Magazinrundschau

Raumschwingungen

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
06.08.2024. Der New Yorker porträtiert den Hamas-Führer Yahya Sinwar, der seine eigenen Landsleute folterte, bevor er den 7. Oktober orchestrierte. Lidove noviny stellt die Fotografin Dagmar Hochová vor. In Mediazone denkt der im russischen Straflager sitzende Kommunalpolitiker Alexei Gorinov über die kosmische Ewigkeit nach. Im Observator Cultural verteidigt der rumänische Dichter Cosmin Petra atypische Literatur. Der Guardian feiert den ukrainischen Monuments Man Leonid Marushchak. New Lines erzählt, wie sich Rumänien seiner Beteiligung an der Judenvernichtung im Zweiten Weltkrieg stellt.

New Yorker (USA), 05.08.2024

Im New Yorker versucht David Remnick ein Porträt von Yahya Sinwar zu entwerfen, Führer der Hamas in Gaza und Architekt des Massakers vom 7. Oktober. Sinwar hatte seine "Karriere" bei der Hamas damit begonnen, palästinensische Abweichler oder "Verräter" aufzuspüren, zu foltern und zu ermorden. Seine Brutalität war berüchtigt. Er saß lange in israelischen Gefängnissen wegen der Entführung eines israelischen Soldaten. Dort lernte ihn auch der pensionierte Zahnarzt Yuval Bitton kennen, der dafür sorgte, dass Sinwar in einem israelischen Krankenhaus an einer potenziell tödlichen Geschwulst im Kopf operiert wurde. Sinwar kam später, mit hunderten anderen Palästinensern, im Austausch gegen den israelischen Soldaten Gilad Shalit frei. Aus seinem Hass auf die Israelis und Plänen zu ihrer Vernichtung hat Sinwar auch im Gefängnis nie ein Geheimnis gemacht, lernt Remnick. Tatsächlich hätte die israelische Armee gut daran getan zu glauben, dass Sinwar alles, was er über die Jahre gesagt und geschrieben hatte, buchstäblich auch so meinte: "Wie sich später herausstellte, war der israelische Geheimdienst seit langem im Besitz eines Kriegsplans der Hamas, der als Jericho Wall bekannt ist und die Ereignisse des 7. Oktobers nahezu exakt wiedergibt. Sinwar hatte sogar einige Wochen zuvor eine geheime Nachricht an die Israelis geschickt, in der er sie warnte, dass sie mit einem Aufflammen der Kämpfe in den Gefängnissen rechnen müssten. Die Nachricht zirkulierte laut Channel 12 in den höchsten Rängen des Mossad, des Shin Bet und der IDF; sowohl Netanjahu als auch Verteidigungsminister Yoav Gallant waren 'auf dem Laufenden'. Doch als die israelische Militärführung am Tag des Angriffs kurz nach 3 Uhr morgens erfuhr, dass Hamas-Soldaten Manöver abhielten, kamen die Befehlshaber zu dem Schluss, dass es sich wahrscheinlich nur um Übungen handelte." Auch der israelische Analyst Michael Milshtein kritisiert gegenüber Remnick "die Vernachlässigung dessen, was Sinwar öffentlich sagte. Er sagte: 'Im nächsten Krieg werden wir die Kämpfe eröffnen - und der Krieg wird auf israelischem Gebiet stattfinden, nicht auf palästinensischem', so Milshtein. 'Das war in offenen Quellen! Sinwar und andere haben es öffentlich gesagt!' In den letzten Jahren habe die Hamas ein umfangreiches Training durchgeführt, das auf Szenarien basierte, in denen Angreifer Kibbuzim und Militärbasen überfielen. ... Ein hochrangiger israelischer Sicherheitsbeamter sagte mir, dass die Parallele zu 1973 unheimlich sei: Das Sicherheitsestablishment habe unter der 'eitlen Unfähigkeit gelitten, zu erkennen, dass Yahya Sinwars messianische Reden und ehrgeizige Militärproben ernst gemeint waren'." Ein weiteres lesenswertes Sinwar-Porträt brachte vor einigen Monaten das Magazin Tablet (unser Resümee).

