Magazinrundschau

So viele Abstraktionsschichten

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
06.09.2022. Atlantic dokumentiert in einer riesigen Recherche, wie amerikanische Behörden mehr als 5000 Kinder die Rechnung für den Traum ihrer illegal eingewanderten Eltern bezahlen lassen. Der New Yorker untersucht die trauten Beziehungen des salvadorianischen Präsidenten zu den kriminellen Gangs im Land. In HVG erklärt der Autor Zoltan Danyi, warum es gut ist, dass es nicht nur ungarische, sondern auch serbische, slowakische und rumänische Ungarn gibt. Hakai lernt von den Inuit, wie der Klimawandel die Arktis verändert. Die Washington Post besucht die traurigen Reste des einst prächtigen Aralsees. Bloomberg erzählt, wie RT in Afrika, Asien und Lateinamerika nach Verbündeten fischt.

The Atlantic (USA), 05.09.2022

In einer auf Papier 50 Seiten langen Recherche geht Caitlin Dickerson dem Skandal um die Kinder illegaler Einwanderer nach, die amerikanische Behörden unter Trump eineinhalb Jahre lang von ihren Eltern getrennt hatten. Die Eltern wanderten ins Gefängnis, die Kinder wurden "wie ein Amazonas-Paket" bei Wohltätigkeitsorganisationen wie den Bethany Christian Services abgeliefert. In Januar 2021 waren nach Angaben der US-Regierung immer noch mindestens 5.569 Kinder von ihren Eltern getrennt. Bei einigen dauert dieser Zustand schon vier Jahre. "Viele Beamten beharren nun darauf, dass sie nicht vorhersehen konnten, was alles schief gehen würde. Doch das ist nicht wahr." Ohne jede vorbereitende Planung war das Systemversagen sozusagen einkalkuliert, so Dickerson. "Es ist leicht, die Schuld für die Familientrennungen den einwanderungsfeindlichen Beamten zuzuschieben, für die die Trump-Regierung bekannt ist. Aber diese Trennungen wurden auch von Dutzenden von Mitgliedern der mittleren und oberen Führungsebene der Regierung gebilligt und ermöglicht: Kabinettssekretäre, Kommissare, Chefs und Stellvertreter, die aus verschiedenen Gründen keine Bedenken äußerten, selbst wenn sie die Katastrophe hätten kommen sehen müssen; die darauf vertrauten, dass 'das System' das Schlimmste verhindern würde; die davon ausgingen, dass es nicht strategisch sei, sich in einer Verwaltung zu Wort zu melden, in der die Bezeichnung 'RINO' oder 'Squish' - Spitznamen für diejenigen, die als nicht ausreichend konservativ gelten - ihre Karriere beenden könnte; die davon ausgingen, dass jemand anderes, in einer anderen Abteilung, das Problem im Griff haben muss; die so viele Abstraktionsschichten von der Realität schreiender Kinder, die ihren Eltern aus den Armen gerissen werden, entfernt waren, dass sie sich vor den menschlichen Konsequenzen ihres Handelns verstecken konnten.... Was in den Monaten vor der Einführung von Zero Tolerance - der Initiative der Trump-Regierung, die Tausende von Familien trennte - geschah, sollte von künftigen Generationen von Organisationspsychologen und Moralphilosophen untersucht werden. Es wirft Fragen auf, die weit über diese eine Maßnahme hinausgehen: Was passiert, wenn persönlicher Ehrgeiz und moralische Bedenken in der grauen Anonymität der Bürokratie aufeinanderprallen? Wenn Rationalisierungen zu Verleugnung oder offener Täuschung werden? Wenn das eigene Verständnis der Grenze zwischen richtig und falsch durch das laute Beharren des Chefs außer Kraft gesetzt wird?"
Archiv: The Atlantic

