Magazinrundschau

Das Werk von Verrückten

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
10.07.2012. In n+1 erklärt David Auerbach, warum wir immer dümmer werden müssen. In der New York Review of Books stellt Michael Chabon die Taube auf seinem Hut vor. Im Espresso plädiert Roberto Saviano für die Legalisierung von Drogen. Prospect studiert online in Stanford. Das Boston Magazine schildert das harte Leben von Orchestermusikern. In Outlook India stellt Aravind Adiga den indischen Kafka, Yashwant Chittal, vor. Im New York Magazine warnt Spike Lee vor Übergewicht.

n+1 (USA), 05.07.2012

Computer werden nie die Weltherrschaft übernehmen. Wir servieren sie ihnen auf einem silbernen Tablett. In einem langen, faszinierenden Artikel beschreibt der amerikanische Software-Ingenieur David Auerbach (Blog) die verschiedenen Stadien, die Suchalgorithmen durchlaufen haben - von Ask Jeeves über Google, Amazon bis hin zu Facebook und Twitter. Die Qualität von Suchergebnissen hat sich zwar verbessert, aber sie hängt (frühes Google ausgenommen?) immer noch ab von den fehlerträchtigen Kategorien und Klassifizierungen, die Menschen sich ausdenken. Pech für uns! "Es gibt gute und schlechte Neuigkeiten. Die gute Neuigkeit: Weil Computer uns nicht so 'verstehen' können und es auch nicht werden, wie wir uns gegenseitig verstehen, werden sie auch nicht die Welt übernehmen und uns versklaven (jedenfalls nicht in absehbarer Zeit). Die schlechte Neuigkeit: Weil Computer nicht zu uns kommen und uns in unserer Welt treffen können, müssen wir uns und unsere Welt ihnen anpassen. Wir werden unser Leben, einschließlich unseres sozialen Lebens und der Vorstellung von uns selbst, so definieren und reglementieren, dass es dem, was ein Computer 'versteht', förderlich ist. Ihre Dummheit wird unsere werden."
Archiv: n+1
Stichwörter: Amazon, David Auerbach

Espresso (Italien), 09.07.2012

Der großartige Roberto Saviano plädiert in L'Espresso für eine Legalisierung der Drogen - zumindest der leichten - in Italien. Als Beispiel nennt er Länder wie Uruguay, die ihr Problem mit der Drogenmafias auf diese Weise bekämpfen wollen: "Wann verstehen wir endlich, wie dringlich diese Frage ist? Legalisierung heißt nicht Ermunterung zu Drogen, sondern Austrocknung der Märkte der Mafias. Das Abtreibungsgesetz machte einst allen illegalen Abtreibungen ein Ende. Auf die gleiche Art würde eine Politik der Legalisierung den Verbrechern Einnahmen entziehen. Maurizio Prestiere, Ex-Mafioso, der heute für die Polizei arbeitet, hat mir in einem Interview mal Folgendes gesagt: 'Mit all dem Hasch, den die linken Jugendlichen aus Neapel bei uns gekauft haben, finanzierten sie Wahlkämpfe der Mitte-Rechts-Parteien in unserer Provinz.'"
Archiv: Espresso

New York Review of Books (USA), 09.07.2012

Der Autor Michael Chabon erzählt in einem äußerst amüsanten Essay, wie er sich als leidenschaftlicher Joyceaner erst nach Jahrzehnten an "Finnegans Wake" herantraute. Er schildert die Frustrationen und Gratifikationen mit dem berüchtigt unzugänglichen Text und beschreibt die Reaktionen seiner Freunde und Familie im Laufe des Jahres, das er der Lektüre widmete: "Im Laufe dieses Jahres schrieben mein jüngster Sohn und seine Klassenkameraden Gedichte über ihre Eltern, in denen sie deren hervorstechendsten Züge verewigten. Im Gedicht meines Sohnes bin ich dargestellt, festgehalten in einem Augenblick inmitten der Ewigkeit, als die es meinem Sohn erschienen sein muss, beim Lesen von 'Finnegans Wake'. Wenn er mir mit seinem Gedicht eine Art Denkmal errichten wollte, dann war 'Finnegans Wake' die Taube, die sich auf meinem Hut niedergelassen hatte."
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Stichwörter: Michael Chabon

