Magazinrundschau

Geschichte ist Ironie in Bewegung

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
29.04.2025. Atlantic sieht in den USA einen Alptraum wahr werden: Den von Trump und Musk beherrschten gläsernen Bürger. Und was, wenn China das Rennen um die KI gewinnt, fragt der New Statesman. Bei Persuasion diskutieren Yascha Mounk und Ivan Krastev die Demontage des amerikanischen Ideals durch Rechte und Linke. Eurozine porträtiert die ukrainische Künstlerin Marharyta Polovinko, die an der Front starb. IStories porträtiert den amerikanischen Peacenik Michael Gloss, der auf der anderen Seite der Front starb. Africa is a Country fragt sich am Beispiel Kenias, wie Demokratie funktionieren soll, wenn die Eliten parteiübergreifend zusammenhalten. Der New Yorker gibt der amerikanischen Demokratie noch eine Chance.

The Atlantic (USA), 27.04.2025

Amerikanische Behörden haben Unmengen an persönlichen Daten der Bürger gesammelt, durften diese aber nie in einen gemeinsamen Pool werfen. Das könnte sich jetzt ändern, berichten Ian Bogost und Charlie Warzelt. Elon Musks Doge hat, während es die Bundesbehörden filzte, eine unbekannte Menge an Daten abgesaugt. Die können ihm ganz persönlich helfen, das Rennen um Künstliche Intelligenz zu gewinnen. Aber auch für Donald Trump können diese Daten der Bürger als Regierungschef wie Privatmann extrem nützlich sein: "Das industrielle Sammeln und Zusammenstellen von Daten ohne erkennbaren Grund würde eine enorme und beunruhigende Veränderung darstellen. So groß, dass die Bundesbediensteten, mit denen wir darüber sprachen, Schwierigkeiten hatten, sich einen Reim darauf zu machen. Sie betonten, dass die Regierung immer versucht habe, den Menschen zu dienen, anstatt sie auszubeuten. Und doch passt diese Umkehrung perfekt zum transaktionalen Ethos von Trump: Aus 'Wie können wir unseren Mitbürgern dienen?' wird 'Was haben wir davon?' Wir, das ist in diesem Fall nicht einmal die Regierung, geschweige denn die amerikanischen Bürger. Es sind Trumps Geschäftsinteressen, die Interessen seiner Freunde und Verbündeten, einschließlich Musk, und anderer Loyalisten. Sobald die Gesetze, Regeln und anderen Schutzmaßnahmen, die eine Vermischung von Bundesdaten verhindert haben, wegfallen - und viele von ihnen sind es praktisch schon -, können zuvor abgeschottete Bundesdaten mit privaten Datensätzen kombiniert werden, z. B. mit denen im Besitz von Trumps Verbündeten oder Mitarbeitern, von Technologieunternehmen, die sich auf die Seite der Regierung stellen wollen, oder von jedem anderen, den die Regierung dazu zwingen kann." Zuerst trifft es immer die Schwächsten - Einwanderer zum Beispiel. Aber sie werden nicht die einzigen sein, die unter dem Datenmissbrauch leiden werden, prophezeien Bogost und Warzel: "Ein Worst-Case-Szenario ist leicht vorstellbar. Einige dieser Informationen könnten einfach für Erpressungen nützlich sein - medizinische Diagnosen und Aufzeichnungen, gezahlte Bundessteuern, Schuldenerlass. In einer Kleptokratie könnten solche Daten gegen Mitglieder des Kongresses und Gouverneure oder andere vom Staat missliebige Personen verwendet werden. Stellen Sie sich das als eine domestizierte, systematisierte Version von kompromat vor - wie beispielsweise Oppositionsausforschung auf Steroiden: Hey, Wisconsin erwägt ein Gesetz, das uns schaden würde. Es gibt vier Gesetzgeber, die noch unentschlossen sind. Fragen Sie die Datenbank ab; sagen Sie mir, was wir über sie haben."
Archiv: The Atlantic

