Magazinrundschau

Silber unter das Blau

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
30.09.2014. Vice erzählt, wie die internationale Frauenbrigade Al-Khansa-Brigade des IS die Frauen im syrischen Raqqa inspiziert. Der New Yorker schildert, wie geschickt die Kurden für einen eigenen Staat kämpfen. Außerdem bewundert er die Schattierungen von Blau des Malers Chris Ofili auf Trinidad. Fortune stellt die ENIAC-Frauen vor, die das Programmieren erfanden. Bloomberg erzählt, warum die USA längst ein Mittel gegen Ebola haben könnten. Linkiesta staunt, wie gut die chinesische mit der italienischen Mafia kann. Die BBC porträtiert den erfolgreichen griechischen Bankräuber und Volkshelden Vassilis Paleokostas.

Vice (USA), 26.09.2014

Im syrischen Raqqa dokumentieren junge Aktivisten unter Lebensgefahr das Leben unter der Besatzung durch den IS. Einer von ihnen, der 22-jährige Abu Ibrahim Raqqawi, erzählt Alice Speri von Vice, wie gut die IS mit jeder Art von Überwachungstechnik umgehen kann und wie sich die internationale Zusammensetzung der islamistischen Terrorgruppe bemerkbar macht. Die Anführer sind zwar zumeist Iraker, aber in den Brigaden gibt es Ausländer aus der ganzen Welt, Briten, Amerikaner, Holländer, Tschechen und Tunesier. Große Angst haben die Aktivisten vor der Al-Khansa-Brigade, "einer Frauenbrigade des IS. Sie haben Waffen und kontrollieren die Frauen in der Stadt, überprüfen, ob sie auch alle den Niqab tragen und so. Sie inspizieren sie." Die meisten von ihnen seien Ausländerinnen. "Sie sprechen kaum Arabisch. Das schlimme für uns ist, wenn wir Aktivisten ein Foto auf der Straße aufnehmen wollen, wissen wir nie, ob sich unter den verschleierten Frauen jemand von Al-Khansa verbirgt. Wenn sie einen bemerkten, würde man sofort ergriffen und exekutiert." Die Brigade ist auch erpicht darauf, Ehefrauen für die Isis-Kämpfer zu finden. "Wissen Sie, die Kämpfer aus Marokko, Tunesien und so, die wollen ein syrisches Mädchen heiraten, aber die Kämpfer aus Britannien, den USA und so weiter bevorzugen Frauen aus Schweden oder Holland. Sie bleiben für sich."
Archiv: Vice

New Yorker (USA), 29.09.2014

In einer unglaublich faktenreichen Reportage skizziert Dexter Filkins den Kampf der Kurden für einen eigenen Staat, der mit dem Zusammenbruch des Irak in greifbare Nähe rückt. Die Amerikaner bringt das in eine Zwickmühle: Sie befürchten, dass mit der Abspaltung Kurdistans der Irak endgültig zerfällt. Gleichzeitig müssen sie die Kurden mit Waffen unterstützen, sind sie doch die einzigen brauchbaren Bodentruppen im Kampf gegen ISIS: "Jahrzehnte traumatischer Erfahrungen, zumeist von der Regierung in Bagdad verursacht, haben ein Momentum für einen eigenen Staat erzeugt, dass unaufhaltsam scheint. Ein Leben voller Massaker und Verrat hat Masud Barzani, Präsident der Autonomen Region Kurdistan im Nordirak, seiner Ansicht nach von der Verpflichtung entbunden, den Irak zum Vorteil anderer retten zu helfen. "Wir haben unser Bestes versucht, um einen neuen Irak aufzubauen, der auf neuen Grundsätzen beruht", sagt er. Wir haben keine Anstrengung gescheut, um diesen neuen Irak funktionstüchtig zu machen. Aber unglücklicherweise hat es nicht geklappt. Die Frage, die wir jetzt an unsere Kritiker stellen, ist: Wie lange sollen wir noch warten, wie lange sollen wir unsere Bestimmung für eine ungewisse Zukunft verleugnen?"


