Magazinrundschau

Die Welt widerfährt uns

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
20.10.2026. Die London Review stellt den Anwalt Roy Cohn vor, rechte Hand von Joe McCarthy und später Mentor von Donald Trump sen. und jun. Eurozine bewundert die Plastikdeserteure des Künstlers Sergei Prokofiev. Tablet träumt von einer Welt, in der der Raphael Glucksmann klug genug wäre, im Wahlkampf wenigstens Mélenchon zu schlagen. Queer Nations erinnert an Michel Foucaults produktive Jahre in Hamburg. Verstka erzählt, was einen in Russland erwartet, wenn im Kino ein Kurzfilm angekündigt wird.

London Review of Books (UK), 22.10.2026

Rudy Giuliani war ein Waisenknabe gegen ihn: Entlang einer Buchveröffentlichung ("American Scoundrel") von Kai Bird und Susan Goldmark rekonstruiert Deborah Friedell den Lebensweg des Anwalts Roy Cohn, der einst die rechte Hand des Kommunistenjägers Joe McCarthy war, später mit Vorliebe Gangsterbosse verteidigte - und zwischen 1973 und seinem Tod 1986 ein enger Vertrauter Donald Trumps war. Unter anderem vertrat Cohn die Immobilienfirma von Trumps Vater, als diese vom amerikanischen Justizministerium verklagt wurde, weil sie nicht an Schwarze vermietete. "Cohn hielt den Fall fast zwei Jahre lang in der Schwebe, indem er seinerseits das Justizministerium wegen Verleumdung verklagte und 100 Millionen Dollar Schadensersatz forderte. Er brachte Trump bei, wie man mit Reportern spricht, so wie er es einst selbst von McCarthy gelernt hatte: Man liefert ihnen eine vernichtende Pointe, und schon kann man die Geschichte praktisch selbst schreiben. Die beiden Männer wetterten gegen die 'gestapoähnlichen' Methoden der Regierung und behaupteten, das FBI sei im Stil von 'Sturmtruppen' über die Trump-Büros hergefallen. Bird interviewte einen der Staatsanwälte, die an dem Fall gearbeitet hatten. Er erinnerte sich, dass Cohn einen anderen Staatsanwalt beschuldigt hatte, 'potenzielle Zeugen um vier Uhr morgens anzurufen und ihnen mit Gefängnis zu drohen, falls sie nicht gegen Trump aussagten'. Hätte das Gericht Cohn Glauben geschenkt, hätte dies das Ende der Karriere jenes Staatsanwalts bedeuten können. Auf diese Weise sorgte Cohn dafür, dass die Gegenseite wusste, dass es immer einen Preis haben würde, sich mit ihm anzulegen. Am Ende einigten sich die Trumps außergerichtlich. Sie verpflichteten sich, schwarze Mieter nicht zu diskriminieren (eine Vereinbarung, gegen die sie später verstießen) und freie Wohnungen in Zeitungen für afroamerikanische Leser auszuschreiben. Trump und Cohn hielten eine Pressekonferenz ab, um ihren Triumph zu verkünden: Die Regierung werde sie 'nicht dazu zwingen, Sozialhilfeempfänger als Mieter aufzunehmen, sofern diese nicht ebenso qualifiziert seien wie alle anderen Mieter' - obwohl das überhaupt nicht der Streitpunkt vor Gericht gewesen war. In ihrem Buch 'Confidence Man: The Making of Donald Trump and the Breaking of America' (2022) argumentiert Maggie Haberman, dass diese Episode 'das Verhaltensmuster für nahezu jeden Konflikt vorgab', mit dem Trump sich fortan konfrontiert sehen würde: alles abstreiten, zum Gegenangriff übergehen, den Sieg verkünden. Trump stellte fest, dass er mit einer Niederlage leben konnte - solange er niemals zugeben musste, verloren zu haben."

