Magazinrundschau

Schatz, sie haben Dynamit entdeckt

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
14.10.2025. Der Guardian untersucht die Beziehung von Twitter bzw. X zum saudischen Königshaus, das überraschend erfolgreich anonym auf Twitter postende Oppositionelle enttarnt. New Lines erzählt die Geschichte der Armenier in Äthiopien. Der New Yorker fühlt den Luftzug, wenn die Verse der Dichterin Violet Ranney Lang an ihm vorbeizischen. Die Public Domain Review freut sich über die Übersetzung von Jozef Ignác Bajzas "René, oder: Die Abenteuer und Erfahrungen eines jungen Mannes" (1783-85), dem ersten slowakischen Romans überhaupt. Die New York Times berichtet von einem handschriftlichen Dokument des Hamasführers Yahya Sinwar zur Planung des Massakers vom 7. Oktober.

Guardian (UK), 14.10.2025

Dass Social-Media-Plattformen von Idealisten geleitet werden, die die Menschheit in eine bessere, demokratischere Zukunft führen wollen, kann man heute selbst kleinen Kindern nicht mehr weismachen. Wie eng Twitter beispielsweise schon seit geraumer Zeit mit autokratischen Regimes, konkret dem saudi-arabischen Königshaus, verbunden ist, erläutert Jacob Silverman: "Bis zur zweiten Amtszeit Obamas war Twitter in Saudi-Arabien zu einem Ort geworden, an dem die Herrscher des Königreichs Propaganda verbreiteten, abweichende Meinungen überwachten und Zielpersonen für das persönliche Enforcer-Team Prinz Mohammeds identifizierten. Viele Saudis wussten, dass sie besser nicht unter ihrem echten Namen auf Twitter posten sollten. Doch die saudische Regierung war sogar in der Lage, pseudonyme Konten zu enttarnen und deren Besitzer ausfindig zu machen - die anschließend verhaftet wurden. Lange Zeit fragten sich oppositionelle Saudis, wie genau das möglich war und ob es Gegenmaßnahmen geben könnte. Sie gingen davon aus, dass die saudische Regierung Zugang zu den besten westlichen Sicherheitsfirmen und hochentwickelter Spionagesoftware hatte. Was sie damals noch nicht wussten: Prinz Mohammed und seine Helfer verfügten über etwas noch Besseres - ein Spionagenetzwerk innerhalb von Twitter selbst. Im Juni 2014 besuchte ein saudischer Beamter namens Bader Al Asaker die Twitter-Zentrale in San Francisco. Al Asaker war Generalsekretär der Wohltätigkeitsorganisation des Prinzen, der Misk Foundation, und leitete zugleich das Privatbüro des Kronprinzen. Einer derjenigen, die diese Besichtigung arrangierten, war der Twitter-Mitarbeiter Ahmad Abouammo. Laut US-Staatsanwälten wurde Abouammo von Al Asaker gezielt angeworben, um für ihn zu spionieren. In den darauffolgenden Monaten erhielt Abouammo mehr als 100.000 Dollar in bar und Geschenke, während er Informationen sammelte, darunter E-Mail-Adressen, Telefonnummern und private Nachrichten von saudischen Dissidenten, Journalisten und anderen relevanten Nutzern." Und das war nur der Anfang. Seit Elon Musks Übernahme von Twitter haben sich die Dinge keineswegs zum Besseren gewendet, meint Silverman.

