Magazinrundschau - Archiv

The Yale Review

2 Presseschau-Absätze

Magazinrundschau vom 02.06.2026 - The Yale Review

Was verschwindet, wenn Bücher als physisches Objekt verschwinden, fragt sich die Literaturwissenschaftlerin Sheila Liming, als sie auf ihrem Campus beobachtet, wie mehrere Stockwerke einer Bibliothek geräumt werden, um Platz zu machen für mehr Gemeinschaftsflächen. Während ihrer Doktorarbeit hat sie an Edith Whartons Privatbibliothek im Mount, ihrem Haus in Massachusetts, geforscht, "wo ich davon überzeugt wurde, dass ich sie als Leserin verstehen musste, um sie als Schriftstellerin zu kennen und zu verstehen. Ich blätterte durch knapp dreitausend Bibliotheksbücher, ich sah, wie sie mit ihnen ins Gespräch kam, ihnen widersprach, sie in Frage stellte, sie zu Gegnern machte, mit ihnen kämpfte. In eins kritzelte sie das Wort succotash - das Neunzehnte-Jahrhundert-Äquivalent zu Nonsense; auf das Vorsatzpapier eines anderen, ihrem Lover William Morton Fullerton gewidmet, dichtete sie ein Gedicht aus vier Strophen, das nirgendwo sonst in ihrer Handschrift festgehalten ist. Diese physischen Spuren haben mir gezeigt, wie sie ihre Bücher gelesen hat, aber sie haben mir auch gezeigt, wo sie unter der Kraft anderer Schriftsteller verwelkt ist. Ihre Unterstreichungen und Ausrufezeichen und Kritzeleien wurden zu einem Atlas, in dem ich sowohl ihre Evolution als Schriftstellerin als auch ihre Kämpfe als Leserin von Texten in sechs verschiedenen Sprachen nachvollziehen konnte. Ich habe fünf Sommer im Mount gearbeitet, habe Whartons Bibliothek katalogisiert und digitalisiert und währenddessen von dieser Sammlung gelernt. Die Geschichten, die sie zu erzählen hatte, handelten nicht nur von Edith Wharton. Es ging auch darum, was es bedeutet, wenn man versucht, etwas zu wissen - beim Wissen anzukommen, um es zu kämpfen mit der Hilfe von Büchern." Diese physischen Objekte und die Spuren, die sie mit sich führen, einfach dem Müll zu übergeben, ist für Liming wissens- und wissenschaftsfeindlich.

Magazinrundschau vom 25.03.2025 - The Yale Review

"Was wäre, wenn das erste menschliche Werkzeug keine Waffe - ein Schlagstock oder ein geschärfter Stein -, sondern eine Umhängetasche gewesen wäre, um eine Hand für das Baby und die andere für die Welt frei zu haben?" Audrey Wollen greift diese Theorie der feministischen Anthropologin Elizabeth Fisher auf, die damit in ihrem 1979 erschienenen Buch "Woman's Creation: Sexual Evolution and the Shaping of Society" einen Gegenentwurf zur "Jäger - und Sammlertheorie" aufstellt. Wollen jedenfalls hat sie völlig überzeugt: "Menschliche Babys wurden ungewöhnlich abhängig von ihren Eltern - ein Schritt in Richtung unserer heutigen biologischen Realität. Was würde unseren sich wandelnden Geist dazu bewegen, aus gefundenem Material ein neues Objekt zu erschaffen? Brauchten wir einen Speer, eine Klinge - wofür? Für den Wunschtraum, einen Elefanten zu töten? Nein. Was wir brauchten, war viel dringender. Wir brauchten einen flexiblen Behälter, der es uns ermöglichte, umherzustreifen, alles, was wir fanden, jeden kostbaren Bissen unserer Erkundungen, festzuhalten. Wir mussten uns mit unseren Babys bewegen und die Hände frei haben. Um zur politischen Arbeit ihrer Mitfeministinnen beizutragen, die heute mit anderen Verhältnissen leben, unternahm Fisher die fantasievolle, fast literarische Arbeit, einen anderen Anfang zu denken. Unser Gehirn lernte nicht durch die Strategie systematischen Tötens, sondern durch die 'Anhäufung botanischer Informationen' mittels der Kunst des Sammelns, des Umsehens, des Zusammenseins mit Kindern und des Teilens. Sprache entwickelt sich aus dieser gemeinschaftlichen Verantwortung und entfaltet mit der Zeit Klänge: 'Mach die mal, während ich noch welche hole' oder 'Warte kurz - die Beeren werden rot und köstlich, wenn die Tage länger werden.' Beobachtungen werden zu Absichten, Projektionen, Überlegungen, Fiktionen. Stellen Sie sich das erste hergestellte Ding vor: einen Netzsack, über den Ellenbogen gehängt, randvoll mit geschlossenen Austern, wie graue Wolken, die aneinander klirren, ein Synapsen-Hochzeitslied." Ursula K. Le Guin sollte Fischers Idee sieben Jahre später mit ihrem Roman "The Carrier Bag Theory of Fiction" ausleuchten, während Oscar Wilde schon früh die augenzwinkernde Ironie der Handtasche erkannte, so Wollen weiter.

Lady Bracknell, hier verkörpert von Dame Edith Evans, kann es kaum fassen: