Magazinrundschau

Die Magazinrundschau

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
16.12.2002. Die Lettre erzählt die Kulturgeschichte des Absinths. Der New Yorker befasst sich mit Bushs Todeslisten, die NY Times Book Review mit dem Buch "Bush at War" von Bob Woodward. L'Espresso beschreibt neue Werbestrategien in Hollywood. Der Nouvel Obs setzt die Debatte um die Thesen des Kardinals Lustiger zum Holocaust fort. Der Express weiß: Die Türkei begehrt Europa wie ein Mann eine Frau begehrt.

New Yorker (USA), 23.12.2002

Seymour M. Hersh berichtet über "Menschenjagd", die "neue Strategie der Regierung Bush". Die Tötung des mutmaßlichen Al Qaida-Führers Qaed Salim Sinan al-Harethi durch eine amerikanische Rakete im Jemen markiere "eine dramatische Eskalation des amerikanischen Kriegs gegen den Terrorismus", schließlich sei "staatlich angeordneter Mord" in den USA seit über einer Generation ein "Unding" gewesen. Hersh sprach auch mit Vertretern des jemenitischen Geheimdienstes, die an der als "Erfolg" gefeierten Aktion beteiligt waren, über frühere "Aufklärungsfehler" der USA. Diese hätten "fast dazu geführt, unschuldige Beduinen unter Beschuss zu nehmen". Die Amerikaner seien schon kurz davor gewesen deren Truck mit einem Predator anzugreifen, als der jemenitische Geheimdienst dies mit dem Hinweis, es handele sich um "Beduinen, nicht um Al Qaida" gerade noch verhindern konnte. Inzwischen, so Hersh, hätten "viele ehemalige und jetzige Militärs und Geheimdienstler wegen der Pentagon-Politik Alarm geschlagen, Al Qaeda-Mitglieder zur Zielscheibe zu machen." Ihre Sorge gelte dabei "weniger der Legalität des Programms, als seiner Klugheit, seiner Ethik und seiner Effektivität."

Weitere Artikel: Paul Goldberger porträtiert den japanischen Architekten Tadao Ando (mehr hier), Malcolm Gladwell glossiert die zunehmende "Nettigkeit" im Weißen Haus, und David Owen stellt einige Inhaber der ältesten Geschäfte New Yorks vor. Außerdem lesen wir zwei Erzählungen: "The Trials of Finch" von Zadie Smith (mehr hier) und "The Trickle-Down Effect" von Annie Proulx (mehr hier). Bis Redaktionsschluss leider nur als schwarze Fläche abrufbar: ein Text von Louis Menand mit der Überschrift: "Rethinking Dr Seuss".

Besprochen werden eine Ausstellung des afro-amerikanischen Künstlers David Hammons (mehr hier) in der New Yorker Ace Gallery, drei Theaterstücke - "Medea", "Imaginary Friends", ein Stück über den Konkurrenzkrieg zwischen den Schriftstellerinnen Mary McCarthy und Lillian Hellman, sowie die Komödie "Adult Entertainment" - und Filme: "Gangs of New York" von Martin Scorsese, "Catch Me If You Can" von Steven Spielberg mit Leonardo DiCaprio, Christopher Walken, Nathalie Baye und Tom Hanks und "The Hours" von Stephen Daldry mit Meryl Streep Nicole Kidman und Julianne Moore. Außerdem gibt es Kurzkritiken, u.a. neuer Romane von William Trevor und Robert Coover.

Nur in der Printausgabe: Norman Mailers "Szenen aus dem Leben eines Schriftsstellers", ein Text über Geisterforscher, Erzählungen von E.L. Doctorow und Alessandro Barrico und Lyrik von Elizabeth Bishop, Carol Muske-Dukes, Elizabeth Bishop und Adam Zagajewski.
Archiv: New Yorker

Lettre International (Deutschland), 01.12.2002

Die Lettre übernimmt aus dem New Yorker Lawrence Wrights höchst empfehlenswerte Reportage über Dr. al-Zawahiri aus Ägypten, den zweiten Mann in der Al Qaida. "Zawahiri war von Geheimhaltung und Tarnung besessen. Er organisierte den Islamischen Dschihad nach dem Prinzip der 'blinden Zellen'. Das bedeutete, dass Mitglieder der einen Gruppe weder die Aktivitäten noch das Personal einer anderen kannten. Eine Sicherheitslücke in einer Zelle konnte daher die anderen Einheiten - oder gar die Organisation als solche - nicht in Schwierigkeiten bringen. " Der Artikel ist allerdings nur in Auszügen ins Netz gestellt. Im New Yorker finden sich übrigens noch der Originaltext und eine kleine Aktualisierung zu dem Artikel über "Zawahiri's Whereabouts".