Der kenianische Schriftsteller Ngũgĩ wa Thiong'o beschreibt, wie der Kolonialismus Sprache in ein Machtmittel verwandelte. Nicht erst in Indien und Afrika, sondern bereits viel früher in Irland wurde etwa die englische Sprache dazu verwendet, schwächere Populationen zu unterdrücken. Was aber folgt daraus? Sicherlich nicht, stellt Thiong'o klar, dass es eine schlechte Sache ist, fremde Sprachen zu lernen. Aber: "Selbst wenn eine Sprache zur gemeinsamen Verständigungssprache zwischen vielen Sprachen wird, sollte dies nicht aufgrund einer vermeintlich angeborenen Nationalität oder Globalität dieser Sprache geschehen, sondern aus Notwendigkeit und praktischem Bedarf. Und selbst dann sollte sie nicht auf dem Friedhof anderer Sprachen wachsen. Eine ausgewogene und inklusive Bildung braucht ein neues Motto: Netzwerk, nicht Hierarchie. Wir müssen verstehen, dass alle Sprachen, große und kleine, eine gemeinsame Sprache haben - sie heißt Übersetzung. Bildung darf niemals zu sprachlicher und kultureller Selbstisolation führen. Ich möchte mich mit der Welt verbinden - aber das bedeutet nicht, dass ich meine eigene Ausgangsbasis verleugnen muss. Ich möchte mich von meinem Standpunkt aus mit der Welt verbinden. Ich glaube, dass das Ziel von Bildung Wissen ist, das uns unsere wahren Verbindungen zur Welt zeigt - aber ausgehend von unserer eigenen Basis. Von dieser Basis aus erkunden wir die Welt; und aus der Welt bringen wir das zurück, was unsere Basis bereichert. Das scheint mir die wahre Herausforderung bei der Organisation und Vermittlung von Wissen in einem inklusiven und ausgewogenen Bildungssystem der heutigen Welt zu sein."
Archiv: Guardian

The Hedgehog Review (USA), 14.10.2025

Übersetzungen sind grundsätzlich etwas Gutes, da würde der in Ohio lehrende Germanist Paul Reitter Ngugi sicher zustimmen. Sie können einen aber auch zur Verzweifelung bringen: Was zum Beispiel im Englischen tun mit dem ersten Satz aus Franz Kafkas "Prozess": "Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet." Die Mehrdeutigkeit des deutschen "hätte" lässt sich kaum ins Englische übertragen, so Reitter. Überhaupt ist "Unübersetzbarkeit eines der großen Themen Kafkas" - und George Steiners. "Es fällt schwer, einen Literaturwissenschaftler oder Kritiker zu finden, der mehr dafür getan hat, die Aufmerksamkeit auf diesen Aspekt von Kafkas Werk zu lenken und ihn als Leitprinzip zu offenbaren. In seinem Essay 'K' zitiert Steiner beispielsweise ausführlich einen bisher wenig beachteten Tagebucheintrag, in dem Kafka darüber spricht, dass die deutschen Wörter 'Mutter' und 'Vater' für ihn nicht 'annähernd' das ausdrücken, was jüdische Mütter und Väter für ihn bedeuten. Kafka deutet an, dass sein Seelenleben durch diese sprachliche Diskrepanz geprägt war; infolgedessen 'liebte' er seine Mutter nicht immer so, wie sie es 'verdient' hätte und wie er fähig war, sie zu lieben. ... In 'After Babel' (1975), das mehr als ein Jahrzehnt nach 'K' erschien, vertiefte Steiner seine Auseinandersetzung mit der Frage, wie 'das Thema Babel' Kafka verfolgte, der sich zwischen den unvereinbaren Unmöglichkeiten 'auf Deutsch zu schreiben' und 'anders zu schreiben' gefangen fühlte. Er verfolgte das Thema durch eine Reihe von Kafkas Werken, darunter 'Die Chinesische Mauer' und 'Der Bau', jenes rätselhafte Spätwerk, in dem es darum geht, dass die treffende Metapher für verbale Kommunikation weniger der Bau von Brücken zur Welt ist als vielmehr die Schaffung von Strukturen, die uns von ihr abschotten. 'Bei Kafka', so Steiner, 'ist Sprache der paradoxe Umstand des Missverstehens unter den Menschen.'"

HVG (Ungarn), 10.10.2025

Eine Reaktion auf den Literaturnobelpreis für László Krasznahorkai gibt es in den gedruckten Magazinen freilich noch nicht. Darum hier ein kleiner Überblick über die Online-Reaktionen. So schreibt Boróka Parászka in HVG: "Diese reale Landschaft [der ungarischen Literatur] mit ihren imaginär anmutenden, aber sehr real existierenden Charakteren kann man zusammen mit Krasznahorkai betrachten. Mit ihm kann man hier leben, soweit man hier überhaupt leben kann, so wie es eben halt ist. Und natürlich mit Nádas. Mit Esterházy. Mit Spiró. Mit Závada - und wir könnten noch weitere Vertreter unserer geistigen Topologie aufzählen. Mit ihnen kann man sich orientieren. Von ihnen stammen unsere Worte - zumindest für jene, die noch Worte haben. Das ist das besondere Geheimnis der ungarischen Literatur. Je armseliger das politische Leben, je primitiver und kürzer die Schlagworte, je mehr das Geschrei die Argumente verdrängt, desto mächtiger sind die Textkörper, die sich dagegen wehren. Je komplexer die Sätze, desto destillierter die Begriffe. Deshalb also die beiden 'ungarischen' Nobelpreise (von Kertész und Krasznahorkai). Als Gegengewicht zum Geschrei."

