Magazinrundschau

Weit weg im Universum

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
27.05.2025. In Harper's denkt Karl Ove Knausgard sehr schön über die Materialität der Welt nach. Elet es Irodalom und HVG kritisieren das geplante Gesetz zur "Wahrung der Souveränität": Es soll vor allem Regierungskritiker mundtot machen. La vie des idees fragt: Was wurde eigentlich aus den Neocons? Der New Yorker untersucht die Kultur der Korruption in den USA, die Donald Trump gerade installiert. New Lines porträtiert den einzigen schwarzen Urdu-Dichter Pakistans, Noon Meem Danish. Wired erklärt das neue Geschäftsmodell für KI-generierte Musik.

Harper's Magazine (USA), 30.06.2025

Der norwegische Autor Karl Ove Knausgard ist an sich kein technikaffiner Mensch, gibt er in Harper's zu verstehen, er musste Mitte Fünfzig werden, um zu begreifen, dass sich das Gefühl der Entfremdung vom Konkreten, um dem Kern der Sache nahezukommen, nicht nur in der Literatur findet, sondern beispielsweise auch im Wunder der Neurochirurgie: "Ich stand in einem Operationssaal in Albanien, in einen Kasack, eine Maske und eine OP-Haube gekleidet, und starrte durch ein Mikroskop direkt in ein lebendiges Hirn. Ich war dort, um über den britischen Chirurgen und Autor Henry Marsh zu schreiben. Sein Team hatte am Tag zuvor ein reichlich großes rundes Loch in den Schädel einer jungen Frau gesägt. Nun hoben sie das Schädelstück ab wie einen Deckel und entfernten die Fäden aus der Hirnhaut, sodass Marsh mit seiner Arbeit beginnen konnte. Er identifizierte den Tumor und begann, ihn mit einem staubsaugerähnlichen Gerät zu entfernen. Der Tumor befand sich im visuellen Cortex und sorgte dafür, dass die Patientin Dinge sah, die gar nicht da waren. Einen brennenden Garten, den sie gesehen hatte - real für sie, aber für niemanden sonst. (…) Ich werde nie vergessen, was ich an dem Tag unter dem Mikroskop sah. Ich sah Berge und Täler und Flüsse aus Blut. Ich sah Höhlen und Canyons, Gruben und Schluchten. Es war wie eine Landschaft auf einem anderen Planeten weit weg im Universum, bekannt und fremd zugleich. Ich konnte einfach nicht begreifen, dass all ihre Gedanken dort in dieser Landschaft beheimatet waren. All ihre Fantasien, Probleme, Beziehungen, alles, was sie wusste, erinnerte, in der Schule gelernt hatte. (...) Draußen waren die Straßen Tiranas in das Licht der schweren Spätsommer-Sonne getaucht. Alles, was ich sah, war schärfer und intensiver. Alles war physisch. Das Gras, die Gedanken, das Blut, die Sonne, die Seele. Selbst das Mysterium war physisch greifbar. War es nicht das, worum es im Christentum ging, dass Gott Fleisch und Blut ist? Das Gefühl von der Materialität der Welt habe ich seitdem nicht mehr losgelassen."