Merkur (Deutschland), 01.09.2022

Ziemlich harsch antwortet die Osteuropa-Historikerin Franziska Davies auf einen Text des Politikwissenschaftlers Ulrich K. Preuß, der die deutsche Russlandpolitik zwar als gescheitert bezeichnete, aber nicht von vorn herein einen Fehler darin sehen wollte, Russland als Partner zu betrachten (unser Resümee). Das macht Davies fassungslos: "Wie kann man einen Staat in eine europäische Sicherheitsordnung integrieren, der das Fundament dieser Ordnung - die Souveränität europäischer Staaten und die territoriale Unverletzbarkeit ihrer Grenzen - eindeutig ablehnt, und zwar nicht erst seit dem Februar 2022. Freilich ist damit nicht gesagt, dass eine 'Zeitenwende' im Jahr 2014 den gegenwärtigen Krieg verhindert hätte. Was aber zumindest hätte minimiert werden können, ist die fatale Abhängigkeit Deutschlands von russischem Gas. Besonders verhängnisvoll war die hundertprozentige Übernahme der Gasspeicher des Versorgers Wintershall durch den russischen Riesen Gazprom im Jahr 2015. Genehmigt wurde die Übernahme vom Wirtschaftsministerium unter Sigmar Gabriel. Dass Gazprom nicht von der kleptokratischen russischen Diktatur zu trennen ist, war schon damals ebenso bekannt wie die russische Strategie, Gas als Instrument der Außenpolitik einzusetzen. Putin und seine Entourage zielten darauf ab, Deutschland von russischen fossilen Brennstoffen abhängig zu machen und die Ukraine durch NordStream 2 zu schwächen. Moskau machte auch keinerlei Hehl daraus, dass die Pipeline ein antiukrainisches Projekt war."
Archiv: Merkur

New Yorker (USA), 12.09.2022

Jonathan Blitzer verfolgt geradezu ungläubig den Aufstieg des Nachtklubmanagers Nayib Bukele zum Präsidenten El Salvadors, der das Land mit seinen Bitcoin-Abenteuern an den Rand der Staatspleite geführt hat, sich aber mit populistischen Sprüchen seine Beliebtheit in der Bevölkerung sichert. Im April lancierte die Regierung eine gewaltige Offensive gegen die kriminellen Banden, die das Land tatsächlich seit zwei Jahrzehnten terrorisieren und im März ein Blutbad von bis dahin unbekanntem Ausmaß angerichtet hatten. Bukele verhängte den Ausnahmezustand und innerhalb von Wochen wurden 50.000 junge Männer inhaftiert, ohne Recht auf einen Anwalt. Doch die Zeitungen misstrauen dem Präsidenten, für ihre investigativen Geschichten wurden immer wieder Journalisten ausspioniert, bedroht und aus dem Land gejagt: "Die Regierung kann die Berichte dementieren, aber bestimmte Fakten bleiben bestehen. Letztes Jahr lehnte Bukele einen Antrag der USA auf Auslieferung von vierzehn hochrangigen Mitgliedern der MS-13 ab. Die salvadorianische Regierung ließ einige der Männer heimlich aus dem Gefängnis frei, sie sind nun auf freiem Fuß. Laut einer gemeinsamen Untersuchung von La Prensa Gráfica und InSight Crime ist einer der Gangster, der sich Crook of Hollywood nennt, im November letzten Jahres während einer Verbrechenswelle aus dem sichersten Gefängnis des Landes entkommen. Im darauf folgenden Monat gingen die Morde zurück. Kürzlich veröffentlichte der Journalist Carlos Martínez in El Faro eine Geschichte, die auf sieben aufgezeichneten Gesprächen zwischen MS-13-Mitgliedern und einem Unterhändler der Regierung beruht, der Bukele nahe steht. Als Codename für den Präsidenten verwenden sie Batman. Es gibt ausdrückliche Hinweise auf zwei Jahre geheimer Gespräche, und der Beamte gibt sich Mühe, alles zu beschreiben, was er für die Bande getan hat, um seine 'Loyalität und Vertrauenswürdigkeit' zu beweisen. Auslöser für die Mordwelle im März war nach Angaben von drei in dem Bericht zitierten Gangmitgliedern die Verhaftung einer Gruppe von Gangstern, die in einem Regierungsfahrzeug unterwegs waren. Sie fühlten sich betrogen, weil ihnen 'sicheres Geleit' versprochen worden war. Untypischerweise griff die Regierung den Artikel nicht an, als er erschien. "