Elet es Irodalom (Ungarn), 06.07.2012

Die Debatte über den Nutzen einer zeitgenössischen politischen Dichtung in Ungarn hatte Folgen: Gerade erschien eine Anthologie politischer Lyrik, die unter dem Titel "Édes hazám" (dt. etwa: "Lieb's Vaterland") 172 Gedichte von 64 Autoren aus der Zeit nach 1989 umfasst. Grundeinheit der Anthologie ist nicht das Gedicht, sondern Verszyklen, die einem (vom Herausgeber und Literaturkritiker Tibor Bárány konstruierten) Dialog zwischen den einzelnen Gedichten zugrunde liegen, unabhängig von der Zugehörigkeit des Autors zu dem einen oder dem anderen politischen Lager. Es ist zwar fraglich, ob dieser Dialog im realen Leben Bestand hätte, zumindest aber ermöglicht es dieses Konzept, die Gedichte nach rein ästhetischen Kriterien zu beurteilen, meint die Literaturkritikerin Emese László: "Es ist nicht zu leugnen, dass eine große Zahl herausragender Gedichte in die Sammlung aufgenommen wurden, von denen sich der Leser betroffen fühlt, aber man hat nicht so oft den Eindruck, dass das jeweilige politische Gedicht etwas Großartiges, auch poetisch Entscheidendes aufweisen würde. [...] In letzter Zeit macht sich auch die Tendenz bemerkbar, dass immer mehr dichterische Reaktionen auf aktuelle politische Ereignisse entstehen, die zwar eine wichtige politische Handlung darstellen können, aus ästhetischer Sicht jedoch weniger befruchtend sind."

Der Kritiker und Schriftsteller Zoltán András Bán, dessen Briefwechsel mit dem Literaturwissenschaftler Sándor Radnóti die oben genannte Diskussion angestoßen hatte, würdigt die Anthologie mit den Worten: "Unter anderem zeigt diese herausragende und kluge Sammlung, dass seriöse politische Werke nicht nur von der Politik, sondern auch von der Geschichte handeln, von unserem Leben darin, manchmal auch daneben oder dagegen. Weil wir aber darin leben, sehen wir nicht ganz klar. Die eigentlichen Leser dieser Anthologie werden daher die kommenden Generationen sein."

Prospect (UK), 28.06.2012

Während sich in Old Europe die Universitäten noch etwas zieren, ihre Vorlesungen und Seminare einer breiten Öffentlichkeit online anzubieten, blüht diese neue Form akademischer Wissensvermittlung in den USA gerade prächtig auf und wird von Menschen aller Nationen (außer Nordkorea) rege genutzt, beobachtet Kevin Charles Redmon in einer Reportage, für die er sich mit Hilfe von Youtube und einem speziellen Online-Seminarsystem in Stanford zum Preis von einigen Litern Starbucks-Kaffee in der hohen Kunst der Suchmaschinenprogrammierung hat ausbilden lassen. "Die Universitäten waren einst argwöhnisch, ihre Seminare online freizugeben. Bestenfalls raubten die Videos Serverplatz und den Professoren Bürostunden; schlimmstenfalls würden sie den Ivy-League-Status verwässern. Heute hat sich das Kalkül gewandelt. Unternehmungslustige Akademiker sind versessen darauf, mit ihrer Forschung zu protzen oder auf eine Bühne vor 10.000 Studenten zu treten. Die Verwaltung wiederum bemerkt, dass es den Status einer Universität nicht beeinträchtigt, wenn man das Netz umarmt - im Gegenteil, es offenbart eine visionäre Führungsposition, was in eine erfolgreichere Akquise von Finanzmitteln umschlägt. Und ehrlich, when Harvard beschließt aufzutrumpfen, welche Möglichkeit bietet sich einem da noch, außer mitzuziehen?"
Archiv: Prospect
Stichwörter: Nordkorea, Youtube

