Magazinrundschau
Unterschätzte Schwärmerei
Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
05.11.2024. Die London Review erinnert an misshandelte Palästinenser und vertriebene Juden im Irak. New Lines sucht die Dschinns in Tunesien. The Insider gibt einen Einblick in russsische Methoden der Zwangsrekrutierung. In Magyar Narancs feiert die Choreografin Adrienn Hod Tänzerkörper in jeder Form. Der New Yorker erforscht die Rolle der Assad-Familie im internationalen Drogenhandel mit Captagon.
London Review of Books (UK), 07.11.2024
Der Wirtschaftshistoriker Adam Tooze resümiert für die LRB die Biden-Präsidentschaft. Ausgesprochen gut weg kommt dessen Wirtschaftspolitik: "Die makroökonomische Billanz der Biden-Regierung könnte kaum besser sein". Anders sieht es auf dem Feld der internationalen Beziehungen aus: "Die beängstigende historische Implikation der unter Biden eingeleiteten Technologie- und Atomwaffenpolitik besteht darin, dass sie das endgültige Ende der Globalisierung nach dem Kalten Krieg markiert und dies auch selbst weiß. Diese Entwicklung hat sich schon lange abgezeichnet. Während der Präsidentschaft Obamas waren die ersten Erschütterungen zu spüren. Die USA sind natürlich nicht der einzige Beschleuniger in diesem Prozess - ganz im Gegenteil. Die Herausforderungen, die Russland und China darstellen, sind real. Aber was an der Regierung Biden auffällt, ist ihr Mangel an Vorstellungskraft bei der Beantwortung dieser Herausforderung. Sie hat den historischen Führungsanspruch der USA vom Zweiten Weltkrieg über das space race bis hin zur unipolaren Welt der 1990er Jahre erneut bekräftigt. Doch trotz aller Gesten historischer Größe ist die amerikanische Staatskunst der 2020er Jahre fadenscheinig. Wenn man heute in Washington einen Marshallplan für saubere Energie verkaufen will, muss man damit beginnen, jeden Anspruch auf das komplexe hegemoniale Kalkül des Originals zu verwerfen. Was wir dagegen jetzt bräuchten, sei eine 'AmericaFirst'-Exportförderung. Die Alternative, die Trumps Team anbietet, hat noch weniger Substanz und ist viel unberechenbarer. Wenn sich in den kommenden Jahren nichts Neues ergibt, ist mit einer grimmigen Eskalation der Spannungen zwischen einer sich wandelnden Welt und einer Vision amerikanischer Macht zu rechnen, die zwar technologisch ausgefeilt ist, aber politisch gesehen zunehmend anachronistisch erscheint."Nabil Salih schildert Eindrücke aus dem Bagdad der Gegenwart. Auch wenn sich die Stadt in den internationalen Schlagzeilen eher rar gemacht hat, ist sie keineswegs zur Ruhe gekommen. Shiah-Milizen sowie regelmäßige Interventionen von iranischer und amerikanischer Seite sorgen für Spannungen, parallel macht sich der Kapitalismus breit. Auch der Krieg in Gaza ist allgegenwärtig: "'Tod für Amerika. Tod für Israel. Verdammt seien die Juden', ist auf Transparenten in Bagdad zu lesen. Das Leid der Palästinenser erinnert viele Iraker an ihr eigenes unter der amerikanischen Besatzung vor zwei Jahrzehnten. Doch die Situation in Gaza wird von schiitischen Führern zunehmend für ihre eigenen politischen Zwecke ausgenutzt. Im Oktober letzten Jahres führte [der schiitische Geistliche und Milizenführer Muqtada] al-Sadr Tausende seiner Anhänger zu einer Demonstration im Herzen Bagdads. Alle waren in weiße Leichentücher gekleidet, um ihre Bereitschaft zu signalisieren, als Märtyrer zu sterben. Wie die Angriffe irakischer Milizen auf US-Streitkräfte wurde dieses Spektakel von der arabischen Diaspora begeistert aufgenommen. Den Einheimischen ist nicht entgangen, dass es den Sadristen bei diesen Aktionen vor allem darum geht, ihren Anspruch zu unterstreichen, die wichtigsten Verteidiger Palästinas in der Region zu sein. Solcher Aktionismus lässt die traurige Geschichte der Palästinenser im Irak allerdings außer Acht. Wie Human Rights Watch und andere ausführlich dokumentierten, wurden palästinensische Flüchtlinge in den ersten Jahren der Besatzung und der religiösen Konflikte regelmäßig von schiitischen Milizen angegriffen, die ihnen vorwarfen, von Saddams Regime bevorzugt behandelt zu werden." Ganz neu ist das nicht: "Doch lange bevor sich der Irak gegen seine Palästinenser wandte, tat er dasselbe mit seinen Juden, einer der ältesten Gemeinschaften des Landes", erinnert Salih.