Geoff Mann beschäftigt sich mit Prognosemärkten - Online-Plattformen wie Kalshi und Polymarket, die es Internetnutzern ermöglichen, Wetten auf zukünftige Ereignisse abzuschließen. Besonders beliebt sind nach wie vor klassische Sportwetten, aber längst kann man auch Geld damit verdienen oder verlieren, zum Beispiel den Zeitpunkt eines Putsches in einem bestimmten Land oder die Höchsttemperatur an einem bestimmten Tag vorherzusagen. Das Geschäft mit den Prognosen boomt - wie kommt das? "Die zweifelhafte Errungenschaft der Prognosemärkte besteht darin, einen neuen Weg gefunden zu haben, die zugleich hektische und passive Welterfahrung zu verschärfen und auszunutzen, die für unsere Zeit charakteristisch ist. Wie jede Form des Glücksspiels zehren sie an unseren Kräften. Wir setzen unser Geld und warten (...) nervös zappelnd darauf, dass das entsprechende Ereignis über die Bühne geht. Die Welt widerfährt uns. Diese Passivität ist kennzeichnend für die politische Haltung von Leuten, die glauben, dass wir mit der Welt, wie sie nun einmal ist, leben müssen. Mehr als Geld zu verdienen, während die Ereignisse über uns hinwegrollen, können wir nicht tun: 'Gib mir nicht die Schuld. Ich habe den Krieg nicht angefangen, ich habe lediglich auf ihn gewettet.' Solche Menschen mögen sich für 'mutig' oder 'waghalsig' halten, weil sie 'Risiken' eingehen (so hat man im Finanzsektor schon immer gesprochen). Doch das ganze Theater ist eine einträgliche Unterwerfung unter die Macht der 'Märkte'. Etwas milder formuliert: Die Anziehungskraft dieser Form des 'Risikos' könnte gegenwärtig insbesondere (aber nicht ausschließlich) bei jungen Männern ein Hinweis darauf sein, wie wenig Kontrolle viele Menschen über ihren eigenen Lebensbereich zu haben glauben und wie sehr sie das Gefühl haben, ihr Leben nicht auf sinnvolle Weise gestalten zu können. Die Zeit mit einer Folge von 'Settlements' und 'Closes' totzuschlagen und auf einen unerwarteten Geldsegen zu hoffen, mag wie der beste Weg erscheinen, sich gegen eine ungewisse Zukunft abzusichern."

Eurozine (Österreich), 20.10.2026

Maria Sorensen stellt ukrainische, belarussische und russische Künstler vor, die sich auf kritische Weise mit ihren Heimatländern auseinandersetzen und sich, im Falle der beiden letzteren, den autoritären Regimen an der Macht widersetzen. Der russische Künstler Sergei Prokofiev erzählt mit seinem 3-D-Stift von Kriegstraumata, Deserteuren und Vergänglichkeit: "Als Reaktion auf aktuelle Ereignisse greift er oft auf unkonventionelle Werkzeuge und Materialien zurück. So hat er beispielsweise in einer seiner jüngsten Serien, in der er psychologische Abwehrmechanismen unter Stress untersucht, 'Kupferhüllen' über Plastikfiguren wachsen lassen, indem er diese in eine chemische Lösung tauchte. Wenn Prokofiev mit einem 3D-Stift zeichnet, sind seine Motive fast immer zerbrechlich, flüchtig und vergänglich: kriegsbeschädigte Gebäude und gefallene Soldaten, aus deren Körpern Sonnenblumen sprießen - leblos, namenlos. Die Werke, die in einer Ausstellung in Zürich gezeigt wurden, entstanden, indem er zuvor geschaffene 3D-Skulpturen in Brand setzte und den verkohlten Kunststoff zum Drucken verwendete. Mit jedem Druck wird das Bild immer blasser. Das Bild thematisierte Deserteure - Figuren, die aus dem kollektiven Gedächtnis verblasst sind. Millionen flohen aus dem Land in der Hoffnung, der Einberufung zum Kriegsdienst zu entgehen. In Prokofjews originellen und oft poetischen Werken wird Macht untergraben. In 'Feuerwerk auf dem Sumpf' wird dieses Symbol der militärischen Macht und des Patriotismus eines Reiches, das oft bei Militärparaden zum Einsatz kommt, stattdessen in russischen Hinterwäldern gefilmt, inmitten schlammiger Sümpfe, die die Unruhen widerspiegeln, die unter der Oberfläche der russischen Gesellschaft lauern. Er achtet darauf, weder die Aufmerksamkeit auf sich selbst noch auf sein Schaffen zu lenken, sondern lässt die Werke lieber für sich selbst sprechen. In unseren zahlreichen Gesprächen hat er sich zurückgehalten, näher auf die 'Rolle der Kunst' einzugehen. Er sagt, Kunst dieser Zeit solle der Selbstreflexion auf nationaler Ebene dienen - ein Wunsch, der nicht unbedingt der Realität entspricht."
Archiv: Eurozine
Stichwörter: Kunst in Russland