New Statesman (UK), 28.04.2025

Die USA hat den Machtkampf um die globale Vorherrschaft schon fast verloren, glaubt Andrew Marr. China wird über kurz oder lang die Nase vorn haben. Und zwar Dank KI, einer nach wie vor unterschätzten Technologie, die die Menschheit bereits an der Rande der technologischen Singularität gebracht hat. Marr ist sich sicher: "Die Nation, die künstliche Intelligenz zuerst mit voller Kraft und effektiv einsetzt, wird gegenüber jedem Rivalen einen enormen Anfangsvorteil haben. Die militärischen Institutionen der relevanten rivalisierender Staaten glauben, dass ASI (Artificial Superintelligence) alles verändern kann - von Logistik über Raketensteuerung und Drohneneinsätzen bis hin zu biologischen Waffen. Ob es die Akademie der Militärwissenschaften in Peking oder das Pentagon ist, das bei der militärischen Nutzung von KI die Führung übernimmt, wird die Konfrontation zwischen den Supermächten entscheidend beeinflussen. Und genau deshalb sind Handelsfragen relevant. Das Weiße Haus hat verzweifelt versucht, den Technologietransfer modernster KI-Technologien nach China zu verhindern, insbesondere mit Blick auf Grafikprozessoren (GPUs), die einen Großteil der Rechenlast tragen. Doch wie der Start der chinesischen KI DeepSeek im Januar zeigte, könnte es bereits jetzt unmöglich sein, China aufzuhalten. Trump bezeichnete den DeepSeek-Launch als einen 'Weckruf für Amerika'. Als Antwort auf frühere Handelsbeschränkungen hat er den Export von H20-GPUs - entwickelt von Nvidia, dem weltweit größten Halbleiterunternehmen - für den chinesischen Markt eingeschränkt. Jensen Huang, der taiwanesisch-amerikanische Chef von Nvidia, eilte am 17. April nach Shanghai, um zu besprechen, wie es weitergehen soll. Angesichts der tiefen Verflechtungen der Technologie-Lieferketten und Chinas bereits erreichtem Fortschritt erscheint es unwahrscheinlich, dass die USA Chinas Vormarsch zur mächtigsten KI-Nation noch lange aufhalten können."
Archiv: New Statesman

Hlidaci pes (Tschechien), 28.04.2025

Rechtzeitig vor den tschechischen Parlamentswahlen im Herbst hat die APRA, ein Zusammenschluss tschechischer PR-Agenturen, eine Konferenz veranstaltet, um einen gemeinsamen ethischen Verhaltenskodex für politische Kommunikation und speziell Wahlkampagnen auszuarbeiten. Vertreter aller tschechischen Parteien waren eingeladen, wie Ondřej Neumann berichtet, jene Parteien, die eine Orientierung an ethischen Maßstäben am dringendsten nötig hätten, seien bei der Veranstaltung freilich nicht vertreten gewesen. "Der Kodex soll die Politikvermarkter zum Beispiel dazu verpflichten, den Gebrauch von KI zuzugeben und zu kennzeichnen, in den Kampagnen auf Falschbehauptungen zu verzichten, keine hasserfüllten Inhalte zu verbreiten, nicht zu Gewalt, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus aufzurufen, außerdem die Medienfreiheit zu respektieren und nicht zu Angriffen auf Journalisten aufzurufen." Die Teilnehmer der Diskussion berichteten von ihren praktischen Schwierigkeiten. So sagt Jakub Skyva, Wahlkampfmanager des konservativen Parteienbündnis SPOLU, der durchschnittliche Tscheche widme der Politik täglich drei Minuten, und um diese begrenzte Zeit kämpften dann alle auf dem Markt der politischen Parteien und Ideen. "Das ist auch ein Grund, warum alles immer gröber wird; wir rangeln um ein Stück des medialen Kuchens. Der Wunsch, gesehen zu werden, und die Jagd nach Aufmerksamkeit ist enorm." Lukáš Novák, Wahlkampfmanager der Partei STAN, glaubt immerhin, das Konzept des Hasses habe sich erschöpft. "Manchmal ist die Form der Kommunikation Teil des Inhalts. Aber ich fürchte, dass diejenigen, die den Ethikkodex eigentlich unterzeichnen sollten, ihn nicht unterschreiben werden", sagte er auf der Veranstaltung.
Archiv: Hlidaci pes
Stichwörter: Tschechien, Rassismus