"Krasznahorkais persönlicher Erfolg ist auch ein Erfolg für die ungarische Kultur und Sprache", meint Gergely Péterfy, "oder zumindest eine Ermutigung dafür, dass die Geschichten seiner Charaktere, die in der dichten und dunklen Hoffnungslosigkeit des ungarischen Daseins stolpern und in Hoffnungslosigkeit versinken, für die Welt wichtig und interessant sind und es verdienen, beachtet, gelesen und reflektiert zu werden. Wie lange haben wir darauf gewartet - und hier kann ich vielleicht zu Recht den Plural verwenden - und wie lange schon überschattet die Angst, dass unsere Geschichten nur uns interessieren, die Stimmung in der ungarischen Literatur. Das ist nicht der Fall. Kertész war der erste Hoffnungsschimmer, Krasznahorkai die Bestätigung, dass das Universum, das wir durch die ungarische Sprache erblicken, die künstlerische Darstellung der Erfahrung des ungarischen Daseins, auch die Aufmerksamkeit der Welt verdienen kann. Zu unserem Glück und zu unserem Unglück. Denn was Krasznahorkai erzählt, ist alles andere als Erfolgspropaganda."
Archiv: HVG

New Lines Magazine (USA), 13.10.2025

Heute leben weniger als 100 Armenier in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba, aber das war nicht immer so, erzählt Irina Costache und wirft einen Blick auf die intensiven Beziehungen zwischen den beiden Ländern. Die armenische Kirche ist seit langem mit dem äthiopischen Zweig des Christentums verbunden, schon im 16. Jahrhundert trieben die beiden Nationen miteinander Handel. 1924 holte Äthiopiens Kronprinz Ras Tafari Makonnen eine Blechbläser-Gruppe von vierzig armenischen Waisenkindern ins Land, die ihre Eltern während des Völkermordes 1915 verloren hatten - und die die Beziehungen zwischen den Ländern nachhaltig prägen sollten: "Nach seiner Ankunft in Äthiopien beauftragte Tafari den Dirigenten Kevork Nalbandian mit der Komposition der ersten Nationalhymne des Landes, die die Kapelle 1930 bei der Krönung des Prinzen zum Kaiser Haile Selassie vortrug. Das Lied mit dem Titel 'Äthiopien, sei glücklich' erfreute sich anhaltender Beliebtheit und blieb bis kurz nach dem Sturz des Kaisers 1974 die Nationalhymne (...) Durch die Arba Lijoch ('Vierzig Kinder' auf Amharisch) wurden westliche Blechblasinstrumente in Äthiopien eingeführt und populär gemacht. Dies legte den Grundstein für ein neues Genre, den Ethio-Jazz, der traditionelle äthiopische Tonleitern mit westlichen Instrumenten kombinierte. Kevork Nalbandians Neffe, Nerses Nalbandian, prägte die Geschichte der äthiopischen Musik besonders als erster musikalischer Leiter des Nationaltheaters und bildete einige der größten Musiker des Landes aus. Nerses Nalbandians Arbeit als Lehrer und Komponist war die Inspiration für das goldene Zeitalter der äthiopischen Musik der 1960er Jahre zu, bekannt als 'Swinging Addis', meint der Musikethnologe Francis Falceto."