HVG (Ungarn), 15.10.2026

Die leitende Publizistin der Zeitung SME in Bratislava, Beáta Balog warnt in einem Gastkommentar einerseits die ungarische Öffentlichkeit vor zu hohen Erwartungen beim Zur-Rechenschaft-Ziehen der Vertreter der Orbán-Regierung. Andererseits mahnt sie die Regierung, dass die Aufdeckung der systematischen Korruption der Vorgängerregierung die Aufgabe der Behörden sei und nicht mit der Regierungsarbeit verwechselt werden dürfe. Hierfür weist sie auf strukturelle Ähnlichkeiten mit der Slowakei (während der Matovic-Regierung) hin, vor und nach der Rückkehr des slowakischen Ministerpräsidenten Robert Fico an die Macht: "Matovic hat bei seinen Wählern übertriebene Erwartungen geweckt. Viele haben nicht verstanden, dass eine Festnahme durch die Polizei noch lange nicht bedeutet, dass die betreffende Person auch verurteilt wird. Er machte den Fehler, die Festnahmen als seine eigenen Erfolge zu feiern. Als Robert Fico dann wieder an die Macht kam, wurde die Rache für die Festnahmen zum wichtigsten Ziel der Regierungspolitik. Beim Lesen der Nachrichten aus Ungarn wird mir bewusst, dass die Slowakei im Vergleich zu Orbáns Mafia-Staat noch ein blutiger Anfänger ist. Die neue ungarische Regierung muss einen weitaus größeren Stall ausmisten, als Fico hinterlassen hat. Es gibt ungarische staatliche Institutionen, die bis auf die Grundmauern abgerissen werden müssen, und es wird nicht ausreichen, ein oder zwei Personen zu entlassen, sondern die gesamte Belegschaft, die der Macht diente, muss aufgelöst werden. Das Vertrauen in den öffentlichen Dienst muss wiederbelebt werden, und die Wähler müssen davon überzeugt werden, dass die Regierung tatsächlich dient und nicht herrscht. Péter Magyar steht unter enormem Druck seitens der Wähler. Derzeit wird sein Erfolg noch an der Zahl der verhafteten Fidesz-Politiker gemessen. Doch bei der endgültigen Bilanz nach der Frage, was für ein Ministerpräsident er war, wird dies nicht ausschlaggebend sein. Matovic könnte dazu einiges erzählen."
Archiv: HVG

