wünschen mag - zum Preis des totalen Zugriffs auf alle persönliche Daten und dem Risiko, dass selbstlernende Systeme bezüglich der persönlichen Lebensführung zu Schlüssen kommen, die man weder vorgesehen hat, noch sich wünscht. "Benebelt von der Euphorie der Gestaltungsmöglichkeiten, warfen viele OpenClaw-Fanatiker einstige Bedenken dabei, Daten einem ambitionierten Roboter zu überlassen, ab. Im Februar testeten zwanzig KI-Forscher OpenClaw für eine Studie und kamen zu dem Schluss, dass es sich dabei um einen Agenten des Chaos handle, wie auch der Titel der Studie lautet. 'Beobachte Verhaltensweisen umfassen die unauthorisierte Zusammenarbeit mit dritten Parteien, die Weitergabe empfindlicher Informationen und die Ausführung destruktiver Aktionen auf Systemlevel', sowie zahlreiche weitere alarmierende Praktiken. Auch im alltäglichen Gebrauch kam es zu Problemen. Ein bei Meta für Sicherheit zuständiger Mitarbeiter machte in einem OpenClaw-Projekt einen 'Anfängerfehler' und konnte nur erschrocken dabei zu sehen, wie seine sämtlichen Mails gelöscht wurden. ... Es ist ungewiss - und auch nicht von Belang - ob OpenClaw weiterhin der antreibende Motor in der Assistent-Mania sein wird. Zahllose weitere KI-Firmen befinden sich gerade in einem irren Wettrennen darum, solche Assistenten jedem in die Hand zu spielen, der ein Keyboard oder ein Telefon hat. Wenn dies geschieht, wird der Übergang, wie sie ihn sich vorstellen, nicht geschmeidig sein. Wenn es nicht gelingt, gravierende Halluzinationen und offensichtliches Fehlverhalten zu beseitigen, wird dieses Ziel möglicherweise nie erreicht. Der Mangel an brauchbaren Tools, um die Arbeit eines Assistenten zu überprüfen, bleibt auch weiterhin ein Hemmnis. Doch sollte ein Rollout im großen Stil stattfinden, dann könnten solche Assistenzen zahlreiche Menschen arbeitslos machen. Der Erfolg könnte schmerzhaft werden."
Archiv: Wired

The Yale Review (USA), 01.06.2026

Was verschwindet, wenn Bücher als physisches Objekt verschwinden, fragt sich die Literaturwissenschaftlerin Sheila Liming, als sie auf ihrem Campus beobachtet, wie mehrere Stockwerke einer Bibliothek geräumt werden, um Platz zu machen für mehr Gemeinschaftsflächen. Während ihrer Doktorarbeit hat sie an Edith Whartons Privatbibliothek im Mount, ihrem Haus in Massachusetts, geforscht, "wo ich davon überzeugt wurde, dass ich sie als Leserin verstehen musste, um sie als Schriftstellerin zu kennen und zu verstehen. Ich blätterte durch knapp dreitausend Bibliotheksbücher, ich sah, wie sie mit ihnen ins Gespräch kam, ihnen widersprach, sie in Frage stellte, sie zu Gegnern machte, mit ihnen kämpfte. In eins kritzelte sie das Wort succotash - das Neunzehnte-Jahrhundert-Äquivalent zu Nonsense; auf das Vorsatzpapier eines anderen, ihrem Lover William Morton Fullerton gewidmet, dichtete sie ein Gedicht aus vier Strophen, das nirgendwo sonst in ihrer Handschrift festgehalten ist. Diese physischen Spuren haben mir gezeigt, wie sie ihre Bücher gelesen hat, aber sie haben mir auch gezeigt, wo sie unter der Kraft anderer Schriftsteller verwelkt ist. Ihre Unterstreichungen und Ausrufezeichen und Kritzeleien wurden zu einem Atlas, in dem ich sowohl ihre Evolution als Schriftstellerin als auch ihre Kämpfe als Leserin von Texten in sechs verschiedenen Sprachen nachvollziehen konnte. Ich habe fünf Sommer im Mount gearbeitet, habe Whartons Bibliothek katalogisiert und digitalisiert und währenddessen von dieser Sammlung gelernt. Die Geschichten, die sie zu erzählen hatte, handelten nicht nur von Edith Wharton. Es ging auch darum, was es bedeutet, wenn man versucht, etwas zu wissen - beim Wissen anzukommen, um es zu kämpfen mit der Hilfe von Büchern." Diese physischen Objekte und die Spuren, die sie mit sich führen, einfach dem Müll zu übergeben, ist für Liming wissens- und wissenschaftsfeindlich.
Archiv: The Yale Review