Magazinrundschau

Mann auf die Sonne

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
11.03.2025. Bis jetzt wurde das 21. Jahrhundert von niemandem so geprägt wie von Wladimir Putin, konstatiert - wenn auch ungern - The Atlantic. Donald Trumps Behandlung Selenskis erinnert Timothy Snyder in Desk Russie stark an den Antisemitismus der Sowjets. Das Institute for the Study of Contemporary Antisemitism belegt ein frühes Bedürfnis, Israel Genozid vorzuwerfen. KI ist eine Stimme für die Arschlöcher, schimpft The Baffler, der ihre Anwendung im Film kategorisch ablehnt. Die BBC warnt vor den Folgen von Verwandtenehen. Der New Yorker lernt einiges über die Briten in einem Buch über die Große Hungersnot in Irland.

The Atlantic (USA), 10.03.2025

Man kann sich gern schwarz ärgern, aber es nützt nichts: Das 21. Jahrhundert ist - bis jetzt - die Epoche Wladimir Putins, meint Franklin Foers und zählt Putins Siege auf, "angefangen mit dem Brexit, einem Ereignis, das er sich sehnlichst wünschte und auf das er hinarbeitete. Das war ein reines Omen. Seine populistischen Verbündeten in Frankreich und Deutschland bilden heute die stärksten Oppositionsblöcke in diesen Ländern. In der Europäischen Union kann er auf Viktor Orbán zählen, der Brüssel zum Schweigen bringt, wenn es gegen russische Interessen vorgehen will." Mit dem Einfrieren der Militärhilfe für die Ukraine und der Weigerung, ihr Geheimdienstinformationen weiterzugeben, hat die Trump-Administration Russland im Ukrainekrieg gerade "unglaubliche Vorteile auf dem Schlachtfeld verschafft", und sogar Putins Privatvermögen ist sicher: "Eines von Putins Kernzielen war der Schutz seines persönlichen Vermögens, das er mit Schmiergeldern und Geldern, die er heimlich von öffentlichen Konten abgeschöpft hat, aufgebaut hat. Der Schutz dieses unrechtmäßig erworbenen Geldes und des Geldes seines inneren Kreises beruht auf Geheimhaltung, Irreführung und Diebstahl - alles Werte, die der Demokratie abträglich sind. Kleptokraten, ganz nach dem Vorbild der russischen Oligarchie, wollen ihr Geld in der relativen Sicherheit und Anonymität amerikanischer Immobilien und Banken aufbewahren. Vor nicht allzu langer Zeit hat sich ein parteiübergreifender Konsens gebildet, um Gesetze zu verabschieden, die es ausländischen Kleptokraten erschweren, Briefkastenfirmen zu missbrauchen, um ihr Geld hierher zu bringen. Doch als eine seiner ersten Amtshandlungen hat Trump diese Reformen zerschreddert."
Archiv: The Atlantic

Desk Russie (Frankreich), 10.03.2025

Ein Aspekt wurde in den Reaktionen auf die versuchte Demütigung von Wolodimir Selenski durch Donald Trump und seine Vasallen im Oval Office nicht genug berücksichtigt, konstatiert der Historiker Timothy Snyder: die Fortführung eines Antisemitismus aus der Sowjet-Zeit. Dieser spezifische sowjetische Antisemitismus enthielt neben den gängigen Verschwörungs-Klischees auch die Idee, dass ein Jude niemals legitimerweise in eine mächtige Position gelangen könne, so Snyder. In der heutigen russischen Propaganda spielt dieses Motiv eine große Rolle - Selenski wird als illegitimer Staatschef einer Nation verunglimpft, einer Nation, die zudem eigentlich gar nicht existiert. Bei dem Treffen im Oval Office vermischte sich der "amerikanische Antisemitismus mit dem russischen Antisemitismus" und verstärkte ihn, meint Snyder: "Selenskis Mut, in Kiew zu bleiben, wurde nicht anerkannt. Die Amerikaner stellten sich als die wahren Helden dar, weil sie einen Teil der Waffen lieferten. Das Leid der Ukrainer wurde nicht erwähnt. Der Versuch, dieses Thema anzusprechen, wurde grausam und fälschlicherweise als eine von Selenski geführte 'Propagandatour' deklariert. Die Amerikaner stellten sich als die wahren Opfer des Krieges dar, da sie einen Teil der Waffen bezahlten. Merkwürdigerweise drehte sich alles nur ums Geld. Im Hinblick auf die Ukraine existiert eine merkwürdige, von Trump inspirierte Vorstellung: Die Hilfen müssen zurückgezahlt werden, als handele es sich um ein Darlehen, Trump selbst hat den geschuldeten Betrag einfach erfunden. Selenski wurde als jemand dargestellt, der unser Geld nahm, uns nichts zurückgab und uns betrogen hat. Außerdem machte man sich über ihn lustig, weil er nicht wusste, wie er sich für den Anlass kleiden sollte, als ob er nicht dazugehörte."
Archiv: Desk Russie