The Nation (USA), 23.07.2012

Man musste schon bis zur Verrücktheit exzentrisch sein, um die Welt mit so neuen Augen zu sehen wie van Gogh oder Cezanne, meint Barry Schwabsky. Aber wie unkonformistisch mussten erst die frühen Sammler dieser Kunst sein, die ihre Vermögen auf deren Zukunft verwetteten! "Es fällt heute, wo jedes kluge Investment-Portfolio zeitgenössische Kunst enthält, schwer zu glauben, dass der Kauf dieser Avantgardekunst noch verrückter erschien als die Kunst selbst. Und das lange nach dem Tod von van Gogh und Rousseau. Albert Barnes war einer dieser extremen Exzentriker. Wie naiv er war, entdeckte er 1923, als er einen Teil seiner Kollektion - Arbeiten von Soutine, Modigliani, Matisse und anderen - in der Pennsylvania Akademie der Künste in Philadelphia ausstellte. Die Lokalzeitungen hielten sie für einen Skandal und medizinische Autoritäten meinten, diese Kunst sei das Werk von Verrückten."
Archiv: The Nation

Outlook India (Indien), 02.07.2012

Booker-Prize-Gewinner Aravind Adiga empfiehlt seinen Lieblingsroman über Mumbai, den bereits 1979 erschienen Roman "Shikari" von Yashwant Chittal, den, was Adiga kaum glauben und unbedingt ändern will, kaum jemand kennt. Das Buch handelt von einem Mann, der auf Grund einer ihm undurchsichtigen Anklage seine Spitzenposition in einem Chemieunternehmen verliert. Die Nähe zu Kafka ist dabei klar ersichtlich, schreibt Adiga, doch ist "Shikari" auch "mit Reverenzen an existenzialistische Philosophen wie Camus und Erich Fromm reich gespickt. Doch schöpft die Art, wie Chittal in einer parallelen Reihe von Bildern die Wandlung seines Protagonisten anlegt, der seine frühere Existenz in der Unternehmenswelt ablehnt, obwohl ihm die Chance eingeräumt wird, seinen Namen reinzuwaschen und an seinen Arbeitsplatz zurückzukehren, aus der Hindu-Mythologie. ... Den passenden Übersetzer und bloß bescheidene Unterstützung durch einen Verlag vorausgesetzt, dürfte sich 'Shikari' als Klassiker der modernen indischen Belletristik erweisen."

Boston Magazine (USA), 01.07.2012

Jennie Dorris erzählt in dieser zu Herzen gehenden Reportage von zwei Orchester-Percussionisten: der eine, Michael Tetreault, bereitet sich seit Monaten auf einen 10-minütigen Vorspieltermin beim Boston Symphony Orchestra vor. Der andere, Lee Vinson, hat gerade seinen Job ebendort verloren. Nach insgesamt drei Jahren Probezeit war er gefeuert worden. "Am Ende von Vinsons erstem Jahr mit dem BSO fehlte ihm eine Stimme für die Festanstellung, also gab man ihm noch ein Jahr Probezeit. Er begann Kollegen zu fragen, wie er sein Spiel 'ausbessern' könne, aber der eine riet ihm dies, der nächste schlug etwas ganz anderes vor. 'Ich versuchte das zusammenzubringen und es ergab keinen Sinn', sagt er. BSO-Paukist Timothy Genis erklärt: 'Wir wussten einfach nicht, was wir ihm sagen sollten. Instinktiv war es einfach nie ganz richtig. Es war nie so, dass man sagen konnte: Das klang unglaublich, das war perfekt. Was man einem Kollegen wenigstens einmal in dessen Karriere sagen können sollte.'"
Stichwörter: Boston

Wall Street Journal (USA), 29.06.2012

Ebooks verändern das Lesen radikal, schreibt Alexandra Alter in einem instruktiven Hintergrundartikel unter dem Titel "Sie werden gelesen": Nie zuvor hatten Verleger so reiche Daten, konnten wissen, welche Bücher bis zum Ende gelesen werden, wo die Leser stocken, welche Passagen sie markieren. Bei Amazon müssen die Leser gar eine Klausel unterzeichnen, die es Amazon erlaubt, sämtliche Daten und markierten Passagen auszuwerten. Datenschützer protestieren. Und Autoren kommerzieller Romane lassen Leser über den Fortgang ihrer Schmonzetten abstimmen. Tawna Fenske (Website) hat ihre Leserinnen beurteilen lassen, wie sie zu den Männern der Protagonistin stehen: "53,3 stimmten für Collin, einen Hugh-Grant-artigen Typen, 16,8 Prozent zogen Pete vor, den hübschen, aber nicht verfügbaren Kollegen, und 29,7 Prozent mochten Daniel, den emotional kühlen Freund der Heldin. Fenske wollte Daniel ursprünglich aus ihre Serie entfernen, indem sie ihn ins Gefängnis steckte. Aber dann waren ihr 29,7 Prozent doch ein zu großer Brocken ihrer Leserschaft."