Elet es Irodalom (Ungarn), 31.10.2024
Der Chefredakteur der Wochenzeitschrift Élet és Irodalom, Zoltán Kovács kommentiert die Reise des ungarischen Ministerpräsidenten nach Tiflis, kurz nach der Verkündung der umstrittenen Wahlergebnisse in Georgien: "Diese Reise beweist vermutlich, dass Orban nicht begreift, dass er als Ratspräsident der EU nicht so tun kann, als wäre er es nicht. Selbst wenn er also in einem Beitrag ankündigt, dass er als ungarischer Regierungschef in Tiflis eintreffen wird, wäre es angebracht, sich beim zuständigen EU-Ausschuss zu erkundigen oder diesen zumindest zu informieren, wohin er reist. Und natürlich gibt es noch eine andere Möglichkeit, die wohl die wahrscheinlichere ist: Orbán ist sich der Verpflichtungen oder zumindest der Erwartungen, die mit seinem derzeitigen EU-Posten verbunden sind, sehr wohl bewusst, aber diese Aktion zeigt auch, dass er sich seit einiger Zeit von ihnen befreit hat. Seine ganze Politik ist ein endloser Test für die Belastbarkeit der EU. Es gibt nichts Schlimmeres als alternde Arroganz. (...) Warum genau Orbán nach Tiflis reisen wollte, ist nicht ganz klar. Es ist eher verwirrend. Vor allem, weil er ursprünglich über die Erfolge und Vorhaben des ungarischen Ratsvorsitzes in der EU hätte berichten sollte. Tatsache ist, dass bisher keine Ergebnisse erzielt wurden, und Tatsache ist auch, dass sich die Bilanz seiner nur noch zwei Monate dauernden Präsidentschaft kaum noch positiv verändern wird."The Insider (Russland), 31.10.2024
New Lines Magazine (USA), 04.11.2024
Der Glaube an Hexen und Dschinn ist in der tunesischen Kultur seit Jahrhunderten eng verwurzelt und immer noch präsent. In der Geschichte des Landes gab es aber unterschiedliche Phasen, was den Aberglauben der Bevölkerung angeht, wie der tunesische Schriftsteller Ahmed Majoub erzählt. "In seinem Buch 'How Tunisians Became Tunisians' argumentiert der Historiker Al-Hadi Al-Taymoumi, dass dieser Glaube nicht auf das gemeine Volk beschränkt ist, sondern auch einen großen Teil der Elite erfasst hat. Trotz der Bemühungen der intellektuellen und kulturellen Führer seit dem 19. Jahrhundert, den Aberglauben zu bekämpfen, und trotz der Einführung der Schulpflicht zur Förderung des modernen wissenschaftlichen Denkens hält sich der Glaube an Magie und Dschinn-Besessenheit hartnäckig. Dies zeigt sich in den tunesischen Talkshows und in der Faszination für 'spukende' Orte und Häuser, die zu Touristenattraktionen geworden sind. Sogar Politikern und Herrschern, darunter dem ehemaligen Präsidenten Zine El Abidine Ben Ali und seiner Frau, wird nachgesagt, dass sie Zauberei und Magie praktiziert haben. Ich wuchs mit solchen Geschichten im alten Innenhof unseres Hauses auf, der groß und in einem besonderen architektonischen Stil gehalten war und in der Mitte einen offenen, nicht überdachten Raum aufwies. Jeden Samstagabend versammelten sich die Verwandten im Hof und unterhielten sich, und ihre Gespräche waren immer mit Geschichten über die Bismillah-Leute [Dschinns] gefüllt. Die Geschichtenerzähler unter uns waren so geschickt, dass es schwer war, Fakten von Fiktion zu unterscheiden, denn ihre Erzählungen waren eng mit der örtlichen Umgebung und den Sehenswürdigkeiten unserer Insel verwoben. Sie erzählten von verlassenen Touristenhotels, in denen Dschinns lebten und ihre Hochzeiten abhielten, von Geschrei und Trommeln, die man an Orten hörte, die vor Jahren von Menschen verlassen wurden. ... Taymoumi führte diese Ablehnung auf die Tendenz der Tunesier zur Mäßigung und ihre Abneigung gegen Extremismus zurück. Er betonte, dass die Tunesier trotz ihres Vertrauens in die Wissenschaft und ihrer Offenheit gegenüber der zeitgenössischen westlichen Zivilisation weiterhin an an Magie und Zauberei glaubten."Außerdem: Phineas Rueckert porträtiert den französischen Astronomen Camille Flammarion, der nicht nur ein berühmter Wissenschaftler, sondern auch ein leidenschaftlicher Geisterbeschwörer war. Ken Chitwood gibt einen Überblick über die Positionen verschiedener religiöser Minderheiten zur US-Wahl.