Chris Ofili, Blue Riders (Eye For Eye Tooth For Tooth), 2006

Für das aktuelle Heft des New Yorker und anlässlich einer anstehenden großen Retrospektive in New York besuchte Calvin Tomkins den Maler Chris Ofili, der vor einigen Jahren von London nach Trinidad gezogen ist, in seinem Atelier. "Allein im weißen Cottage auf Trinidad begann er mit Blau zu experimentieren, einer Farbe, vor der er immer zurückgescheut war, denn sie hat die Tendenz, andere Farben zu dominieren. "Ich hatte die Blauen Teufel gesehen und die Macht des dunklen Blaus, und da fiel mir auf, dass es mehr ist als eine Farbe - es hat eine andere Kraft als andere Farben", sagt er. Als er noch in London lebte, hatte er eine Anzahl blau-silberner Gemälde begonnen, die "Blue Rider"-Serie, die er 2005 bei der Contemporary Fine Arts in Berlin zeigte. In Trinidad hat er eine neue Serie von Gemälden mit dunklerem Blau begonnen. "Ich habe herausgefunden, dass wenn man Silber unter das Blau legt, das Blau zurückweicht, wie die Nacht, oder wie Mondlicht leuchtet", sagt er."

Weitere Artikel: Jennifer Gonnerman erzählt die Geschichte des jungen Kalief Browder, der 2010 im Alter von 17 Jahren von der New Yorker Polizei aufgegriffen und beschuldigt wurde, einen Rucksack gestohlen zu haben. Browder saß daraufhin drei Jahre in Untersuchungshaft, wurde von Justizbeamten schikaniert und geschlagen, bevor die Anklage schließlich fallengelassen wurde. Masha Gessen porträtiert die regierungskritische russische Schriftstellerin Ljudmila Ulitzkaja.
Archiv: New Yorker

Slate.fr (Frankreich), 29.09.2014

Die Welle der Gewalt, die Syrien und den Irak erfasst hat, könnte auch das politische Leben ihrer Nachbarn lähmen und konservativen Regierungen wie in Ägypten Rückendeckung für antidemokratische Maßnahmen liefern, fürchtet Nadera Bouazza. Dort wiesen zwar gebetsmühlenartig viele darauf hin, es sei bei ihnen "immer noch besser als in Syrien und im Irak", und dennoch: "Die Gewalt spielt der alten Ordnung in die Hände und erscheint kurzfristig als ein Bestandteil der Stabilität. In Ägypten kommt zu diesem weit entfernten Chaos eine terroristische Bedrohung im Inneren dazu, die dschihadistische Gruppierung Ansar Beit al-Maqdis (Partisanen Jerusalems), deren Verbindungen zum IS noch eine Annahme bleiben. Also haben die ägyptischen Behörden im Namen des Kriegs gegen den Terror die gewaltsame Verdrängung der Muslimbrüder legitimiert. Und im Namen dieser Bedrohung wurden auch Aktivisten verhaftet, weil sie ohne Genehmigung demonstrierten."
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Archiv: Slate.fr

BBC Magazine (UK), 29.09.2014

Schick und multimedial hat die BBC Jeff Mayshs großes Porträt des griechischen Räubers - und Abgotts der Anarchisten - Vassilis Paleokostas aufgearbeitet. Immer wieder brillierte er durch kühne Bankein- und Gefängnisausbrüche und streute sein Geld unters Volk. Das machte ihn in Krisenzeiten recht populär. Auf angenehme Weise spannt er die Bevölkerung in seine Strategien ein, wie Maysh anhand eines großen Bankeinbruchs mit anschließender Flucht erläutert: "Dann kamen die Sirenen. Die Gruppe brauste in einem gestohlenen Auto in Richtung der Berge ihrer Kindheit davon, aber die Polizei war ihr auf den Fersen. Vassilis warf mehrere Hände voll Bargeld aus dem Fenster. Wolken von Banknoten regneten auf die Einwohner der Stadt hernieder, es entstand Chaos. In gerade mal drei Minuten waren 125 Millionen Drachmen, etwa 360.000 Pfund, unter der Nase der Behörden geklaut worden. Es bleibt der größte Bankraub in der griechischen Geschichte und der einzige mit Beteiligung der Passanten." Paleokostas ist nach wie vor auf der Flucht.
Archiv: BBC Magazine

Linkiesta (Italien), 29.09.2014

Etwas trocken zu lesen, darum nicht weniger unheimlich ist Alessandro Da Rolds und Luca Rinaldis Bericht über die chinesische Mafia, die sich in Italien bestens etabliert hat und mit der italienischen Mafia kooperiert. Sie betreibt Produktfälschungen, aber auch Menschenhandel Prostitution und Geldwäsche. "Die Schmuggler haben auch nicht gezögert, ins Müllbusiness einzusteigen, etwa in Apulien, Ligurien und der Campania. In Taranto, Genua und Neapel sind Container mit nicht behandeltem Sondermüll aufgetaucht, die von chinesischen Bürgern in Italien verschickt werden sollten."
Archiv: Linkiesta