Weiteres: Etwas besseres als die Demokratie finden wir allemal? Adam Gopnik hat zwei Bücher gelesen, "Two Cheers for Politics" (Basic Books) von Jedediah Purdy und "Isonomia and the Origins of Philosophy" von Kōjin Karatani, die nach Alternativen suchen. Und Jennifer Homans erzählt von der Tour des New York City Balletts mit George Balanchine durch die UDSSR 1962, wo der Choreograf Menschen wiederbegegnete, die er auf seiner Flucht Jahre zuvor hinter sich gelassen hatte.
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Archiv: New Yorker
Stichwörter: Bukele, Nayib, El Salvador

HVG (Ungarn), 01.09.2022

Der in Senta, Serbien lebende Schriftsteller Zoltán Danyi spricht im Interview mit Zsuzsa Mátraházi über die in den umgebenden Ländern lebende ungarische Minderheit, aus der Orban "ungarische Ungarn"  machen möchte. Danyi betrachtet dies als Verschwendung von wertvollen Erfahrungen und Kenntnissen. "Für mich ist es nicht wichtig, worin wir uns unterscheiden oder ähnlich sind, sondern dass die Siebenbürger Ungarn auch ein wenig Rumänen sind, die Ungarn aus der Wojwodina auch ein wenig Serben, die aus der Slowakei ein wenig Slowaken. Dies stellt einen großen Schatz dar. Wir können Dinge, die die ungarischen Ungarn nicht können, wir haben Erfahrungen, die sie nicht haben und die sie aus erster Hand von uns erhalten könnten, denn unsere Sprache ist ja die gleiche. Über einen solchen Reichtum verfügen nur ganz wenige Länder und wenn jemand versucht, die Ungarn jenseits der Staatsgrenze auf das Bild der ungarischen Ungarn einzuschwören, ihre Denkweise anzupassen, dann vergeudet er ihre Erfahrung, anstatt sie als Ressource zu betrachten. Ich kann das nur dusselig nennen. Von Béla Hamvas über Imre Kertész habe ich gelernt, dass wenn etwas Schlechtes mit uns passiert, wir darin eine positive Bedeutung suchen sollten. Im Falle des Trianon-Vertrags ist die Erfahrung und das Wissen der Ungarn jenseits der Grenzen diese positive Sache."
Archiv: HVG

Hakai (Kanada), 30.08.2022

Cheryl Katz hat sich für eine große, multimedial aufbereitete Reportage unter anderem an die kanadische Hudson Bay begeben, um dort zu beobachten, wie junge Inuit traditionelles Wissen und moderne Wissenschaft nutzen, um das Gewässer und ihre Jagdgründe neu zu vermessen. Das ist auch dringend geboten, denn in dieser Region zeigt sich der Klimawandel in den letzten Jahren besonders dramatisch: "Insbesondere wegen der Treibhausgasemissionen in den Gesellschaften tief im Süden stiegen die Temperaturen an der Hudson Bay seit den späten Achtzigern um zwei Grad. An einigen Stellen hat sich das Wasser beinahe um ebenso viel erwärmt. Der Permafrost taut. Das Meereseis - wichtig für die Jagd im Winter, Mobilität und als Lebensraum für das Meeresleben - bildet sich nicht nur später, sondern bricht auch früher auf und wird gefährlich dünn. Und da die Emissionen im Großen und Ganzen unverändert steigen, prognostiziert der kürzlich veröffentlichte Klimaatlas für Kanada, dass Arviat in den nächsten 30 Jahren im Durchschnitt nahezu drei Grad wärmer sein wird als zur Jahrhundertwende. Das aus dem Gleichgewicht geratene Klima beeinträchtig die Nahrungsernte im Land. Das Wetter wird zunehmend unvorhersehbar und setzt Jäger auf dem Land und auf der See dem Risiko plötzlicher, lebensbedrohlicher Stürme aus. Lebensräume und Verhaltensweisen der Tiere ändern sich und unterwandern damit das über Generationen gewachsene Wissen, wann und wo man jagen sollte. Die Tundra wird grün - normalerweise wadenhohe arktischen Weiden schießen mancherorts so sehr in die Höhe, dass sie die Fortbewegung erschweren. Und bisher seltene Eindringlinge wie Killerwale rücken näher."
Archiv: Hakai
Stichwörter: Inuit, Klimawandel, Kanada, Arktis