Im Fall McGirt vs. Oklahoma entschied der Supreme Court 2020, dass das Reservat der Muskogees bei der Gründung des Bundesstaats rechtswidrig aufgelöst worden war und daher auch heute noch in seinen Grenzen von 1866 bestehe. Rachel Monroe hat sich für den New Yorker auf die Spur der Folgen dieser Entscheidung begeben: Im Reservat besteht für die Stämme die Möglichkeit, Angeklagte nach Stammesrecht vor Gericht zu stellen, statt sie dem staatlichen Recht zu überantworten. Das führt dazu, dass die unterschiedlichen Behörden aneinandergeraten: "Der Okmulgee County-Vorfall begann letzten Dezember, als ein Polizist der Lighthorse-Polizei der Indigenen, Keith Bell, einen Verdächtigen abgetastet und ein kleines Tütchen Fentanyl gefunden hatte. Weil der Verdächtige nicht indigen war, rief Bell die Stadtpolizei, die nicht reagierte. Bell wollte den Mann nicht gehen lassen, aber weil es keine Kreuzvertretungsübereinkunft mit dem Sheriffsbüro gab, konnte er ihn nicht verhaften. Es hätte allerdings einen möglichen Ausweg gegeben: Die Lighthorse-Polizei hat eine Übereinkunft mit einer obskuren staatlichen Organisation namens Grand River Dam Authority. In der Vergangenheit ist das meist so interpretiert worden, dass die Lighthorse-Polizei Verhaftungen in jedem County vornehmen konnte, wo die GRDA Gebiete hat - inklusive Okmulgee County. Northcross, der stellvertretende Lighthorse-Chef, hatte Schwierigkeiten schon erwartet und war mit zum County Jail gekommen. Als die Stammespolizei den Mann in eine Arrestzelle bringen wollte, weigerten sich die Gefängniswärter, den Verdächtigen aufzunehmen. Der Streit wurde zu einer schreienden Auseinandersetzung; ein Gefängniswärter hat angeblich einen Stammesoffizier beschuldigt, 'kein richtiger Polizist' zu sein. Die Wärter zogen sich in einen sicheren Eingangsbereich zurück und Northcross folgte ihnen. Die Tür schlug hinter ihm zu, sodass sein Kollege Bell und ein weiterer Beamter in der Zelle mit dem Verdächtigen eingesperrt waren. (…) Northcross, der sich ziemlich zurückgehalten hat, beschrieb die Szene als 'nicht angenehm' und 'ziemlich aufgeheizt'. Letztendlich, nachdem sie sich mit dem Generalstaatsanwalt beraten hatten, nahmen die Wärter den Gefangenen zähneknirschend auf. Der Stamm hat den Wärter, der Northcross gestoßen hatte, wegen schwerer Körperverletzung an einem Polizeibeamten angeklagt, die Anklage wurde jedoch später fallen gelassen. Als Ergebnis des Konflikts hat der Gouverneur Stitt das Prinzip der Kreuzvertretung abgeschafft, was bedeutet, dass die Stammespolizei keine Nicht-Natives mehr in Okmulgee County verhaften darf. Das Büro des Sheriffs und die Stammespolizei befinden sich im Grunde genommen in einem kalten Krieg."
Archiv: New Yorker

Lidove noviny (Tschechien), 04.08.2024

Dagmar Hochová: Jiří Hájek, ehemaliger Minister, 1987


Radim Kopáč bespricht begeistert die Retrospektive der tschechischen Fotografin Dagmar Hochová (1926-2012), die noch bis 29. September in der Brünner Moravská Galerie zu sehen ist. Hochová? Das ist doch die, die Kinder fotografiert hat, beschreibt Kopáč das gängige Wissen über die Fotografin, "wie Kinder spielen, lachen, sich in alle möglichen Abenteuer wagen. Wie sie einen Hund begraben, in Fässern herumrollen, an einer Schranke turnen, zu zweit gegen eine Mauer springen. Und sie fotografierte im humanistischen Geist, im Stile eines Cartier-Bresson, eines Ronis oder Doisneau. Doch die Brünner Ausstellung, plus begleitende Monografie, erzählt über Hochová noch etwas anderes, letztlich vor allem etwas anderes, viel mehr, als man aus dem Kanon kennt." Die Fotografin hatte nämlich ihr Archiv - fast 130.000 Negative - der Moravská Galerie vermacht, und die aktuelle Ausstellung ist als eine erste Auswertung zu verstehen. Zu entdecken ist nun unter anderem "Hochovás Interesse für die sozialen Randgebiete, für jene Facetten der Gesellschaft, die dem damalige Regime nicht in den Kram passten - für geistig oder körperlich Behinderte, für Alte und Schwache. Schließlich blühte doch der Kommunismus der Normalisierungszeit, es lebte sich dort herrlich, da hatten traurige Gestalten, existenzielle Tragödien keinen Platz! Oder die Politik: von den späten Sechzigern bis zu den frühen Neunzigern. Es ist eine Schau der Gesichter, die alles sagen, ohne sprechen zu müssen. Über die Zeit und sich selbst."
Archiv: Lidove noviny