Zum Reinhören hier die Compilation mit Ethio Jazz 1969-74. Erster Track: "Yèkèrmo Sèw" (A Man of Experience and Wisdom) von Mulatu Astatke

Public Domain Review (UK), 08.10.2025

Dobrota Pucherová stellt den ersten slowakischen Roman überhaupt vor, der gerade erstmals ins Englische übersetzt wurde: "René, oder: Die Abenteuer und Erfahrungen eines jungen Mannes" (1783-85) von Jozef Ignác Bajza. "Er gilt als der erste slowakische Roman und ist zugleich der erste Roman in einer Minderheitensprache, der innerhalb der Habsburgermonarchie veröffentlicht wurde. Im weiteren mitteleuropäischen Kontext gingen 'René' nur Romane in deutscher und polnischer Sprache voraus, beides große und weitaus stärker entwickelte Sprachen. Wenn der Roman ein typisch modernes Genre ist, das mit dem Aufstieg der Mittelschicht, dem Kapitalismus, dem Wachstum der Öffentlichkeit, der individuellen Freiheit sowie nationalen Bewegungen und Alphabetisierung in Verbindung gebracht wird, dann ist das Erscheinen von René im Jahr 1783 fast eine Anomalie. Das Ungarn des 18. Jahrhunderts war ein feudales Königreich ohne Bourgeoisie, in dem Latein und Deutsch die dominierenden Sprachen der Staatsverwaltung, der Printmedien und der Bildung waren und die Alphabetisierung ein Privileg der Aristokratie und des Klerus war. Die slowakische Literaturkultur war selbst im Vergleich zu anderen kleinen Volkssprachen wie Tschechisch oder Ungarisch dürftig, eine Tatsache, die Bajza im Vorwort beklagte." Auch Bajzas Bemühungen, "die Aufklärung unter seinem Volk zu verbreiten, stießen auf provinzielle Vorurteile, Engstirnigkeit und offene Feindseligkeit. ... Gleichzeitig dokumentiert das Buch die besonderen Herausforderungen, denen sich ein mitteleuropäischer Intellektueller der Aufklärung gegenübersieht, und öffnet ein Fenster zum Prozess der Selbstdefinition kleinerer europäischer Nationen."

New Yorker (USA), 20.10.2025

Anthony Lane empfiehlt uns im New Yorker die Dichterin Violet Ranney Lang, die bereits 1956 im Alter von nur 32 Jahren an einem Hodgkin-Lymphom starb. Ihre Mischung aus profunden Themen und Überdrehtheit macht sie einzigartig, lockt er: "Kann man ihre Werke identifizieren, ohne dass sie ihren Namen tragen? Was sind die Unterscheidungsmerkmale, wenn es welche gibt? Zum einen schaue man sich die Menge an Tieren an, die vorkommt - eine Arche voll von ihn durchstreift ihre Lyrik, oft, wenn man sie am wenigsten erwartet. 'Oh, er hat die Augen eines Gnus, furchtbar/ Und eine Zunge wie ein Eispickel.' Lang bewegt sich hin und her in der kreatürlichen Zeit, zurück bis zur Vorgeschichte: 'Die Brontosauren/stehen und schauen, ihre blassen, schon wässrigen Augen/tun ihnen weh, und ihre unbeweglichen verkrusteten Glieder.' Menschliche Biester sind selten allein und keineswegs sicher. 'Katzen spazieren auf den Mauern und strahlten uns an', 'Wo die Liebenden herumliegen wie Virginiauhus,' und 'Wir legen fette Katzen unter einen Himmel voller Wolfsmilch.' Die letzten drei sind, wie betont werden sollte, alle erste Verse. Lang ist, im besten Sinne, eine vielversprechende Anfängerin. Sie schießt aus dem Startblock, wie eine Sprinterin in Stollenschuhen. Fühlt den Windhauch, wenn ihre Eröffnungen vorbeizischen: 'Schatz, sie haben Dynamit entdeckt'." Eine besondere Dichterin, findet Lane: "Es scheint irgendwie, als wäre Violet Lang kaum real gewesen, man kann sich leicht vorstellen, wie sie zur Legende wird. Und trotzdem, sie hat existiert und dabei ebenso viele Leute genervt wie verzaubert. 'Ich wünsche dir Desaster, nichts dauerhaftes', schrieb sie in einem Gedicht. Sie hat uns gemischte Signale hinterlassen, über die wir uns den Kopf zerbrechen können."