Nepszabadsag (Ungarn), 27.09.2014

Nach seinem Riesenerfolg mit "Der weiße König" - der Roman wurde in 28 Sprachen übersetzt, brauchte György Dragomán neun Jahre, um einen neuen Roman vorzulegen, "Máglya" (Scheiterhaufen, Magvető Verlag, Budapest 2014). Es ist eine Fortsetzung des "Weißen Königs", Teil einer "losen Trilogie". Im Interview mit Sándor Zsigmond Papp erklärt Dragomán: "Ich beging den Fehler, an mehreren Texten parallel zu arbeiten. An diesem Buch, am dritten Teil der Trilogie, sowie an Novellen für zwei Bände. Jetzt werden aber alle schön fertig. (...) Irgendwo, wenn auch nur sehr entfernt, ist hier die Geschichte meiner Familie enthalten, die Geheimnisse um meine jüdische Großmutter und die antisemitische Urgroßmutter, das stürmische Leben meiner Eltern während der Diktatur, das persönliche Trauma der Auswanderung, die Trauer um den Verlust meines Vaters und meine erste Liebe, stark verwoben mit dem Erlebnis der Wende. Aus all dem entstand irgendwie diese Welt, in deren Mitte die pubertierende Emma versucht zu erfahren, wer sie in Wirklichkeit ist."
Archiv: Nepszabadsag

Propublica (USA), 26.09.2014

Jake Bernstein erzählt in Propublica eine Geschichte, die zeigt, wofür stiftungfinanzierter investigativer Journalismus gut sein kann: Sie gibt einen so nahen Einblick in die Finanzaufsicht der Federal Reserve Bank (Fed), dass er dieser in wünschenswerter Weise peinlich sein muss. Nach der Finanzkrise, so Bernstein, sind neue Aufseher in der Behörde installiert worden, die zum Teil direkt in die Banken beordert wurden, so wie Carmen Segarra, die allerdings nach sieben Monaten wegen unziemlichen Verhaltens gefeuert wurde. Sie hatte den freundlichen Umgangston der Herren von der Aufsicht mit Goldman Sachs gestört. Und sie ist die lebende Illustration für die Thesen eines Berichts des Experten David Beim, den Bernstein zitiert: "Der Beim Report betonte, dass die New York Fed eine neue Kultur brauchte, um sich in eine Institution zu verwandeln, die komplexe Institutionen überwachen konnte und Risiken aufspieße konnte. Und das bedeutete, dass man "unkonventionelle Denker" engagieren sollte, selbst falls es sich um "kontroverse Personen" handelte, empfahl der Bericht." Nun herrscht wieder der freundliche Umgangston.


Archiv: Propublica

Bloomberg Businessweek (USA), 24.09.2014

Eigentlich hätten die amerikanischen Behörden gute Karten gehabt, um ein Mittel gegen die Ebola-Epidemie bereitzustellen. Mehrere Behörden und Militäreinrichtungen forschen daran, erzählen Brendan Greeley und Caroline Chen in einer gut dokumentierten Recherche. Schon seit den neunziger Jahren ist das Thema den Behörden bekannt, unter anderem, weil die Sowjetunion mit dem Erreger experimentierte. Gescheitert sind die Behörden an ihrem eigenen Bürokratismus und daran, dass sie nicht genug Mittel hatten, um die Zulassungsprozeduren für Medikamente durchzustehen, erläutern die Autoren und zitieren einen Experten: ""Für Epidemien wie Ebola gibt es keinen anderen Käufer als Regierungen", sagt Thomas Inglesby, Direktor des Center for Health Security an der Universität von Pittsburgh, der das Weiße Haus in Fragen der Biosicherheit berät. Normalerweise würde das Marktpotenzial ein neues Mittel vorantreiben. Aber bei seltenen tropischen Krankheiten "muss die Regierung diesen Prozess starten und abschließen, denn es gibt keine andere Käufer auf der Welt.""
Stichwörter: Ebola

Les inrockuptibles (Frankreich), 24.09.2014

Anne Laffeter unterhält sich mit dem Soziologen François Dubet über dessen Buch "La Préférence pour l"inégalité". Er bilanziert darin ernüchtert und ikonoklastisch eine typisch französische Leidenschaft: den Kampf gegen die Ungleichheit. Seine zentrale These lautet, Gesellschaften entscheiden sich für jene Ungleichheiten, die sie selbst produzieren: "Wir haben rund um das republikanische Thema - der Staat kann alles, die Schule wird uns retten - eine Art religiöses Denken aufgebaut. Und befinden uns heute in einer Gesellschaft, in der die Menschen Überzeugungen mit Zähnen und Klauen verteidigen, statt sich die Welt anzusehen. In meiner Jugend war die Linke gesellschaftlich, politisch und wirtschaftlich in der Minderheit, hatte intellektuell jedoch eine Vormachtstellung. Man dachte links. Das ist heute verloren. Wir müssen eine neue Form der politischen Repräsentation aufbauen. Man bedenke nur, dass im Parlament kein einziger Arbeiter sitzt!"