Open Democracy (UK), 09.07.2012

In kaum einem anderen Land werden so viele Journalisten ermordet wie in Russland, erinnert Mikhail Loginov in einem Artikel zur dortigen Lage der Medien. Während das Fernsehen vollständig vom Kreml kontrolliert wird, können einige Zeitungen noch unabhängig agieren. Allerdings haben sie sich, wie Loginov bedauert, mit schamloser Juwelenkritik, mit der Erpressung von Prominenten und mit Schmutzkampagnen selbst um Einfluss gebracht haben: "Oligarchen wie Boris Berezowski und Wladimir Gusinsky überzogen sich gegenseitig im Fernsehen oder in den Zeitungen, die ihnen gehörten, mit Anschuldigungen. Zunächst geschah dies nur in Moskau, doch dann griff dies auch auf andere große (und nicht so große) Städte über, in denen sich die Eliten bekriegten. Das Hauptopfer war das Ansehen der Medien: Zuvor war für Leser die Frage, ob etwas stimmte oder nicht, jetzt versuchten sie herauszubekommen, wer hinter einem Artikel stand."

New Republic (USA), 09.07.2012

Mit Bauchgrimmen hat Adam Kirsch noch einmal John Updikes neuaufgelegte "Henry Bech"-Erzählungen gelesen. Henry Bech ist ein amerikanischer Schriftsteller, der, wie Updike schrieb, so "zwangsläufig" Jude ist wie "ein Teppichhändler Armenier". Unter all den Klischees, die der Ober-WASP Updike dabei benutzt, findet Kirsch am seltsamsten, dass Juden angeblich nicht Nein sagen können: "In einem Jahrhundert, dessen berühmtester jüdischer Autor Kafka war, ist die Idee, dass Juden nur Ja sagen können, bizarr; aber sie führt direkt zum Kern von Updikes Vorstellung über Amerika und die amerikanische Literatur. Für Updike, der seine intellektuelle Abstammung auf Dickinson, Melville und Hawthorne zurückführt, ist das, was Literatur amerikanisch macht, ein post-puritanisches, post-protestantisches Ringen mit der Abwesenheit des erlösenden Gottes. Juden, suggeriert er wie vor ihm schon so viele englische Professoren, haben diese amerikanische Erfahrung einfach nicht in ihren Knochen."

Das Cover der neuen Ausgabe zeigt auf subtile Art, "something's rotten" in Britannien.
Archiv: New Republic

New York Magazine (USA), 16.07.2012

Will Leitch führt ein sehr schönes und ausuferndes Gespräch mit Spike Lee über Hollywood ("Oliver Stone könnte heute keinen Film über JFK mehr machen, es sei denn, er legt ihm ein Cape um und lässt ihn fliegen"), New York, Brooklyn, Obama, Erziehung und Bloombergs Idee, die XXL-Größen für Süßgetränke zu verbieten: "Ich bin dafür. Als ich in Brooklyn aufwuchs, hatten wir noch Sport, und wir mussten rennen. Es gab körperliche Aktivität. Heute wird den Kindern in öffentlichen Schulen im ganzen Land keine Kunst mehr beigebracht, keine Musik, kein Sport. Übergewicht ist ein riesiges Problem in diesem Land. Wir Amerikaner sind einfach fett. Verrückt. Und dann die Schwarzen. Wir liegen noch über dem Index, was Fettleibigkeit angeht, und das heißt, dass wir überdurchschnittlich oft Diabetes und Herzkrankheiten haben, und es geht weiter bergab."

Außerdem: Carl Swanson porträtiert die 83-jährige japanische Künstlerin Yayoi Kusama, die jahrelang in einer psychiatrischen Anstalt lebte und jetzt ein Riesencomeback in New York feiert. Und Matthew Shaer trifft Mitglieder der Reddit-Community im wirklichen Leben.