Außerdem: Emma Green schreibt über den "Anschlag der Trump-Regierung auf die höhere Bildung". Und Eric Lach porträtiert den Kandidaten für das Amt des New Yorker Bürgermeisters Zohran Mamdani.
Archiv: New Yorker

noahpinion.substack.com (USA), 10.10.2025

Der China-Experte Noah Smith fragt, ob das 21. Jahrhundert das Jahrhundert Chinas sein wird. Das Gute an seinem Text ist, dass er ganz rational abwägt und die Faktoren benennt, die China bei seinem Aufstieg noch bremsen könnten. Die Demografie? Ja, da hat China ein gravierendes Problem - aber selbst bei sinkender Bevölkerung bleibt es eine gigantische Volkswirtschaft. Die Immobilienkrise und Übersubventionierung der Wirtschaft? Dito. Könnte zu Krisen führen, wird das Land aber nicht stoppen. Bliebe eine starke Allianz von Gegnern. Aber "die Trump-Regierung scheint fest entschlossen, Europa, Indien und Korea zu verprellen. Es gibt deutliche Anzeichen, dass Trump sich aus der östlichen Hemisphäre zurückziehen will, um sich auf innenpolitische Konflikte (Einwanderung und Unterdrückung politischer Dissidenten) zu konzentrieren. Darüber hinaus hat Trump die Industriepolitik zugunsten von Zöllen geopfert, die der amerikanischen Fertigungsindustrie schaden. Das bedeutet nicht, dass China die Welt erobern kann. Aber es bedeutet, dass die Welt China nicht mehr erobern kann." Alles in allem, meint Smith: "Bereiten Sie sich auf ein chinesisches Jahrhundert vor."
Stichwörter: China

New York Times (USA), 11.10.2025

Die Hamas hat ihre genozidalen Verbrechen am 7. Oktober 2023 ja sofort geleugnet, nachdem sie sie verübt und in sozialen Medien euphorisch gefeiert hatte. Darum sind Beweise wichtig. Israelische Behörden haben in den Tunnel-Labyrinthen ein handschriftliches Dokument von Yahya Sinwar gefunden - es war in einem Computer abgebildet, den man bei seinem Bruder Mohammad fand und der an keinerlei Internet angeschlossen war. Ronen Bergman und Adam Rasgon berichten über dieses sechsseitige Memo und zitieren außerdem aus Befehlen der Hamas am 7. Oktober selbst, die abgehört wurden. "Die Aktionen der Gruppe, so heißt es in dem Memo, sollten in die arabische Welt übertragen werden, um Menschen außerhalb des Gazastreifens zu mobilisieren, sich dem Kampf anzuschließen. Der Plan sah vor, dass Palästinenser im Westjordanland, Araber in Israel und 'unsere Nation' - entweder eine Anspielung auf Araber oder Muslime oder beides - 'positiv auf Aufrufe reagieren würden, sich der Revolution anzuschließen'. 'Den Befehlshabern der Einheiten muss klar gemacht werden, dass sie diese Aktionen gezielt durchführen, filmen und die Bilder so schnell wie möglich verbreiten sollen', heißt es in dem Memo. In den abgefangenen Gesprächen vom 7. Oktober sind Hamas-Kommandeure zu hören, die Kämpfer dazu auffordern, ihre Aktionen zu filmen, um andere zu ermutigen, sich dem Kampf anzuschließen. 'Dokumentiert die Schreckensszenen jetzt und sendet sie über Fernsehsender in die ganze Welt', sagt ein Kommandeur aus Gaza-Stadt namens Abu al-Baraa zu Aktivisten im Gebiet des Kibbuz Sa'ad. 'Schlachtet sie ab. Macht den Kindern Israels ein Ende.'"
Archiv: New York Times
Stichwörter: Sinwar, Yahya, 7. Oktober, Hamas

