Heute in den Feuilletons

Aufständische Macht der Außenstehenden

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
31.10.2013. NSA und GCHQ greifen unsere Mails nun doch bei Google und Yahoo ab, berichtet die Washington Post. Die SZ nimmt die Heuchelei europäischer Staatschefs aufs Korn, die sich über die NSA empören, während sie fleißig mit ihr kooperieren. In der FAZ möchte der Historiker Thomas Stamm-Kuhlmann die amerikanische Verfassung beim Wort nehmen. In der Welt gibt Ian Buruma dem Internet die Schuld an allem. Außerdem heute: Die taz beschreibt Warschau als globale Stadt. Die NZZ begutachtet die postrevolutionäre Literatur in China. Die Zeit huldigt der athenehaften Kühle Cate Blanchetts. Und Glenn Greenwald vermisst die Distanz heutiger Journalisten zu den Mächtigen.

Spiegel Online, 31.10.2013

In der Reihe "Unser tägliches NSA-Update gib uns heute" fasst Spon einen Artikel der Washington Post zusammen, der uns darüber informiert, dass die NSA die internen Verbindungen zwischen den weltweit verteilten Google- und Yahoo-Rechenzentren anzapft. "Laut dem Bericht der Washington Post läuft das gemeinsame Projekt von NSA und dem britischen Partnerdienst GCHQ unter dem Codenamen 'Muscular'. Die Geheimdienste sollen so Millionen von Datensätzen gesammelt haben, darunter Metadaten, Texte, Videos und Sprachnachrichten." Abgefangen werden die Daten "an einem Sammelpunkt mit dem Codenamen DS-200B. Dabei handelt es sich laut Washington Post um ein Glasfaserkabel oder einen Knotenpunkt eines nicht näher benannten Providers, der mit den Geheimdiensten heimlich zusammenarbeitet".

Perlentaucher, 31.10.2013

Stichwörter: NSA

TAZ, 31.10.2013

Ulrich Gutmair stellt die Ausstellung „"Beruf: Architekt“" aus der Reihe „Warschau im Bau“ im dortigen Stadtmuseum vor, die sich mit den urbanen Wucherungen der Stadt beschäftigt. „"Um Platz für neue Großprojekte zu schaffen, müssen im Stadtzentrum inzwischen auch schon die ersten Bauten aus den postsozialistischen Neunzigern weichen. In der Innenstadt werden ständig neue Hochhäuser gebaut. In den vergangenen Jahren sind unter anderem Türme von Daniel Libeskind und Helmut Jahn entstanden ... Der Immobilienbranche gilt Warschau inzwischen als globale Stadt, deren Entwicklung sich von der polnischen entkoppelt hat.“"

Besprochen werden Axel Ranischs Vater und Sohn-Film "Ich fühl mich Disco"“, die DVD von Douglas Sirks "„The Tarnished Angels"“ („"Duell in den Wolken"“) mit Rock Hudson und Dorothy Malone von 1957 und Monika Marons Roman „"Zwischenspiel"“ (mehr dazu in unserer Bücherschau ab 14 Uhr)

Und Tom.
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Guardian, 31.10.2013

Nach den unverhohlenen Zensurdrohungen des Premiers David Cameron hat der Londoner Bürgermeister Boris Johnson den Guardian verteidigt, meldet der Guardian: "'I think the public deserves to know,' said Johnson. 'The world is better for government being kept under the beady-eyed scrutiny of the media and for salient and interesting facts about public espionage being brought into the public domain.'"

Zugleich meldet der Guardian, dass das neue Presseregulierungsgesetz, das nach den Abhöraffären der Murdoch-Presse geplant wurde, nun endgültig verabschiedet ist - die Zeitungen versuchen allerdings, sich weiter zu wehren.

NZZ, 31.10.2013

Wie steht es eigentlich um junge Literatur in China? fragt sich Wei Zhang und stößt auf eine postrevolutionäre, vor allem an Kommerz interessierte Autorengeneration: "Die relative ideologische Unbeschwertheit der Schriftsteller der Nach-Achtziger-Generation hat sie zu einer Hauptkraft bei dem Unternehmen, die Literatur aus den Händen der politischen Propaganda zu befreien, gemacht. Während aber die Literaturzensur ihre Bedeutung allmählich verloren hat, hat auch das gesellschaftspolitische Gewicht der Literatur sukzessive abgenommen."

Weitere Artikel: Andrea Roedig stellt einen Essay der Kultursoziologin Eva Illouz vor, der "Shades of Grey" als Selbsthilfeliteratur versteht und darin einen Schrei der Frau nach sexueller Freiheit vermutet. Daniel Ender war beim Festival Wien Modern und stellt resigniert fest: "Inzwischen ist die Veranstaltungsreihe nur noch ein Schatten ihrer selbst." Für Sieglinde Geisel beweist eine Diskussion beim Berliner Akademietag zur Aufklärung, dass "die Aufklärung längst nicht mehr nur ein Projekt des Westens oder der Moderne, sondern eines des globalen 21. Jahrhunderts" ist.