Film-Dienst (Deutschland), 30.10.2024
Vor kurzem veröffentlichte der Filmdienst einen kritischen Essay des Buchautors, Filmemachers und -kritikers Patrick Holzapfel über die speziell auf Filme zugeschnittene Social-Media-Plattform Letterboxd. Jetzt antwortet ihm der Filmkritiker Lukas Foerster - der manches ähnlich sieht, die Plattform aber als Ort eigensinnigen, im besten Sinne des Wortes amateurhaften Schreibens über Film nicht aufgegeben sehen möchte. Ihm geht es darum, ihn "medienhistorisch ein wenig anders zu verorten - nicht so sehr als eine quasi aus dem Nichts entstandene Alternative zur traditionellen Filmkritik, sondern als Teil und Fortführung einer schon länger bestehenden Tradition des nichtprofessionellen Schreibens über Film. Diese Tradition des nichtprofessionellen Schreibens ist keineswegs auf die freilich gleichfalls oft in ihrer Komplexität unterschätzte Schwärmerei in Fanzines reduzierbar, sondern umfasst, von flüchtigen Tagebucheinträgen bis zu monographieschweren Buchprojekten jenseits der Vermarktbarkeit, eine weite Spannbreite an Schreibformen; und sie ist mit ziemlicher Sicherheit genauso alt wie das Kino selbst. Nicht zuletzt ist darauf hinzuweisen, dass legendäre Filmzeitschriften wie die Cahiers du cinema oder die deutsche filmkritik gerade zu ihren intellektuellen Hochzeiten, wenn überhaupt, höchstens äußerst bescheidene Honorare gezahlt haben. Bestimmte Formen des Schreibens über Film sind, so scheint es, nicht so ohne weiteres monetarisierbar. Schuld daran trägt nicht die inhärente Böswilligkeit des Kapitalismus, sondern die kommunikative Struktur der Texte selbst. Zumindest so viel lässt sich festhalten: So sehr es zu begrüßen ist, wenn Filmkritiker für ihre Texte ordentlich bezahlt werden, so arm wäre die Geschichte der Filmpublizistik ohne die reichhaltige Tradition des nichtprofessionellen, also unbezahlten, Schreibens über Film. Um ein bisschen konkreter zu werden: Es liegt in meinen Augen nahe, Letterboxd als ein Nachfolgemedium der Filmblogs zu betrachten, die vor allem in den Nullerjahren an diversen Ecken und Enden des Internets aufgeblüht waren. Mit den Blogs wurde Filmfans, wie auch Enthusiasten in vielen anderen Themenbereichen, erstmals eine niederschwellige und zumindest theoretisch weltweit verfügbare Infrastruktur zur Verfügung gestellt, die eine diskursive und soziale Vernetzung jenseits isolierter Einzelprojekte ermöglichte. Blogs verschafften einer Vielzahl von Formen des mehrheitlich nichtprofessionellen Schreibens über Film eine zwar meist beschränkte, gleichwohl vorher unvorstellbar weitreichende Sichtbarkeit."Magyar Narancs (Ungarn), 30.10.2024

Im Interview mit Sisso Artner spricht die Choreografin für zeitgenössischen Tanz, Adrienn Hód, über ihr Projekt "Harmonia", in dem Tänzer mit und ohne körperliche Beeinträchtigungen mitwirken. "Für mich ist der zeitgenössische Tanz eine Gelegenheit, darüber nachzudenken, wo die Choreografie beginnt und wer die Person ist, die sie weitergibt. Es ist eine große Freiheit. (…) Ich habe mich nie primär für den hochkarätigen Tanzkörper interessiert, aber das erste Angebot für eine wirklich inklusive Arbeit kam eben vom Theater Bremen. Für die Zusammenarbeit mit seinen Tänzerinnen und Tänzer mussten wir weitere Tänzer suchen, deren Körper in irgendeiner Weise von der Norm abwichen. Das einzige Kriterium war, dass sie professionelle Performer sein mussten. Es gab Senioren oder Menschen, die sich für zu dünn hielten, aber auch Gender-Fluids, Menschen mit Behinderungen, Menschen mit sensorischen Defiziten. Wir haben viel darüber nachgedacht, ob wir uns auf ein Spektrum konzentrieren oder eine möglichst große Bandbreite an Unterschieden zeigen sollten. Dann kamen wir darauf, dass wir eine solche Öffnung zunächst nicht händeln können. Also haben wir eine formale Sprache entwickelt, die eine gemeinsame Basis für professionelle zeitgenössische Tänzer und Performer mit einer Art körperlicher Behinderung bietet."