Weitere Artikel in einem reichen Strauß: Eberhard Sens unterhält sich mit Herfried Münkler über "postklassische Kriege". Überhaupt befasst sich ein ganzes Dossier mit "Dimensionen des Krieges". Zu den Autoren gehören Antonio Negri und Martin van Creveld. Karl Schlögel reist mit dem Newa-Express, dem ersten russischen Hochgeschwindigkeitszug von Petersburg nach Moskau.

Und Eduardo Berti erzählt eine "kleine Kulturgeschichte des Absinths": "Der am meisten bekannte Fall ist vielleicht der Vincent van Goghs. Anscheinend wurde er von seinem Freund und Kollegen Paul Gauguin in diese Erfahrung eingeführt. Einige schreiben sogar seinen Selbstmord oder den Verlust seines Ohrs der toxischen Wirkung des Getränks zu. Als van Gogh im Jahre 1890 starb, hatte sich schon das Wort absintheur ('Wermutbruder') eingebürgert, um die diesem Schnaps Verfallenen zu bezeichnen, und man erörterte bereits, ob dessen freier Verkauf zweckmäßig sei oder nicht."

Outlook India (Indien), 16.12.2002

In einem scharfen Kommentar geißelt Anita Pratap die USA und ihre Politik. "Wenn ich ein Amerikaner wäre, würde meine Augen vor Scham brennen", schreibt sie und prophezeit Pakistan, nicht mehr lange Amerikas "best buddy" zu sein. "Es gibt mittlerweile mehr Beweise über tödliche Waffen in Pakistan und Nord-Korea als im Irak. Nach ihrer Logik müssten die Amerikaner einen Regimewechsel in Islamabad anstreben. Aber natürlich taucht diese Frage im Augenblick nicht auf, aus dem einfachen Grund weil Pakistan einer der Basen der gegenwärtigen amerikanischen Interessen ist, wie die Ukraine und die Türkei, deren Stützpunkte für die Kriege der Yankees in Afghanistan und im Irak benötigt werden."

Der Titel widmet sich den Regionalwahlen im pogromverheerten Gujarat, die Narendra Modi, Kandidat der populistischen BJP, mit klarem Vorsprung gewonnen hat. Darshan Desai deutet den überwältigenden Erfolg als den ersten Schritt zurück zu einer schon überwunden geglaubten einseitig pro-hinduistischen muslimfeindlichen Politik, und zwar im ganzen Land. "Die BJP ist schon immer eine Partei mit starken ideologischen Wurzeln gewesen. Aber im Gujarat-Wahlkampf war Terrorismus ihr Mantra. Die Nachricht war grob und einfach. Terrorismus gleich Muslime. Muslime gleich Terrorismus." Dazu gibt es noch Desais Analyse der Wahlkampftaktik Modis und einen Hintergrundbericht über den Verlauf der Wahlen zu lesen.

Außerdem: Bangladeshs High Commissioner Tufail K. Haider wehrt sich in einem Gespräch gegen die indischen Vorwürfe, seit dem Regierungswechsel in Dhaka im vergangenen Jahr hätten sich die Aktivitäten von Al Qaida und dem pakistanischen Geheimdienst ISI erhöht. Soutik Biswas meldet stolz, dass im Escorts Heart Institute in Delhi die erste robotergestützte Bypassoperation in ganz Asien durchgeführt wurde. Und Sheela Reddy verkündet fast noch stolzer, dass an Weihnachten die ersten sieben Kilometer der neuen Metro von Delhi in Betrieb genommen werden, eine U-Bahn "moderner als die von New York oder Tokio".
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New York Times (USA), 14.12.2002