Elet es Irodalom (Ungarn), 23.05.2025

Das geplante Gesetz zur "Wahrung der Souveränität", das die letzten unabhängigen Medien und zivilgesellschaftliche Akteure regulieren soll, bestimmt die öffentliche Diskussion in Ungarn. Die Redaktionen von Élet és Irodalom, HVG, Magyar Narancs, 444.hu, telex.hu und 24.hu formulierten gemeinsam eine Protesterklärung. Kritik an dem geplanten Gesetz kam auch aus der EU (die FAZ berichtete). Die Regierung Orban pocht darauf, dass das Gesetz nach dem amerikanischen Foreign Agents Registration Act von 1938 (zur Eindämmung der Propaganda aus Nazi-Deutschland) formuliert wurde. Kritiker sehen allerdings die Blaupause im heutigen Russland, um Regierungskritiker mundtot zu machen. So schreibt János Széky in Elet es Irodalom: "Das Gesetz, das offensichtlich bald in Kraft treten wird, folgt nicht nur inhaltlich, sondern auch in seiner Funktionsweise dem russischen Modell: Es ist so konzipiert, dass man dagegen nicht 'nicht verstoßen' kann. Später entscheidet eine der Zentralmacht untergeordnete Behörde, wer bestraft wird und wer nicht; wer durch die Androhung von Strafen in Schach gehalten werden soll. Die justizielle Bedrohung besteht, wie manch moderner Klebstoff, aus zwei Komponenten: Eine mögliche Straftat besteht darin, dass ein Anbieter von Medieninhalten oder eine NGO Gelder, Unterstützung und Spenden aus dem Ausland annimmt. Die andere besteht darin, dass in den produzierten Inhalten gegen einen Punkt des von der Macht willkürlich veränderten und geflickten Grundgesetzes verstoßen wird. Das Russische daran ist, dass diese beiden Tatbestände sehr vage formuliert sind, so dass vieles in sie hinein interpretiert werden kann, wohingegen die Sanktionen sehr präzise beschrieben sind. Es geht ja gerade darum, sie gezielt gegen bestimmte Feinde einsetzen zu können, damit die dafür vorgesehenen Stellen - Behörden, Gerichte - die Gesetze buchstabengetreu befolgen können."
Stichwörter: Zensur, Ungarn, Meinungsfreiheit

HVG (Ungarn), 22.05.2025

Auch die Journalistin Veronika Munk, mittlerweile Direktorin für Innovation und neue Märkte des slowakischen Verlagshauses Dennik N, macht sich Gedanken über das geplante Gesetz. Munk arbeitete früher für das größte Nachrichtenportal Ungarns, Index.hu, bis dieses von regierungsnahen Unternehmen aufgekauft, die Redaktion komplett ausgetauscht und auf Regierungslinie gebracht wurde. Die damalige Redaktion von Index.hu gründete daraufhin das Portal telex.hu, zusammen mit einer Schwesterredaktion in Rumänien (für die Leser der ungarischen Minderheit, was wiederum in Sachen Auslandsspenden relevant sein kann). Munk verließ nach einem Jahr der Gründung und Etablierung telex.hu und arbeitet seitdem in der Slowakei, wo die freie Presse mittlerweile seitens der neuen Regierung ebenfalls bedroht wird. "Der neue Gesetzesentwurf in Ungarn ist überhaupt kein Gesetz, sondern nur ein mit Paragraphen getarnter Freibrief der Machthaber, die ihre politische Vorherrschaft um jeden Preis verteidigen. Er kann nicht durchgesetzt werden, weil er nichts vorschreibt, außer dass der Direktor des sogenannten Anti-Souveränitäts-Teams in Zusammenarbeit mit der Regierungspartei machen kann, was er wollen. Wir wissen nicht, ob dieses Instrument genutzt werden wird. Wird es sofort eingesetzt? Werden sie an einer Organisation ein Exempel statuieren? Wird es ein Damoklesschwert bleiben, das über den Köpfen der unabhängigen Medien schwingt? Werden sie uns auf die Liste setzen, werden sie die Kontrolle aufrechterhalten, sodass wir uns verbiegen müssen, sodass wir bei jeder einzelnen Leserspende z.B. aus Cluj (in Siebenbürgen) um Erlaubnis betteln müssen, bitte, bitte, lasst sie uns behalten dürfen? Schielen sie darauf, die Leser zu erschöpfen, auf dass diese bald die Nase voll haben von diesem Gesetz und dem Gejammer der Medien? (...) Die freie Presse ist wie eine Wasserleitung, wenn sie gut funktioniert, merken wir es nicht einmal, wir benutzen sie einfach. Wenn man den Wasserhahn zudreht oder mancherorts absichtlich das Rohr durchsticht, richten man jedoch großen Schaden an. Zum Glück gibt es für eine totale Austrocknung nicht genügend Kraft im System. In den letzten 15 Jahren haben wir gesehen - und ich habe es miterlebt -, wie sich der Qualitätsjournalismus gemeinsam mit den Lesern seinen Weg gebahnt hat. Er wird es wieder tun."
Archiv: HVG