Institute for the Study of Contemporary Antisemitism (USA), 01.03.2025

Normalerweise zitieren wir keine universitären Studienpapiere - aber dieses wurde von Steven Pinker empfohlen, und darum haben wir es gelesen. Seit dem 7. Oktober werden Israel Genozidvorwürfe gemacht. Interessierte Stellen gehen so weit, die Genoziddefinitionen auszuweiten oder bei Institutionen Ausweitungen des Begriffs vorzuschlagen, damit die israelische Kriegsführung darunter fällt. Diese Technik ist keineswegs neu, zeigt Norman JW Goda in einem ausführlichen und gut belegten Text. Ähnlich erging es Israel vor der UNO schon mehrfach und besonders im Libanonkrieg Anfang der Achtziger. Besonders das Massaker von Sabra und Schatila zog Genozidvorwürfe auf sich. Christliche Milizen hatten damals in Flüchtlingslagern Hunderte wehrlose palästinensische Zivilisten umgebracht. Das Massaker hat auch in Israel zu einer Untersuchungskommission geführt, so Goda: Die Kommission kam zu dem Ergebnis, dass Verteidigungsminister Ariel Scharon eine indirekte Schuld trug, weil "er die Wahrscheinlichkeit, dass Rachegelüste christlicher Milizionäre zu Blutvergießen führen könnten, ignoriert und keine Maßnahmen ergriffen hatte, um dies zu verhindern". In der UNO untersuchte die MacBride-Kommission die Vorgänge und wandte auch damals schon einen "erweiterten" Genozidbegriff an, damit das israelische Verhalten hineinpasste. "Seriöse Fachzeitschriften für internationales Recht nahmen den Bericht der MacBride-Kommission nicht ernst. Anders das Milieu der Nahoststudien. Das Journal of Palestine Studies und andere Zeitschriften wie Race and Class veröffentlichten lange Auszüge aus dem 282-seitigen Bericht als 'Sonderausgabe', darunter viele der Kommentare zum Völkermordvorwurf. Angesichts der Anerkennung aus diesen Kreisen im Jahr 1983 ist es merkwürdig, dass niemand, der Israel nach 2023 des Völkermords beschuldigt, insbesondere innerhalb der UNO, den früheren 'Völkermord' Israels von 1982 anführt. Möglicherweise möchte niemand, dass darüber gesprochen wird. Denn wenn jemand die tendenziösen Debatten der Generalversammlung aus diesem Jahr lesen würde, wäre dies sowohl für die UNO als auch für diejenigen, die heute ähnliche Anschuldigungen erheben, peinlich."