Mediazona (Russland), 24.07.2024

Mediazona veröffentlicht einen Essay, in dem der zu sieben Jahren Straflager verurteilte Moskauer Kommunalpolitiker Alexei Gorinov die Weite des Universums mit dem menschlichen Verständnis von Raum und Zeit vergleicht. Gorinov wurde Anfang 2024 wegen schwerer Krankheit in ein Krankenhaus eingeliefert. "Trotz unserer persönlichen mikroskopischen Natur und des vernachlässigbar kleinen Teils des Weltraums, den wir einnehmen, gehen unsere Taten, unsere Handlungen in Form von Raumschwingungen - Signalen - in die kosmische Ewigkeit. (...) Für die Bewohner des Planetensystems Alpha Centauri (falls es welche gibt) lebt Alexej Nawalny, nicht vergiftet. Aber nichts kann geändert werden. Für Außerirdische, die hundert Lichtjahre entfernt sind, sind wir ungeboren. Für die Bewohner der Planetensysteme unserer Galaxie sind wir immer noch jagende Mammuts. Und für außerirdische Lebensforscher aus Galaxien, die mehrere hundert Millionen Lichtjahre von uns entfernt sind, existiert der Mensch als höchster Vertreter der irdischen Tierwelt gar nicht, und es regieren die Dinosaurier. Jetzt, in unserer 'Gegenwart', sehen die Außerirdischen, die in den am weitesten von uns entfernten Galaxien leben - mehr als fünf Milliarden Lichtjahre entfernt - das Sonnensystem und auch die Sonne selbst nicht, obwohl wir ihre Sternensysteme in der fernen Vergangenheit für sie sehen. Unser Sonnensystem existiert für sie einfach nicht, weil es sich noch nicht aus einer Gas-Staub-Wolke gebildet hat. Vielleicht ist dies die Essenz der Unendlichkeit des Universums? Aber könnten wir einen absoluten Aussichtspunkt finden oder modellieren, um einen Blick auf die augenblickliche Gesamtheit des Universums zu werfen, was uns sehr überraschen könnte? Das weiß ich nicht. Wer dies tut, wird Gott."
Archiv: Mediazona

Observator Cultural (Rumänien), 01.08.2024

Wie kann man kleine und junge Literaturen populär machen? Indem man Vielfalt zum verlegerischen Leitkonzept macht, meint der rumänische Dichter, Schriftsteller, Essayist und Herausgeber Cosmin Perta gegenüber dem rumänischen Kulturbeobachter. Im Gespräch mit Silviu Romaniuc zeichnet er optimistisch ein aktuelles Bild der rumänischen Gegenwartsliteratur, die formal immer mutiger, immer mehr rezipiert und immer breiter in Rumänien diskutiert werde. Als Editor ist es Perta vor allem ein Anliegen, die Leserschaft mit den formalen Versuchen junger Autorinnen und Autoren in der aktuellen literarischen Produktion in Rumänien vertraut zu machen: "Die meisten Verlage führen - bewusst oder nicht - zu einer Art Standardisierung oder Ideologisierung, indem sie eine bestimmte Art von Diskurs bevorzugen und suchen. Ich sage nicht, dass das etwas Schlechtes ist, es bringt nur eine Art von Positionierung und eine Art von erkennbarer Identität mit sich. Aber ich interessiere mich auch für Diskurse, die sich nicht in Schubladen einordnen lassen, für atypische Bücher, die aber einen bestimmten Wert haben, wie zum Beispiel gut geschriebene poetische Prosa oder der journalistische Essay, der sich an der Grenze zwischen den Genres bewegt. Man kann keinen Verlag betreiben, der ausschließlich atypische Büchern publiziert, das stimmt, aber ich versuche doch, ihre Integration zu ermöglichen."

