Magazinrundschau

Warum nicht alles?

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
25.10.2011. In Ägypten ist die Opposition mit dem Beifahrersitz zufrieden, erzählt The Daily Beast. Al Ahram plädiert dafür, dass die Kopten nicht so für sich bleiben. Haaretz interviewt Salman Rushdie. Fast Company kündigt den Großen Krieg 2012 an. In Babelia erklärt der Philosoph Jose Luis Pardo, wie wir ganz leicht aus der Finanzkrise herauskommen. Die NYT besucht Haruki Murakami.

Daily Beast (USA), 24.10.2011

Am Beispiel von Wael Ghonim, dem Google-Mitarbeiter, der mit seiner Facebookseite den ägyptischen Protest gegen Mubarak enorm angefeuert hat und der sich heute klein macht, weil er nicht als Möchtegernanführer beschimpft werden will, beschreibt Mike Giglio die Zwickmühle, in der Ägyptens Opposition heute steckt. Die Aktivisten möchten keinen Anführer, keinen Helden, denn damit habe Ägypten schlechte Erfahrungen gemacht. Aber damit geben sie natürlich den Militärs freie Bahn: "Mubaraks Fall, nach drei Jahrzehnten eines eisenharten Regiments, hat eine Leere hinterlassen, von der viele erschöpfte Aktivisten dachten, nur das Militär könne sie füllen. Als das oberste Gremium der Armee (SCAF) die Macht übernahm, versprach es dem Land, den Übergang zur Demokratie so schnell zu organisieren. 'In gewisser Weise hatten wir keine Alternative zum Militär', sagt Khalil. 'Wir konnten niemanden aus unserer Mitte wählen, wir akzeptierten diese Tatsache und dachten, okay, lasst sie fahren. Lasst sie fahren, bis wir die Fahrerlaubnis bekommen und jemand von unserer Seite die Fahrt bestimmt.'"
Archiv: Daily Beast

Al Ahram Weekly (Ägypten), 20.10.2011

Wie können die Kopten am besten das politische Leben in Ägypten beeinflussen? Nicht, indem sie koptische Parteien gründen, meint Samir Sobhi unter Berufung auf den amerikanischen Wissenschaftler Magdi Khalil, sondern indem sie in den bestehenden ägyptischen Parteien mitmischen: "Damit eine Minderheit gedeiht, muss sie relevant für den nationalen Diskurs sein und tolerant in ihren Ansichten. Das ist nicht die Botschaft, die koptische Satellitensender ausstrahlen, von denen viele dogmatisch sind und ehrlich gesagt Schwerpunkt und Stil vermissen lassen. Diese Sender, die im Namen der Kopten sprechen, schaden oft deren Anliegen. Die Kopten müssen Teil dieses Landes werden. Wir brauchen sie, um eine multikulturelle Gesellschaft zu inspirieren und zu bereichern. Sie sollten sich nicht in ihre Enklaven zurückziehen und die Folgen ihrer Abgeschlossenheit erleiden."

Nehad Selaiha fragt sich nach der Aufführung von "Feeh Ee Y Masr?" (What is up Egypt?), warum ihr dieses Theaterstück so quer im Magen liegt: "Es ist an der Oberfläche gut gemeint ... aber statt ehrlich mit den Wurzeln der koptischen Trauer oder des islamischen Fanatismus umzugehen, scheint es eine angeblich historische Toleranz der Muslime gegenüber den Christen auszustellen. Der Islam ist eine wunderbar tolerante Religion, wenn Muslime nur den wörtlichen Botschaften und Beispielen der alten Khalifen folgen würde, behauptet es. ... Die indirekte Botschaft war: Als Kopte, als ägyptischer Christ, lebst du nicht hier wegen deines Geburtsrechts, sondern weil der Islam und die Muslime dich wegen deines guten Benehmens tolerieren. Als wäre das Recht, hier zu leben, ein gnädiges Geschenk der Muslime, als hinge es von deren Großzügigkeit und gutem Willen ab. Wie unglaublich beleidigend und demütigend!!!"

