Magazinrundschau

Bekenntnis zur Realität

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
21.03.2023. Prospect beschreibt die polnisch-ukrainischen Beziehungen, die nicht immer ungetrübt waren. American Scholar lauscht ihrem Tinnitus. Der New Yorker porträtiert Balenciaga-Couturier Demna Gvasalia. Hakai überprüft, ob Seetang Klima- und Hungerkrise lösen könnte. Die LRB kramt ihre Baudelaire-Anthologie hervor. Die NYT besucht traumatisierte ukrainische Soldaten im Krankenhaus. Criterion Collection erinnert an die tschechische Regisseurin Ester Krumbachóva. Granta überlegt, was normal ist.

Prospect (UK), 01.04.2023

Über ihre Position in Europa sind sich die Polen alles andere als einig, aber an der Seite der Ukraine stehen sie wie eine eins, staunt der britische Historiker Neal Ascherson: "Tatsächlich waren die ukrainisch-polnischen Beziehungen noch nie so herzlich wie jetzt, inmitten des Krieges. Angesichts der Vergangenheit ist das ein Wunder. Ein großer Teil der Ukraine westlich des Dnjepr - und ein Großteil Weißrusslands und Litauens - wurde in den vergangenen Jahrhunderten von polnischen Großgrundbesitzern 'kolonisiert', deren Sprache, Religion und Kultur den auf ihren Ländereien arbeitenden Bauern in der Regel ziemlich fremd waren. (Ähnlich erging es den irischen Bauern unter englischer Herrschaft). Nach dem Ersten Weltkrieg, als sich der ukrainische Nationalismus herauszukristallisieren begann, wurden die westlichen Regionen der Ukraine unter heftigen Kämpfen von der neuen polnischen Republik annektiert. Im Zweiten Weltkrieg verübten ukrainische nationalistische Partisanen, die von den Nazi-Invasoren unterstützt wurden, in der Provinz Wolhynien völkermörderische Massaker an der polnischen und jüdischen Bevölkerung - Verbrechen, die erst vor kurzem, nach jahrelangem Schweigen, zugegeben und zur Versöhnung gebracht wurden. Und doch strömten während der Orangenen Revolution zwischen 2004 und 2005, als junge Ukrainer die Straßen von Kiew aus Protest gegen die ungeheuerliche politische Misswirtschaft besetzten, junge Polen zu Tausenden über die Grenze, um zu helfen, indem sie ihre rot-weißen Solidarnosc-Fahnen schwenkten - und wurden ohne ein Wort über den 'polnischen Imperialismus' ihrer Vorväter willkommen geheißen."
Archiv: Prospect

Eurozine (Österreich), 17.03.2023

Seitdem Nordmazedonien die Ukraine im Krieg gegen Russland unterstützt, steht das Land zunehmend im Fokus hybrider Kriegsattacken, informiert Jovan Gjorgovski in einem aus der New Eastern Europe übernommenen Artikel. Russische Propagandisten nutzen den historischen Konflikt des Landes mit Bulgarien, um die Gesellschaft politisch zu entzweien. Das gefährdet auch den EU-Beitritt Nordmazedoniens: "Nordmazedonien ist noch kein Mitglied der Europäischen Union, und hier hat sich der bösartige Einfluss am schädlichsten ausgewirkt. Es begann mit einem Veto Bulgariens im Rat der EU, das die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen blockierte. Der Streit mit Bulgarien ist tiefgreifend und reicht bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs zurück, aber das Veto erwies sich als perfekte Gelegenheit für Moskau, Desinformation und Fake News einzusetzen, um Zweifel an der EU und der NATO zu säen. Ein Beispiel betrifft Feiertage und Nationalhelden. Die russische Botschaft in Skopje beging einen Feiertag und nannte ihn in den sozialen Medien 'mazedonisch', während die Botschaft in Sofia dasselbe tat, ihn aber 'bulgarisch' nannte. Ein billiger Trick, der leicht zu durchschauen ist, aber nicht für den Durchschnittsbürger, der Informationen vor allem in den sozialen Medien konsumiert und alles glauben will, was seine bestehenden Vorurteile bestätigt. In einer kürzlich vom Internationalen Republikanischen Institut in Nordmazedonien durchgeführten Umfrage ist die Unterstützung für die EU-Mitgliedschaft im Vergleich zum Vorjahr um 11 Prozent gesunken. Serbien wird jetzt als der vielversprechendste Partner gehandelt und die EU steht an zweiter Stelle, eine drastische Veränderung gegenüber der Situation vor zwei Jahren, als Brüssel als wichtigster Partner angesehen wurde."
Archiv: Eurozine