Washington Post (USA), 29.08.2022

Henry Wismayer besucht in Usbekistan den Aralsee, der nur noch einen Bruchteil seiner früheren Größe hat, wie er berichtet: "Es begann, wie so viele Tragödien, mit Hybris. Während der Kollektivierung der Landwirtschaft in den 1920er Jahren beschloss die Sowjetunion, einem großen Teil ihrer zentralasiatischen Vasallen den Baumwollanbau zu überlassen. Ineffiziente Bewässerungskanäle, die von Hand gegraben wurden, leiteten das Wasser aus den Flüssen Amu Darja und Sir Darja ab, um die durstige Monokultur zu ernähren, die bald Millionen von Hektar bis dahin unbewirtschafteten Landes bedecken sollte. Seit dem Beginn des aktuellen Holozäns vor etwa 11 700 Jahren hatten die beiden Flüsse das empfindliche Gleichgewicht des Aral aufrechterhalten. Mit einer Fläche von 26.000 Quadratmeilen erstreckte er sich über die Grenze zwischen Kasachstan und Karakalpakstan, der autonomen westlichen Republik Usbekistans: eine Perle im trockenen Steppenland, das viertgrößte Binnengewässer der Welt. Seit Mitte des 1800 florierten die Fischereihäfen auf dem See. Doch in den 1960er Jahren führte die Umleitung eines weiteren Teils des Amu-Darja-Flusses in den neuen Karakum-Kanal einen Wendepunkt herbei. Die Wasserlinie des Aral begann zu sinken. Das Wasser wurde brackig, dann salzig, dann anoxisch - schädlich für das Fischleben, das fast über Nacht ausstarb. Als der See verschwand, verschwand auch sein regulierender Einfluss auf das Klima der Umgebung. Frostige Winter wichen sengenden Sommern. Winde vermischten Natriumchlorid mit frisch aufgewirbelten krebserregenden Partikeln, die durch landwirtschaftliche Abwässer und Biowaffentests in das Land gelangt waren, und trugen die daraus resultierenden schädlichen Staubwolken in die Atmosphäre. In den 1980er Jahren litt Karakalpakstan unter einer der höchsten Krebs- und Kindersterblichkeitsraten in der Sowjetunion. Giftstoffe aus dem Aralsee wurden im Blutkreislauf von antarktischen Pinguinen gefunden.... Heute ist der Anteil Karakalpakstans an dem See bis auf einen westlichen Splitter verdunstet. Das Land, das durch den Rückgang des Sees freigelegt wurde, ist zur Aralkum geworden, einer anthropogenen Wüste, einem mahnenden Gleichnis. Sie wird oft als die schlimmste vom Menschen verursachte Umweltkatastrophe der Geschichte bezeichnet."
Archiv: Washington Post

