Magazinrundschau

Der Gesang der Wölfe

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
07.01.2025. Die New York Times fragt sich im Ukrainekrieg angesichts der leichten Verfügbarkeit von Drohnen, wie sicher unsere Zukunft noch sein kann. New Lines berichtet über den schwunghaften Schmuggel von Captagon, den Assad und seine Getreuen aufgezogen hatten. Atlantico fragt, wann die westliche Linke ihre Liebe zur iranischen Revolution aufarbeiten wird. Der New Statesman untersucht die Britannien-Obsession der amerikanischen Rechten. The Insider erzählt, wie Putin die russischen Universitäten an die Kandare nahm. n+1 analysiert den filmischen Niedergang von Netflix.

New York Times (USA), 07.01.2025

Ende 2023 kündigte der ukrainische Präsident Wolodymyr Zelenskij an, die ukrainischen Streitkräfte im nächsten Kalenderjahr mit einer Million FPV-Drohnen auszustatten. Der Grund: zu viele verlorene Kämpfe, zu wenige Waffen. Und es gelang den Ukrainern, erzählt C.J. Chivers in seiner Reportage, für deren Lektüre man einen eisernen Magen braucht. Drohnen kosten weniger als andere Waffen und sie verringern für ihre Nutzer das Risiko, beim Einsatz zu sterben. Ihre Wirkung auf den Feind ist furchtbar, wie Chivers bezeugt. Das bringt ihn noch auf einen anderen Gedanken: "In der Vergangenheit hatten Drohnen, die von staatlichen Streitkräften eingesetzt wurden, in der Regel ein gemeinsames Merkmal: Es handelte sich um speziell angefertigte Waffen aus Ländern mit einer langen Geschichte der Waffenproduktion. Als die Ukraine sich kleineren bewaffneten Drohnen zuwandte, wurde eine andere Quelle angezapft: Hobby-Miniflugzeuge, die für Freizeitzwecke und Luftaufnahmen verkauft werden und zivilen Käufern weltweit zur Verfügung stehen. .... FPV-Drohnen - die bereits von Litauen, Großbritannien, der Tschechischen Republik, dem Sudan, Taiwan und syrischen Kampfgruppen eingesetzt wurden - haben sie bereits, und es scheint zweifelhaft, dass irgendeine Nation auf der Erde weiß, wie man ihnen in großer Zahl, geschweige denn in Schwärmen, begegnen kann. Darüber hinaus könnten kleine Drohnen in nicht allzu ferner Zukunft resistent gegen Störsender der elektronischen Kriegsführung sein, was eine der wichtigsten derzeitigen Verteidigungsmaßnahmen überflüssig machen würde, da Innovatoren FPV-Quadcopter testen, die mit künstlicher Intelligenz ausgestattet sind. (Russland und die Ukraine haben auch FPV-Drohnen entwickelt, die mit ultradünnen Glasfaserkabeln betrieben werden, wodurch sie schwerer zu entdecken und unempfindlich gegen Störungen durch Funkwellen sind). Was würde das alles bedeuten? Das weiß noch niemand. Aber unter den Ukrainern, die sich mit dem Drohnenkrieg befassen, herrscht eine einheitliche Meinung vor. Im Jahr 2023 hatte die Ukraine die Wahl: Entweder sie setzte FPV-Drohnen in großem Stil ein oder sie hörte auf zu existieren, was eigentlich gar keine Wahl war. Die Ukraine hatte die Absicht, zu überleben, und da ihre Truppen weiterhin einem weitaus mächtigeren Militär die Stirn boten, betrachten sie das Ziel von einer Million Drohnen als Zeichen der Widerstandsfähigkeit des Volkes und des nationalen Erfolgs, und sie hoffen, so schnell wie möglich mehr Drohnen in mehr Funktionen zu haben. Jenseits dieser weit verbreiteten Ansichten herrscht Ambivalenz, und es gibt viele beunruhigende Fragen. Die niedrigen Kosten und die leichte Verfügbarkeit von Quadcoptern lassen befürchten, dass Streitkräfte, die sich nicht an die Gesetze für bewaffnete Konflikte halten, sie in gezielten Kampagnen gegen Zivilisten und zivile Infrastrukturen einsetzen könnten. Human Rights Watch beispielsweise hat den russischen Einsatz von FPV-Quadcoptern untersucht, um ukrainische Einwohner aus städtischen Gebieten zu vertreiben, indem sie Zivilisten zu Fuß, auf Fahrrädern oder in Autos angriffen, sowie Angriffe auf Feuerwehrausrüstung, Geschäfte und öffentliche Verkehrsmittel ausführten."
Archiv: New York Times