HVG (Ungarn), 06.03.2025

In der vergangenen Woche bezeichnete der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán die Ukraine als "das Ukraine genannte Gebiet", andere Regierungsvertreter fügten die Formulierung "das als Ukraine bezeichnete Problem" hinzu. Es soll in Ungarn zügig ein von der ungarischen Regierung initiiertes Referendum über eine zukünftige Mitgliedschaft der Ukraine in der Europäischen Union abgehalten werden, wobei die Regierung klar gemacht hat, dass es nicht passieren dürfe, dass die EU das Land Ukraine am Leben hält. Imre Para-Kovács meint dazu: "Es besteht kein Zweifel daran, dass nach 15 Jahren gescheiterter Regierungsführung, in denen die unoriginelle persönliche Kapitalakkumulation freilich reibungslos funktionierte, niemand mehr erwartet, dass die Regierung eine Gesundheitsreform in Angriff nimmt oder versucht, das Defizitziel zu erreichen, um den Euro einzuführen. Nein. In einer solchen Situation kann eine Regierung entweder die Hände in die Luft heben und sagen: Wir haben es versucht, sind aber gescheitert, wir sind leider ungeeignet für den Job, was ziemlich weit von der Vision der Staatspartei entfernt ist, oder sie kann sich die Fantasie 'Wir schicken einen Mann auf die Sonne' ausdenken, sich dem Aggressor anbiedern, die Opfer niedertrampeln und beten, dass das Böse das Gute besiegt, weil es sonst keinen Generalstaatsanwalt gibt, der sie aus der Scheiße zieht."
Archiv: HVG

The Baffler (USA), 03.03.2025

Mit Schaum vor dem Mund nimmt sich Aaron Timms noch einmal Bradley Corbets "The Brutalist" vor, beziehungsweise dessen Entscheidung, die ungarischen Akzente zweier Schauspieler per KI aufzuhübschen. Das geht gar nicht, findet Timms: "Das Problem mit 'The Brutalist' ist, dass die Zuschauer - vor allem versierte, Ungarisch sprechende Zuschauer, aber theoretisch wir alle - der Möglichkeit beraubt werden, sich eine eigene Meinung über die Qualität der Sprecher zu bilden, da die fremdsprachigen Akzente im Film bereits perfekt sind. Allgemeiner betrachtet birgt diese Art von Anti-Wabi-Sabi das Potenzial, das Filmerlebnis weniger unterhaltsam zu machen, indem eine aktive kritische Auseinandersetzung durch eine eintönige Wertschätzung maschinell verwalteter Makellosigkeit ersetzt und Schauspiel weniger interessant wird. Zudem stellt die Technik einen Verrat an einem grundlegende Prinzip dar, auf dem dichte, mythologisch aufgeladene Filme beruhen. 'The Brutalist' gehört, mit seinem elefantösen Symbolismus, leicht nichtssagenden literarischen Anspielungen und dem ehrgeizigen Versuch, Sebaldsche Unauflösbarkeit mit Randianischer Monumentalität zu verbinden, eindeutig in diese Kategorie. Solche Filme basieren auf der Vorstellung, dass Schauspiel eine Methode ist - ein Handwerk, ein Kampf - und dass jede Darbietung Ausdruck individueller Kunstfertigkeit ist. 'Adriens und Felicitys Darstellungen sind völlig ihre eigenen", argumentiert Corbet. Doch das sind sie nicht." Freilich wird man während der Lektüre das Gefühl nicht los, dass Timm letztlich einem arg limitierten, allzu authentizitätsfixierten Kunstbegriff anhängt. Und spätestens gegen Ende schüttet er gleich mehrere Kinder mit dem Bade aus: "KI in die Kunstproduktion einzubinden - egal wie sparsam oder subtil - bedeutet heute, die Politik und Weltanschauung von Silicon Valley zu unterstützen: die Ausbeutung von Produzenten und 'Nutzern', Gleichgültigkeit gegenüber den sozialen Folgen von Entlassungen nach Automatisierungen und den ökologischen Schäden industrieller Datenverarbeitung, die enge und wenig inspirierende Vorstellungskraft, die sie propagiert, die Versteinerung von Kreativität. KI ist eine Stimme für die Arschlöcher. Da diese Modelle ihre Stärke aus der Beherrschung des Bekannten schöpfen, bedeutet der Einsatz von KI zur Verbesserung von Kunst implizit eine Kapitulation: die Anerkennung, dass Kultur stillsteht, dass alles nur noch rekursiv ist und es kein unentdecktes Terrain mehr gibt."
Archiv: The Baffler