Besprochen werden Lionel Baiers unromantischer Film "Comme les voleurs (à l'est)" über den Putsch von 1974 in Portugal, der als Nelkenrevolution in die Geschichte einging, Guillaume Nicloux' Neuverfilmung von Denis Diderots "La religieuse" und Bücher, darunter Erzählungen von Amy Hempel (mehr in unserer Bücherschau heute um 14 Uhr).

Welt, 31.10.2013

Geradezu bschwipst ist Ian Buruma in einem Project Syndicate-Artikel auf der Forumsseite von Papst Franziskus, schon etwas nüchterner bei Edward Snowden, bei dem ihm die religiöse Motivation fehlt. Abtörnend findet er Liberalismus und vollends erkalten lässt ihn das Internet. Manche hätten sich davon eine Befreiung und ethisches Heil versprochen: "Tatsächlich jedoch drängt das Internet uns in die gegenteilige Richtung. Es ermutigt uns, selbstverliebte Konsumenten zu werden, die ihre Vorlieben als 'Likes' zum Ausdruck bringen und jedes Detail ihres Privatlebens in der Öffentlichkeit ausbreiten, ohne echte Verbindungen zu irgendjemandem aufzubauen. Das ist keine Grundlage für die Suche nach neuen Wegen, um Gut und Böse zu definieren oder kollektive Sinn- und Zielfragen zu beantworten."

Fürs Feuilleton unterhält sich Marc Reichwein mit dem Moderator Jan Böhmermann, der eine neue Talkshow bekommt. Barbara Möller kann es nicht fassen, dass der Dresdner Kreuzchor auf Chinatournee von sich aus das Lied "Die Gedanken sind frei" nicht brachte, um die Behörden nicht aufzuschrecken.

Besprochen werden der Wikileaks-Film "The Fifth Estate" und eine neue CD der Band Arcade Fire.

SZ, 31.10.2013

Hans Leyendecker und Frederik Obermaier nehmen die Heuchelei der europäischen Regierungschefs aufs Korn, zum Beispiel von François Hollande, der sich über die NSA empört, obwohl der französische Auslandsgeheimdienst DGSE ein enger Partner der NSA ist und diese regelmäßig mit Informationen beliefert: "Auch Daten aus Seekabeln, die von Afrika kommend in Frankreich anlanden, schickt die DGSE - angeblich ungefiltert - an die Amerikaner weiter. Es ist Teil eines geheimen Tauschgeschäfts: 'Man gibt ihnen die kompletten Blöcke über diese Regionen, und sie geben uns im Gegenzug die Weltgegenden, in denen wir nicht präsent sind', erklärte eine Nachrichtendienstler die Deals der Geheimen. Frankreich liefert also Daten aus Afrika, und bekommt dafür womöglich Informationen aus Asien. Ähnlich machen es vermutlich auch die anderen Kooperationspartner der US-Dienste wie Italien, Israel, Schweden, Dänemark, Polen - und Deutschland."

Im Feuilleton: Die Kunstwelt giert nach wiederentdeckten Künstlerinnen der Moderne, beobachtet Kia Vahland, die es allerdings noch spannender fände, zu erfahren, warum soviele Künstlerinnen in der Versenkung verschwanden, während auf der anderen Seite die Meister ausgerufen wurden. Ihre These: Man kann so meisterlich sein, wie man will - ohne Netzwerk hilft alles nichts. "Im beginnenden 20. Jahrhundert hatten Künstlerinnen schon Mühe, überhaupt an Akademien aufgenommen zu werden. Deren größter Nutzen ist ein Netzwerk. Ihr einziger Zugang zu interessanten Kreisen war oft der Eros, und der ist bekanntlich flüchtiger als Freundschaft."

Weiteres: Thorsten Schmitz berichtet vom Dok-Filmfestival in Leipzig, in dessen Programm ihn vor allem Yotam Feldmans Dokumentarfilm über israelische Waffenhändler beeindruckte. Restauratoren diskutieren darüber, wie Designobjekte aus den 70ern für die Zukunft bewahrt werden können, berichtet Kathleen Hildebrand. Roman Deininger spricht mit dem Rechtshistoriker Winfried Klein über die rechtliche Lage von Exhumierungen zu Forschungszwecken.

