
Übersetzungen sind grundsätzlich etwas Gutes, da würde der in Ohio lehrende Germanist
Paul Reitter Ngugi sicher zustimmen. Sie können einen aber auch zur Verzweifelung bringen: Was zum Beispiel im Englischen tun mit dem ersten Satz aus
Franz Kafkas "Prozess": "Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet." Die Mehrdeutigkeit des deutschen "hätte" lässt sich kaum ins Englische übertragen, so Reitter. Überhaupt ist "
Unübersetzbarkeit eines der großen Themen Kafkas" - und
George Steiners. "Es fällt schwer, einen Literaturwissenschaftler oder Kritiker zu finden, der mehr dafür getan hat, die Aufmerksamkeit auf diesen Aspekt von Kafkas Werk zu lenken und ihn als Leitprinzip zu offenbaren. In seinem Essay 'K' zitiert Steiner beispielsweise ausführlich einen bisher wenig beachteten Tagebucheintrag, in dem Kafka darüber spricht, dass die
deutschen Wörter '
Mutter'
und '
Vater' für ihn nicht 'annähernd' das ausdrücken, was
jüdische Mütter und Väter für ihn bedeuten. Kafka deutet an, dass
sein Seelenleben durch diese sprachliche Diskrepanz geprägt war; infolgedessen 'liebte' er seine Mutter nicht immer so, wie sie es 'verdient' hätte und wie er fähig war, sie zu lieben. ... In 'After Babel' (1975), das mehr als ein Jahrzehnt nach 'K' erschien, vertiefte Steiner seine Auseinandersetzung mit der Frage, wie 'das Thema Babel' Kafka verfolgte, der sich zwischen den unvereinbaren Unmöglichkeiten 'auf Deutsch zu schreiben' und 'anders zu schreiben' gefangen fühlte. Er verfolgte das Thema durch eine Reihe von Kafkas Werken, darunter 'Die Chinesische Mauer' und 'Der Bau', jenes rätselhafte Spätwerk, in dem es darum geht, dass die treffende Metapher für verbale Kommunikation weniger der Bau von
Brücken zur Welt ist als vielmehr die Schaffung von Strukturen, die uns
von ihr abschotten. 'Bei Kafka', so Steiner, 'ist Sprache der paradoxe Umstand des Missverstehens unter den Menschen.'"