Tablet (USA), 19.10.2026

Raphael Glucksmann muss bei den französischen Präsidentschaftswahlen nicht nur gegen Marine Le Pen antreten, sondern auch gegen Jean-Luc Mélenchon. Der ist zwar laut Umfragen der unbeliebteste Politiker Frankreichs, hat aber einen guten Stand bei der Jugend - und im Gegensatz zu Glucksmann wenigstens ein Profil, so abstoßend es auch sein mag, wie Marc Weitzmann für Tablet festhält: "Man stelle sich vor, es gäbe eine Welt, in der Glucksmann sich aus den internen Querelen der Linken erhebt, jede Bevölkerungsgruppe anzusprechen vermag und die Statur eines Staatsmannes erlangt. Ob das genug wäre, um Le Pen zu besiegen, ist eine andere Frage. Aber es würde den Aufstieg Mélenchons definitiv blockieren und der Linken etwas Substanz zurückgeben. Das Problem ist, dass Glucksmann in dieser potentiellen Welt wüsste, was er sagen will, zum Beispiel, wenn ihn ein Journalist fragt, warum er den Begriff Genozid nicht nutzt, wenn es um Gaza geht, wo er sich doch so für Worte und Bedeutungen interessiert. Als ihn ein Reporter am Abend seiner Ernennung eine solche Frage gestellt hat, hat er nur geantwortet, er habe bereits 'die Kolonisierung der Westbank' und 'Netanyahus rechtsextreme Regierung' kritisiert. Wenn es um Gaza geht, benutzt er lieber Begriffe wie 'Gemetzel' oder 'Massenverbrechen' - eine im besten Falle ungeschickte, defensive Antwort, egal, welche Meinung man zu dem Thema hat. In einer solchen Welt, in der Glucksmann als glaubwürdiger Kandidat antreten würde, würde er nicht vorgeben, sich mit dem durchschnittlichen französischen Bürger zu identifizieren, der Probleme hat, seine Rechnungen zu bezahlen, wo doch jeder seinen Familienbackground kennt und weiß, wer seine Frau ist: Die berühmte Journalistin Léa Salamé, Tochter einer der wohlhabendsten Familien des Libanon. In dieser Parallelwelt könnte er klar über Immigration sprechen, mit dem Risiko, einige seiner potentiellen Wähler zu verschrecken. Vor allem würde er wissen, was es bedeutet, wenn er behauptet, dass sein Programm keine Bullshit-Versprechen enthält, sondern nur die, die er halten kann - in einem Land, in dem die Verschuldung vier Billionen Euro beträgt und wo die Wähler die letzten vierzig Jahre Kandidaten gewählt haben, die das einfach abtun (wie auch Mélenchon und Le Pen). Um es einfach zu fassen, die Welt, in der Raphael Glucksmann Mélenchon blockieren kann, ist die, in der er genau weiß, wer er ist und woher er kommt und der davor nicht flüchtet. Da sind wir noch nicht angekommen."
Archiv: Tablet

The Insider (Russland), 16.10.2026

Im Interview (einer gekürzten Fassung eines Podcasts-Interviews) mit Ksenia Larina erklärt der russische Schriftsteller und Drehbuchautor Iwan Filippow, was dem russischen Kino bleibt, wenn es immer weiter zensiert wird. "Es bleiben Märchenfilme, die unsere Mitbürger in großer Zahl schauen und die von meinen ehemaligen Kollegen gedreht werden. Ich verstehe sie. Ich verurteile niemanden. Alles, was dem Regime und dem Krieg nicht nützt, hat durchaus seine Daseinsberechtigung. Man dreht Märchen, weil das Drehen von Nicht-Märchen sehr schwierig ist. Man weiß nicht, wo diese roten Linien sind, wann Herr Major zu wem kommt und wofür genau. Film ist ein teures Geschäft, niemand will riskieren, also wählt man die garantiert problemlosesten Themen und dreht Märchen. Unsere Mitbürger gehen und schauen diese Märchen, weil das Eskapismus ist und die Möglichkeit, sich von einer nicht besonders heiteren Wirklichkeit abzulenken. Das ist auch absolut verständlich." Was er vom Leben im Exil erwartet habe? "Ich sage hier wohl nur eines. Das bezieht sich nicht so sehr auf den Krieg, sondern eher auf die, die gegangen sind und gehen - das unglaubliche Niveau gegenseitiger Hilfe und Unterstützung, das ich nicht erwartet hatte. Wir sind alle Freunde, aber ich hatte nicht erwartet, dass in den extremsten denkbaren Umständen alle einander helfen würden. Das ist vielleicht nur meine Erfahrung, aber für mich war das eine riesige und sehr positive Entdeckung. Buchstäblich retteten alle alle. Manche Menschen, die ich vor dem Krieg nicht besonders mochte, zeigten sich auf unglaublich edle Weise und halfen jedem, den sie erreichen konnten. Ich werde keine Namen nennen, das ist klar. Wenn ich über den Krieg selbst spreche: Da gibt es nur Schrecken. Aber man möchte nicht nur über Schrecken reden. Und was nicht Schrecken ist - das ist, dass wir füreinander da sind, dass gilt: Der Mensch bedeutet dem Menschen etwas. Das ist für mich sehr wichtig. Das ist die wichtigste Entdeckung für mich."
Archiv: The Insider
Stichwörter: Filippow, Iwan, Russland