Und in einem furiosen Artikel fragt schließlich Azmi Ashour: Wenn man schon überlegt die Mubarak-Partei NDP von den Wahlen auszuschließen, warum nicht auch die Islamisten, die mindestens genauso ideologisch sind? "Im Lexikon der islamistischen Propaganda und konsequenterweise in einem Großteil des öffentlichen Bewusstseins, sind die Worte 'liberal' und 'säkular' gleichbedeutend mit dem Synonym 'häretisch'."
Stichwörter: Kopten

Haaretz (Israel), 14.10.2011

Warum muss Martin Scorsese wegen "Die letzte Versuchung Christi" nicht um sein Leben fürcheten, warum wird Woody Allen nicht verfolgt, der sein Leben lang Witze über Juden gerissen hat. Warum sind es immer die Muslime, fragt Gidi Weitz in einem langen Interview Salman Rushdie: "Die Frage ist: Wer hat die Macht über die Geschichte? Die Antwort für jeden, der sich für Freiheit interessiert, ist, dass wir alle eine Meinung haben, und genau die Fähigheit zu diskutieren ist Freiheit, auch wenn das Problem niemals gelöst wird. In einer autoritären Gesellschaft diktiert der Machtinhaber, und wer es wagt, sich dagegenzustellen, wird verfolgt. Das gilt für die Sowjetunion ebenso wie für China und den Iran, und in unserer Zeit ist es geschieht es besonders häufig unter dem Islam. Am schlimmsten ist es, wenn der Autoritarismus von etwas Übernatürlichem unterstützt wird."
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Archiv: Haaretz

Fast Company (USA), 19.10.2011

Farhad Manjoo prophezeit in einem 15-seitigen Hintergrundarktikel den Großen Krieg 2012. Die Gegner sind die vier größten Technologie- und Unterhaltungskonzerne der Welt: Amazon, Apple, Facebook und Google. "Vor gar nicht so langer Zeit konnte man jede dieser Firmen von der anderen abgrenzen: Apple machte in Konsumelektronik, Google betrieb eine Suchmaschine, Amazon war ein Internetkaufhaus und Facebook ein soziales Netzwerk. Wie kurios diese Einschätzung heute erscheint. ... Diese vier kennen keine Grenzen. Ohne Skrupel marschieren sie jenseits ihrer Mauern auf die Felder Einzelhandel, Anzeigen, Verlagswesen, Filme, Fernsehen, Kommunikation, sogar Finanzen. Auf all diesen Wirtschaftsfeldern setzen diese vier zunehmend die Agenda. Bezos, Jobs, Zuckerberg und Page sehen auf die Geschäftswelt und stellen sich entschuldbar vor, wie sie durch ihre Server gefiltert wird. Warum nicht alles haben wollen?"
Archiv: Fast Company

Elet es Irodalom (Ungarn), 21.10.2011

"Vater, du bist ein kluger Mann. Wie konntest du nur so blöd sein?", fragte der Sohn des bekannten ungarischen Wirtschaftswissenschaftler Janos Kornai seinen Vater, der bis 1956 Kommunist war. Adam Michnik hat die Autobiografie Kornais zeitgleich mit den Erinnerungen Sandor Marais und des polnischen Philosophen Adam Sikora gelesen. Was die drei Bücher verbinde, sei vor allem ein beispiellos aufrichtige Zeugnis über die kommunistische Zeit, schreibt Michnik: "Sie haben Aristoteles' Gedanken über die Tyrannei verstanden, die, so Sikora, 'gegenseitiges Misstrauen zu entfacht, da kein Despotismus gestürzt werden kann, solange die einzelnen sich nicht vertrauen'. Wir sollten uns diesen Gedanken gut einprägen, da die despotische Veranlagung der Mächtigen auch nach dem Ende der marxistisch-leninistischen Ideologie weiter existiert... Der tote Bolschewismus wird in Gestalt des Sozialnationalismus zu neuem Leben erweckt und kann sich zu einer Ideologie entwickeln, der ganze Menschenmassen mit sich reißt - die blutigen Balkan-Kriege sind der Beweis dafür. Auch wenn sich diese Ideologie der antikommunistischen Rhetorik bedient, so ist sie dennoch das vollkommene Spiegelbild des Kommunismus."
Stichwörter: Balkan, Adam Michnik

New York Review of Books (USA), 10.11.2011

Trocken und informativ zeichnet Michael Greenberg ein Porträt der Occupy-Wall-Street-Bewegung, deren Erfinder, die Gruppe AdBusters, sich nicht in den Vordergrund spielen, "weil 'Führungslosigkeit für sie keine Beleidigung, sondern ein Ideal ist". Ebenso offen lassen die Demonstranten, was sie eigentlich wollen, denn sonst könnten Risse in der Bewegung zutage treten. "Als ich mit Demonstranten im Zuccotti Park sprach, schienen die Leute von der Forderung nach einer Forderung genervt, das interessiert sie nicht." Manche Demonstranten schlagen zum Beispiel die Wiedereinführung des "Glass-Steagall Acts" vor, mit dem Investmentbanken einst von Geschäftsbanken getrennt wurden. "Aber für Glass-Steagall zu plädieren, hieße anzuerkennen, dass Finanzinstitute prinzipiell akzeptabel sind, während viele Mitglieder der OWS-Bewegung finden, dass gar keine Banken existieren sollten. Das gleiche gilt für die Steuerforderung: eine Steuer auf Wall Street würde an Politiker gehen, die von Wall Street kontrolliert sind."