La vie des idees (Frankreich), 26.05.2025

Was wurde eigentlich aus den Neocons? Gute Frage: Damien Larrouqué stellt sie sich in einem Essay, und erhält dabei intellektuelles Futter aus dem Buch "Le néoconservatisme américain - La démocratie pour étendard" des Politologen Pierre Bourgois. Wenn man's recht überlegt, waren sie als Hassobjekte des traditionellen Antiamerikanismus ja viel besser geeignet als der Trumpismus, denn sie waren Transatlantiker, wollten eine amerikanische Hegemonie und machten sich nichts draus, dass die Kosten dafür im wesentlichen von den USA getragen wurden. Sie glaubten an die Nato, hassten Protektionismus, wollten "westliche Werte" durchsetzen. Ihre Hochzeit hatten sie zur Zeit von George W. Bush, als neokonservative Diskurse halfen, die Intervention im Irak zu rechtfertigen. Sie verabscheuen Trump, "und das aus gutem Grund, denn der Rückzug ins Nationale, die territorialen Expansionsbestrebungen, die Verachtung für die atlantische Allianz und vor allem der pro-russische Kurswechsel der neuen Regierung stehen in völligem Widerspruch zu ihren Überzeugungen. Sie können auch Musks beispiellose Demontage des Staates im Namen eines Techno-Libertarianismus, den sie ebenfalls ablehnen, nicht unterstützen." Die meisten von ihnen haben bei den letzten Wahlen aufgefordert, die Demokraten zu wählen, so Larrouqué. "Muss man hinzufügen, dass sich die Neokonservativen auch nicht in der antiintellektuellen Rhetorik wiederfinden können, die in Washington am Werk ist? Wie Francis Fukuyamas akademischer Werdegang zeigt, sind (oder waren) die meisten von ihnen Akademiker, die ihre Karriere an den renommiertesten Fakultäten der Ivy League beendet haben. Insofern ist es für sie schwer vorstellbar, sich offen verschwörungstheoretischen, verlogenen oder antiwissenschaftlichen Diskursen anzuschließen." Wir vermissen sie!

New Yorker (USA), 27.05.2025

Evan Osnos beschäftigt sich mit der Kultur der Korruption, die Donald Trump derzeit in Washington installiert. Gleichzeitig ändert sich in der Gesellschaft der Blick auf individuellen Reichtum: "Vor zwei Jahrzehnten begann Jeffrey Winters, Professor für Politikwissenschaft an der Northwestern University, einen Kurs mit dem Titel 'Oligarchen und Eliten' zu unterrichten. Seine damaligen Studenten hielten das für ein exotisches Thema. Einer protestierte: 'In Russland gibt es Oligarchen. In Amerika gibt es reiche Leute.' Doch im Laufe der Jahre bemerkte Winters einen Wandel bei seinen Studenten, der sich durch die Entscheidung des Obersten Gerichtshofs von 2010, die Begrenzung von politischen Spenden aufzuheben, noch beschleunigte. 'Die eigentliche Herausforderung bestand schließlich darin, sie davon zu überzeugen, dass die Vereinigten Staaten überhaupt noch eine Demokratie sind', sagte Winters. 'Sie argumentierten, dass Oligarchen alles dominieren, was zählt.' Viele Amerikaner hegen heute zwei scheinbar gegensätzliche Gefühle gegenüber den Superreichen: Groll und Bewunderung. In einer Harris-Umfrage von 2024 sagten 59 Prozent der Befragten, dass Milliardäre die Gesellschaft ungerechter machten - und fast genauso viele gaben an, selbst Milliardäre werden zu wollen. Es wächst das Gefühl, dass nur diejenigen, die zum Club gehören, wirklich erfolgreich sein können. Neue Anlageinstrumente ermöglichen es Menschen, die Portfolios von Kongressmitgliedern zu kopieren - in der Annahme, dass Gesetzgeber einen Wissensvorsprung haben, den der Rest von uns nicht hat. Der Rapper Kendrick Lamar sicherte sich seinen Status als Ikone des Liberalismus, indem er in der Halbzeitshow des Super Bowls gegen die Ungerechtigkeit des Lebens in Amerika protestierte. Gleichzeitig veröffentlichte er eine Hymne auf 'mehr Geld, mehr Macht, mehr Freiheit', deren Refrain lautet: 'Ich verdiene alles.'"