Queer Nations (Deutschland), 15.10.2026

Kurz bevor die Beatles nach St. Pauli kamen, war Michel Foucault schon dagewesen! Rainer Nicolaysen zeichnet in einem ausführlichen und sehr lesenswerten Artikel Michel Foucaults fast unbekannten Aufenthalt in Hamburg als Leiter des Institut français nach (hier der Artikel als pdf-Dokument). Zuvor war Foucault in selber Position schon in Uppsala und Warschau gewesen. 1959 und 60 war eine überwältigend produktive Zeit für den später berühmtesten Philosophen nach 1945. Nicht nur brachte er das Institut auf Vordermann, hielt Seminare an der Uni Hamburg, führte Theaterstücke mit Studenten auf, empfing Besuch aus Paris, wie den damals noch fast unbekannten Roland Barthes (aber Foucault war ja auch noch unbekannt), sondern er arbeite auch intensiv an dem fulminanten Buch, das seinen Ruhm begründen sollte, "Wahnsinn und Gesellschaft". Seine Homosexualität lebte er trotz des in Deutschland geltenden und damals noch sehr ernst genommenen Paragrafen 175 sehr offen. "Regelmäßig führte Michel Foucault seine Gäste durch die Stadt und unternahm mit ihnen - ob hetero- oder homosexuell - auch Streifzüge durch das nächtliche St. Pauli. Eine ausführliche Erinnerung daran hat der französische Schriftsteller Pierre Gascar mehr als drei Jahrzehnte später unter dem Titel 'La nuit de Sankt-Pauli' veröffentlicht. Nach Gascars Schilderung zeigte ihm Foucault die Stadt, erläuterte dabei ausgiebig auch deren Geschichte und besuchte gemeinsam mit ihm die Kunsthalle. Die beiden sprachen über die Bedeutung Klopstocks, den man außerhalb Hamburgs jedoch kaum kenne, und über Johannes Brahms, der zwar allseits bekannt sei, von dem aber kaum jemand wisse, dass es sich um einen gebürtigen Hamburger handele. Nachts führte Foucault seinen Gast durch die ihm vertrauten Straßen St. Paulis. Auf ihrer Tour vom Striptease-Lokal über ein Schwulencafé bis zur 'Transvestitenbar' habe Foucault etliche Bekannte getroffen und sei als 'Herr Doktor' angesprochen worden. Mit einem 'Transvestiten' (heute wäre die Selbstbezeichnung wohl: Drag Queen) hatte er in der Hamburger Zeit eine Beziehung."
Archiv: Queer Nations

Dekoder (Deutschland), 14.10.2026

Der Historiker Viktor Schadurski blickt auf die Ursprünge der belarussischen Nationalbewegung zurück, die im Dezember 1917 in den Allbelarussischen Kongress mündete. "Der Kongress mit 1.872 Delegierten (davon 1.167 stimmberechtigt) bildete das gesamte politische, soziale und territoriale Spektrum von Belarus ab und war die erste belarussische Versammlung dieses Ausmaßes. Sie spielte eine entscheidende Rolle für die darauffolgende Staatsgründung. Heute ist die offizielle Haltung zu diesem Kongress ambivalent: In 'milden' Zeiten konnten Regierungsmitglieder mit belarussischem Nationalbewusstsein sogar Lukaschenko von der historischen Bedeutung des Ersten Allbelarusischen Kongresses überzeugen. Zum hundertjährigen Jubiläum fand im Dezember 2017 in Minsk die Konferenz 'Die Ereignisse 1917 im Kontext der belarussischen Geschichte' statt, an die der Diktator ein Grußwort sandte. Darin war folgende These formuliert: 'Diese Volksversammlung demonstrierte die wichtigsten Werte, die für uns bis zum heutigen Tage von Bedeutung sind: ein eigener Staat mit einer sozialen Ausrichtung und die Tatsache, dass nur das Volk, sein Wille, die kollektive Vernunft und die richtigen Anführer für echte Unabhängigkeit sorgen können.' Seit 2022 gab es unter dem Einfluss der stärker werdenden Abhängigkeit vom Kreml keine offiziellen Verlautbarungen bezüglich des Kongresses mehr. Das zentrale Thema auf dem Kongress, dessen Delegierte hauptsächlich Sozialrevolutionäre oder Parteilose waren, war die belarussische Selbstbestimmung. Es wurde eine Rada (dt. Rat) aus 71 Vertretern verschiedener Parteien sowie ein Exekutivkomitee gewählt und beschlossen, die Entscheidung über das Schicksal des belarussischen Volkes auf eine Allbelarussische Gründungsversammlung zu vertagen, deren Zusammensetzung die Rada im Folgenden organisieren sollte. Doch dann kam alles anders: Obwohl die Bolschewiken die Durchführung des Kongresses genehmigt hatten, lösten sie ihn am 18. Dezember 1917 auf und nahmen die aktiven Teilnehmer fest."
Archiv: Dekoder