Weiteres: Online lesen dürfen wir den zweiten Teil von Saul Bellows 1988 gehaltenem Vortrag "A Jewish Writer in America" (hier der erste Teil). Alma Guillermoprieto begibt sich in das Neue Gangland von El Salvador. Fang Lizhi bespricht Ezra F. Vogels Deng-Xiaoping-Biografie, und Martin Filler schreibt über zwei Architektur- und Designausstellungen in Frankfurt und New York.

Magyar Narancs (Ungarn), 13.10.2011

Die ungarische Kultur ist eine zeitschriftenbasierte Kultur, weshalb der Plan der aktuellen Kulturpolitik, die staatlichen Subventionen in diesem Bereich drastisch zu kürzen, einem Todesstoß für diesen Reichtum gleichkommt. Ohne die Zeitschriften sei auch ein Verlagswesen undenkbar, meint der Medienwissenschaftler Peter György in einer Reportage von Peter Urfi. Er beschreibt die Lage mit folgenden Worten: "Das Wirtschaftsmodell, nach dem diese Zeitschriften existieren, ist seit der sozialistischen Zeit unverändert: Wir erwarten vom Staat, diesem aufgeklärten Herrscher, dass er für die Kultur aufkommt. Damit ist es nun vorbei. Man kann sich darob natürlich beleidigt fühlen, ich zumindest bin zutiefst beleidigt, aber das ändert nichts an der Tatsache." György setzt seine Hoffnung jetzt auf privates Mäzenatentum.

Der jüdische Schriftsteller Akos Kertesz hat die Ungarn als "genetisch zum Untertan bestimmt" bezeichnet und damit eine hitzige Debatte ausgelöst, die ihn die Budapester Ehrenbürgerschaft kostete (mehr in unserer Magazinrundschau von letzter Woche). In der Debatte meldet sich jetzt der Publizist Sandor Revesz zu Wort. Er findet Kertesz' Äußerung rassistisch: "Natürlich wird der Rassismus des Akos Kertesz für niemanden tödlich enden. Direkt zumindest nicht. Indirekt vielleicht doch... Schließlich wird jeder Rassismus durch jeden anderen Rassismus gestärkt. Er liefert ein entlastendes, stärkendes, motivierendes Beispiel und fordert eine Antwort heraus. Einen unschuldigen Rassismus gibt es nicht."

Rue89 (Frankreich), 22.10.2011

Daniel Cohn-Bendit gehört zur "Spinelli Group", einer Gruppe von Europaabgeordneten, die angesichts der Eurokrise grundsätzliche institutionelle Reformen fordern - Europa soll föderalisiert werden. Im Interview mit Pascal Riche von Rue89 fragt er: "Wie sollen Deutschland, Frankreich, und die Niederlande sonst einen gemeinsamen Unterstützungsmechanismus schaffen? Es gibt nur ein Mittel: die Entscheidungsstrukturen und nötigen Fonds zur Krisenbewältigung müssen vergemeinschaftet werden."
Archiv: Rue89

Prospect (UK), 19.10.2011

Unter Russen fand sich der Schriftsteller Edward Docx auf Jasnaja Poljana, Leo Tolstois einstigem Landhaus, das heute das Tolstoi-Museum beherbergt, anlässlich der jährlichen Vergabe der Jasnaja-Poljana-Literaturpreise wieder. Dabei floss nicht nur der Wodka in Strömen, mit der anwesenden russischen Literaturprominenz wurde auch viel diskutiert statt nur geklatscht, wie das offenbar bei vergleichbaren britischen Veranstaltungen der Fall ist. Schnell dämmerte dem Autor, woher dieser Substanzunterschied rühren könnte: "In Britannien sind wir demokratisch privilegiert. Das bedeutet, unsere Schriftsteller neigen dazu, weniger von 'Belang' zu sein, denn, um es ganz schlicht zu sagen, es gibt grundsätzlich weniger, für das man politisch kämpfen müsste. Die meisten unserer Schreiber geben den Entrechteten keine Stimme, weil im Vergleich zu Russland die meisten Leute in Britannien, nunja, nicht entrechtet sind. Im Gegenzug sind die besten der russischen Romanautoren keine vorrangigen Unterhalter (obwohl sie dies schon auch sind), sondern ebenso politische Analytiker, Revolutionäre, Erklärer, Protestierer, 'Soldaten' wie Igor Malyshew es ausdrückt. Sie nehmen ihre Arbeit ernster, weil es ernstere Angelegenheit gibt, mit denen man es aufnehmen muss. Und weil der Roman - nicht die Zeitung, Theater, Film oder Fernsehen - in Russland immer schon der beste Ort war, um das Unsagbare zu sagen."

