Magazinrundschau - Archiv

The Hedgehog Review

3 Presseschau-Absätze

Magazinrundschau vom 14.10.2025 - The Hedgehog Review

Übersetzungen sind grundsätzlich etwas Gutes, da würde der in Ohio lehrende Germanist Paul Reitter Ngugi sicher zustimmen. Sie können einen aber auch zur Verzweifelung bringen: Was zum Beispiel im Englischen tun mit dem ersten Satz aus Franz Kafkas "Prozess": "Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet." Die Mehrdeutigkeit des deutschen "hätte" lässt sich kaum ins Englische übertragen, so Reitter. Überhaupt ist "Unübersetzbarkeit eines der großen Themen Kafkas" - und George Steiners. "Es fällt schwer, einen Literaturwissenschaftler oder Kritiker zu finden, der mehr dafür getan hat, die Aufmerksamkeit auf diesen Aspekt von Kafkas Werk zu lenken und ihn als Leitprinzip zu offenbaren. In seinem Essay 'K' zitiert Steiner beispielsweise ausführlich einen bisher wenig beachteten Tagebucheintrag, in dem Kafka darüber spricht, dass die deutschen Wörter 'Mutter' und 'Vater' für ihn nicht 'annähernd' das ausdrücken, was jüdische Mütter und Väter für ihn bedeuten. Kafka deutet an, dass sein Seelenleben durch diese sprachliche Diskrepanz geprägt war; infolgedessen 'liebte' er seine Mutter nicht immer so, wie sie es 'verdient' hätte und wie er fähig war, sie zu lieben. ... In 'After Babel' (1975), das mehr als ein Jahrzehnt nach 'K' erschien, vertiefte Steiner seine Auseinandersetzung mit der Frage, wie 'das Thema Babel' Kafka verfolgte, der sich zwischen den unvereinbaren Unmöglichkeiten 'auf Deutsch zu schreiben' und 'anders zu schreiben' gefangen fühlte. Er verfolgte das Thema durch eine Reihe von Kafkas Werken, darunter 'Die Chinesische Mauer' und 'Der Bau', jenes rätselhafte Spätwerk, in dem es darum geht, dass die treffende Metapher für verbale Kommunikation weniger der Bau von Brücken zur Welt ist als vielmehr die Schaffung von Strukturen, die uns von ihr abschotten. 'Bei Kafka', so Steiner, 'ist Sprache der paradoxe Umstand des Missverstehens unter den Menschen.'"

Magazinrundschau vom 20.07.2021 - The Hedgehog Review

In einem Beitrag des Kulturmagazins erkundet die Politikwissenschaftlerin Elizabeth Currid-Halkett die in mehrfacher Hinsicht dunkle Seite des Fortschrittsidealismus einer ehrgeizigen kulturellen Elite (in den USA): "Es ist eine einfache Tatsache, dass die meisten von uns, das heißt 90 Prozent der Bürger der USA, nicht mit fünf Jahren Klavierspielen lernen, eine Privatschule oder eine der Top-25-Schulen besuchen oder promovieren. So lobenswert diese Dinge sind, sie basieren auf Wohlstand und kulturellem Kapital. 35 Prozent der Amerikaner besuchen die Uni, aber nur 0,5 Prozent schließen in Yale oder Princeton ab. Der Harvard-Ökonomist Raj Chetty hat herausgefunden, dass Studenten, deren Eltern zu den Bestverdienern gehören, 77-mal eher eine Eliteuni besuchen als Studenten mit Eltern aus den unteren Einkommensklassen. Kurz: Man braucht Geld und muss wissen, wofür man es ausgibt … Die Wahrheit ist: Meritokratie und Privileg sind tief verwurzelt und werden über Generationen reproduziert. Doch weil Mühe und Einsatz nötig sind, um Geige zu lernen, einen Platz im MIT zu ergattern, Partner in einer Anwaltskanzlei zu werden oder eine Anstellung an der Uni zu bekommen, entwickeln die Mitglieder der aufstebenden Klasse ein falsches Bewusstsein. Trotz ihres Verständnisses sozialer Strukturen und Dynamiken glauben sie, Teil einer leistungsorientierten Elite zu sein, weil es sie Arbeit gekostet hat, das zu werden, was sie sind. Das Märchen der Meritokratie lautet, dass man sich die Mitgliedschaft durch Mühe allein verdient … Abgesehen von diesem Widerspruch ist das größte Problem der aufstrebenden Klasse ihr moralisierendes Beharren darauf, dass sich alle Amerikaner gleich engagiert für die Bedürfnisse einsetzen, die ihnen am Herzen liegen. Dass viele das nicht tun oder andere Bedürfnisse äußern (regelmäßiges Gehalt, Kinderbetreuung, bezahlbare Gesundheitsvorsorge, bestimmte 'unverletzliche' Rechte oder religiöse Werte), erklärt teilweise, wie aus kulturellen Unterschieden Kulturkämpfe entstehen."

Magazinrundschau vom 21.07.2015 - The Hedgehog Review

Der Körper verschwindet langsam aus der sinnlichen Sphäre und wird immer abstrakter - dank seiner wachsenden Messbarkeit. Rebecca Lemov beobachtet dieses Phänomen in der Science-Fiction-Literatur und im dystopischen Kino, in der app-basierten Selbst-Quantifizierung, der ständigen Konzentrationsverlagerungen mittels mobiler Internet-Endgeräte, aber auch in den modernen Click-Sweatshops der Digitalindustrie und im zunehmenden Monitoring und Tracking von Arbeitern zum Zweck der Effizienzsteigerung: "Mit dem Auftreten "flexibler", befristeter service-orientierter Arbeit und dem Zusammenbruch des Sozialstaatsystems, kann das Selbst zunehmend als ein unternehmerisches Projekt und ein Apparat zur Übernahme von Risiken betrachtet werden. Wenn das Selbst ein Risiko in Kauf nimmt, nimmt der Körper das Risiko auf sich. Neue Arbeitsgruppen von Klickarbeitern, virtuellen Goldfarmern, Pornozappern, Starbucks-Schichtarbeitern und Amazon-Lagerarbeitern zeigen deutlich die Konsequenzen sowohl aus dieser Preisgabe als auch aus der extremen Überwachung des Körpers. Gleichzeitig ist es eher unwahrscheinlich, dass solche Arbeiter, die oft händeringend Beschäftigung suchen und sich wenig zieren, was Arbeitsbedingungen betrifft, Praktiken und Techniken aufgreifen, die sich im höheren Management zusehends durchsetzen, um die Folgen langer Arbeitszeiten vor dem Bildschirm und im Bürostühl abzuwehren: Gymnastikregime wie Yoga oder extreme Fitness, oder auch Bürozubehör wie Steh-Schreibtische."