Quillette (Australien), 13.10.2026

Der Historiker Norman J.W. Goda, der zusammen mit Jeffrey Herf den Genozidvorwurf gegen Israel auseinander genommen hat (unser Resümee), geht der Qualifikation Navi Pillays für den Friedensnobelpreis nach. Sie ist nicht besonders hoch. Pillay gehört zu den prominentesten UN-Vertreterinnen des Genozidvorwurfs, und Goda zeigt, wie gewaltsam Pillay den Begriff Genozid zu dehnen bereit ist, damit Israels Kriegsführung hinein passt. Sehr viel vorsichtiger argumentiert sie bei den Verbrechen der Hamas. "Am 12. Juni 2024 veröffentlichte ihre Kommission einen Bericht über die am 7. Oktober begangenen Massaker. Ein Teil dieses Berichts befasste sich mit den Sexualverbrechen der Hamas gegen Israelis, darunter Vergewaltigungen und Verstümmelungen. Die Kommission beklagte zunächst, dass die israelische Regierung sich weigere, bei ihren Ermittlungen zu kooperieren, und leitete ihre Ausführungen zu sexueller Gewalt mit folgender Feststellung ein: 'Die Kommission stellt fest, dass es keine forensischen Beweise für am 7. Oktober begangene Sexualverbrechen gibt.' Sie fügte hinzu: 'Die Kommission hat trotz ihrer Bemühungen keine Überlebenden sexueller Gewalt vom 7. Oktober getroffen.' In einem späteren Abschnitt stellte die Kommission fest, dass sie 'ein Muster sexueller Gewalt bei den Angriffen am 7. Oktober identifiziert hat', schürte jedoch Unsicherheit, indem sie anmerkte, dass sie 'diese Vorwürfe nicht unabhängig überprüfen konnte', dass sie 'die unbearbeitete Fassung solcher Zeugenaussagen nicht einsehen konnte' und dass sie 'die Echtheit' der erbeuteten Hamas-Dokumente 'nicht überprüfen konnte'. Vor dem Hintergrund des Berichts der Unabhängigen Kommission, der Israel des Völkermords beschuldigt und vor unbestätigten Vorwürfen nur so strotzt, sind die Äußerungen zur sexuellen Gewalt der Hamas verblüffend, zumal eine Vielzahl zuverlässiger Informationen längst ohne Weiteres verfügbar war."
Archiv: Quillette

