Magazinrundschau - Archiv

Atlantico

2 Presseschau-Absätze

Magazinrundschau vom 03.03.2026 - Atlantico

Das Bekenntnis zum "Antifaschismus" ist auch in Deutschland in Mode, ein Begriff der nicht viel besagt, da Antifaschisten nicht immer Demokraten waren und man nicht weiß, im Namen welcher Ideologie sie sich einer anderen entgegenstellen. Samuel Fitoussi, brillanter junger Intellektueller, der ein Buch über die Verführbarkeit der Intellektuellen geschrieben hat, findet diesen Begriff kindisch - und gerade darum nicht ungefährlich. Im Gespräch mit Atlantico führt er das aus: "Die extreme Linke denkt zum Teil wie ein kleines Kind. Faschismus ist schlecht, wir bezeichnen uns selbst als Antifaschisten, also sind wir gut. 'Es ist zwangsläufig binär', twitterte der LFI-Abgeordnete Antoine Léaumont, 'entweder ist man Faschist oder Antifaschist. Es gibt nichts dazwischen.' Mit dieser Argumentation kann man Wladimir Putin keine Vorwürfe mehr machen, der schließlich eine 'Entnazifizierungsaktion' in der Ukraine durchführt! Die extreme Linke vergisst die einzige Lehre der Geschichte: Das Böse wird immer von Erwachsenen begangen, die davon überzeugt sind, für eine bessere Welt zu kämpfen, und aus dieser Gewissheit die Rechtfertigung für ihre Gräueltaten ziehen. In Wirklichkeit glaubten die größten Verbrecher - ob rechts, links oder sogar Dschihadisten - sämtlich, im Namen des Guten zu handeln. 'Eine Hauptkunst der Menschen ist, moralische Motive für unehrliche Handlungen zu erfinden', bemerkte Jean-François Revel in seinen Memoiren. Deshalb sollte man einen Menschen nicht nach seiner Meinung über sich selbst beurteilen, genauso wenig wie man eine Gruppe nach der Ideologie beurteilen sollte, die ihr als Rechtfertigung dient. Vielmehr sollte man denen misstrauen, die sich selbst zu Antifaschisten erklären und sich damit den ganzen Tag lang moralische Patente ausstellen."

Magazinrundschau vom 07.01.2025 - Atlantico

Der im Exil lebende Reporter Emmanuel Razavi, augenscheinlich ein Royalist, wie so viele Iraner in der Diaspora, hofft auf den Moment: Die Israelis haben den Iran durch die Niederlagen, die sie seinen Proxies und auch dem Regime selbst zugefügt haben, so stark geschwächt wie nie zuvor. Der Westen sollte alles auf einen Regimewechsel anlegen, der die ganze Region in ein anderes Licht stellen könnte. Zuvor, so findet der Autor, sollte die westliche Linke ihr Verhältnis zum Iran aufarbeiten, denn sie hat sich schuldig gemacht: "Die Geschichte, die von den Weggefährten Foucaults und Sartres erzählt wurde, verschweigt die wahren Gründe für die islamische Revolution. Sie sprachen nie über das Wahlrecht, das der Schah den Frauen zugestanden hatte, über die Familienplanung, die er einführte (wie die Soziologin Firouzeh Nahavandi in ihrem neuen Buch 'Femmes iraniennes: évolution ou révolution' erzählt), über die Schulen, die zu Hunderten gebaut wurden, oder über die Kaufkraft der Iraner, die dank ihm gestiegen ist. Im Westen wandten sich jene, die von seinen Großzügigkeiten profitiert hatten, von ihm ab. Allen voran Jimmy Carter, der amerikanische Freund, dem bald auch Frankreich, Großbritannien und Deutschland folgten. Am 12. Februar 1979 begrüßte Marc Kravetz, ein Journalist der Libération, auf der Titelseite der Tageszeitung den 'siegreichen Aufstand' der Islamisten und der extremen Linken in Teheran mit den Worten: 'Allahu Akbar. Das war kein Slogan mehr, kein Schlachtruf, sondern reine, aus den Tiefen kommende Musik, die schön war wie der Gesang der Wölfe war.'" Wo ist eigentlich das Buch, das die Geschichte der westlichen Linken und ihrer Liebe zur iranischen Revolution erzählt?