HVG (Ungarn), 02.01.2025

Im Interview mit Márton Gergely spricht der achtzigjährige, in Jerusalem geborene Schriftsteller Miklós Haraszti über die Möglichkeiten, den Rechtsstaat in Ungarn zu restaurieren: "Für die Regierung ist es einfacher, die Gewalt zu eskalieren, als die Strategie zu ändern, insbesondere um die persönliche Macht von Viktor Orbán zu schützen. Der Premierminister ist nur noch von totalitären Philosophien beeinflusst, lernte von Carl Schmitt, dass nur der wahre Souverän die demokratischen Pflichten des Staates ungestraft außer Kraft setzen und den Ausnahmezustand ausrufen kann. Und von Antonio Gramsci, dass nur derjenige wirkliche Macht hat, der der Gesellschaft seine kulturelle Hegemonie aufzwingt. Orban hat die absolute Macht gekostet, und es ist sehr schwierig, einen 'Paradigmenwechsel' zu vollziehen. (...) Ja, die liberale Demokratie hat auch in Ungarn eine Chance, aber sie wird immer gefährdet sein. Es gibt keine perfekte Demokratie, vor allem nicht hier am westlichen Rand des Kommunismus oder, wenn man so will, östlichen Rand der Demokratie. Aber es ist erfreulich, dass Oppositionelle sich zunehmend auf die nach dem Sturz Orbáns notwendigen Reformen der Rechtsstaatlichkeit, der gegenseitigen Kontrolle und des Wahlsystems konzentrieren. Viktor Orbán hat uns viele Jahre gekostet, aber er hinterlässt uns ein sehr nützliches Erbe: eine vollständige Liste mit Tipps, was und wie man es nicht machen sollte. Eine Rückkehr zur politischen Normalität besteht darin, diese Orbán-Liste Schritt für Schritt abzuhaken."
Archiv: HVG

London Review of Books (UK), 26.12.2024

Neal Asherson rekapituliert anlässlich von Julian Jacksons Buch "France on Trial" den Prozess gegen Philippe Pétain, den Staatschef des Vichy-Regimes zwischen 1940 und 1944. Verhandelt wurden das Ausmaß und die historische Einordnung der Vichy-Kollaboration mit Hitlerdeutschland. Gleichzeitig offenbarte der damalige Prozess Leerstellen in der Aufarbeitung des NS-Unrechts: "Nichts zeigt besser als dieser Prozess, wie sehr sich die Perspektiven auf den Zweiten Weltkrieg im Laufe der letzten achtzig Jahre fast bis zur Unkenntlichkeit verändert haben. In großen Teilen der Welt verlassen Kinder heute die Schule mit der vagen Vorstellung, der Krieg sei geführt worden, um die Juden vor dem Holocaust zu retten. Doch 1945 enthielt die Anklage gegen Pétain nur eine kurze Erwähnung der 'abscheulichen Rassengesetze', die sich auf antisemitische Vichy-Verordnungen bezog, sie enthielt nichts Konkretes über die Massenverhaftungen und Deportationen in die Gaskammern, die durch die Zusammenarbeit der französischen Polizei, Ministerialbeamten und Eisenbahnern ermöglicht wurden. Unglaublicherweise trat kein jüdischer Überlebender der Lager als Zeuge im Prozess auf. Antisemitismus spielte hierfür zwar eine Rolle im Hintergrund, aber wichtiger war de Gaulles irreführende Darstellung des französischen Verhaltens unter der Besatzung. Ihm zufolge hatte fast jeder, zumindest gedanklich, die Résistance unterstützt, und Frankreich war lediglich von einer kleinen Clique von Verrätern im Stich gelassen worden. Dieses neue Narrativ überdeckte die Tatsache, dass Vichy und seine Politik, die Deutschen zufriedenzustellen, in den frühen Kriegsjahren von der Mehrheit der Bevölkerung, mit intensivem und bitterem Widerwillen, akzeptiert worden waren."