Krieg erklärt, Allierte gewonnen, Bomben abgeworfen, Taliban vertrieben. So problemlos wie auf den ersten Blick war Bushs Afghanistan-Kampagne gar nicht, weiß Thomas Powers nach der Lektüre von Bob Woodwards "Bush at War" (erstes Kapitel), der gewohnt detailreich und seriös einen intimen Einblick in die Art und Weise gibt, wie Politik im Weißen Haus gemacht wird. So beschreibt wooodward etwa "eine Sitzung des Nationalen Sicherheitsrates am 16. Oktober, auf der Rumsfeld darauf bestand, dass das Militär der Strategie des CIA in Afghanistan folge. Oh nein, sagte der Vertreter des CIA-Chefs Tenet, John Mc Laughlin, ?unsere Jungs arbeiten mit dem Commander in Chief Tommy R. Franks zusammen. Wir unterstützen ihn nur. Er hat das Kommando.' Nein, entgegnete Rumsfeld, ?ihr habt das Kommando. Wir gehen dorthin, wo ihr uns hinschickt.' Nach dem Treffen, schreibt Woodward, nahm (Condoleeza) Rice Rumsfeld bei Seite und erklärte, 'Don, das ist jetzt eine militärische Operation und Du musst nun wirklich die Leitung übernehmen.'" Das Weiße Haus hat keine von Woodwards Behauptungen dementiert.

In "The Eagle's Shadow" untersucht John Hertsgaard, wie wenig die Amerikaner darüber wissen, wie arrogant und selbstherrlich sie auf den Rest der Welt wirken. "Wenn wir Palästinenser Blue Jeans tragen oder Tschechen Big Macs verschlingen sehen, glauben wir, dass das globale Dorf uns einander näher gebracht hat. Das ist eine gefährlicher Irrtum." Die Annahme Hertsgaards, dass die Amerikaner klug und gerecht handeln werden, wenn sie erst einmal wissen, wie sie auf andere wirken, teilt Rezensent Chris Heedges aber nicht. "Weisheit, Großzügigkeit und Selbstlosigkeit - die Werte die er uns empfiehlt - erhalten und erweitern keine Reiche. Sie zerstören sie."

Außerdem: Sam Sifton ist entzückt von Sam Chalmers Roman "Who?s Who in Hell" (Auszug aus einer Lesung), dem mitreißenden, erheiternden, anarchischen und sehr witzigen Debüt des Briten. Nur manchmal, bedauert Laura Miller, findet Annie Proulx in "That Old Ace in The Hole" zu gewohnten erzählerischen Stärken zurück. Zu unstimmig, zu überladen kommt ihr die Geschichte über ein Landleben im Südwesten vor. Gar nicht überzeugend findet Caleb Carr Patricia Cornwells "Portrait of a Killer" (erstes Kapitel), in dem sie das Geheimnis um die Identität des legendären Mörders Jack the Ripper gelüftet haben will. Christopher Caldwell beschreibt Alistair Horne als den Typ des britischen Historikers mit einem Talent zum Erzählen und einer Vorliebe für Klatsch, Blutvergießen und das Bizarre. So erscheint Caldwell "Seven Ages of a Paris" (erstes Kapitel) dann zwar informativ-dicht, zugleich aber auch verwirrend-betörend.
Stichwörter: CIA, Bob Woodward, Landleben

Espresso (Italien), 13.12.2002

Selbst Adorno und Horkheimer hätten sich das nicht träumen lassen: Enrico Pedemonte stellt uns die subtil-agressive Zukunft der Werbung vor. "Door to Door", nach üblichen Maßstäben ein mittelmäßiges Drama, wird in die Filmgeschichte eingehen, schreibt er. Finanziert hat den Film nämlich das multinationale Unternehmen Johnson&Johnson, normalerweise zuständig für Toiletten- und Hygieneartikel. "Johnson&Johnson wollen Hollywood keine Konkurrenz machen. Sie haben ein viel raffinierteres und verstörenderes Ziel: nämlich ein neues Kapitel in der Geschichte des Marketings aufzuschlagen. Kurz gesagt, die Firma produziert Filme, um Werbung für sich zu machen: sie investiert in Geschichten, die positive Werte vermitteln und versucht diese Werte mit den Produkten ihrer Firma zu verbinden." Hauptdarsteller William Macy putzt sich im Film also seine Zähne mit Johnson-Zahnpasta, duscht sich mit Johnson-Duschgel und wischt sich seinen Hintern...