Weitere Artikel: Rivka Galchen stellt neue Schmerzmittel vor, die nicht abhängig machen sollen. Michael Schulman porträtiert die inzwischen 70-jährige Theaterdiva Patti LuPone. Louis Menand liest eine neue Biografie des amerikanischen Konservativen William F. Buckley jr.. Justin Chang sieht im Kino die jüngste Folge von "Mission Impossible". Lesen dürfen wir außerdem Louise Erdrichs Story "Love of My Days".
Archiv: New Yorker
Stichwörter: Korruption, Trump, Donald

Seznam Zpravy (Tschechien), 20.05.2025

Auf der Prager Buchmesse Svět Knihy hat sich Daniel Konrád mit dem ukrainischen Schriftsteller Andrej Kurkow unterhalten, der sich bemüht, Stereotypen über sein Land zu zerstreuen, die er im Westen oft zu hören bekomme, "etwa, dass Russen und Ukrainer viel miteinander gemein hätten. Dabei könnte der Unterschied nicht größer sein. Russland war lange eine Monarchie, und so haben die Russen sich eine Kollektivmentalität angeeignet. Sie sind leicht zu manipulieren. Auch leicht zu verängstigen. In den letzten Jahren hat sich ihrer wieder eine Art genetische Angst vor Stalinismus und Gulag bemächtigt. Die Ukrainer hingegen behalten ihre individualistische Mentalität bei. (…) Für Ukrainer ist Freiheit wichtiger als Stabilität. Bei den Russen ist umgekehrt. In den letzten 20 Jahren haben sie zugunsten der Stabilität auf jegliche Freiheit verzichtet und Wladimir Putin erlaubt, buchstäblich jede Opposition auszuradieren." Die kulturelle Situation dort vergleicht Kurkow mit dem Jahr 1917: "Damals floh ein Teil der russischen Intellektuellen vor den Bolschewiken und begann sich in der Diaspora parallele kulturelle Zentren aufzubauen. Heute wiederholt sich die Situation, in Berlin oder London entstehen erneut russische Verlage. Aber auch das wird das Interesse der Ukrainer an der russischen Kultur nicht wieder wecken. Schon wegen der Sprachenfrage." Andrej Kurkow selbst wird in der Ukraine durchaus kritisch gesehen, weil er seine Romane weiterhin in "der Sprache des Agressors", auf Russisch, schreibt. Kurkow hat Verständnis dafür: "Das beweist nur, wie freigeistig die ukrainische Gesellschaft ist. In Russland würde so eine Debatte überhaupt nicht geführt, da die Russen das Denken verlernt haben und gedankenlos alles übernehmen, was ihnen von oben diktiert wird. Die Ukrainer aber sind Individualisten, und so hat jeder in der Ukraine die Freiheit, seinen Willen auszudrücken. Das ist völlig in Ordnung."
Archiv: Seznam Zpravy