New Statesman (UK), 07.01.2025

Phil Tinline beschäftigt sich mit der Britannien-Obsession der amerikanischen Rechten. Die üblichen Verdächtigen um Gestalten wie Ted Cruz und Elon Musk schimpfen auf den vermeintlichen totalitären Nanny State jenseits des Ozeans und beschwören gar einen kommenden innerbritischen Bürgerkrieg herauf. Man könnte sich fast über derartigen Unsinn amüsieren, meint Tinline, würde derartige Rhetorik in seiner Heimat nicht auf fruchtbaren Boden stoßen: "Mit Abstand die krasseste Manifestation des Phänomens in unserer politischen Landschaft war ein blutrünstiger Wahlwerbeclip der Konservativen Susan Hall, die für das Londoner Bürgermeisteramt kandidiert. Sie spielte auf Statistiken zu Drogen- und Messerkriminalität an und nahm die Einführung der Ultra Low Emissions Zone (ULEZ) zum Anlass, die 'Sadiq-tatur' der Hauptstadt anzuprangern. 'In den Tiefen dieser engen Gassen', grollte eine Stimme im Hintergrund, 'patrouillieren Trupps von ULEZ-Vollstreckern, gekleidet in Schwarz, mit maskierten Gesichtern, die Gemeinden im Auftrag ihres Labour-Bürgermeister-Overlords terrorisieren, der eine Steuer auf das Autofahren eingeführt hat, um Menschen dazu zu zwingen, in ihren Häusern zu bleiben oder unter die Erde zu gehen. Es gibt mehrere Hinweise auf die intellektuelle Herkunft des Videos. Zum Beispiel die Erzählweise im Stil eines Hollywood-Trailers. Dann die Szene, in der Fahrgäste aus einer U-Bahn-Station fliehen, begleitet von der Aussage: 'Im Chaos suchen die Menschen verzweifelt nach Rettung' - sie musste entfernt werden, als sich herausstellte, dass es sich tatsächlich um Aufnahmen der Penn Station in Manhattan handelt. Die ganze Inszenierung basierte auf einer Idee, die auch in Tweets über die Unruhen zu finden war: dass Britannien mit seinen 'engen Gassen' in eine Tyrannei abdriftet, die nach amerikanischen Vorgaben definiert wird."
Archiv: New Statesman

Lidove noviny (Tschechien), 06.01.2025

In einem Artikel für die Lidové noviny kritisiert der ehemalige liberalkonservative Präsident Tschechiens Václav Klaus Angela Merkels Buch "Freiheit", das er nach eigenem Bekunden allerdings nicht wirklich gelesen hat ("Ich habe nicht die Energie, gründlich die 700 Seiten eines Buchs zu studieren, das Merkel obendrein nicht allein geschrieben hat und das durch seine Wortwahl nicht nach authentischen Erinnerungen klingt. So schreibt man nicht über sich selbst.") Gleichwohl hat er offenbar die Stellen inspiziert, an denen sein Name vorkommt, und sieht etwa die Diskussionen rund um den Lissabon-Vertrag als viel zu friedlich geschildert, in Wahrheit habe er mit Merkel heftig gestritten. Merkels Kanzlerschaft bewertet Klaus im Ganzen so: "Ich denke, Angela Merkel erschuf kein Deutschland, sie war ein Produkt Deutschlands. Des Deutschlands, wie wir es heute kennen. (…) Sie führte es nirgendwohin und wollte das auch nicht. Sie verkörperte es lediglich. Sie tat nichts, was die Deutschen massenhaft abgelehnt hätten." Und eine Bemerkung könne er sich nicht verkneifen: "Das Erinnerungsbuch hat überraschender- und unlogischweise den Titel 'Freiheit': Mit Angela Merkel kann mal alles Mögliche verbinden, aber wohl nicht Freiheit."
Archiv: Lidove noviny
Stichwörter: Klaus, Vaclav, Merkel, Angela