Außerdem: Romeo Bassoli kann nur den Kopf schütteln über den seltsamen Kampf der Jesuiten in Sambia. Die haben die Regierung des Landes überzeugt, keine Hilfslieferungen für die Hungernden mehr anzunehmen, weil die Lebensmittel aus genetisch veränderten Pflanzen gewonnen wurden. Roberto Fabiani berichtet vom Exodus der Minderheiten aus Usbekistan. Wo zu Sowjetzeiten über 20 ethnische Gruppen zusammengelebt haben, verlassen jetzt Juden, Deutsche oder Kurden in Scharen das Land.
Archiv: Espresso

Economist (UK), 13.12.2002

In Zusammenhang mit der Cheriegate-Affäre übt der Economist Kritik an der britischen Presse: "Die Vorherrschaft der Labour-Partei scheint sich endlos hinzuziehen. Die offizielle Opposition hat die Energie und den Biss eines übergewichtigen und ältlichen Labradors. Doch kein Einschüchterungsvermögen." Die Zeitungen, so der Economist, "schauen auf die heutige konservative Partei und sehen bloß einen mutlosen Haufen. Sie kochen vor Frust beim Anblick einer widerwärtigen und inkompetenten Regierung, die unvernünftig populär und wahltechnisch unbezwingbar bleibt. Und so schreiten sie in dieses politische Vakuum, bewaffnet mit dem Gefühl, einem moralischen Vorsatz zu dienen, das aus der Gewissheit entspringt, nun die wirkliche Opposition zu sein." Doch leide die Qualität der Opposition erheblich unter diesem Sendungsbewusstsein: "Seriöse, effiziente Opposition verlangt eine fundierte Kritik an der Regierung, die sich auf einen plausiblen und kohärenten Satz von Prinzipien stützen. Nichts, worin Zeitungen üblicherweise besonders gut wären."

Weitere Artikel: Die baltischen Staaten haben in den letzten Jahren "Wunder gewirkt", um den europäischen Anforderungen zu genügen - nun sind sie "so stabil und ordentlich, dass es schon fast langweilig ist". Doch auf vielen Gebieten, unter anderem der Nuklearsicherheit, stehen die Reformen erst am Anfang. Ein umfangreicher Artikel ist dem vielversprechenden Bereich der Bioinformatik gewidmet, die "die Laborratte durch die Computer-Maus" ersetzt. Ein weiterer Artikel beschäftigt sich mit Chinas Fortschreiten auf dem Gebiet der Biotechnologie, das die westliche Welt mit ethischer Sorge erfüllt. Der Iran ist gespalten, zwischen dem verhassten Nachbar Irak und den strategischen Anbiederungsversuchen der nicht gerade geliebten USA.

Außerdem kann man lesen, warum das gesetzlich festgelegte Rentenalter ein Anachronismus ist, warum Nelson Mandela dem südafrikanischen Präsidenten Thabo Mbeki in Sachen AIDS-Politik in die Quere kommt, und warum die jetzt in den USA verhandelten Terrorismus-Prozesse zeigen, wie dringend eine spezifische Anti-Terror-Gesetzgebung nötig ist.

Das Titel-Dossier handelt vom Irak. Die meisten Artikel sind nicht freigschaltet. Lesen darf man ein Stück über die Beziehungen zwischen dem Iran und dem Irak. Im Books and Arts-Teil werden die Bücher des Jahres vorgestellt.
Archiv: Economist

Times Literary Supplement (UK), 14.12.2002

Wie kommt es, dass man mit Sokrates noch immer so gut denken und diskutieren kann?", fragt sich Michael Trapp. "?Unser' Sokrates ist der Mann, der einer fragenden Erziehungsmethode seinen Namen gab, einer Beschäftigung mit den Seelen, einer Fürsorge um das wahre Selbst und einer bescheidenen Weigerung, irgendein Wissen außer dem des eigenen Unwissens für sich zu beanspruchen. Er ist der ernsthafte Disputant, der unkonventionelle Theoretiker und mythische Visionär, dessen gelassen heldenhafte Prinzipien-Ergebenheit einem skandalös unverdienten Prozess und der daraus folgenden Todesstrafe gegenübersteht." Und genau darin liegt für Trapp der Reiz der Anthologie "The Unknown Socrates", die "einen anderen Sokrates aufdeckt, oder besser gesagt eine Reihe von Sokraten, die aufgrund ihrer Unvertrautheit höchst faszinierend erscheinen" und die Sokrates' zu "Emblem und Galionsfigur einer Aktivität und einer Ideologie" machen, "die unbequemerweise und doch unvermeidlich nahe am Herzen der Kultur liegt, die Aktivität der Philosophia".