Persuasion - Substack, Yascha Mounk (USA), 23.04.2025

Yascha Mounk führt eines seiner anregenden Gespräche, diesmal wieder mit dem politischen Denker Ivan Krastev. Dass das politische System Amerikas nicht reparabel sei, ist eine alte Idee, sagt er. Sie wurde zum Beispiel von der radikalen Linken in den Siebzigern verfochten, was Krastev Gelegenheit gibt, ein hübsches Diktum Ciorans einzuflechten: "Geschichte ist Ironie in Bewegung". Samuel Huntington hätte die Diagnose der damaligen Linken in seinem Buch "American Politics - The Promise of Disharmony" beschrieben. "Interessant war jedoch - und Huntington hat dies sehr gut herausgestellt -, dass die Kritik an den amerikanischen Institutionen und der amerikanischen Politik vom Standpunkt des amerikanischen Ideals aus geäußert wurde. Die Rebellen auf den Straßen sagten: Ihr habt das Versprechen nicht erfüllt. Und dann machte Huntington diesen sehr wichtigen Punkt. Er sagte: Wenn das der Fall ist, dann ist der amerikanische Traum keine Lüge, sondern Amerika ist nur eine Enttäuschung. Was ich heute nicht sehe, ist eine Kritik an Amerika aus dem Blickwinkel des amerikanischen Ideals. In gewisser Weise habe ich das Gefühl, dass für viele Trump-Anhänger die Idee des amerikanischen Traums heute etwas ist, für das es sich aus vielen Gründen nicht zu kämpfen lohnt." Eine solche Abkehr vom amerikanische Traum hat sich aber parallel auch auf der Linken vollzogen, setzt Mounk hinzu. Und zwar als die Linke anfing zu behaupten, "dass die Definition von Amerika nicht '1776', sondern '1619' lautet (das ist das Jahr in dem das erste Sklavenschiff in Amerika landete, d.Red.) Die Definition Amerikas läge also nicht in dem Ideal, das ihm in die Wiege gelegt wurde, sondern in den Unzulänglichkeiten, die es seit je kennzeichnen. Wenn wir einen Wettbewerb zwischen zwei politischen Kräften haben, die beide zu dem Schluss gekommen sind, dass das amerikanische Ideal trügerisch ist und nicht verwirklicht werden kann, dann fühlt sich das an wie Sklerose. Es fühlt sich an wie das Ende eines Projekts."

Eurozine (Österreich), 29.04.2025

Anfang April starb die ukrainische Künstlerin und Soldatin Marharyta Polovinko bei einem Fronteinsatz (siehe dazu auch Monopol). Dmytro Chepurnyi, Kurator und ebenfalls im ukrainischen Militär, nimmt dies zum Anlass für einen melancholischen Blick auf Kulturschaffende im Krieg. "Wie die Arbeiten anderer ukrainische Künstler wandelte sich auch Polovinkos Kunst im Jahr 2022. Sie malte fortan wie unter Zwang. Ihre Materialen wurden symbolisch: Zeichnungen, die sie mit Stiften anfertigte, die kaum noch Tinte hatten, und sogar mit Blut, um den rohen, ungefilterten Schmerz ihrer Generation zum Ausdruck zu bringen. 'Die Kunst kam zu mir, wo es ohne sie am unerträglichsten gewesen wäre', sagte sie 2023 in einem Interview. Aber sie räumte auch ein, dass ihre im Krieg entstandenen Zeichnungen sich unteilbar anfühlten: 'Das ist Blut, das ist Schmerz, das ist Leid. Es ist ein Material, das keinen Ort hat. Ich will nicht, dass es existiert.' ... Meine Generation der Kulturarbeiter wird durch den Verlust neu geformt. Wie jene, die der sowjetischen Unterdrückungen widerstanden und mit ihrem Leben dafür bezahlten, dass sie auf  Ukrainisch schrieben oder die nationale Idee weitertrugen, lernen wir gerade, unseren Trotz und unseren Willen in die Geschichte einzuschreiben. Dieser Krieg formt uns - das hartes Leiden, das an sich schon unauslöschliche Spuren hinterlässt, verwandelt sich in die Dringlichkeit, zu sprechen und zu erinnern. ... Wir lernen, uns zu erinnern, Widerstand zu leisten und in einer Sprache zu sprechen, die sowohl das Gewicht der Vergangenheit als auch die Dringlichkeit der Gegenwart trägt."
Archiv: Eurozine

