Magazinrundschau
Die Scham und die Pracht
Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
24.07.2018. Der New Yorker schickt Reportagen über Brexit-Britannien und das Polen Kaczyńskis. In Serbien haben sich die Neulinken als Nachfahren von 1968 etabliert, nicht die Reformkommunisten, notiert Laszlo Vegel in Magyar Narancs. Der Guardian möchte Emily Brontë gerade mal als "schwierige Frau" würdigen. In Eurozine fragt Carl Cassegård nach den Kosten einer individualisierten Solidarität. Wired sucht mit Jonathan Albright nach rechten Diskursknotenpunkten im Web. The Nation kritisiert die amerikanischen Medien, die nur noch Trump, Trump, Trump, Trump bringen.
The Nation | Ceska pozice | Wired | Magyar Narancs | New Yorker | The Baffler | El Espectador | Guardian | Eurozine | National Review
The Nation (USA), 24.07.2018
Finanzkrise, Wall Street, Banken, Ausland - alles kein Thema mehr in amerikanischen Medien, die nur noch um einen kreisen: Donald Trump. Und dann gehen sie auch noch so unsachlich mit ihm um, ärgert sich Michael Massing, der die Berichterstattung der Medien - von der New York Times bis zur New York Review of Books - auseinander nimmt. Sie beschimpfen ihn, stempeln ihn zum Faschisten oder Autokraten (als könnten sie unter einem echten Faschisten oder Autokraten schreiben, was sie schreiben) oder gerieren sich als Widerstandskämpfer: "Der Vorposten der nationalen Medien sind die Fernsehnachrichten. In der Vergangenheit zeichnete sich Fox News durch seine nackte Parteilichkeit und die Reinheit seiner Ideologie aus; jetzt liefern MSNBC und CNN die Spiegelversionen, indem sie ihre Sendungen an die Anforderungen ihres trumpfeindlichen Publikums anpassen. Die giftigen Interviewpartner, lästigen Breaking-News-Blitze, die Nonstop-Werbung (20 oder mehr Minuten pro Stunde bei CNN), chargierenden Korrespondenten, der Mangel an Berichterstattung und der konstante Trommelschlag von Trump, Trump, Trump, Trump macht das Fernsehen zu einer demoralisierenden und seelenraubenden Erfahrung."Magyar Narancs (Ungarn), 14.06.2018
Der in Novi Sad lebende Schriftsteller László Végel erinnert an die Ereignisse von 1968 in Jugoslawien und deren Nachwirkungen und Bedeutung für das heutige Serbien. "Die serbische Gesellschaft erinnert sich mit schlechtem Gewissen an die Studentendemonstrationen vor fünfzig Jahren. Jene, von der Bewegung artikulierten Werte - wie die Empörung über die sozialen Ungleichheiten - fielen aus dem Gemeinbewusstsein heraus. Nur in der Sprache der jüngeren intellektuellen Generationen erscheinen sie als neulinke Tradition - vielleicht weil sie in Serbien in der Tat über eine bedeutende Vergangenheit verfügt, im Gegensatz zu anderen Ländern Ostmitteleuropas, deren Systeme wechselten. Die Reformkommunisten jedoch verloren endgültig ihren Nachwuchs, ihr Programm wurde gegenstandslos. Nicht zufällig. Eine liberale Tradition ist in Serbien noch weniger präsent als in anderen Gegenden der Region. In den fünf Jahrzehnten seit 1968 waren unterschiedliche politische Eliten mit unterschiedlichen Auffassungen an der Macht, doch der Kampf gegen die Phantome des Liberalismus und die Sprache jenes Kampfes blieben stets unverändert. Dies leitete auch den Politiker, den wir heute für den Hauptakteur der jugoslawischen Kriege zwischen 1991 und 1999 halten; und nun müssen wir schweren Herzens erfahren, des Slobodan Milošević nur der Vorreiter von heutigen Politikern Ost-Mitteleuropas war."New Yorker (USA), 30.07.2018
Sam Knight liefert nicht nur eine Übersicht über die titanischen Probleme der Realisierung des Brexit - dabei scheint er mit der Idee des Brexit sogar zu sympathisieren - , sondern auch ein so bisher nie gelesenes persönliches Porträt über Theresa May und eine Reportage mit Details über die Folgen des Brexits. Eines Tages wollte May der Nation gute Nachrichten bringen: Das bei der EU eingesparte Geld soll in Krankenhäusern eingesetzt werden, sagte sie bei einer Rede: "Ich saß ein paar Sitze entfernt von Suzanne Tyler, der Direktorin des Royal College of Midwives. Rund 1.500 in der EU ausgebildete Hebammen arbeiten zur Zeit in britischen Krankenhäusern, aber seit 2016 ist die Zahl der aus Europa kommenden Hebammen jährlich um achtundachtzig Prozent zurückgegangen. Es gibt keine Einigung über die Bedingungen, unter denen die Hebammen der EU nach März arbeiten können; 234 Hebammen verließen das Land im vergangenen Jahr. 