Besprochen werden eine Aufführung der Oper "Armide" an der Nederlandse Opera Amsterdam, Axel Ranischs Indiekomödie "Ich fühl mich Disco", die Dokumentation "The Human Scale" über den Architekt Jan Gehl und Bücher, darunter eine Essaysammlung von Carolin Emcke (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

FAZ, 31.10.2013

Wer je auf einen "Weltstaat" gesetzt hat, um autoritäre Regime aufzulösen, muss diesen Traum angesichts der weit- und grenzübergreifenden Überwachungs- und Einflussmöglichkeiten der USA wohl begraben, fürchtet der Historiker Thomas Stamm-Kuhlmann. Als einzige Gegenstrategie bleibe uns, die amerikanische Verfassung beim Wort zu nehmen: "Es ist ja kein Zufall, dass es gerade der Tea Party nahestehende Politiker sind, die auch in Washington Zweifel am Überwachungsstaat entwickelt haben. Dort sich bildende Allianzen zwischen Regierungsgegnern von rechts und von links sind nur für den überraschend, der übersieht, dass die Vereinigten Staaten aus einem grundsätzlichen Misstrauen gegen Regierungen überhaupt entstanden sind. Auch die folgenden zweihundert Jahre innerer Auseinandersetzungen, die einen Thomas Jefferson, einen Henry Thoreau und einen Walt Whitman hervorgebracht haben, liefern uns genug Material, um Amerika mit sich selbst zu konfrontieren. Wir sollten es tun."

Israels Säkulare sind erschüttert von der Entscheidung des Erziehungsministeriums, die Geschlechtertrennung in Schulen finanziell zu unterstützen, berichtet Joseph Croitoru: "Ende 2011 berichtete die Presse, dass sich im vergangenen Jahrzehnt die Zahl der religiösen Grundschulen, die sich von der Koedukation verabschiedet haben, verdreifacht habe. Mittlerweile werden nur noch an einem Drittel dieser Schulen Jungen und Mädchen gemeinsam unterrichtet."

Weitere Artikel: Jürg Altwegg fasst französische Stimmen zum hundertsten Geburtstag von Albert Camus zusammen. Kerstin Holm besucht in Murmansk das in der Ruine des Eisbrechers "Lenin" untergebrachte Museum.

Besprochen werden der zweite "Thor"-Teil der Marvel Studios (ein "intertextuelles Mythenkunstwerk" raunt Hannah Lühmann), die Ausstellung "Fassbinder JETZT" im Frankfurter Filmmuseum, Yuri Burlakas "Nussknacker"-Inszenierung mit dem Berliner Staatsballett, eine Ausstellung zur Kulturgeschichte des evangelischen Pfarrhauses in Deutschen Historischen Museum in Berlin und Bücher, darunter John Williams' bereits 1965 veröffentlichtes, doch erst in den letzten Jahren bekannter werdender Roman "Stoner" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

Zeit, 31.10.2013

In einem spannenden Interview mit Florian Klenk spricht Glenn Greenwald in Zeit Online über seine Begegnungen mit Edward Snowden, die ungehaltenen Versprechen des Internets und das Versagen der Medien: "Einer der Gründe, warum so viele Medien scheitern und das Vertrauen ihrer Leser und Zuseher verlieren ist die mangelnde Distanz der Journalisten zu den Mächtigen. Die Medien kommen den Regierenden zu nahe, werden Teil der Macht... Es hat sich die Natur, die Seele des Journalismus radikal geändert. Journalisten sind nicht mehr eine 'Outsider-Insurgent-Force', also eine aufständische Macht der Außenstehenden."

In der Printausgabe tritt Thomas E. Schmidt in einem Londoner Hotel vor seine Göttin Cate Blanchett und huldigt ihrer athenehaften Kühle: "Ihre schauspielerische Meisterschaft zeigt sich darin, dass es ihr gelingt, die Zeustochter in sich einstürzen zu lassen. Mit rotgeweinten Augenlidern kann sie blasser als jeder Marmor aussehen, steifer, ungelenker als sie ist, älter, geradezu unschön - obwohl sie in Wirklichkeit sehr schön ist."

Weiteres: Thomas Assheuer rekapituliert, wie das Internet zum Instrument des Überwachungsstaats und der Werbeindustrie wurde und rehabilitiert den "analogen Altmenschen". Gisela Stelly richtet einige geharnischte Worte an ihren Stiefsohn Jakob Augstein und wirft ihm Verrat an seinem Vater Rudolf vor. Susanne Mayer porträtiert die New Yorker Fotokünstlerin Lorna Simpson. Und Thomas Groß erklärt mit dem Tod Lou Reeds die Ära der Jugendverschwendung für beendet.

Besprochen werden das neue Album von Lady Gaga "Artpop", Armin Petras' Premieren in Stuttgart, Armin Holz' Operndebüt mit Webers "Freischütz" in Mannheim sowie im Literaturteil Monika Marons "Zwischenspiel" und Judith Butlers Zionismus-Kritik "Am Scheideweg" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).