Istories (Lettland / Russland), 25.04.2025

Sonya Savina und Egor Feoktistov erzählen die traurige Geschichte des Amerikaners Michael Gloss, der als Pazifist und Mitglied der "Rainbow Family", eine Art internationale Hippie-Gemeinschaft, die Welt bereiste, um seinen Blick zu weiten und der Menschheit zu helfen. Und der statt dessen begann, Amerika zu hassen. Schließlich landete sein Name in der russischen Rekrutierungsdatenbank. "Seine Adresse wurde als Vertragsrekrutierungszentrum in der Jablotschkowa-Straße angegeben, und seine 'Wohnung' war ein medizinischer Untersuchungsraum mit der Nummer 302. Dies war die Adresse, die Ausländern gegeben wurde, die nach Moskau kamen, um einen Vertrag mit dem russischen Verteidigungsministerium zu unterzeichnen und dann in die Ukraine zu ziehen." Michael wurde am 4. April 2024 getötet, teilte seine Familie in einem Nachruf mit. Von den näheren Umständen wissen sie nichts. "Michael selbst sagte Mert, einem Mitglied der Balkan Rainbow Gathering, dass er der Armee beigetreten sei, um einen russischen Pass zu bekommen - nicht um zu kämpfen. Die russische Staatsbürgerschaft, sagte er, sollte ihm helfen, seinen 'Lebenszweck' zu erfüllen. Den beschrieb er wie folgt: 'Mein Lebensziel ist es, eine Infrastruktur für die superkritische Wasseroxidation aufzubauen. Um der Umweltverschmutzung und den mit der Verschmutzung verbundenen Krankheiten und Todesfällen ein Ende zu setzen, d.h. Krebs, Lymphome und all die hormonellen Probleme, die mit Mikroplastik und Östrogenen im Wasser zusammenhängen.'"
Archiv: Istories

Le Grand Continent (Frankreich), 28.04.2025

Der Historiker Alexander Clarkson überlegt, wie Europa auf Trump reagieren sollte. Sein Szenario ist dramatisch. Europa, so meint er, steht einem drastisch geschwächten Amerika gegenüber. Denn Trump handele in einem entscheidenden Punkt anders als Putin oder Orban - und genau damit könnte er Amerika in den Abgrund führen: "Dies ist eines der krassesten Paradoxa in der Machttheorie der neuen konterrevolutionären Elite in Washington: Theoretisch sichert ihnen die Politisierung der Steuerbehörde, der Bundespolizei oder der Sicherheitsbehörden einen dauerhaften Griff nach der Macht, in der Praxis aber schwächt das durch dieses überstürzte Vorgehen verursachte Chaos den Staatsapparat so sehr, dass er nicht mehr funktionsfähig ist. Wo Putins Russland, Erdogans Türkei oder Orbans Ungarn ihren Autoritarismus konsolidiert haben, indem sie die Institutionen nach und nach gleichschalteten, verfolgt die Trump-Administration eine massive und methodisch unausgereifte Zerstörungsstrategie. Das Ergebnis ist heute deutlich: eine überforderte, gespaltene, unterbesetzte und vor allem unfähige Zentralregierung, die ihre Autorität nicht durchsetzen kann."