The Insider (Russland), 09.10.2025

In den USA greift die Behörde ICE, deren  Aufgabe unter anderem die Überwachung der Bundesgrenzen ist, immer mehr Immigranten auf, die in den USA Asyl suchen - auch politische Flüchtlinge aus Russland, berichtet Viktoriia Ponomareva. Diese Menschen werden inhaftiert und dann wird vor Gericht über ihre Abschiebung nach Russland verhandelt, obwohl sie dort nichts als eine lange Haftstrafe zu erwarten haben. "Die Menschenrechtsaktivistin Margarita Kuchusheva vom Projekt 'Consuls' des Anti-Kriegs-Komitees, das Russen unterstützt, die sich gegen den Krieg aussprechen, stimmte zu, dass das Verfahren oft willkürlich ist. 'Fast jede uns bekannte Abschiebung geht auf die Ablehnung eines politischen Asylantrags zurück. Ich habe mit Menschen gesprochen, deren Fälle schwach waren, aber auch mit Freiwilligen und Spendern von Anti-Kriegs-Gruppen, die eindeutig politisch aktiv sind. Die Ablehnungen folgen keiner Logik. Es hängt ganz vom Staat und vom Richter ab. Manchmal wird Menschen, deren Fälle kaum Hand und Fuß haben, Asyl gewährt, während andere mit weitaus stärkeren Ansprüchen abgelehnt werden', sagte Kuchusheva. Dmitry Valuev, Präsident der Gruppe 'Russisch-Amerikaner für Demokratie in Russland', meint, dass auch eine allgemeine Voreingenommenheit gegenüber russischen Flüchtlingen eine Rolle spielen könnte. 'Wir sehen, dass Russen zusammen mit anderen Staatsangehörigen aus postsowjetischen Staaten massenhaft inhaftiert werden. Möglicherweise gibt es interne Gründe dafür, die niemand erklärt hat. Wir vermuten, dass dies mit Fragen der nationalen Sicherheit zusammenhängt. Wie in Europa befürchten die US-Behörden möglicherweise, dass Spione als Flüchtlinge einreisen. Da ihnen die Mittel fehlen, um die 'Guten' von den 'Bösen' zu unterscheiden, haben sie die Regeln verschärft. Ich denke, die ablehnende Haltung gegenüber politischen Asylfällen hat denselben Ursprung', sagte er."
Archiv: The Insider
Stichwörter: Ice, Russische Flüchtlinge, USA

Elet es Irodalom (Ungarn), 14.10.2025

Veronika Darida, Leiterin des Instituts für Kunsttheorie und Medienwissenschaften der Universität ELTE in Budapest, schreibt über die im Vergleich zu seinem Prosawerk überschaubaren, jedoch nicht minder bedeutenden dramatischen und theatertheoretischen Schriften von Péter Nádas und macht sich eigene Gedanken über das Theater: "Wie Nádas es formuliert: 'Mich interessiert das Beziehungsgeflecht, das sich im Theater zwischen den lebenden Körpern entwickelt.' Dazu fügt er die Musikalität der Sprache, die Stilisierung und die Theatralik hinzu. Aber das ist immer noch lediglich ein imaginäres Theater. Die Geburt des realen Theaters ist die Aufführung, die qualvollen Wehen des langen Probenprozesses. Dabei verändern sich die Beziehungssysteme zwischen den Akteuren (einschließlich Regisseur, Autor, Dramaturg, Darstellern usw.) ständig, aber nicht berechenbar, nicht nach einem vorab festgelegten Plan. Die Probe ist ein Ort ständiger Zusammenbrüche und Wiederauferstehungen, körperlicher und seelischer Verletzungen, Verletzungen und Begeisterungen, wo Liebe und Hass einander entsprechen und miteinander verwechselt werden können. Die gemeinschaftlichste Kunst entsteht aus einsamen Qualen. (…) Jeder abgeschlossene Probenprozess ist eine unzählige Anzahl verpasster Gelegenheiten, aber auch die Verwirklichung zahlreicher neuer Ideen. Ein wesentlicher Lernprozess, dessen Ergebnisse in der nächsten Aufführung nicht genutzt werden können, weil alles von vorne und neu begonnen werden muss. Die nach der Premiere aufkommende Spannung, das Weinen und Lachen sind Reaktionen auf eine Grenzsituation, auf die es keine andere Antwort gibt."