'Die Leute sind unsicher, was passieren wird', sagte Tyler mir. 'Wir könnten auf einen Schlag Hebammen für zehn Krankenhäuser verlieren.'"Elisabeth Zerofskys Geschichte liest sich zu Anfang ein bisschen wie "Polen für Anfänger", aber sie ist trotzdem lesenswert. Es geht vor allem um die Geschichtspolitik der Gerechtigkeitspartei, und die kleine Geschichte über das Mokotow-Gefängnis zeigt zeigt einmal wieder, wie düster und komplex die jüngste Geschichte Polens ist: "Die Gerechtigkeitspartei, deren Programm ein Kapitel über 'Identität und Geschichtspolitik' enthält, führt eine ganze Kampagne unter dem Titel 'Wiedergewinnung der Geschichte', die auch dazu dient, das Gedächtnis an die 'Verstoßenen Soldaten' wiederzubeleben. Es ist kaum verwunderlich, dass es keinen historischen Konsens in der Erinnerung an sie gibt. Unter ihnen waren Gruppen, die mit Untergrundorganisationen liiert waren, die von der Exilregierung nicht anerkannt wurden, sie waren häufig rechtsextreme Antisemiten, die ein judenfreies Polen wollten. Hätte Polen nach 1945 seine Unabhängigkeit erlangt, hätte die Regierung wohl viele von ihnen vor Gericht gestellt, einige auch, weil sie Zivilisten ermordet hatten, darunter ethnische Weißrussen und Juden, die ins Land zurückgekehrt waren. Stattdessen endeten viele Verstoßene Soldaten im Mokotow-Gefängnis, wo die Kommunisten sie folterten und exekutierten. Heute macht die Gerechtigkeitspartei aus dem Gefängnis ein Museum. 'Sie schaffen sich eine eigene Genealogie, eine Art Gründungsmythos über sich selbst', sagt der Historiker Jan Gross."
Weitere Artikel: Zadie Smith schreibt über die Porträts des Künstlers Henry Taylor. Adam Gopnik liest Michael Robertsons Buch über "The Last Utopians: Four Late Nineteenth-Century Visionaries and Their Legacy". Joanna Biggs bespricht Amitava Kumars Roman "Immigrant, Montana". Und Anthony Lane sah im Kino Ian Bonhôtes und Peter Ettedguis Filmdoku über den britischen Modedesigner Alexander McQueen.
The Baffler (USA), 31.07.2018
"Vor einigen Jahren rief mich ein Verleger aus Delhi an, um zu fragen, ob ich ein kurzes Buch über meine Heimatstadt Patna in Ostindien schreiben würde. Ich dachte an die Ratten, die das Gebiss meiner Mutter verschleppt hatten, und sagte ja", erzählt der Schriftsteller Amitava Kumar im Baffler. Womit er nicht gerechnet hatte, war, dass seine Familie nach Erscheinen des Buches verärgert war. Soll man also die Wahrheit schreiben, auch wenn man damit anderen wehtut? "Alles ist Material, sagte Colm Tóibín in einem Interview, sogar Geheimnisse. Tóibíns Ratschlag für Schriftsteller lautet, weiterzumachen, die Geschichte zu verwenden, auch wenn Leser die Figur im Text identifizieren könnten. Das Credo des Autors muss sein: Benutze es, denn es wird eine tolle Geschichte ergeben … Die Aufgabe des Schriftstellers ist es nicht, Privates anzusammeln, sondern die Scham und die Pracht mit seinen Lesern zu teilen. Facebook mag Daten sammeln, aber es weiß nichts von meinen Träumen oder Lügen, meinen Zweifeln oder Widersprüchen. Ich habe einige Bücher geschrieben, als Konkurrent von Facebook sozusagen, in denen ich mein Privates öffentlich mache. Als ich anlässlich eines neuen Romans kürzlich die Anwältin meines Verlags traf, fragte sie mich, ob die Figuren, vor allem die Liebhaber des Erzählers, auf wahren Personen beruhten und was mit den Liebesbriefen wäre, aus denen ich zitiere. Ich beantwortete all ihre Fragen. Und mein Verstand schweifte umher zwischen Fakten und Fiktion."El Espectador (Kolumbien), 22.07.2018
Guardian (UK), 21.07.2018
Joshua Keating beschreibt in einer Reportage den Traum des - zu Somalia gehörenden - Somalilands von der Unabhängigkeit: "Selbst unter den nicht anerkannten Staaten ist Somaliland ein Sonderfall - es ist sowohl völlig unabhängig als auch politisch völlig isoliert. Im Gegensatz zum Südsudan vor seiner Unabhängigkeit beruht der Anspruch Somalilands auf Staatlichkeit nicht auf einer Neuordnung der kolonialen Grenzen, sondern auf dem Versuch, diese wiederherzustellen. Im Gegensatz zu Taiwan ist es nicht an ein reicheres, mächtigeres, sondern an ein ärmeres, schwächeres Land gefesselt. Im Gegensatz zu Palästina ist sein Streben nach Unabhängigkeit keine Herzensangelegenheit für Aktivisten auf der ganzen Welt.