Guardian (UK), 28.04.2025

Harry Shukman berichtet von seinen Undercover-Recherchen in rechtsradikalen Organisationen. Das Ziel seiner teils sehr riskanten Investigation bestand vor allem darin, mehr über die Finanzierungsnetzwerke der Rechten zu erfahren. Aber gleichzeitig lernte er auch etwas über die Beweggründe von Menschen, die sich rechten Vereinigungen anzuschließen: "Was die einfachen Mitglieder rechtsextremer Organisationen betrifft, so fiel mir besonders ihre große Einsamkeit auf. In Diskussionsrunden, in den Pubs, bei geheimen Treffen auf dem Land sprachen viele davon, sich wie Verstoßene zu fühlen. In den Gruppen hatte ich den Eindruck, dass für die meisten weniger die politische Auseinandersetzung im Vordergrund stand als vielmehr das Bedürfnis nach Gemeinschaft. Sie schilderten eintönige Arbeitstage in belanglosen Jobs und Abende, an denen sie stundenlangen faschistischen Livestreams lauschten. Auf Konferenzen schienen viele kaum den Vorträgen zu folgen - ich zählte regelmäßig die schlafenden Zuhörer, oft waren es mehr als zehn. Am meisten freuten sie sich auf die Kaffeepausen und das gemeinsame Bier nach den Veranstaltungen. Das Bedürfnis nach menschlicher Nähe ist ein häufiger Grund, den sie für ihren Weg in diese Kreise nennen - und eben dieses Bedürfnis macht es oft so schwer, sich wieder zu lösen, selbst wenn sie längst keinen Gefallen mehr an der Szene finden."
Archiv: Guardian

Africa is a Country (USA), 25.04.2025

In Kenia hat Kenyattas Nachfolger, sein Vize William Ruto, der 2022 die Wahlen gewann, die Opposition durch Umarmung praktisch ausgeschaltet, erklärt Achan Muga. Beispiel Raila Odinga: Der 80-Jährige ist der prominenteste Oppositionspolitiker Kenias. Seine "Partei 'Orange Democratic Movement' hat inzwischen 50 Prozent der Regierungsposten in einer gestärkten 'Regierung auf breiter Basis' zugewiesen bekommen". Siege oder Niederlagen "bei Wahlen, vor Gericht, auf der Straße, selbst in Addis Abeba, sind für ein Establishment, das die Dinge nur so handhabt, wie es das am besten kann, nämlich durch den Zusammenhalt der Eliten oder, besser noch, durch die Kohabitation der Eliten, nicht wirklich von Bedeutung. In Anbetracht seiner Hauptrolle in den umstrittensten Episoden des Ruto-Regimes - nämlich der Zusammenarbeit mit dem Präsidenten bei der Amtsenthebung von Ex-DP Rigathi Gachagua und der Förderung der umstrittenen, milliardenschweren Adani-Geschäfte - gilt Odinga inzwischen als Giftmischer Nummer eins. Aber er ist bei weitem nicht der einzige, der Ruto unterstützt. Nach einem Fototermin per Handschlag wurden mehrere Loyalisten von Ex-Präsident Uhuru Kenyatta im Dezember 2024 in Regierungsämter berufen, womit das Kriegsbeil zwischen den besten Freunden, die zu Feinden wurden, offiziell begraben wurde." Für die Kenianer, und vor allem für die Gen Z, sind es düstere Aussichten: "Was ist die 'Gen Z' überhaupt - eine Altersgruppe, eine Gruppe in den sozialen Medien, eine soziale Schicht von abwärtsmobilen Yuppies, eine Stimmung, all das, oder irgendetwas, das nicht mit Odinga in Verbindung gebracht wird? Diese Debatten sagen insgesamt etwas Bedrückendes über Kenias Existenz in den Grenzbereichen der illiberalen Demokratie aus. Der Opposition fehlt es zwar nicht an Tiefe, aber an Alternativen. Anderen fehlt Odingas Glanz als dienstältester politischer Gefangener des Landes, seine Fähigkeit, die Straßen zu mobilisieren, und die kultische Anziehungskraft, die er dadurch erlangt hat, dass er den Kampf um Wahlgerechtigkeit aufgab, um dem Blutvergießen ein Ende zu setzen. Dieser Einfluss hat ihn zu einem schwergewichtigen Kandidaten gemacht, der ein Wahlergebnis nach dem anderen anfocht und schließlich die Glut des Bürgerkriegs mit einem kapitulierenden Händedruck nach dem anderen löschte. Statt echte politische Macht auszuüben ist er lediglich eng mit dem jeweiligen Präsidenten verflochten, was ihn zum einzigen Gesprächspartner der Opposition macht. Odinga tummelt sich in diesem exklusiven Grenzbereich und ist ein Teil dessen, was Kenia zurückhält."