Fortune (USA), 18.09.2014

Fortune bringt einen Auszug aus Walter Isaacsons Buch über die legendären ENIAC-Frauen, die um 1945 am ersten, damals noch raumfüllenden Computer das Gerät nicht nur programmierten, sondern das Programmieren selbst erfunden haben: "Nach einer sechswöchigen Ausbildung (...) überantwortete man den Frauen plakatgroße Diagramme und Charts, die ENIAC beschrieben. "Jemand gab uns einen ganzen Stapel von Blaupausen, auf denen die Verdrahtungen aller Panels verzeichnet waren, und sie sagten uns, hier, kriegt mal raus, wie die Maschine funktioniert und danach, wie man sie programmiert" (...) Wir mussten die Differenzialgleichungen analysieren, um dann herauszukriegen, wie man die Kabel legen sollte, um die richtigen elektronischen Kreisläufe miteinander zu verbinden. "Der größte Vorteil, ENIAC in Form von Diagrammen kennenzulernen, bestand darin, dass wir zu verstehen begannen, wozu die Maschine fähig war und wozu nicht", erzählt Jennings."
Archiv: Fortune

Tehelka (Indien), 17.09.2014

Nach heftigen Regenfällen wurde Kaschmir Anfang September von dem schlimmsten Hochwasser seit über hundert Jahren heimgesucht, mehr als 200 Menschen kamen in den Monsun-Fluten um. Mit sinkendem Wasserspiegel werden nun Vorwürfe laut, die nationalen Medien hätten die Leistung der freiwilligen lokalen Helfer ausgeblendet und die Flut zu politischen Zwecken instrumentalisiert, berichtet Riyaz Wani: "Dass sich die Berichterstattung über die Katastrophe auf die verdienstvolle Arbeit der Armee konzentrierte, wird als Trick angesehen, die Aufmerksamkeit von der humanitären Tragödie auf den Heldenmut des Einsatzkräfte umzulenken. "Es wirkte beinahe wie der Versuch, die Kaschmirfrage in der Flut zu versenken. Es gab eine implizite Botschaft in der Berichterstattung: Jetzt, wo das Militär den Menschen hilft, haben sie kein Recht mehr, sich zu beschweren und zu widersetzen", sagt Naeem Akhter, der Vorsitzende der demokratischen Volkspartei Kaschmirs (PDP)."

In weiteren Artikeln untersucht Shyju Marathumpilly die endemische Korruption in der mächtigen paramilitärischen Truppe Assam Rifles, und Kajal Basu schlüsselt die internationale Struktur des IS auf.
Archiv: Tehelka

New York Times (USA), 28.09.2014

Gerade ist Larry Ellison als CEO bei Oracle zurückgetreten, da hat er sich schon einen Altersruhesitz eingekauft (als fünftreichster Mensch kein Problem): die Hawaii-Insel Lanai. Für das Magazin der New York Times erkundet Jon Mooallem das Eiland und erzählt, was Ellison vorhat und was er möglicherweise nicht bedacht hat bzw. in Kauf nimmt, wenn er sozusagen aus dem Off über Menschen und ihren Lebensraum verfügt: "Für Ellison war Lanai weniger Investment, als so eine Art Oldtimer im Pazifik, den er restaurieren will. Er möchte Lanai in die erste 100 Prozent grüne, innovative und sich selbstversorgende Ferieninsel umfunktionieren." Natürlich leben Menschen dort, die es leicht verstörend finden, dass ihr künftiges Leben vom Geschick einer einzelnen Person abhängt: "Möglicherweise haben Ellison und seine Leute Erklärungen für das, was von den Inselbewohnern mitunter als Unnahbarkeit und Verwirrung erfahren wird. Die Einwohner aber sorgen sich, dass der ominöse Ingenieur, der ihre Insel umkrempelt, die Lust an seinem Projekt verlieren könnte oder, schlimmer noch, unfähiger ist, als sie gedacht haben. Ihre Zukunft ist abhängig von jeder Entscheidung, die Ellison trifft." Oder, wie es ein Einwohner fasst: "Sehr bald wird die Lebensweise hier eine völlig andere sein."
Stichwörter: Larry Ellison, Lanai