Literary Review (UK), 05.09.2022

Mit großem Interesse liest Tim Blanning Andrea Wulfs Geschichte der "Magnificent Rebels" im Jena der 1790er Jahre, mit den Schlegels, Schiller, Fichte, Hegel, Novalis und den Brüdern Humboldt im Mittelpunkt. "Der rote Faden, der diese disparate Gruppe zusammenhielt, wird von Andrea Wulf als die gemeinsame Beschäftigung mit dem Selbst beschrieben. Ihr Blick nach innen befreite sie von Konventionen, machte sie rebellisch und gab ihnen ein Gefühl der Unbesiegbarkeit. Zudem hatte ihre kollektive Emanzipation eine nachhaltige Wirkung: 'Die Befreiung des Ichs aus der Zwangsjacke eines göttlich organisierten Universums ist die Grundlage unseres heutigen Denkens. Sie gab uns die aufregendste aller Kräfte: den freien Willen.' Vielleicht sind wir uns unserer Schuld gegenüber dem Jenaer Kreis nicht bewusst, aber wir sollten es sein, meint sie: 'Wir reden nicht mehr über Fichtes selbstbestimmtes Ich, weil wir es verinnerlicht haben. Wir sind dieses Ich'. Freunde blieben sie nicht lange, dafür waren sie einfach zu starke Persönlichkeiten, lernt Blanning. "Fast alle von ihnen haben sich zerstritten und sind schließlich gegangen. Nur Goethe, der immer ein halbes Mitglied des Kreises war, konnte eine olympische Neutralität bewahren. Er sagte zu Schiller, der die Brüder Schlegel so sehr zu hassen begann, dass er es nicht einmal ertrug, ihre Namen auszusprechen, dass er sie alle interessant und anregend fand. Das waren sie in der Tat."
Archiv: Literary Review
Stichwörter: Jenaer Kreis, Romantiker

Elet es Irodalom (Ungarn), 02.09.2022

János Kertész, Physiker und Mitglied der ungarischen Akademie der Wissenschaften (MTA), war der Initiator des Protestschreibens gegen die berühmt gewordene Rede des ungarischen Ministerpräsidenten Orbán im rumänischen Băile Tușnad in der er u.a. über seine Ablehnung von "gemischten Rassen" sprach. Akademiemitglieder halten sich seit 2010 mit Kritik zurück, denn während Gesellschafts- und Geisteswissenschaftler*innen leichter unter ideologisch-politischen Druck gesetzt werden können, hängen die kostenintensiven Forschungen der Naturwissenschaftler finanziell von der Politik ab. Das Land zu verlassen, ist nicht für jeden eine Option. Kertész lebt und unterrichtet in Wien an der CEU und macht im Interview mit Eszter Rádai seine Verzweiflung deutlich: "Es gibt nichts schön zu reden, dieser Kurs ist ein schrecklicher Schlag für Ungarn; dieses Land, dieses Volk erlebt seit 2010 eine tragische Epoche. Schon vor dem Regierungswechsel 2010 sind hier entsetzliche Sachen passiert, man darf das nicht leugnen, doch die Hoffnung hörte nie auf zu existieren, dass dieses Land mit der fantastischen Chance, die es Ende der 80er-Jahre erhielt, doch etwas anzufangen weiß. Doch diese Chance ist mit dem autoritären System, das bis heute ausgebaut wurde, verschwunden. Früher konnte man stets auf irgendwelche fremden Mächte zeigen, die ihren Willen dem Land aufzwingen, doch diesmal können wir uns nur selbst verantwortlich machen. Das ist unverzeihlich."
Stichwörter: Ungarn, Kertesz, Janos