HVG (Ungarn), 24.04.2025

Seit geraumer Zeit wird behauptet, dass die amerikanische Regierung unter Donald Trump beim Umbau des Staatsapparats und der staatlichen Institutionen einer "ungarischen Blaupause" folgen würde. Der Medienwissenschaftler Gábor Polyák zieht nun einen Vergleich im Falle der Universitäten: "Harvard bleibt vorerst standhaft und weigert sich, politische Einmischung in seinen Betrieb zuzulassen, aber das Spiel ist noch nicht vorbei. Andere Universitäten haben bereits kapituliert. Trotz der Proteste von Studierenden und Lehrkräften in ganz Amerika ist es den konkurrierenden Universitäten nicht gelungen, eine kohärente Strategie zu entwickeln. Die Welt schaut zu, wer sich in der Schlacht zwischen Trump und der akademischen Freiheit durchsetzen wird. Die politische Besetzung der ungarischen Universitäten wurde von Demonstrationen und Protesten begleitet, aber nur gelegentlich. Die SZFE war die einzige Einrichtung, die sich geschlossen gegen die Regierung stellen konnte, wurde aber von den anderen Universitäten allein gelassen. Letztendlich kann der Gewinner des Dissenses und der abweichenden Revolutionen überall nur die Regierung sein. Das Spiel hier ist vorbei."
Archiv: HVG

Dekoder (Deutschland), 24.04.2025

Foto © Max Sher


Die Stadt Kars wurde als Schauplatz in Orhan Pamuks Roman "Schnee" berühmt: In der langen Geschichte der heutigen ostanatolischen Provinz war Kars mal osmanisch, dann russisch und heute türkisch, lesen wir bei Dekoder. Der russische Fotograf Max Sher geht der Geschichte von Kars in einem neuen Bildband fotografisch nach, Dekoder zeigt eine Auswahl von Bilder, wie dies oben: Es zeigt "einen Gedenkmarsch anlässlich des 95. Jahrestags der Schlacht von Sarıkamış in den Allahuekber-Bergen. Diese Schlacht zwischen osmanischen und russischen Truppen im Ersten Weltkrieg forderte zwischen Dezember 1914 und Januar 1915 auf beiden Seiten zehntausende Todesopfer. Sie begann mit einer Offensive unter der Führung des osmanischen Oberbefehlshabers Enver Paşa, der versuchte, das Gebiet um Kars von Russland zurückzuerobern. Die Aktion endete in einer verheerenden Niederlage der türkischen Armee - verursacht durch strategische Fehlentscheidungen, schlechte Kommunikation zwischen den Truppenteilen und fehlende Vorbereitung auf winterliche Kämpfe im Gebirge. Allein am 13. Dezember 1914 erfroren tausende türkische Soldaten bei dem Versuch, die Berge auf dem Weg zur russisch kontrollierten Grenzstadt Sarıkamış zu überqueren. Auf russischer Seite kämpften auch mehrere tausend armenische Freiwillige, was Enver Paşa dazu veranlasste, seine Niederlage allein ihnen zuzuschreiben. Historikern zufolge führte dies zu Deportationen und Massakern an osmanischen Armeniern - geplant und durchgeführt durch Enver Paşa und seine Verbündeten - und mündete schließlich im Völkermord an den Armeniern von 1915."
Archiv: Dekoder