Weiteres: Geoffrey Robertson berichtet von der britischen Diskussion um die Pressefreiheit nach dem Abhörskandal der News of the World. Steven Pinker, schärfster Kritiker aller Kulturpessimisten und zuletzt wegen seiner Thesen zur steten Gewaltabnahme im Lauf der Menschheitsgeschichte umstritten, erläutert seine ersten Amtshandlungen, wäre er der Herrscher der Welt. Warum Europa über das polnische Wahlergebnis von Anfang Oktober erleichtert sein sollte, erläutert Anne Applebaum.
Archiv: Prospect

Babelia (Spanien), 22.10.2011

Der spanische Philosoph Jose Luis Pardo schlägt vor, buchstäblich Kapital aus der allgegenwärtigen Ungewissheit zu schlagen: "Die ständige Fluktuation der Finanzwerte hat die Tatsachen, einst unumstrittener Bezugspunkt der Wirklichkeit, in etwas so Rätselhaftes und Flüchtiges verwandelt, dass der Gemütszustand der beteiligten Akteure längst zu einem von den Tatsachen unabhängigen Faktor geworden ist: Wenn jemand - selbst aus Tausenden Kilometern Entfernung - bloß mit Hilfe der geistigen Energie seiner 'Zukunftserwartungen' den Preis einer Ware verändern kann, wieso sollten wir dann unsere eigenen Aussichten nicht auch verbessern können, indem wir einfach mit aller Kraft daran glauben? Warum sollten wir die erschlaffte Blase unserer Zukunftserwartungen nicht durch verstärkte Zufuhr positiver Selbsteinschätzung wieder prall bekommen? Natürlich wehrt die Wirklichkeit sich gegen solch ein Unterfangen, doch die 'Indikatoren', anhand derer gegenwärtig unser Bankrott und unser Scheitern auf allen Ebenen konstatiert werden, stammen keineswegs von der störrischen Wirklichkeit selbst, sondern von eben den Leuten - den professionellen Risikoeinschätzern -, die uns bis vor kurzem unaufhörlich versichert haben, die Wirklichkeit sei so flexibel und elastisch wie unsere Wünsche und einzig und allein abhängig von der Art, wie wir die Welt betrachten."
Archiv: Babelia

Economist (UK), 22.10.2011

Warum entwickeln sich in China keine dem "Arabischen Frühling" vergleichbare Dynamik? Einen Erklärungsansatz findet man, dieser Rezension zufolge, in der von Ezra Vogel verfassten Biografie Deng Xiaopings, der das Land von 1978 bis 1992 geführt und nach Mao entscheidend reformiert hat. Vor allem die Verabschiedung des Kults um eine Führungspersönlichkeit wird als maßgeblich für die heutige, im Gegensatz zu Ägypten und Libyen stabile Lage Chinas angeführt: "Ironischerweise nutzte [Deng] seine eigene starke Persönlichkeit, um die Relevanz eines charismatischen Anführers zu mindern. Sein Nachfolger, Jiang Zemin, wurde wegen seiner technokratischen Fähigkeiten und seiner Kompromissbereitschaft eingesetzt, nicht wegen seines Charmes. [...] Deng initiierte das System einer regulären politischen Nachfolge in China, das im Oktober kommenden Jahres aller Wahrscheinlichkeit nach eine erneute Weitergabe der Macht erleben wird." In diesem Video erläutert Ezra Vogel seine Studie detaillierter.