Eurozine (Österreich), 18.07.2018
In einem Beitrag für das schwedische Magazin Fronesis (von Eurozine ins Englische übersetzt) geht Carl Cassegård neuen, individualisierten Formen der Solidarität und des Protests nach: "Das vorherrschende Ideal globaler Solidarität innerhalb neuer sozialer Bewegungen kann als Ausdruck einer reflexiven Solidarität begriffen werden, in dem Sinne, dass Solidarität nicht in bereits bestehenden Gemeinschaften oder Interessen verankert ist, sondern durch kommunikative Prozesse vermittelt wird, in deren Verlauf sich der Einzelne erst aus moralischen oder anderen Gründen mit bestimmten Anliegen identifiziert, Klimagerechtigkeit oder die Unterstützung von Flüchtlingen etwa … Individualisierte Solidarität ist nicht notwendigerweise offen, sondern kann engstirnig daherkommen, wenn sie etwa Nationalismus oder Rassismus ausdrückt. Der giftige Ton in manchen Webforen zeigt auch, dass sie nicht unbedingt reflexiv im Sinn einer Offenheit für den Einfluss von Argumenten Andersdenkender ist. Nur, indem wir ihre Ambivalenzen erkennen, können wir die Beschränkungen und die Möglichkeiten der individualisierten Solidarität einschätzen und auf welche Weise sie sich in eine offenere, inkludierende und reflexive Richtung entwickeln könnte."National Review (USA), 09.07.2018
In Amerika wird über Aufklärung diskutiert. Anlass sind zwei Bücher, Steven Pinkers "Enlightenment Now" und Jonah Goldbergs "The Suicide of The West". Jamelle Bouie nahm sich die beiden Bücher in Slate vor und ritt eine Generalattacke auf die Aufklärung, die er, modisch linken Diskursen folgend, für rassistische Denkmuster verantwortlich machte. Goldberg antwortet in der National Review: Er bleibt bei seiner Verteidigung von Aufklärung, die er allerdings, anders als Pinker, durch eine Dosis Religiosität temperiert sehen will. Den Rassismus sieht Goldberg heute aber eher bei den Antirassisten: Bouie behauptet, dass erst die Aufklärung "rassistische Taxonomien" zu einer dauerhaften Ideologie gemacht habe. Goldberg anwortet: "Ich frage mich, wie dauerhaft diese Taxonomien wirklich sind. Sie sind wohl eher schwächer als jemals. Ein Zeichen ihrer Schwäche ist, dass die einzigen Leute, die die Welt in solche Taxonomien einteilen, abgesehen von rechten Troll-Armeen, Linke sind, die entschlossen sind, jedermann davon zu überzeugen, dass sie immer noch unsere Leben bestimmen. Wenn ich überhitzte Jeremiaden über 'white supremacy' lese, denke ich immer, dass Jeremias ein Boxer ist, der unbedingt zwölf Runden gegen einen schwächeren Gegner durchhalten will und diesen am Kragen hält, damit er weiter auf ihn einschlagen kann."Ceska pozice (Tschechien), 21.07.2018
Wired (USA), 18.07.2018
Außerdem: Garrett M. Graff fasst zusammen - und spendiert dazu Myriaden von weiterführenden Links -, was Robert Mueller in seinen Ermittlungen über die mutmaßlichen russischen Manipulationen des amerikanischen Wahlkampfs weiß oder wissen könnte. Adam Fisher schreibt über die Flegeljahre von Facebook, als das heutige IT-Flaggschiff noch ein Start-Up zwischen Bierdosen, Pizzaschachteln und pubertären Wandgraffitis war. Stephen S. Hall singt ein Loblied auf die Genmanipulationen, die (das Anfang des Monats von John Oliver angenehm gegrillte) Start-Up Crispr in Aussicht stellt. Und Cathy Alter hat einen Knaben ausfindig gemacht, der von allem, was mit Ventilatoren zu tun hat, massiv begeistert ist.
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