Guardian (UK), 05.08.2024

Charlotte Higgins porträtiert Leonid Marushchak, einen ukrainischen Historiker, der es sich nach dem russischen Überfall auf die Ukraine zur Aufgabe machte, kulturelle Schätze, die in größeren und vor allem kleineren ukrainischen Museen ausgestellt sind, vor den Bomben und den Invasoren in Sicherheit zu bringen. Die Geschichten, die er dabei erlebt, sind abenteuerlich und teilweise filmreif, aber es lohnt sich: "Seit den frühen Tagen des Krieges hat Marushchak, mit Hilfe einer bunt gemischten Gruppe mutiger Freunde, etwas Außergewöhnliches erreicht. Er hat die Evakuierung von dutzenden Museen entlang der ukrainischen Front organisiert - jedes einzelne Objekt verpackt, dokumentiert, erfasst und gezählt, und sie allesamt an geheime, sichere Orte abseits der Kampfzone verschickt. Unter den vielen zehntausenden Artefakten, die er gerettet hat, befinden sich einzelne Zeichnungen und Briefe aus Künstlerarchiven, Sammlungen alter Ikonen und antiker Möbel, wertvolle Textilien und sogar 180 eindrucksvolle, überlebensgroße mittelalterliche Skulpturen, bekannt als Babas, die von den Turk-Nomaden der Steppe geschnitzt wurden. 'Manchmal', sagt (die ehemalige ukrainische Kulturstaatssekretärin Kateryna) Chuyeva, 'hat er fast Unglaubliches geleistet' - sich selbst in extreme persönliche Gefahr begeben, um die äußerlich bescheiden anmutenden regionalen Museumssammlungen an der ukrainischen Front zu retten."
Archiv: Guardian

Persuasion - Substack, Yascha Mounk (USA), 05.08.2024

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Die designierte Friedenspreisträgerin Anne Applebaum hat jüngst das Buch "Autocracy Inc." veröffentlicht. Darin erzählt sie, wie sich in den letzten Jahrzehnten eine Front von Autokratien - Sowjetunion, China, Iran oder Venezuela - etablierte, die zunehmend geschlossen gegen den Westen agiert. Es hatte - zumal in Russland und China - bis 2013 oder 14 durchaus Phasen der Öffnung gegeben, erzählt sie im Gespräch mit Yascha Mounk. Aber spätestens als die Autokraten spürten, dass eine Fortsetzung dieses Wegs ihre eigene persönliche Macht und ihren Reichtum gefährdeten, hätten sie ihre Länder diktatorisch umgebaut. Leider kann man heute aber nicht mehr sagen, dass Diktaturen auf tönernen Füßen stehen, fürchtet die Autorin: "Es gibt Dinge in der modernen Welt, die allen Diktatoren, nicht nur den Russen und Chinesen, ein größeres Gefühl der Stabilität und Sicherheit geben als ihren Vorgängern in der Vergangenheit… Einige davon sind Ihnen wahrscheinlich schon bekannt, das Ausmaß der Überwachung, das sie verwirklichen können, nicht nur die physische Überwachung mit Straßenkameras und so weiter, sondern auch über das Internet, durch die Überwachung der Gedanken und Beobachtung der Menschen, durch die Kontrolle von Gesprächen - das ist es, was die Chinesen tun, und sie versuchen sogar vorherzusagen, wo sich Dissens abzeichnen könnte. Sie verfügen über Instrumente und Technologien, die einer früheren Generation einfach nicht zur Verfügung standen." Wir müssen darüber nachdenken, "wodurch wir diese Autokratien überhaupt ermöglichen", sagt sie an die Adresse der Demokratien und schlägt vor, die Finanzparadiese auszutrocknen, aber auch militärisch aufzurüsten.