New Yorker (USA), 11.11.2024
Captagon ist eine Droge, die ursprünglich mal in Deutschland erfunden wurde, erzählt Ed Caesar im New Yorker, heute sind die Amphetamin-Pillen vor allem im Mittleren Osten virulent - dank Assad. Er hat mit Christopher Urben gesprochen, einem ehemaligen Mitarbeiter der amerikanischen Drug Enforcement Administration, für den sich bis 2021 einiges abgezeichnet hat, was den Schmuggel mit Captagon angeht: "Viele der kontrollierten Schiffsfrachten kamen aus Syrien - besonders vom Hafen in Latakia, eine Hochburg der Assad-Familie. Im interessantesten Fall im Juli 2020 wurden 84 Millionen Captagon-Tabletten in einer Fracht aus Industriegetrieben und Papierrollen im Hafen von Salerno gefunden. Die sichergestellten Drogen waren eine Milliarde Dollar wert. Aber den Schätzungen Europols zufolge gibt es keinen Markt für Captagon in Europa. Einige Schmuggler aus dem Mittleren Osten, deren Lieferungen verdächtig aussehen für die Autoritäten in Saudi Arabien oder in der Golfregion, verschleiern die Bestimmung ihrer Fracht, indem sie sie zuerst durch Europa schicken. Die Extrakosten lohnen sich, wenn die Schiffslieferung erfolgreich ist. 'Das Assad-Regime hat diesen Handel groß organisiert', so Urben. 'Es gab einen gewissen Professionalismus im organisierten Verbrechen.' Quellen aus Syrien bestätigen, dass die Assad-Familie, insbesondere Maher, der Bruder des Präsidenten, die Lieferungen zusammen mit den Produzenten im Libanon kontrolliert. Die Verbindung zur Hisbollah ist wichtig, erklärt Urben, 'weil sie Experten sind, was Transporte und Korruption in diesen Regionen und außerhalb davon angeht - Korruption in den Häfen, Geldwäsche.'" Matthew Zweig von der Foundation for the Defense of Democracies glaubt hingegen nicht, dass der Handel noch völlig unter der Kontrolle der Syrer ist: "Im Laufe der Zeit, stellt er heraus, bilden Drogenreiche rivalisierende Machtzentren und die Kriminellen, die in den Captagon-Handel involviert sind, wollen zweifelsohne ihr Geschäft aufrechterhalten. Zweig hat keine Zweifel, dass die 4. syrische Division weitreichend involviert ist. Aber der Amphetamin- und Metamphetaminhandel im Nahen Osten ist möglicherweise über Assads Kontrolle hinausgewachsen. Zweig meint, dass die Entscheidung der Arabischen Liga 2023, die Beziehungen zu Syrien wieder aufzunehmen, zum Teil auch der Hoffnung entsprang, Assad könne dafür sorgen, dass Captagon die Region nicht überflutet. Aber der Handel ist immer noch stark, möglicherweise sogar wachsend. Zweig fragt: 'Ist es, weil Assad ihn nicht stoppen will - oder weil er es nicht kann?'"Weiteres: Jill Lepore liest einige Bücher, die sich mit der Frage beschäftigen, ob Algorithmen, mit denen Wahlkämpfer die Temperatur des Wahlvolks messen, eher nützlich oder schädlich für die Demokratie sind.Immer mehr Amerikaner bereiten sich auf den Weltuntergang nach der Wahl vor, berichtet Charles Bethea. Sam Knight porträtiert den Schatzsucher Nigel Pickford, der gesunkene Wracks findet, ohne je Land zu verlassen. Jennifer Wilson erklärt, warum die Märchen der Gebrüder Grimm so düster sind. Alex Ross berichtet von einem Festival in Indiana, das den 150. Geburtstag des Komponisten Charles Ives feierte. Lesen dürfen wir außerdem Greg Jacksons Kurzgeschichte "The Honest Island".
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