Walrus Magazine (Kanada), 13.10.2025

Während es früher viele Lektoren und Verleger gab, die Autoren auch beispielsweise nach einem schlecht verkauften Debütroman oder einem sonstigen Verkaufsflop die Treue hielten, einfach weil sie an deren Literatur glaubten, herrscht heute ein so enormer Erfolgsdruck in der Branche, das für viele Autoren ein Fehltritt das Ende der Karriere bedeuten kann, erklärt Tajja Issen. Die Entscheidungen von Verlegern, gerade bei den "Big Playern" wie Penguin Randomhouse oder Harper Collins, beruhen oft auf dem sogenannten "Track", auf der Erfolgs- oder eben Misserfolgsgeschichte eines Schriftstellers: "Die eigenen Verkaufszahlen im Blick zu behalten, verschafft Erstautoren einen gewissen Vorteil. Debüts sind für Verlage äußerst attraktiv, denn, wie die Autorin und Forscherin Laura McGrath es ausdrückt, 'es gibt nichts als Potenzial. Wenn Ihr Track bei Null liegt, kann es nur in eine Richtung gehen.' Der Vorschuss für das Buch wird daher durch die Gewinnerwartung bestimmt. Die Höhe des Gebots wird ermittelt, indem McGrath, die sich mit Verlagsanalysen beschäftigt, 'weiche Daten' bewertet - ein Strauß von Annahmen über Leserschaft, Autorenschaft, Märkte und Genre. Diese Annahmen werden dann 'in etwas verwandelt, das den Anschein erweckt, es sei streng ermittelnt worden', sagt sie, 'aber das ist es nicht.' Wenn genügend Bieter von einem Projekt überzeugt werden - oder durch die Blutgier einer Auktion - kann der Preis in den sechs- oder siebenstelligen Bereich getrieben werden. Das Buchgeschäft mag zwar in New York angesiedelt sein, aber die Logik ist typisch Las Vegas."
Archiv: Walrus Magazine

Wired (USA), 07.10.2025

KI wird alles lahmlegen, alle Kreativen arbeitslos machen und das Netz mit bizarrem Trash fluten bis es eine einzige Jauchegrube ist, auf die niemand mehr Lust hat - so das gängige Narrativ. Aber könnte KI nicht vielleicht sogar die nächste Generation an Kreativen befeuern? Erste One-Man-Filmstudios machen sich im Netz bereits einen Namen, indem sie die neuen Möglichkeiten clever nutzen und mit einer eigenen Vision verbinden. Gossipgoblin etwa erzählt auf Instagram eine dystopische Science-Fiction-Saga (ausgerechnet) darüber, wie Technologie die Menschheit ablösen wird, in seiner Reportage wirft Christopher Beam aber vor allem Josh Wallace Kerrigan einen Blick über die Schulter, der in seinem Youtube-Kanal Neural Viz mehrere KI-Tools miteinander verbindet, um eine fiktionale Doku-Serie über den Alltag von Aliens auf der Erde ohne Menschen zu erzählen. "Die Bezeichnung 'KI-Video' weckt meist die schrecklichsten Assoziationen: Nilpferde beim Surfen, Babies am Steuer eines Flugzeugs, Will Smith beim Spaghetti-Verschlingen, Trump und Barack Obama beim Knutschen. Sprich: Gullywasser." Doch 'Neural Viz weist in eine andere Richtung. In einer Welt voller faulem, niveaulosestem KI-Dreck schafft der Kanalbetreiber ein originelles Werk und verwirklicht eine Vision, die so spezifisch und so liebevoll ausgedacht ist wie jede andere klassische Serie da draußen. Ein paar wichtige Details: Obwohl er Prompts schreibt, die ihm dabei helfen so gut wie jede Rolle an einem klassischen Set zu erfüllen, schreibt der Autor seine Skripte weiterhin auf altmodischem Weg. Auch spielt er alle Figuren selbst, mit KI als Maske. ... So wie Trey Parker und Matt Stone mit 'South Park' Cartoons neuerfunden haben, indem sie auf die billigsten ihnen zur Verfügung stehenden Instrumente zurückgriffen, schnappt sich der Mann hinter 'Neural Viz' Technologie, die viele verachten und abtun, um ein Medium in eine neue Richtung zu bewegen. Vielleicht ist er tatsächlich der erste KI-Autorenfilmer. ... Er legte seine Aufmerksamkeit auf die Grenzen von KI und arbeitete sich darum herum. Ihm fiel auf, dass die Tools mit Actionszenen Probleme haben, aber gut darin, sind Köpfe beim Reden zu zeigen, also entschied er sich für etwas im dokumentarischen Stil. Er wollte den Uncanny-Valley-Effekt vermeiden, der bei simulierten Menschen eintritt, also wählte er knubbelige Außerirdische als Figuren. Und um die Defizte der Renderings zu kaschieren, fühlte er sich vom altmodischen, grieseligen Look des Fernsehens der Achtziger- und Neunzigerjahre angezogen.
Archiv: Wired