London Review of Books (UK), 08.09.2022

Seemacht ergibt sich nicht aus der Größe der Marine oder der Fähigkeiten ihrer Admiräle, weiß Tom Stevenson, sondern aus den strategischen Positionen, die eine Marine besetzt. Für die  Royal Navy galt das Diktum ihres Admirals John Fisher, demzufolge fünf Schlüssel die Welt eröffneten: Singapur, Kapstadt, Alexandria, Gibraltar, Dover. Nach dem Zweiten Weltkrieg haben die USA mit ihren Flugzeugträgern die Hegemonie übernommen, jetzt müssen sie fürchten, ihre unbestrittene Vorherrschaft zu verlieren, lernt Stevenson in David Boscos Buch "The Poseidon Project": "Bis in die 2010er Jahre hinein macht niemand der amerikanischen Seemacht ihre Führung streitig. Erst in jüngster Zeit ist China zum aufstrebenden Rivalen auf See geworden. Während ihrer langen Hegemonie haben die USA ihr Image als Bewahrerin der 'Freiheit auf See' gefördert, so wie es einst Großbritannien tat. Im Rahmen der von George Bush im Jahr 2003 ins Leben gerufenen Proliferation Security Initiative hat die US-Marine wie selbstverständlich Schiffe beschlagnahmt, geentert und durchsucht. Im Dezember 2020 veröffentlichte das amerikanische Militär ein offizielles Strategiedokument mit dem Titel 'Vorteil zur See', in dem behauptet wurde, dass die amerikanische Seemacht den 'freien und offenen Zugang zu den Weltmeeren' gesichert und damit 'eine außergewöhnliche Ära des Wohlstands und des Friedens für viele Nationen' eingeleitet habe. Doch dieses System sei nun in Gefahr. Infolgedessen müssen die USA 'die Kontrolle über die Meere in umstrittenen Gebieten von den Küstengewässern bis zum offenen Ozean, einschließlich kritischer Engpässe, aufrechterhalten und ausnutzen'. Die heutigen Entsprechungen der fünf Schlüssel von Fisher - Malakka, Yokosuka, Hormuz, Suez und Panama - sind alle entweder in amerikanischer Hand oder so gut wie."

Besprochen werden Douglas Stuarts neuer Roman "Young Mungo" und Gina Rippons Studie "The Gendered Brain", das mit dem Mythos aufräumt, weibliche Gehirne unterschieden sich qualitativ von männlichen.
Stichwörter: Seemacht, USA, Bosco, David

Bloomberg Businessweek (USA), 05.09.2022

Clara Ferreira Marques erzählt in ihrer Reportage, wie der russische Propagandasender RT (ehemals Russia Today), in Europa inzwischen verboten, in Afrika, Asien und Lateinamerika Fuß fasst - "Orte, an denen Nachrichten hauptsächlich über soziale Medien konsumiert werden und die meisten Regierungen keine besonderen Animositäten gegenüber Putin hegen. Gleichzeitig hilft RT bei der Verbreitung von Nachrichten über ein breites Ökosystem von Organisationen, die von Russland unterstützt werden, wie die Nachrichtenagentur Sputnik und der Videoanbieter Ruptly. Und es inspiriert weiterhin andere Bemühungen, die Vorherrschaft traditioneller Nachrichtenorganisationen zu brechen, seien es Chinas Versuche, seine Auslandspropaganda zu verfeinern, oder Projekte wie TalkTV, ein neuer, von Rupert Murdoch finanzierter britischer Sender, der 'klare Worte' zu brisanten Themen verspricht. ... RT sendet seit 2007 auf Arabisch und hat seine französischsprachige Berichterstattung in Afrika ausgebaut. Außerdem plant der Sender ein neues englischsprachiges Zentrum in Johannesburg. Der Kontinent ist zunehmend eine außenpolitische Priorität für Russland; Ende Juli besuchte Außenminister Sergej Lawrow Ägypten, Äthiopien, Uganda und die Republik Kongo und führte in jedem Land freundschaftliche Gespräche mit führenden Politikern. RT war wohl am erfolgreichsten in Lateinamerika, wo viele Länder seit langem eine skeptische Haltung gegenüber den USA haben. Die spanische Facebook-Seite von RT hat etwa 17 Millionen Follower - mehr als doppelt so viele wie das englische Pendant - und besonders viele in Argentinien, Mexiko und Venezuela. Eine Studie des Atlantic Council, die die Online-Debatte über die Ukraine in den ersten Wochen des Krieges analysierte, ergab, dass RT en Español eine der am häufigsten geteilten Domains in den spanischsprachigen Twitter-Diskussionen über den Konflikt war. ... Es gibt nur wenige Berichte über Russland selbst, dafür aber positive Berichterstattung über Verbündete wie den venezolanischen Machthaber Nicolás Maduro. 'Das Ziel ist es, deutlich zu machen, dass die Demokratie nicht funktioniert', sagt der kolumbianische Politologe Wladimir Rouvinski."