Weitere Artikel: Die Finanzkrise macht auch dem westlichen Kunstmarkt zu schaffen, Hoffnungen werden nun auf den chinesischen Markt gesetzt, der sich bislang aber wenig für ausländische Kunst interessiert, wie man hier lesen kann. Die Talentsucher in der Musikindustrie vertrauen längst nicht mehr nur tollen Social-Media-Indikatoren, verrät ein Artikel, vielmehr muss man sich heute bereits zum Star hochgearbeitet haben, will man noch einen lukrativen Plattenvertrag ergattern. Außerdem: ein ausführlicher Nachruf auf Gaddafi.
Archiv: Economist

Il Sole 24 Ore (Italien), 23.10.2011

Im Augenblick gibt es in Italien ja nicht viel zu feiern. Das war aber mal ganz anders, wie Patrizia Gabrielli in ihrem Erinnerungsbuch an das italienische Wirtschaftswunder, "Anni di novita e di grandi cose", berichtet. In den 50er und 60er Jahren machte die Gesellschaft ähnlich große Änderungen wie in Deutschland durch, kommentiert Emilio Gentile, nur die politische Dimension wuchs nicht mit. "Es war nicht weniger als ein Wunder, mit welcher Geschwindigkeit sich dieser radikale Wandel ereignete - in den Städten wie auf dem Land, in jeder Region Italiens -, der Arbeiter, Bauern, Angestellte, Künstler, Hausfrauen und Studenten erfasste. Millionen von Italienerinnen und Italienern änderten in diesen Jahren ihre Existenz von Grund auf, angefangen mit dem, was sie aßen, über die Fortbewegungsmittel, die sie nutzten, bis hin zur Musik, die sie hörten und die Kleidung, die sie trugen (...) Der neue Wohlstand brachte den 50 Millionen Einwohnern auch eine neue Art zu denken. Er machte sie alle miteinander mehr zu Italienern als sie es in den vorangegangenen Jahrhunderten jemals gewesen waren. Aber er ließ sie nicht unbedingt zu Bürgern des Nationalstaates werden, der 1961 sein hundertjähriges Bestehen feierte."

La vie des idees (Frankreich), 21.10.2011

Enrique Klaus schreibt in La Vie des idees einen kenntnisreichen Hintergrundartikel über die Rolle der staatlichen und privaten Presse und des Internets in der ägyptischen Revolution. Nebenbei erfährt man, wie die private Presse unter dem Mubarak-Regime, trotz einer gewissen Offenheit, gegängelt wurde: "Das Quasi-Monopol der Al-Ahram Advertising Company auf dem Anzeigenmarkt erlaubt es den staatlichen Zeitungen, sich den Löwenanteil der Werbeeinnahmen zuzuschanzen, während die so genannte Oppositionspresse (ob sie parteigebunden oder unabhängig war) stets in einer heiklen finanziellen Lage lebte. Lange Zeit waren auch die Staatsdruckereien die einzigen, die Zeitungen drucken durften, so dass missliebige Ausgaben leicht in der Druckerei zurückgehalten werden konnten."
Stichwörter: Monopole

New York Times (USA), 23.10.2011

Sam Anderson hat für das Sunday Magazine Haruki Murakami in Tokio besucht und dabei auch eine irritierende Ahnung von den untergründigen Kräften bekommen, die in der Stadt ebenso wirken wie in Romanen des Autors. Außerdem erklärt Murakami, warum er am besten zwischen vier und zehn Uhr morgens arbeiten kann: Keine Ablenkung. "'Konzentration ist eines der besten Dinge im Leben', sagt er. 'Wenn man sich nicht konzentrieren kann, ist man einfach weniger glücklich. Ich bin kein schneller Denker, aber wenn ich mich einmal für etwas interessiere, dann bleibe ich viele Jahre dran. Ich werde nicht gelangweilt. Ich bin wie ein großer Kessel. Es braucht eine Zeit, ihn zum Kochen zu bringen, aber dann bleibe ich heiß.'"

In der Book Review: Als autorisierten Biografen hat sich Steve Jobs noch beizeiten Walter Isaacson ausgesucht, der durch seine Biografie von Benjamin Franklin und Albert Einstein für Genies hinreichend qualifiziert scheint. Sein "klares, elegantes und konzises" Buch taugt denn auch eindeutig zur "iBio", schwärmt Janet Maslin. James Fallows empfiehlt Thant Myint-Us Burma-Buch "Where China meets India" als lesenswerte Geschichte, Reisetagebuch, Familiengeschichte und Politikanalyse. Ganz hervorragend findet Thanassis Cambanis Steven Cooks Buch "From Nasser to Tahrir Square", das aber nicht von den Ereignissen des vergangenen Jahres erzählt, sondern die Geschichte des ägyptischen Militärs. Isabel Hilton lobt Ha Jins Roman "Nanjing Requiem", auch wenn er wenig Trost bereit halte.