Robert MacFarlane ist begeistert von Benedict Allens "The Faber Book of Exploration", in dem er die Aufzeichungen von Entdeckern und Abenteurern gesammelt hat. Allens "großartige" Anthologie mache deutlich, worum es bei Entdeckungsreisen eigentlich gehe, nämlich "sich den Unwegsamkeiten der unbekannten Landschaft auszusetzen, und so eine Verwitterung der Persönlichkeit zu bewirken, die den Kernpunkt des Selbst enthüllt". Auch gehe aus den Texten hervor, was die Entdecker - oftmals Einzelgänger - zum Schreiben bewege: "Wie man aus dem Umfang dieser Anthologie ersehen kann, sind Erforscher selten schweigsam. Der Zwang zu erzählen ist groß. Dies ist zum Teil eine natürliche Antwort auf die erlebte Begegnung mit dem Unbekannten - die strukturierende Aktivität von Sprache und Erzählung schafft die Möglichkeit, sich dem bedrohlich Unvertrauten zu nähern. Das Erzählen rührt aber auch vom Drang her, eine vernünftige Erklärung für das zu liefern, was sonst auf gefährliche Weise zwecklos erscheinen könnte: der Wunsch, einen Berggipfel zu erklimmen, die Mitte einer Eisscholle oder die andere Seite eines Ozeans zu erreichen."

Weitere Artikel: Andrew Porter hat Nicholas Maws Opern-Adaption von William Styrons Roman "Sophie's Choice" im Londoner Royal Opera House gesehen und findet, dass Maw sich schwer tut, die Erzählperspektive und die verschränkten Erzählzeiten der Romanvorlage szenisch und musikalisch umzusetzen. Und Michael Greenberg freut sich, dass Richard Lingeman in seiner Biografie des amerikanischen Schriftstellers Sinclair Lewis mit dem gängigen, einseitigen Bild des Autors aufräumt, der "mehr für das in Erinnerung geblieben ist, worüber er schrieb, als für das, was er schrieb."

Nur im Print zu lesen: "Inside the Cuban Revolution" von Mark Falcoff, "Slow Air" von Nicholas Laird und "A Life's Music" von Sam Thompson.

Spiegel (Deutschland), 16.12.2002

In der Titelgeschichte über das Gemetzel bei Stalingrad vor sechzig Jahren versucht der Spiegel gegen Gebühr die nicht mehr ganz neue Frage zu beantworten, was Hitler dazu trieb, "an der Wolga eine ganze Armee zu opfern".

Im nächsten Monat werden die USA im Sicherheitsrat auf einen Krieg drängen, weiß der Spiegel, unabhängig davon, was die UN-Inspektoren berichten. Die Provokationen wie die erzwungene Ersteinsicht des irakischen Atomwaffenberichts haben nach Informationen des Magazins "vor allem ein Ziel: Sie sollen zeigen, dass 'das Ende des diplomatischen Reigens eingeläutet ist'. Nun ist Schluss mit der Schonzeit für Saddam Hussein."

Weiteres: Frank Hornig fragt sich angesichts der gescheiterten Fusion von Berliner Zeitung und Tagesspiegel, ob nun der Wettbewerb gesiegt hat oder der Berliner Zeitungsmarkt vor dem Zusammenbruch steht. Hans-Jürgen Schlamp berichtet, wie die italienische Mittelmeerinsel Lampedusa zum Ziel Tausender Immigranten wird, die das Eiland als Einfallstor nach Europa benutzen.
Archiv: Spiegel

Nouvel Observateur (Frankreich), 12.12.2002

In seiner Ausgabe vom 14. November hatte der NouvelObs Auszüge aus dem neuen Buch des Pariser Kardinals Jean-Marie Lustiger, "La Promesse", abgedruckt (siehe hier). Darin verhandelt Lustiger die "Unmöglichkeit der christlichen Ablehnung der Juden im Namen der Treue zu Christus". In der aktuellen Ausgabe widerspricht nun der Rabbiner, Schriftsteller und Fernsehmacher Josy Eisenberg (veröffentlichte unter anderem. "Histoire moderne du peuple juif", Stock, 1997) Lustigers Ausführungen in drei Punkten. Am ausführlichsten und am kritischsten setzt er sich dabei mit dessen Aufforderung auseinander, Auschwitz als einen "Teil des Leidens Christi" zu verstehen. Lustiger schrieb wörtlich: "Wenn eine christliche Theologie ihrer Vision der Erlösung nicht zurechnen kann, dass Auschwitz ebenfalls Teil des Leidens Christi ist, ist das vollkommen widersinnig." Eisenberg findet diese Auffassung "in jeder Hinsicht schockierend" und bemerkt dazu: "Die Shoah ist ein absoluter Skandal. Der Versuch, sie der Leidensgeschichte Christi einzuschreiben, ein weiterer. Vergleichen heißt nicht Recht haben." Er fragt sich, ob man demnach die "Nazis letztlich als Ausführende der geheimnisvollen Pläne göttlicher Vorsehung" zu verstehen habe, und schließt: "Opfern Sie die Märtyrer von Auschwitz nicht auf dem Altar der christlichen Wissenschaft (christologie), indem Sie Zeugen Christi aus ihnen machen."