Desk Russie (Frankreich), 13.04.2025

Der Journalist und Russland-Experte Jean-François Bouthors polemisiert gegen den überall gefeierten italienischen Autor Giuliano da Empoli. Sein neuester Essay "Die Stunde der Raubtiere - Macht und Gewalt der neuen Fürsten" ist in Frankreich schon erschienen und kommt auf Deutsch im September bei C.H Beck heraus. Darin schildert er seine Begegnungen mit den Mächtigen und verabschiedet die Idee einer demokratischen Weltordnung. Dafür argumentiert er mit Machiavelli. Aber ein derartiger "Realismus" ist ein Defätismus, hält ihm Bouthors entgegen. Machiavelli sei überdies nicht einfach ein Zyniker der Macht, als den ihn Da Empoli wie so viele missverständen, sondern er wolle politische Intelligenz zur Verteidigung der Republik einsetzen. "Für Machiavelli hatten die Großen eine natürliche Neigung zur Ungerechtigkeit, die nur durch den Widerstand des Volkes gemildert werden konnte, und wenn er die Kunst der Politik mit klinischer Genauigkeit beschreibt, dann deshalb, damit der Konflikt der Begehrlichkeiten seine wohltuenden Anpassungswirkungen entfalten kann. In seinem Sinne sollte man nicht resignieren, sondern kämpfen... Der ehemalige Berater Matteo Renzis vergisst, dass es laut Machiavelli gerade das Fehlen von Grenzen, das Fehlen von Widerstand ist, das die Herrschenden in die Katastrophe, das Scheitern oder das Versinken in den Morast ihrer ersten Erfolge führt. Dies lässt sich an Donald Trump bereits beobachten, der sich als schlimmster Feind der USA erweisen könnte."
Archiv: Desk Russie

New Yorker (USA), 28.04.2025

Momentan strauchelt die US-amerikanische Demokratie, aber tot ist sie noch nicht, analysiert Andrew Marantz im New Yorker die Situation, im Vergleich zu Ungarn, El Salvador, Brasilien und Indien. Für ihn gibt es noch Grund zur Hoffnung: "Ein Paradox bei Diktatoren wie Bukele und Modi ist, dass ihre antidemokratischen Manöver sie wirklich populär gemacht haben. Brich genügend bürokratische Blockaden, entweder durch Erfindungsreichtum oder gangsterhafte Einschüchterung, und die Leute feiern dich als Mann der Tat. Es ist noch zu früh, um zu sagen, ob Trumps frenetische Herangehensweise seinen Popularitätswerten guttun oder ihnen schaden wird, aber man kann unmöglich verneinen, dass er ein Mann der Tat ist. Der zentrale Grundsatz des kompetitiven Autoritarismus ist jedoch, dass auch ein Autokrat, auch einer, der seine Karten schon auf den Tisch gelegt hat, immer noch verlieren kann. In Polen hat die PiS-Partei ihre Macht nach dem ungarischen Modell zu verfestigen gesucht - ist dabei aber zu weit gegangen, insbesondere mit einer Serie von unpopulären Anti-Abtreibungsmaßnahmen, und hat 2023 die Mehrheit verloren. In Brasilien hat Jair Bolsonaro, der 'Trump der Tropen' 2022 versucht, seine Wiederwahl zu manipulieren, aber alle seine Bemühungen sind fehlgeschlagen. Er muss sich bald vor Gericht verantworten, weil er versucht hat, die Regierung zu stürzen. Rodrigo Duterte von den Philippinen schien einst unbesiegbar, ist aber im März verhaftet und nach Den Haag gebracht worden. In Ungarn gibt es nächstes Jahr Wahlen und Orbán muss sich zum ersten Mal seit Jahrzehnten einem beachtlichen Herausforderer stellen müssen. Gerade sind die Umfragen unentschieden. Nichts in der Politik ist permanent und nichts ist unausweichlich. Der Historiker Timothy Snyder warnt vor 'vorauseilendem Gehorsam' gegenüber Tyrannei: Fatalismus kann eine eigene Form von Kapitulation sein. Aber auch eine entkernte Demokratie kann immer von den Toten wiederauferstehen."
Archiv: New Yorker