BBC Magazine (UK), 27.02.2025

Luke Mintz und Sue Mitchell fassen ein äußerst heikles Thema an: Verwandtenehen. Sie greifen auf eine Studie zum Thema von Ärzten in Bradford zurück, die seit Jahrzehnten läuft und beunruhigende Ergebnisse hatte. In den Daten "stellten die Forscher fest, dass Verwandtschaft ersten Grades möglicherweise weitreichendere Folgen hat als bisher angenommen". In Bradford leben besonders viele Einwanderer pakistanischer Herkunft. Viele Ehen werden unter Verwandten geschlossen. Erbkrankheiten sind häufig, manche sehr schwer. Mintz und Mitchell zitieren verschiedene Stimmen zum Problem. In Norwegen und Schweden, erzählen sie, seien Ehen unter Cousins und Cousinen ersten Grades verboten worden. Dafür wurden nicht nur gesundheitliche Gründe angeführt: In Norwegen "erklärten die Gesetzgeber, die Praxis sei mit Zwangsheirat verbunden. Sie untersuchten auch den Zusammenhang mit sogenannter 'Ehren'-Gewalt, so Tonje Egedius, eine Journalistin, die über die Geschichte für eine norwegische Zeitung berichtete. 'Die Polizei behauptet, dass die Heirat mit einem Cousin es erleichtert, die Ehre in den Familien zu wahren', sagt sie, 'und dass Heirat innerhalb der Familie eine Ursache für ehrbezogene Gewalt und Missbrauch ist.' Jasmina Holten, eine leitende norwegische Polizeibeamtin, sagte in einem Interview mit dem norwegischen Sender NRK im vergangenen Jahr, dass einige Frauen, die zur Heirat mit einem Cousin gezwungen wurden, in finanzieller Abhängigkeit von Verwandten gefangen seien." In Großbritannien werden aber laut Mintz und Mitchell sozialpädagogische Ansätze verfolgt - und tatsächlich sei die Zahl der Verwandtenehen gesunken von früher 39 Prozent auf jetzt 27 Prozent in den betreffenden Communities.
Archiv: BBC Magazine

Dekoder (Deutschland), 06.03.2025

Auf Dekoder übersetzt Irina Bondas einen Text der belarussischen Autorin Mariya Lappo ins Deutsche, der im Original 2014 in ihrem Erzählband "Kontinuum" erschien. Darin versucht die Autorin das gesellschaftliche Klima, noch vor dem großen Wahlbetrug am 9. August 2020, im Land der Kartoffeln (so die ironische Selbstbezeichnung der Belarusen) zu ergründen. Hier der Anfang: "Sollen doch muslimische Frauen in Paris in Burkas herumlaufen und ihre Gesichter dahinter verbergen, wir brauchen uns nicht in Burkas zu verstecken, schließlich haben wir wunderbare geräumige Kartoffelsäcke, die sich außerordentlich bequem über den Kopf ziehen lassen. Und während Burkas diejenigen, die sie tragen, kein bisschen glücklicher machen, bringen unsere Säcke ihren Besitzerinnen und Besitzern ausnahmslos Glückseligkeit. Nicht nur, weil es ein kultiger Modetrend ist oder Sie unabhängig vom Modell, keinen einzigen Rubel ausgeben müssen (findet sich doch in jedem Haushalt ein Kartoffelsack), sondern vor allem, weil ein Kartoffelsack wesentlich besser schützt als eine Burka. Lässt doch eine Burka die Augen frei, 
durch die alles Mögliche nach innen gelangen,  
direkt ins Herz fallen  
und es so aufwühlen kann,  
dass es sinkt..."
Archiv: Dekoder
Stichwörter: Lappo, Mariya, Belarus