New Lines Magazine (USA), 06.01.2025

Das syrische Regime unter Assad handelte im großen Stil mit der Droge Captagon, um seinen Krieg gegen das Volk zu finanzieren: "Tonnen von Captagon wurden täglich in zahlreichen Lagerhäusern produziert, die von syrischen Soldaten bewacht wurden, insbesondere in denen der 4. Panzerdivision unter der Kontrolle von Maher al-Assad, Bashars jüngerem Bruder", erklären Anagha Nair und Aubin Eymard. Wie groß das Ausmaß des Handels mit Assads giftigem Gold war, wird allerdings erst jetzt deutlich, wo die Fabriken von den HTS-Rebellen durchsucht werden. Um die Pillen exportieren zu können und durch den Zoll zu bekommen, "wandte man unzählige Schmuggeltechniken an. Allein im Lagerhaus in Douma zählten wir um die zehn Methoden, darunter falsche Früchte aus Styropor, Tahini-Dosen, Stromzähler und LED-Lampen", erzählen die Autoren, die von einem der Rebellen in das Innere der Fabrik geführt werden: "Während Khalid die Kisten und Elektronik auf dem Boden durchsuchte, um weitere versteckte Vorräte zu finden und uns ihre Rolle in der Fabrik zu erklären, stieß er auf eine Gipskartonplatte, die an einer Wand lehnte. Sie brach auf und Hunderte von Captagon-Pillen kullerten auf den Boden. Seine Augen weiteten sich vor Überraschung und seine Stimme wurde lauter, als ihm klar wurde, dass sie gerade einen weiteren Schmuggeltrick entdeckt hatten." Im Nahen Osten ist der Konsum von Captagon besonders hoch und "während das erklärte Ziel von HTS darin besteht, die Captagon-Produktion auszumerzen und dieses Kapitel aus den Geschichtsbüchern Syriens zu tilgen, dürfte die Umsetzung dieses Ziels nicht ganz so einfach sein. Die Gruppe kontrolliert nicht ganz Syrien, und solange dies der Fall ist, dürfte es sich als schwierig erweisen, andere Gruppierungen davon abzuhalten, aus diesem lukrativen Handel Kapital zu schlagen. Selbst wenn es HTS gelingen sollte, alle Fabriken zu zerstören und die Captagon-Versorgung zu unterbinden, bliebe die Nachfrage nach dem Medikament unverändert. Die Macht der kleinen Pille ist nach wie vor so stark wie eh und je, und das in den letzten Jahren in Syrien entwickelte Know-how dürfte trotz der Bemühungen von HTS, es zu schwächen, weiterhin gedeihen." (Mehr zum Captagon-Handel, auch in Deutschland, hier)

"Kakao ist König", so lautet ein gängiges Sprichwort in der Kultur von Trinidad, erzählt uns Lydia Wilson, die die Schokoladenherstellerin Gillian Goddard getroffen hat. Diese hat einen Weg gefunden, die Ernte von Kakao-Bohnen wieder für die indigene Bevölkerung lukrativ zu machen. Seit der Kolonisation durch die Briten wurden die Kakao-Bohnen aus Trinidad lediglich ins Ausland exportiert und dort von Schokoladenherstellern verarbeitet. Vom Profit kam wenig bei den Kakao-Bauern an. Goddard fand nun einen Weg, die Herstellung der Schokolade wieder in die Hände der Bauern selbst zu legen, indem sie indigene Herstellungsverfahren wieder zugänglich machte: "Goddard begann, akribisch Daten zu sammeln; sie zeigte mir die verwirrende Tabelle. 'Diese Ernte hier', sagte sie und hob eine Zelle der Tabelle hervor, 'könnte als Bohnen verkauft werden, für 2.000 Dollar.' Aber wenn man daraus Schokolade machen würde, so rechnete sie vor, könnte man dieselbe Ernte für 12.000 Dollar verkaufen, obwohl viel Arbeit nötig war, um diesen Preis zu erreichen. Es mussten weitere Zutaten und möglicherweise Maschinen gekauft werden, die Verpackung musste entworfen und bezahlt werden, und auch der Vertrieb und der Verkauf waren zu regeln. Aber es war klar, dass man so mehr Geld verdienen konnte. 'Je mehr Wert man den Kakaobohnen beimisst, desto mehr Geld bleibt in der Gemeinde', fasst Kelly Fitzjames, stellvertretende Direktorin der Alliance of Rural Communities (ARC), zusammen. Die Veredelung des Produkts zu Hause in Trinidad war die erste Möglichkeit, die Goddard fand, um den Wasserfluss zum Stausee einzudämmen. Die indigenen Gemeinschaften haben eine weitaus längere Beziehung zu der Pflanze, und der 'Kakaotanz' - bei dem die Bauern tanzen und auf den geernteten Bohnen herumtrampeln - ist nicht nur ein wichtiger Bestandteil der Verarbeitung der Bohnen, sondern auch der Kultur Trinidads."