New Statesman (UK), 05.08.2024

Wie Lily Lynch berichtet, ist die amerikanische Tech-Branche in politischer Hinsicht gespaltener denn je. Hatten in Silicon Valley früher die Demokraten die Überhand, sind inzwischen viele Tech-Unternehmer ins Trump-Lager gewechselt. Ein Grund dafür: Trump macht sich für eine weitgehende Deregulierung der KI- und Krypto-Märkte stark, während Biden und vermutlich auf Kamala Harris für eine stärker interventionistische Politik stehen. Manche haben noch radikalere Visionen: "Bedenken hinsichtlich KI, Kryptowährungen und Steuern sind sicherlich die Hauptgründe für die (Tech-)Unterstützung von Trump, aber es gibt inzwischen andere, wildere Ideen, die ebenfalls mit im Spiel sind. Tech-Barone aus dem Silicon Valley haben begonnen, mit neuen Formen des Staatswesens zu experimentieren. Der Unternehmer und Investor Balaji Srinivasan, der während Trumps Amtszeit als Kandidat für die Leitung der Food and Drug Administration gehandelt wurde, schrieb ein Buch mit dem Titel 'The Network State: How to Start a New Country' (2022), in dem er über die Möglichkeit nachdenkt, neue Länder zu schaffen, die frei von den liberalen Pathologien sind, die seiner Meinung nach Städte wie San Francisco prägen. Srinivasans 'Network State' würde darauf basieren, dass Online-Gemeinschaften von der 'Cloud'-Welt in die materielle Welt erweitert werden: Mit anderen Worten, neue Staaten würden online gegründet werden, in Gemeinschaften, die nach gemeinsamen Interessen und Werten geformt sind, und schließlich offline gehen, indem sie über Crowdfunding Territorien erwerben, in denen sie ein libertäres Xanadu schaffen. Die Idee mag nach Science-Fiction klingen, aber es gibt bereits experimentelle Gemeinschaften, die in Betrieb sind; die am weitesten fortgeschrittene unter ihnen ist das von Thiel unterstützte Prospera auf der Insel Roatán vor der Küste von Honduras. Das Gebiet umfasst bereits einen 18-Loch-Golfplatz, ein Bitcoin Education Center und eine experimentelle Biotech-Klinik."
Archiv: New Statesman

HVG (Ungarn), 01.08.2024

Die aus Siebenbürgen stammende und in Paris lebende Regisseurin Mónika Rusz reagiert auf die Empörung der ungarischen regierungsnahen Presse über die vermeintlich "blasphemisch-woke" Eröffnungsfeier der Olympischen Sommerspiele in Paris. "Ist es zu viel, ästhetisch überhöht, verblüffend? Ist es provokant, dass nicht Leonardo da Vincis 'Letztes Abendmahl', sondern Jan Hermansz van Biljerts 'Fest der Götter' als Live-Bild präsentiert wurde? Diese Vorführung sprach sowohl zu einem Frankreich in der Krise als auch zu einer Welt voller Traumata und Empfindlichkeiten. Letztere versteht, fordert oder akzeptiert nicht unbedingt die französische eklektische Lässigkeit, das grenzwertig kitschige Toben. Sie ist immer weniger mit der französischen Kunst und dem französischen Geist vertraut, die die europäische Kultur für Jahrhunderte prägten. Deshalb wird dieses große Lichterfest von einem französischen Weltbürger, der trotz so vieler Widrigkeiten noch immer aufnahmefähig und offen ist, anders gesehen und erlebt als vom Zensor des marokkanischen Fernsehens oder von Elon Musk, dem Milliardär, der die sozialen Medien besitzt und sie seinen politischen Interessen unterordnet. Die von ihrer Natur aus nicht zensierbare Kunst zeigte sich hier und blieb nur einer Frage schuldig: Warum erscheint sie so, wie sie ist?"
Archiv: HVG