Guardian (UK), 10.03.2025

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Sophie Elmhirst gratuliert der australischen Autorin Helen Garner zum Achtzigsten. In ihrer Heimat wird sie seit fünfzig Jahren verehrt und gefeiert, berühmt wurde sie mit ihrem Roman "Monkey Grip", in dem es darum geht, wie sie in den 1970er Jahren mit ihrer Tochter in Kommunenhäusern in Melbourne lebte.  Sie ist so beliebt, "dass ihr Verleger kürzlich ihre Einkaufsliste - Äpfel, Birnen, Sardinen, Alufolie - auf seinem Blog veröffentlichte, weil er so oft von Lesern gehört hatte, sie würden alles lesen, was sie schrieb." International ist sie längst nicht so erfolgreich - ob sich das auf ihre alten Tage noch ändern wird? Im März werden jedenfalls in Großbritannien und den USA ihre Tagebücher unter dem Titel "How to End a Story" in einem 830-seitigen Band veröffentlicht, der zwei Jahrzehnte, von 1978 bis 1998, abdeckt - und dessen Lektüre Elmhirst nur empfehlen kann: "Das Tagebuchschreiben schärfte Garners prägnanten Stil und ihre schonungslose Selbstprüfung. Es hat auch ihren Blick geschult. Er schweift weit umher, obwohl er selten auf große Ereignisse fällt. Als sie nachsah, was sie im Jahr 1975 über den Zusammenbruch der australischen Regierung, der als die größte Verfassungskrise in der Geschichte des Landes gilt, geschrieben hatte, fand sie keinen einzigen Eintrag. Stattdessen ist es das Alltägliche und Besondere, das Garners Aufmerksamkeit erregt: die große Scham, wenn ihr eine Freundin sagt, dass ihr ein Hemd nicht steht, die tiefe Trauer, wenn ein Kind das Haus verlässt, der 'große weiche Klumpen Scheiße', den ihr Enkel auf ihrem Klavierhocker abgelegt hat. Der Gesamteindruck ist von kompromissloser Ehrlichkeit geprägt. Niemand wird verschont, am allerwenigsten sie selbst. Allerdings kann man Garners Version von sich selbst nicht immer trauen. Sie kann sich selbst verunglimpfen bis hin zum Masochismus. In den Tagebüchern schimpft sie über ihre Faulheit, über die Tatsache, dass sie nie eine große Schriftstellerin sein wird, über ihre Grenzen als Mutter und Ehefrau. Ihr Aussehen beschreibt sie mal als 'gestärkt', mal als 'struppig': 'Frauen wie ich laufen so schnell, wie sie können, mit dem Ziel, ein verschwommener Fleck zu werden. Als ich sie fragte, wie sie sich jetzt mit ihrem Körper fühle, krähte sie: 'Oh, es ist eine verdammte Horrorshow!'"
Archiv: Guardian

New Yorker (USA), 17.03.2025

Wie das eigentlich wirklich war mit der Großen Hungersnot in Irland, erfährt Fintan O'Toole im New Yorker aus dem Buch "Rot: An Imperial History of the Irish Famine" des Historikers Padraic Scanlan. Während einige Autoren früherer Bücher argumentieren, die Wirtschaftspolitik des britischen Königreiches wäre einem Genozid an den Iren gleichgekommen, kann O'Toole bei Scanlan eine differenziertere Sichtweise nachvollziehen: "Die Briten haben nicht dafür gesorgt, dass die Kartoffeln in der Erde vergammelten. Sie haben, für die Standards des 19. Jahrhunderts, ziemlich große Anstrengungen unternommen, um die Leute am Leben zu halten, Getreide aus Amerika importiert, Suppenküchen errichtet und Arbeitsprogramme gestartet, um die Hungernden einstellen zu können. Aber sie waren verblendet von ihren Vorurteilen, ihrer Ignoranz und ihrer fanatischen Hingabe an zwei Orthodoxien, die auch heute noch quicklebendig sind: Ihr Glaube, Armut liege im moralischen Versagen der Armen begründet, und ihr Glaube an den sogenannten freien Markt. Die Hungersnot war deswegen so verheerend, weil nicht nur die Kartoffeln von Schimmel befallen waren, sondern auch die gängige britische Meinung von kognitiver Fäule." Als wären die Iren einfach nur zu blöd, um auf die Idee zu kommen, man könnte auch anderes als Kartoffeln essen, empfehlen die Briten, auf Fleisch umzusteigen: Sie glaubten, "der Wille, tierisches Fleisch zu essen, würde Anstrengung und Tatendrang stimulieren. So würde der Ausfall der Kartoffelernte, so tragisch die Kurzzeiteffekte auch sein mochten, den Iren beibringen, nach Fleisch zu verlangen und endlich richtige kapitalistische Arbeitstätige werden, sodass sie es sich leisten können würden. 'Wenn die Kelten mal aufhören, Kartoffelphagen zu sein,' schrieben die Herausgeber der London Times, 'werden sie Carnivore.' Sollen sie doch Steak essen, wie Marie Antoinette sicher nie gesagt hat."