The Insider (Russland), 04.01.2025

Alyona Lobankova zeichnet für The Insider nach, wie der Kreml die russischen Universitäten unter seine Kontrolle brachte. "Obwohl die Unterdrückung an den Universitäten nach den Protesten von Alexej Nawalny in den Jahren 2017 und 2018 systematisch wurde und sich nach dem Einmarsch in die Ukraine weiter verschärfte, reichen ihre Wurzeln bis in die späten 2000er und frühen 2010er Jahre zurück. Damals, so der Historiker Dmitri Dubrowski, hat der Staat den Universitäten einen Großteil ihrer Autonomie entzogen, im Austausch für 'viel Geld'. (...) In den frühen 2000er Jahren wurden die meisten Universitätsleiter noch von akademischen Räten gewählt. Nach 2005 wurde dieses System nach und nach abgeschafft." 2009 schaffte die Staatsduma die Wahlen für das Rektorat für die größten Universitäten ab. "Zunehmend wurden diese Posten nicht mehr mit Akademikern, sondern mit 'professionellen Managern' besetzt, die eng mit den Behörden verbunden sind. Ein weiteres Problem, das die russischen Universitäten plagt, ist die weit verbreitete Praxis der befristeten Verträge für Professoren. In den meisten Fällen von politisch motivierten Entlassungen waren die Professoren mit befristeten Verträgen angestellt, die entweder nicht verlängert oder vorzeitig beendet wurden. 'Die Mehrheit der Professoren in Russland arbeitet mit befristeten Verträgen, weil ihre Arbeitgeber - Direktoren, Dekane und Rektoren - davon profitieren', stellt [der frühere Mathematik-Professor und mittlerweile als "ausländischer Agent gebrandmarkte] Lobanov fest. 'Das bringt die Professoren in eine abhängige Position, in der sie weniger verlangen, und die Verwaltung ist bereit, Entlassungen vorzunehmen, wann immer sie dazu aufgefordert wird.'"
Archiv: The Insider