New Lines Magazine (USA), 27.05.2025

Samee Ahmad poträtiert den pakistanischen Dichter Noon Meem Danish, den "möglicherweise einzigen schwarzen Urdu-Dichter, der innerhalb der globalen Tradition der Negritude, einer transnationalen literarischen und politischen Bewegung in der afrikanischen Diaspora, arbeitet". Danish wurde im Stadtteil Lyari in Karatschi als Sohn einer Familie von Makrani Baloch geboren, erzählt Ahmad. Makrani Baloch sind Nachkommen der Bantu-Stämme Südostafrikas, die vom späten 18. bis Mitte des 19. Jahrhunderts hauptsächlich als Sklaven, aber auch als Kaufleute, Seeleute und Söldner auf den indischen Subkontinent kamen. Sie ließen sich an der Makran-Küste Belutschistans im heutigen Pakistan nieder. Danish, bekannt auch als marxistischer Kritiker von Muhammad Zia-ul-Haq, lebt heute mit seiner Familie in den USA, wo man ihm größeren Respekt entgegenbringt als in Pakistan, erklärt Ahmad. Die Erfahrung, als schwarzer Mann in Pakistan aufzuwachsen, verarbeitete er schon in seinen frühen Gedichten, dabei spielen bestimmte Motive eine Rolle, die in der literarischen Tradition der "Négritude" verbreitet sind: "Mit seiner von Wut, Zynismus und Existenzialismus geprägten Poesie ist Danish dafür bekannt, dass er die schwarze Erfahrung in Urdu zum Ausdruck bringt. ... Viele Afrikaner in der Diaspora haben im Ozean eine Art Heimat gefunden, der in der Négritude-Literatur eine entscheidende Rolle spielt, da er sowohl den Schmerz der Zwangsumsiedlung als auch die anhaltende Widerstandsfähigkeit der schwarzen Diaspora symbolisiert. Diese Bildsprache findet sich auch in Danishs Werk wieder, etwa in seinem Gedicht 'Lyari'":

Du warst es
der deinen Kopf an die Brust des Meeres legte
und seine Liebe zuerst in deine eigene Seele strömen ließ.

Deine Verbundenheit mit dem Meer Deine Liebe zum Meer ist keine Fiktion.
Die Hütte war das Meer, wo du schläfst.
Die Welt war das Meer, wo du bist.


Die Nachwirkungen des von 1983 bis 2009 andauernden Bürgerkrieges in Sri Lanka sind bis heute zu spüren, weiß Jessie Williams: Nicht zuletzt "blieben 1,6 Millionen Landminen unmarkiert im Boden liegen und verseuchten Landstriche, vor allem im Norden und Osten - überwiegend tamilische Gebiete -, wo die Kämpfe am heftigsten waren." Schätzungsweise "89.000 Frauen wurden infolge des Krieges zu Witwen und sind nun die Alleinverdienerinnen ihrer Familien." Williams erklärt, wie die Beseitigung von Landminen den Frauen hilft, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Von den 660 Minenräumern in Sri Lanka sind 153 Frauen, die oft in reinen Frauenteams arbeiten und eine Schlüsselrolle bei der Beseitigung der Waffen spielen: "Diese Frauen riskieren jeden Tag ihr Leben, um das Land zu sichern, das dann an die örtliche Gemeinschaft zurückgegeben wird, damit die Menschen in ihre Häuser zurückkehren, ihr Land bewirtschaften oder einfach ohne Angst leben können. Aber sie teilen auch eine Solidarität, die sich in der Art und Weise zeigt, wie sie miteinander umgehen. 'Wir sind wie Schwestern', sagt Shashikumar Ketharagowri, 45, die seit 10 Jahren bei MAG (Mines Advisory Group) arbeitet, zunächst als Minenräumerin und jetzt als Teamleiterin, die 12 weitere Mitarbeiter betreut. (...) Ich treffe sie mitten in einem Wald in Vengalachattikulam im Bezirk Vavuniya. Als Bewohnerin des nahe gelegenen Dorfes Periyathampanai sieht sie ihre Arbeit als 'eine Art Sozialdienst'. Sie fügt hinzu, dass sie auch klare wirtschaftliche Vorteile für das Leben der Menschen mit sich bringt."