Elet es Irodalom (Ungarn), 16.10.2026

Die Soziologin Mária Vásárhelyi sieht gewisse Parallelen in den Wesenszügen der Politik des neugewählten Ministerpräsidenten Péter Magyar und einem radikal subjektiven Gonzo-Journalismus: "Im Falle eines 'Gonzo'-Politikers können die auf seine Person gerichtete Aufmerksamkeit, die emotionale Identifikation und die persönliche Loyalität zum Maßstab für den Erfolg werden, während Leistung und Überprüfbarkeit zunehmend in den Hintergrund treten. Das Spektakuläre kann den Inhalt verdrängen, eine vorab geplante Provokation kann mehr Gewicht erhalten als der Lösungsvorschlag und dessen Konsequenzen. Persönliche Glaubwürdigkeit kann Fakten und Beweise ersetzen. (...) Faktenprüfung wirkt somit leicht wie ein Angriff auf den Politiker. Kritik kann zu Verrat werden. Wenn sich die Anhänger emotional mit der Hauptfigur identifizieren, können sie den fragenden Journalisten, den Zweifler oder die kontrollierende Institution als Feinde betrachten. Die Partei und die Institutionen können sich dem Anführer unterordnen, und die Aufgabe der Mitarbeiter besteht zunehmend darin, die persönliche Geschichte zu unterstützen. (…) Die Grenzen zwischen Realität und Fiktion, zwischen Wahrheit und Lüge verschwinden vollständig; die Politik wird zu einem gewaltigen Spektakel, in dem das politische Handeln selbst zum Medienprodukt wird und der Politiker das Medium selbst ist. Er inszeniert und vermittelt die von ihm selbst erzeugten und provozierten Inhalte; er entscheidet, was, wie und mit welchen Mitteln das emotional voll und ganz engagierte Publikum sehen soll. Es liegt auf der Hand, dass in all dem die Realität, die Fakten, die vielfältigen Wahrheiten, die Debatte und die Kontrolle keine Rolle mehr spielen. Eine auf Fiktion basierende, die Fakten frei ignorierende und unkontrollierte Macht birgt jedoch immer die Gefahr des Zusammenbruchs oder der Errichtung einer Diktatur."
Stichwörter: Ungarn, Magyar, Peter

Verstka (Russland), 02.10.2026

Das russische Kino ist am Boden, die russischen Filme kommen wegen ihrer kriegsverherrlichenden Inhalte kaum beim Publikum an, bedauert Iwan Smurow. Im Grund lebt es nur noch von Raubkopien westlicher Filme, für die die Kinos kreative Wege finden müssen, damit sie nicht auffliegen. "Am Morgen des 20. August sind die 430 Plätze eines Voronezher Kinos voll besetzt - trotz des Werktags ist kein einziger Platz frei. Die Karten waren eine Woche vor der Vorstellung erschienen, aber sehr schnell vergriffen. Viele junge Leute sind gekommen, manche in Kostümen ihrer Lieblingscharaktere. Die Stimmung ist festlich. All diese Menschen haben Karten für den Kurzfilm 'Rand der Inspiration' gekauft, der dem 'heutigen Leben des Kreativhauses Akademitscheskaja Datcha, benannt nach I. J. Repin' gewidmet ist. Dieser außerordentlich populäre Kurzfilm läuft seit 2024 in Kinos überall in Russland - insgesamt hat er seitdem 790 Millionen Rubel eingespielt." Die simple Erklärung: Bei dem Kurzfilm handelt es sich in Wahrheit um eine Raubkopie, hier ist es der neueste "Spider-Man". "Seit 2022 werden in Russland die meisten Hollywood-Blockbuster unter dem Deckmantel russischer Kurzfilme gezeigt. 'Spider-Man' hat trotz einer zweiwöchigen Verschiebung in Russland hervorragende Kasse gemacht. Laut dem Bulletin des Kinoverleihers war das Wochenende vom 20. bis 23. August das einnahmenstärkste in der gesamten Geschichte des Sommerverleihs: 1,23 Milliarden Rubel. Die Gesamteinnahmen von 'Spider-Man' in Russland belaufen sich auf über 3,2 Milliarden Rubel (und steigen weiter)." Also umgerechnet ungefähr 34,5 Millionen Euro. "Nach dem Film beginnen die Zuschauer den Saal zu verlassen. Ein Verstka-Journalist fragt, ob jemand für 'Rand der Inspiration' bleibe. Die meisten wissen gar nicht, wovon er spricht - obwohl dieser Film auf ihrem Ticket steht. Als der Saal sich geleert hat, wird 'Rand der Inspiration' schließlich gezeigt - in einem leerem Saal und bei Licht. Zu Ansichten der Oberen Wolga sprechen verdiente Künstler über die 'Akademitscheskaja Datcha' und deren 'unglaubliche Energie'. Das lässt sich kaum als vollwertiger Film bezeichnen - ein dreiminütiger Videoschnitt wunderschöner Aufnahmen, der wie ein Trailer für einen vollständigen Dokumentarfilm aussieht. Der Verstka-Journalist sieht 'Rand der Inspiration' in Gesellschaft zweier Kinomitarbeiterinnen, die den Saal aufräumen."
Archiv: Verstka
Stichwörter: Russisches Kino