Elet es Irodalom (Ungarn), 03.01.2025

Die an der University of Cambridge lehrende Historikerin Nóra Berend veröffentlichte vor kurzem eine Monographie über den als Staatsgründer Ungarns geltenden Heiligen Stephan I. ("Stephen I, the First Christian King of Hungary: From Medieval Myth to Modern Legend", Oxford University Press, 2024) und über die Mythen, die sich um ihn ranken. Tatsächlich gibt es für Stephans Wirken nur wenige Zeugnisse. Das Buch hat in Ungarn eine heftige politisch-ideologische Debatte ausgelöst. Die Angriffe auf die Tochter des bekannten ungarischen Historikers Iván Berend T. gingen bis zu der Behauptung, Nóra Berend wolle den Staatsgründer, den die gegenwärtige Regierung in die Präambel des neuen Grundgesetzes gehoben hatte, aus der Geschichte tilgen. Im Interview mit Benedek Várkonyi spricht Nóra Berend u.a. über die Rolle und Bedeutung von Mythen: "Ich habe das Gefühl, dass Mythen vor allem dann eingesetzt werden, wenn es Probleme gibt. Wenn die wirtschaftliche Lage gut ist, wenn jeder seine Talente entfalten kann, gibt es keinen großen Bedarf an politischen Mythen. Es mag kleine Gruppen oder Parteien geben, die versuchen, politische Mythen wiederzubeleben, aber es gibt keinen großen Kundenstamm dafür. Politische Mythen neigen dazu sich zu verbreiten, wenn sich ein großer Teil der Menschen in einer miserablen Situation befindet und keine Aussicht auf Veränderung besteht. Wie gut kann der Staatsgründer Stephan I. dem widerstehen? Das hängt von der Arbeit der Historiker ab. Der einzige Widerstand ist die Arbeit von Historikern, die, soweit sie es können, aufzeigen, was in dieser Zeit vor sich ging und warum es nicht so war, wie der politische Mythos behauptet. Eine andere Frage ist freilich, wie empfänglich die Menschen dafür sind, ob sie es lesen wollen, ob sie es hören wollen, ob die Botschaft ankommt. Aber wenn man diese Arbeit nicht macht, dann ist wirklich kein Widerstand möglich. Historiker können im Namen von 'Stephan' Widerstand leisten, indem sie aufzeigen, wie die tatsächliche Situation war. Oder besser gesagt, was es ist, was wir nicht wissen. Politische Mythen gehen immer von absoluten Gewissheiten aus, und es ist wichtig, aufzuzeigen, was nicht wahr ist oder wofür wir keine Quellen haben."

Atlantico (Frankreich), 30.12.2024

Der im Exil lebende Reporter Emmanuel Razavi, augenscheinlich ein Royalist, wie so viele Iraner in der Diaspora, hofft auf den Moment: Die Israelis haben den Iran durch die Niederlagen, die sie seinen Proxies und auch dem Regime selbst zugefügt haben, so stark geschwächt wie nie zuvor. Der Westen sollte alles auf einen Regimewechsel anlegen, der die ganze Region in ein anderes Licht stellen könnte. Zuvor, so findet der Autor, sollte die westliche Linke ihr Verhältnis zum Iran aufarbeiten, denn sie hat sich schuldig gemacht: "Die Geschichte, die von den Weggefährten Foucaults und Sartres erzählt wurde, verschweigt die wahren Gründe für die islamische Revolution. Sie sprachen nie über das Wahlrecht, das der Schah den Frauen zugestanden hatte, über die Familienplanung, die er einführte (wie die Soziologin Firouzeh Nahavandi in ihrem neuen Buch 'Femmes iraniennes: évolution ou révolution' erzählt), über die Schulen, die zu Hunderten gebaut wurden, oder über die Kaufkraft der Iraner, die dank ihm gestiegen ist. Im Westen wandten sich jene, die von seinen Großzügigkeiten profitiert hatten, von ihm ab. Allen voran Jimmy Carter, der amerikanische Freund, dem bald auch Frankreich, Großbritannien und Deutschland folgten. Am 12. Februar 1979 begrüßte Marc Kravetz, ein Journalist der Libération, auf der Titelseite der Tageszeitung den 'siegreichen Aufstand' der Islamisten und der extremen Linken in Teheran mit den Worten: 'Allahu Akbar. Das war kein Slogan mehr, kein Schlachtruf, sondern reine, aus den Tiefen kommende Musik, die schön war wie der Gesang der Wölfe war.'" Wo ist eigentlich das Buch, das die Geschichte der westlichen Linken und ihrer Liebe zur iranischen Revolution erzählt?
Archiv: Atlantico