Eurozine (Österreich), 27.05.2025

Serbien ist aufgewacht! Tomislav Marković blickt zurück auf sechs Monate, in denen serbische Studenten gegen das autoritäre Regime von Aleksandar Vučić protestierten. Auslöser war der Einsturz des Vordachs des Bahnhofs von Novi Sad, bei dem sechzehn Menschen starben. Schnell wurden Korruptionsvorwürfe laut. Die Studentenbewegung "entwickelte sich zur treibenden Kraft des zivilen Aufstands, einer Macht, die die serbische Gesellschaft aus ihrer langen Erstarrung riss" - und deren Kampf nun endlich von Erfolg gekrönt wird. Mittlerweile stimmen achtzig Prozent der serbischen Bürger den Forderungen der Studenten zu und auch das europäische Parlament unterstützt die Anliegen der Protestbewegung. Das liegt vor allem an einer klugen Strategie, erklärt Marković: "Ein autokratisches Herrschaftssystem kann am wirksamsten untergraben werden, indem man den Autokraten ignoriert und die Rückkehr zur Legalität fordert. Die Forderungen der Studenten richteten sich von Anfang an an die zuständigen staatlichen Institutionen, nicht an den Präsidenten selbst. Sie stellten vier Hauptforderungen: die Veröffentlichung der vollständigen Dokumentation über den Wiederaufbau des Bahnhofs von Novi Sad, die Einstellung der Anklagen gegen die bei den Protesten festgenommenen Personen, die strafrechtliche Verfolgung der Personen, die Studenten und Dozenten bei den Blockaden tätlich angegriffen haben, und die Erhöhung der Mittel für die öffentlichen Hochschulen um 20 Prozent." Der Präsident reagierte auf die Forderungen mit den gewohnten Mitteln, erinnert Marković: Einschüchterung, Bestechungsversuche, Drohungen. Aber nichts half, im Gegenteil entlarvte er sich selbst als inkompetent und seinen Staat als dysfunktional - das habe die "die unanfechtbare Autorität untergraben, die Vučić einst durchgesetzt hatte".
Archiv: Eurozine

Wired (USA), 20.05.2025

KI-generierte Musik flutet die Server der Streamingdienste. Das muss noch nicht grundsätzlich illegal sein. Aber definitiv illegal ist es, obendrein ein Netzwerk an Bots zu unterhalten, das die eigene Musik in Endlosschleife streamt und damit die Tantiemen in die Höhe treibt. So geschehen im Fall von Mike Smith, dem vorgeworfen wird, auf diese Weise zehn Millionen Dollar aus dem Tantiemen-Pool der Streamingdienste erschwindelt zu haben, berichtet Kate Knibbs. Er ist bei weitem nicht der einzige, "und doch bleibt dieses Verhalten in den meisten Fällen unbestraft. ... Eine 2021 durchgeführte Studie in Frankreich kam zu dem Schluss, dass etwa ein bis drei Prozent aller Streams betrügerisch sind". Das auf die Analyse solcher Vorgehensweise spezialisierte Startup "'Beatdapp' setzt diese Nummer bei etwa zehn Prozent an." Dessen Co-Geschäftsführer Morgan Hayduk "hält KI-Song-Generatoren für einen 'Antriebsmotor' für so ein Verhalten und was Smith vorgeworfen wird, ist noch nicht einmal sonderlich avanciert. 'Wenn Du ein smarter, organisierter Krimineller bist', sagt Hayduk,' würdest Du das schön bequem vom Strand eines Landes tun, das niemanden ausliefert.' ... In manchen Nischen der Musikwelt gilt Smith nicht als Schurke. Musiker werfen den Streamingplattformen und natürlich Labels häufig vor, Künstler abzuzocken. Goldy Locks, ein früherer Kunde von Smith, sagt, dass einige ihn als eine Art modernen Robin Hood betrachten. Andere glauben, dass er ein ausbeuterisches System ausgebeutet hat, eine Kreatur, wie sie in einer vor krummen Dingern nur so strotzenden Umgebung nur folgerichtig ist. Schließlich ist es doch so: Radio hat Payola erfunden, Spotify schiebt im großen Stil massenhaft produzierte Stock-Songs in populäre Playlists. Die Grenze zwischen einem organischen und einem bezahlten Publikum war immer diffus. Schon im Frankreich des 19. Jahrhunderts bezahlte man 'Claqueure', um Opernhäuser aufzufüllen und zu klatschen."
Archiv: Wired