Magazinrundschau

Die Magazinrundschau

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
16.12.2002. Die Lettre erzählt die Kulturgeschichte des Absinths. Der New Yorker befasst sich mit Bushs Todeslisten, die NY Times Book Review mit dem Buch "Bush at War" von Bob Woodward. L'Espresso beschreibt neue Werbestrategien in Hollywood. Der Nouvel Obs setzt die Debatte um die Thesen des Kardinals Lustiger zum Holocaust fort. Der Express weiß: Die Türkei begehrt Europa wie ein Mann eine Frau begehrt.

New Yorker (USA), 23.12.2002

Seymour M. Hersh berichtet über "Menschenjagd", die "neue Strategie der Regierung Bush". Die Tötung des mutmaßlichen Al Qaida-Führers Qaed Salim Sinan al-Harethi durch eine amerikanische Rakete im Jemen markiere "eine dramatische Eskalation des amerikanischen Kriegs gegen den Terrorismus", schließlich sei "staatlich angeordneter Mord" in den USA seit über einer Generation ein "Unding" gewesen. Hersh sprach auch mit Vertretern des jemenitischen Geheimdienstes, die an der als "Erfolg" gefeierten Aktion beteiligt waren, über frühere "Aufklärungsfehler" der USA. Diese hätten "fast dazu geführt, unschuldige Beduinen unter Beschuss zu nehmen". Die Amerikaner seien schon kurz davor gewesen deren Truck mit einem Predator anzugreifen, als der jemenitische Geheimdienst dies mit dem Hinweis, es handele sich um "Beduinen, nicht um Al Qaida" gerade noch verhindern konnte. Inzwischen, so Hersh, hätten "viele ehemalige und jetzige Militärs und Geheimdienstler wegen der Pentagon-Politik Alarm geschlagen, Al Qaeda-Mitglieder zur Zielscheibe zu machen." Ihre Sorge gelte dabei "weniger der Legalität des Programms, als seiner Klugheit, seiner Ethik und seiner Effektivität."

Weitere Artikel: Paul Goldberger porträtiert den japanischen Architekten Tadao Ando (mehr hier), Malcolm Gladwell glossiert die zunehmende "Nettigkeit" im Weißen Haus, und David Owen stellt einige Inhaber der ältesten Geschäfte New Yorks vor. Außerdem lesen wir zwei Erzählungen: "The Trials of Finch" von Zadie Smith (mehr hier) und "The Trickle-Down Effect" von Annie Proulx (mehr hier). Bis Redaktionsschluss leider nur als schwarze Fläche abrufbar: ein Text von Louis Menand mit der Überschrift: "Rethinking Dr Seuss".

Besprochen werden eine Ausstellung des afro-amerikanischen Künstlers David Hammons (mehr hier) in der New Yorker Ace Gallery, drei Theaterstücke - "Medea", "Imaginary Friends", ein Stück über den Konkurrenzkrieg zwischen den Schriftstellerinnen Mary McCarthy und Lillian Hellman, sowie die Komödie "Adult Entertainment" - und Filme: "Gangs of New York" von Martin Scorsese, "Catch Me If You Can" von Steven Spielberg mit Leonardo DiCaprio, Christopher Walken, Nathalie Baye und Tom Hanks und "The Hours" von Stephen Daldry mit Meryl Streep Nicole Kidman und Julianne Moore. Außerdem gibt es Kurzkritiken, u.a. neuer Romane von William Trevor und Robert Coover.

Nur in der Printausgabe: Norman Mailers "Szenen aus dem Leben eines Schriftsstellers", ein Text über Geisterforscher, Erzählungen von E.L. Doctorow und Alessandro Barrico und Lyrik von Elizabeth Bishop, Carol Muske-Dukes, Elizabeth Bishop und Adam Zagajewski.
Archiv: New Yorker

Lettre International (Deutschland), 01.12.2002

Die Lettre übernimmt aus dem New Yorker Lawrence Wrights höchst empfehlenswerte Reportage über Dr. al-Zawahiri aus Ägypten, den zweiten Mann in der Al Qaida. "Zawahiri war von Geheimhaltung und Tarnung besessen. Er organisierte den Islamischen Dschihad nach dem Prinzip der 'blinden Zellen'. Das bedeutete, dass Mitglieder der einen Gruppe weder die Aktivitäten noch das Personal einer anderen kannten. Eine Sicherheitslücke in einer Zelle konnte daher die anderen Einheiten - oder gar die Organisation als solche - nicht in Schwierigkeiten bringen. " Der Artikel ist allerdings nur in Auszügen ins Netz gestellt. Im New Yorker finden sich übrigens noch der Originaltext und eine kleine Aktualisierung zu dem Artikel über "Zawahiri's Whereabouts".

Weitere Artikel in einem reichen Strauß: Eberhard Sens unterhält sich mit Herfried Münkler über "postklassische Kriege". Überhaupt befasst sich ein ganzes Dossier mit "Dimensionen des Krieges". Zu den Autoren gehören Antonio Negri und Martin van Creveld. Karl Schlögel reist mit dem Newa-Express, dem ersten russischen Hochgeschwindigkeitszug von Petersburg nach Moskau.

Und Eduardo Berti erzählt eine "kleine Kulturgeschichte des Absinths": "Der am meisten bekannte Fall ist vielleicht der Vincent van Goghs. Anscheinend wurde er von seinem Freund und Kollegen Paul Gauguin in diese Erfahrung eingeführt. Einige schreiben sogar seinen Selbstmord oder den Verlust seines Ohrs der toxischen Wirkung des Getränks zu. Als van Gogh im Jahre 1890 starb, hatte sich schon das Wort absintheur ('Wermutbruder') eingebürgert, um die diesem Schnaps Verfallenen zu bezeichnen, und man erörterte bereits, ob dessen freier Verkauf zweckmäßig sei oder nicht."