Film-Dienst (Deutschland), 12.10.2026

Philipp Stadelmaier erzählt von seiner Reise im August nach Paris zur Cinémathèque Française, wo der auf Arthaus und Autorenfilme spezialisierte Streamingdienst Mubi Journalisten dazu eingeladen hatte, die legendäre "Faust"-Bibel in Augenschein zu nehmen, deren Materialien Mubi dieser Tage als opulenten Bildband veröffentlicht. Bei dem hundert Jahre alten Artefakt handelt es sich ursprünglich um eine Requisitenbibel zu F. W. Murnaus Stummfilmklassiker "Faust", die von Szenenbildner Robert Herlth und weiteren Mitarbeitern der Filmcrew zu einem Erinnerungs- und Fotoband ausgearbeitet und dem Regisseur nach Ende der Dreharbeiten als Geschenk überreicht wurde. Lange galt das Buch als verschollen - erst in Murnaus Villa in Berlin-Grunewald untergebracht, verlor sich in den Kriegswirren davon zunächst jede Spur. Doch "im Frühjahr 1961 geraten die Dinge in Bewegung. Die Berliner Akademie der Künste veranstaltet eine Murnau-Ausstellung, auch Lotte Eisner, Herlth und Henri Langlois sind anwesend. Auf der Eröffnung macht ein gewisser Engelbert von Malinckrodt, Angestellter der Akademie, Mitkurator der Ausstellung und Sprössling eines westfälischen Adelsgeschlechts, gegenüber Langlois merkwürdige Andeutungen: Ein Mann in einem Lager habe ihm für 30 D-Mark Fotoalben verkauft, die ursprünglich aus dem Keller von Murnaus altem Wohnhaus stammten. Langlois gibt die Information an Eisner weiter, die offenbar einen Hinweis auf die Bibel wittert und von Malinckrodt in einem Brief darauf anspricht: Ob er denn nun 'den Mann mit der Faust-Bibel' getroffen habe? Doch der Geschichtenerzähler hält sich bedeckt: Er habe sich noch einmal zu Murnaus Wohnung begeben, doch lediglich den Hausmeister eines Nachbarhauses vorgefunden, der ihm zu verstehen gegeben habe, dass all jene, die Murnaus Keller beträten, kurz darauf ums Leben kämen. ... In Wahrheit hatte von Malinckrodt zu diesem Zeitpunkt die Bibel längst erworben. Ein gewisser Rudolf Conscienze hatte sie ihm verkauft, im März 1961 - tatsächlich für 30 D-Mark. Ansonsten bleiben jede Menge Fragen. Wie Conscienze, ein früherer - erfolgloser - Filmproduzent und späterer Kneipenbetreiber, in den Besitz der Bibel kam, ist nicht bekannt; warum von Malinckrodt sich weigerte, über die Bibel Auskunft zu geben und sie nicht einmal auf der von ihm mitorganisierten Ausstellung zeigen wollte, ebenso wenig. Was es mit dem 'Lager' auf sich hatte, weiß niemand. Und was an von Malinckrodts kolportiertem (oder imaginiertem) 'Fluch' bezüglich Murnaus Keller dran ist, darüber kann nur spekuliert werden. Die Verrücktheit des Films, der Wahnsinn von Faust, der die Bibel ins Feuer wirft, um sich dämonischen Kräften zuzuwenden: All das ist in dieser Geschichte (...) immer nur eine Spur von der nicht minder verrückten Wirklichkeit entfernt. Unglaublicherweise verschwand von Malinckrodt wenig später ebenso spurlos, wie er es vorhergesagt hatte. Der Mann, mit dem er zusammengewohnt hatte, nahm die Bibel mit in eine neue Wohnung, wo sie die nächsten 50 Jahre in Papier verpackt auf einem Schrank verstaubte. Robert Herlth starb 1962, Lotte Eisner 1983. Herlth würde die Bibel nie wiedersehen, Eisner sie nie zu Gesicht kriegen. In Eisners 1964 erschienener Murnau-Studie blieb die Bibel unerwähnt."

Parallel zur Veröffentlichung des Bildbandes hat Mubi einen Videoessay über die "Faust"-Bibel veröffentlicht:

Archiv: Film-Dienst
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