Weitere Artikel: Beverly Gage liest Clay Risens Buch "Red Scare: Blacklists, McCarthyism, and the Making of Modern America", ohne bei der Lektüre allzuviel über die Gegenwart herauszuholen. Jackson Arn besucht im Ukrainischen Museum in New York die Ausstellung "Tatlin: Kyiv", die Wolodimir gewidmet ist, nicht Wladimir. Jennifer Homans sah Akram Khans vom Mahabharata inspirierte Choreografie "Gigenis". Alex Ross hört zwei Pianisten am Limit: Yunchan Lim mit Bachs Goldberg Variationen und Seong-Jin Cho mit Ravel. Richard Brody sah im Kino Carson Lunds "Eephus". Lesen dürfen wir außerdem eine Erzählung von Yiyun Li, "Techniques and Idiosyncrasies".
Archiv: New Yorker

London Review of Books (UK), 06.03.2025

Youssef Ben Ismail rezensiert ein Buch Eugene Rogans über das Massaker an Christen in Damaskus im Jahr 1860 und rekonstruiert die damaligen Ereignisse. Ausgangspunkt waren brutale Angriffe drusischer Milizen auf christlich dominierte Dörfer im Libanongebirge. Anschließend verlagerte sich die Gewalt in die Stadt: "Ende Juni 1860, als Nachrichten über die Massaker Damaskus erreichten, feierten örtliche Muslime die Tötungen mit, so Rogan, makabren Totentänzen. In den folgenden Tagen begannen Gerüchte zu kursieren: Christen hätten Muslime in Jerusalem während des Gebets getötet; Christen hätten Muslime in einer Moschee in Homs massakriert; Christen in Damaskus würden sich bewaffnen, um Muslime während des Eid-Festes anzugreifen. Der osmanische Gouverneur der Provinz ließ einen Stadtausrufer durch die Stadt ziehen, um die Bewohner zu beruhigen: 'Wir sind sicher und beschützt … niemand soll sich fürchten.' Die Christen von Damaskus waren jedoch verängstigt. Überlebende des Massakers im Libanon waren angekommen und berichteten von Christen, die am helllichten Tag niedergemetzelt wurden. Im Gegensatz zu den Gerüchten über getötete Muslime in Jerusalem oder Homs entsprachen diese Geschichten der Wahrheit." Bald brach auch in Damaskus die Hölle los. Rogan geht im Folgenden auf die historischen Hintergründe ein, die dem lange friedlichen Zusammeleben verschiedener Ethnien ein Ende setzte. Unter anderem spielen ökonomische Machtverschiebungen im Kontext der Öffnung des Osmanischen Reichs zum Westen eine Rolle: "Die Christen in Damaskus waren die Hauptnutznießer der wirtschaftlichen Expansion Europas. Als französische und britische Kaufleute die Kontrolle über die Wirtschaft der Stadt übernahmen, stützten sie sich auf lokale Christen als Vermittler und Handelspartner. Deren Reichtum wuchs erheblich, oft auf Kosten muslimischer Händler, die Schwierigkeiten hatten, mit der europäischen Konkurrenz mitzuhalten. Westliche Diplomaten verliehen vielen einheimischen Christen den Status eines konsularischen Protégé, der ihnen dieselben rechtlichen und kommerziellen Rechte wie europäischen Untertanen gewährte - ein Status, der mit erheblichen Steuerbefreiungen und Immunität vor osmanischen Gerichten einherging. Die Unzufriedenheit in der muslimischen Mehrheitsgesellschaft wuchs rasch, da viele, wie Rogan es ausdrückt, den plötzlichen Wohlstand der christlichen Gemeinschaft als eine 'Umkehrung der natürlichen Ordnung' betrachteten."