The Insider (Russland), 01.08.2024

Olympia war früher Putins liebste Plattform, um sein Image aufzupolieren, zeichnet Sergey Shatov die Chronologie der jüngeren russischen Olympia-Geschichte in The Insider nach. Das änderte sich nach den Doping-Skandalen währen der Olympischen Winterspiele in Sotschi 2014 und erst recht nach dem Angriff auf die Ukraine. Seitdem dürfen russische Sportler nur noch als "neutrale" Athleten teilnehmen, die Spiele werden nicht mal mehr in Russland übertragen. "Die strengen Auflagen waren nicht die einzigen - und vielleicht nicht die schwerwiegendsten - Hindernisse, mit denen die russischen Sportler auf ihrem Weg nach Paris konfrontiert waren. Als Reaktion auf die jüngsten Entscheidungen wetteiferten russische Funktionäre um die schärfste Kritik an den Maßnahmen des IOC. Besonders lautstark äußerte sich Umar Kremlev, der von der russischen Führung stark unterstützt wird und dessen Vorsitz im Internationalen Boxverband zu einem separaten Konflikt mit dem IOC und einer Suspendierung seiner Organisation von olympischen Wettbewerben führte. Er erklärte, die russischen Athleten, die an den Spielen in Paris teilnahmen, seien Verräter und schlug vor, sie sollten nicht nach Russland zurückkehren. Irina Viner, die Vorsitzende des Allrussischen Verbands für Rhythmische Sportgymnastik, äußerte sich ebenfalls sehr ablehnend und bezeichnete die Athleten, die den neutralen Status akzeptierten, als Teil eines 'Teams von Obdachlosen' - es ist bemerkenswert, dass die Athleten von Viner nicht unter die Quote fallen. Der Präsident des Russischen Olympischen Komitees und vierfache Olympiasieger Stanislav Pozdnyakov unterstützte Viners Standpunkt, stellte aber klar, dass die russischen Tennisspieler (die eine der höchsten Quoten erhielten) nicht 'obdachlos' seien, sondern Teil einer 'Mannschaft ausländischer Agenten'."
Archiv: The Insider
Stichwörter: Russland, Olympia, Doping

Tablet (USA), 05.08.2024

Izabella Tabarovsky ist die Historikerin des Antizionismus und macht mal wieder (wir haben sie schon häufiger zitiert) deutlich, dass Autorinnen wie Judith Butler oder Masha Gessen glauben mögen, originell zu sein und doch nur doktrinäre Ideologen wiedergeben, die schon vor über fünfzig Jahren agierten. Tabarovsky erzählt, wie sich die Sowjetunion durch die "Dritte Welt" und Organisationen wie die der "Blockfreien" ideologisch neu erfand und auch für die hippe "neue Linke" in den westlichen Ländern aufhübschte. Der Antizionismus funktionierte da als ein universelles Bindeglied. Oft trafen sich diese Eliten auf voll bezahlten Reisen zu großen Kongressen wie der "Zweiten internationalen Konferenz zur Unterstützung der arabischen Völker" in Kairo 1969, wo der Ideologe Jewgeni Jewsejew Versatzstücke des Antizionismus verbreitete, die heute wieder höchst aktuell wirken. Jewsejew begrüßte die Kairoer Konferenz "als 'eine machtvolle Demonstration der antiimperialistischen Kräfte zur Unterstützung des Kampfes der arabischen Völker'. Delegierte aus 74 Ländern und 15 internationalen Organisationen, darunter Frankreich, Italien, Schweden, Lateinamerika, Afrika und Asien, seien zusammengekommen, um über den Zionismus als eine 'aktive, aber geschickt verborgene Kraft' zu diskutieren, die einen 'weltweiten Kampf gegen nationale Befreiungsbewegungen, den Kommunismus und andere demokratische Kräfte' führe. Mit dieser grundlegend konspirativen Vorstellung versuchte Jewsejew, die Sichtweise Israels als 'kleinen und schwachen Staat' zu entkräften, der von feindlichen Nachbarn umgeben ist: In Wirklichkeit, so schrieb er, sei Israel eine kriegstreiberische, 'aggressive Kraft' und 'Quelle von Spannungen' im Nahen Osten."

Ebenfalls in Tablet erzählt Jonathan Marc Gribetz  die Geschichte des frühen Antizionisten Elmer Berger, der aus dem Reformjudentum kam.
Archiv: Tablet