Ziemlich begeistert besprochen wird ein "Dictionnaire de la langue du theatre" (Le Robert, Reihe "les usuels"). Das Werk mit dem Untertitel "Worte und Gebräuche im Theater" durchstreift bei der Erklärung von Herkunft und Bedeutung von Ausdrücken wie "faire branler la frise", "sauter la gueuse", "dormir sur la lisse" die Theater- und Literaturgeschichte. Und wer immer schon wissen wollte, warum "das Wort "corde" (Strick) und die Farbe Grün auf der Bühne verboten" sind (ist sie das?): hier erfährt er es.

Im Übrigen widmet sich das Magazin in dieser Woche der vorweihnachtlichen Buchempfehlung in Kurzfassung - immerhin thematisch geordnet, und Liebhaber von Pferden (hier), Modefotografie (hier) oder Frankreich (hier) finden vielleicht den einen oder anderen Hinweis.

London Review of Books (UK), 12.12.2002

John Mullan ist davon überzeugt, dass die neue Oxford-Ausgabe von Samuel Richardsons Roman "Pamela" zum Standardtext werden wird. In der Tat werde in dieser Ausgabe ersichtlich, "warum Richardsons erster Roman so wichtig war". Denn lange Zeit sei "Pamela" aufgrund von entstellten und beschönigten Fassungen unterschätzt worden: "Seit langem sind die Akademiker damit beschäftigt, eine Genealogie des Romans auszuarbeiten, die Ian Watts Schilderung seines Aufstiegs via Defoe, Richardson und Fielding herausfordern würde. Doch die zahlreichen Vorgeschichten des Romans, die versuchen, Richardsons Leistung weniger überraschend erscheinen zu lassen, verkennen eine einfache Wahrheit: Seine Zeitgenossen waren der Meinung, Richardsons Schaffen sei beispiellos. Und vielen gefiel es nicht - aus genau diesem Grund."

Weitere Artikel: Verschiedene Persönlichkeiten aus der Film- und Theaterszene, unter anderem Vanessa Redgrave und Meryl Streep, erinnern sich an den kürzlich verstorbenen tschechischen Regisseur und "Grenzgänger" Karel Reisz, der unter anderem die britische Dokumentarfilmer-Bewegung "Free Cinema" mitbegründete. David Bromwich zeichnet ein ergriffenes Porträt des "natürlichen Schauspielers" James Stewart, der in der Lage war, in seiner Stimme "Halbgedanken und schattenhaftes Soufflieren" durchschimmern zu lassen, "wie sie nur ein erstklassiger Schriftsteller in Worte zu fassen vermag". Der Schriftsteller Jonathan Lethem berichtet über das Schicksal seines ägyptischen Cousins Saad Eddin Ibrahim, Professor für Soziologie an der amerikanischen Universität in Kairo, der wegen seiner "kontroversen Schriften über Minderheiten" unter Beschuss geraten und nun wegen Diffamierung der ägyptischen Gesellschaft zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde. Peter Campbell denkt nach über Londons alte Aushängeschilder und stellt fest, dass die Bindung zwischen der Architektur eines Gebäudes und dessen Funktion immer mehr verschwindet. In Short Cuts stellt Thomas Jones das Jahrbuch des Satire-Magazins "The Onion" vor, das mit seinen Artikeln regelmäßig für Aufsehen sorgt, und ist vor allem von Dave Eggers Einleitung begeistert.

Express (Frankreich), 12.12.2002

Ein Dossier befasst sich mit der Frage, ob die Türkei in die EU aufgenommen werden soll. Die Franzosen scheinen hier genauso zerstritten wie die Deutschen. Historisches Hintergrundmaterial liefert ein Gespräch mit dem Historiker Jean-Paul Roux, der die Türken in einer zwiespältigen Position sieht: "Die Türkei hat Europa immer mit Leidenschaft begehrt, so wie ein Mann eine Frau begehrt, mit liebevollen und mit hassvollen Momenten. Die Türkei ist nicht europäisch. Aber sie wollte immer europäisch sein. Vor kurzem hat mir ein junger Türke gesagt: 'Was bleibt uns, wenn wir nicht europäisch werden dürfen? Der Islam.'"
Archiv: Express
Stichwörter: Jean Paul