Bereg (Russland), 29.12.2024

Am 15. Dezember geriet ein russischer Öltanker im Schwarzen Meer in einen Sturm und sank. Das austretende Öl ist seitdem eine große Herausforderung für das Ökosystem. Das unabhängige russische Onlinemedium Bereg begleitet Freiwillige, die jetzt die Strände vom Öl säubern (hier die englische Übersetzung bei Meduza). "Als die ersten Blogs über die Katastrophe berichteten und ihr Ausmaß deutlich wurde, haben meine Freunde und ich uns in Krasnodar sofort mobilisiert [und sind nach Anapa gefahren]. Wir sind letzten Freitag, den 20. Dezember, zu einem Tagesausflug aufgebrochen. Aber es hat sich gelohnt, denn viele meiner Freunde sahen meine Berichte im Internet und beschlossen, ebenfalls zu kommen. Das hatte einen Dominoeffekt. (...) Als wir am Strand ankamen, waren keine Rettungskräfte anwesend. Später sahen wir, wie Beamte vor den Augen der Freiwilligen Interviews gaben, was sehr frustrierend war. Sie hätten wenigstens den Anstand haben können, eine Schaufel in die Hand zu nehmen und uns zu helfen. Bei den Aufräumarbeiten waren viele Schüler und Studenten anwesend, die offensichtlich dorthin geordert worden waren. Sie halfen nur zum Schein. Was fehlte, war jemand, der sie inspirieren und organisieren und ihnen vermitteln konnte, warum wir das alles tun. Nach der Arbeit am Strand gingen wir zum Waschen der Vögel. Zu zweit verbrachten wir zwei Stunden mit einem einzigen Vogel. Diese Arbeit ist nichts für schwache Nerven, denn man hält ein Lebewesen in den Händen, das nach so viel Stochern und Stoßen sterben könnte. Zuerst muss man den Vogel mit Stärke behandeln, dann sein Gefieder entfetten und ihn dann mit einem Waschmittel waschen. Gleichzeitig versuchen die Vögel, ihre Federn selbst zu säubern, und du musst sie ablenken."
Archiv: Bereg

n+1 (USA), 16.12.2024

Erinnert sich noch jemand an das kurze Zeitfenster, als Streamingdienste wie Netflix oder Amazon wie ein sicherer Hafen für den Autorenfilm wirkten und es kurzzeitig so wirkte, als könnte Netflix für den Indepentfilm das sein, was in den Neunzigern die Videotheken waren? Wie konnte es passieren, dass sich dieses Zeitfenster so schnell wieder schloss und Netflix stattdessen heute eine ästhetische und erzählerische Snack-Kultur bedient, bei der langweilige Filme ohne kulturelles Gewicht den Content zum Nebenbei-Wegflimmern bieten? Will Tavlin erzählt diese filmkulturelle Niedergangsgeschichte aus falschen Versprechungen, fingierten Statistiken und aggressivem Marktgebaren detailliert und analytisch. "Filmstudios haben immer Blindgänger veröffentlicht: Filme, die nicht verfangen und im Studioarchiv begraben werden, wo sie in die Obskurität hinabsinken. Noch bis vor kurzem galt ein vergessener Film für die meisten Studios als Zeichen des Scheiterns. Aber Netflix scheint es auf einzigartige Weise auszukosten, seine Filme so schnell wie möglich nach ihrer Veröffentlichung verschwinden zu lassen, indem sie sie einfach auf ihrer Plattform absetzen und so wenig wie möglich tun, um sie hervorstechen zu lassen. ... Der hohe Output alleine kann dabei nicht der einzige Grund für die Müllqualität von Netflix sein. Studios wie Paramount oder Warner Bros. brachten in den Zwanzigern und Dreißigern an die 70 Filme pro Jahr heraus. Miramax versuchte in den Neunzigern, als sie ihren größten Erfolg hatten, fast jede Woche einen Film in die Kinos zu bringen. Der Unterschied zwischen Netflix und seinen Vorgängern besteht darin, dass das Geschäftsmodell der älteren Studios kinematografisches Können und Handwerk belohnte. Bei Netflix hingegen arbeiten unbeleckte Geschäftsführer, die für ihre Filme keinen Plan haben und ihnen mit Geringschätzung begegnen. ... Quellen erzählten mir von zwei hochrangigen leitenden Angestellten, die dafür bekannt waren, Projekten grünes Licht zu geben, ohne das Drehbuch überhaupt gelesen zu haben. ... Diese Art schludrigen Filmemachens funktioniert bestens für das Streaming-Modell, da das Wohnzimmerpublikum oft nur wenig Aufmerksamkeit aufbringt. Wie mir diverse Drehbuchautoren, die für den Streamer gearbeitet haben, erzählten, lautete eine gängige Notiz von oben: 'Lass diese Figur verkünden, was sie tut, damit auch die Zuschauer, die das im Hintergrund laufen lassen, noch folgen können.'"
Archiv: n+1