New Lines Magazine (USA), 05.08.2024

In von Rumänien kontrollierten Gebieten wurden während der Nazi-Zeit 380.000 Juden und 11.000 Angehörige der Roma-Gemeinschaft ermordet. Die Rolle, die Rumänien bei der Verfolgung der Juden im eigenen Land spielte, wurde im Land aber lange Zeit ignoriert. Seit dem Jahr 2023 gibt es nun einen verpflichtenden Kurs in Schulen, der den Holocaust in Rumänien aufarbeiten soll, berichtet Amanda Coakley. Dabei geht es auch um das Pogrom von Iasi, das am Beginn einer Vernichtungswelle gegen Juden und Jüdinnen stand: "In den ersten fünf Monaten seiner Regierungszeit, die im September 1940 begann, verbündete sich Ion Antonescu mit der faschistischen Bewegung der 'Eisernen Garde', verschärfte die antisemitische Gesetzgebung und unterstützte Angriffe auf jüdische Gemeinden, um die Wirtschaft zu 'rumanisieren'. Anfang 1941 kam es zum Zerwürfnis zwischen Antonescu und der 'Eisernen Garde' und ihrem Anführer Horia Sima, nachdem diese einen Staatsstreich verübt hatten, um die Macht an sich zu reißen. Doch obwohl die Mitglieder verhaftet und eingesperrt wurden, blieb der Antisemitismus bestehen. Monate später, als sich 585.000 rumänische Soldaten auf den Einmarsch ihrer deutschen Verbündeten in die Sowjetunion vorbereiteten, behauptete Antonescu, die jüdische Gemeinde in Grenznähe spioniere im Auftrag der Russen und warne sie vor den Militärmanövern. Dies war der Auslöser für das Pogrom von Iasi, das am 28. Juni 1941 begann und zu einem Massenmord an über 4.000 Juden in der Polizeistation der Stadt führte. Parallel zu den Morden wurden mehrere Tausend weitere Juden aus der Region in Viehwaggons gesperrt und nach Nord- und Südrumänien deportiert. Die Einwohnerzahl der Gemeinde in der Stadt, in der sich sephardische Juden erstmals im 15. Jahrhundert niedergelassen hatten, wurde halbiert. Um die rumänischen Soldaten bei der Durchführung der Aktion zu unterstützen, wurden Mitglieder der 'Eisernen Garde' aus dem Gefängnis entlassen. Insgesamt wurden bei einem der blutigsten Massaker, das die Rumänen während des Krieges verübten, mindestens 13.000 Menschen getötet. Als Rumänien später Bessarabien und die Nordbukowina zurückeroberte, verschärften sich die Angriffe auf Juden in diesen Gebieten. Zwanzigtausend Juden wurden in Odessa ermordet, als die ukrainische Stadt unter rumänischer Kontrolle stand. Tausende weitere wurden auf Geheiß von Antonescu in Lagern und Ghettos im gesamten Gouvernement Transnistrien getötet."

Saurav Das deckt in einer größeren Recherche die düsteren Machenschaften der Polizei in dem bevölkerungsreichsten Bundesstaat Indiens Uttar Pradesh auf. Seit 1997, erklärt er, sind landesweit mindestens 3.584 Menschen bei Schießereien mit der Polizei ums Leben gekommen. Uttar Pradesh führt diese Liste mit 1.114 Tötungen an. Über die Jahre hat sich ein bestimmtes Muster abgezeichnet nach dem viele dieser Schießereien ablaufen: Die Beamten geben an, der Getötete sei ein gesuchter Verbrecher, die Tötung sei deshalb in Selbstverteidigung erfolgt, "viele Menschenrechtsaktivisten und Familien von Opfern haben jedoch behauptet, dass es sich bei den meisten dieser Polizeiaktionen um 'vorgetäuschte Begegnungen' handelt, ein Begriff, der zur Beschreibung außergerichtlicher Tötungen verwendet wird. Der von Das befragte Menschenrechtsaktivist Rajeev Yadav erklärt, wo der Grund liegt: "'Was wir heute erleben, ist, dass die Polizei als bezahlte Mörder und Auftragskiller agiert, die Personen für einen Preis töten oder verletzen', sagte der Aktivist. 'Die eigentlichen Verbrecher bestechen die Polizei, um Ermittlungen zu entgehen. Die Polizei zwingt dann Informanten, jemanden mit einer Vorgeschichte von vielleicht geringfügigen, unbedeutenden Straftaten zu belasten.' In den ersten Jahren von Adityanaths Herrschaft enthüllte eine verdeckte Operation von India Today, dass einige Polizeibeamte bereit waren, für einen Preis von 5.000 bis 7.000 Dollar Begegnungen zu inszenieren, um den Gegner einer Person zu eliminieren. Es gab Berichte, dass in einigen Bezirken eine monetäre 'Tarifkarte' für Polizeieinsätze gegen die Gegner im Umlauf war."