Heute in den Feuilletons

Magmatischer Granit, den Feinschliff glitzern lässt

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.10.2013. In Creativetimereports.com klagt David Byrne: New York ist stinklangweilig geworden. Die taz begleitet den 1. FC Lampedusa zum 1. FC Sankt Pauli. Rue89 macht sich Sorgen über französische Schlachthöfe, die immer öfter nach religiösen Vorschriften ohne Betäubung schlachten und mit diesem Fleisch auch normale Supermärkte beliefern. Glenn Greenwald rauft sich im Guardian die Haare über einen Kollegen vom Independent. In der FAZ schildert Mohsin Hamid die Dynamik des Sicherheitsstaats. Und viel Harmonie zu Scharouns Philharmonie!

Welt, 15.10.2013

Uwe Schmitt unterhält sich mit der in Amerika arbeitenden Regisseurin und Dramaturgin Gabriele Jakobi über die unterschiedlichen Bühnenkulturen in Deutschland und den USA: "Hier kann man noch etwas suchen. Es gibt so viel Boden von sozialen Einflüssen, der offen ist, nicht besetzt. In Deutschland haben wir das Brecht-Theater, das Schaubühnen-Theater und so fort. Alles spannend, aber auch genormt. Wir tun uns schwer, neue Wege zu gehen und Quellen zu finden, aus denen man schöpfen kann."

Außerdem: "Welch Raum! Wie groß und gleichzeitig wie intim! Welche Weite und gleichzeitig welche Konzentration auf die Mitte!", schwärmt der Architekt Stephan Braunfels von der Berliner Philharmonie Hans Scharouns, die heute 50 wird und für 9,5 Millionen Euro geradezu ein Schnäppchen war. Wolf Lepenies berichtet über die kritische Auseinandersetzung mit dem letzten Buch des verstorbenen nigerianischen Autors Chinua Achebe in der Chimurenga Chronic: Kritisiert wird dort vor allem, dass Achebe nie in seiner Muttersprache Igbo schrieb. Grete Götze schreibt zum 125. Geburtstag der Wiener Burg. Sascha Lehnartz meldet ein Frauenproblem im Panthéon.

Tagesspiegel, 15.10.2013

Vor fünfzig Jahren hat Hans Scharoun die Berliner Philharmonie erbaut. Frederik Hanssen erinnert an die Widerstände, auf die diese Ikone demokratischer Baukultur stieß, vor allem beim damaligen Tagesspiegel-Kritiker Werner Oelmann: "Sitzreihen, die sich wie Weinbergterrassen um einem Talkessel erheben? Absoluter Humbug! Die Kreisform, schäumte Oelmann, 'mag für primitive Verhältnisse, für die Musikveranstaltungen von Naturvölkern und die Promenadenkonzerte der Militär- und Kurkapellen gelten' - auf den Edelklangkörper des Philharmonischen Orchesters angewandt aber berge Scharouns 'verschwommener, romantisierender Formbegriff' die Gefahr, 'dass zugunsten einer architektonischen Sensation die rechte, sinngemäße Vermittlung der großen Musik verfälscht wird'."

Aus den Blogs, 15.10.2013

Heute ist Aid el Kebir, Opfertag, an dem traditionell Schafe durch einen glatten Kehlschnitt geopfert wurden. Ausgerechnet im laizistischen Frankreich setzt sich immer mehr auch eine Schlachtung der Tiere ohne Betäubung durch, um religiösen Gesetzen zu genügen. Proteste gegen rituelle Schlachtung stoßen auf wütenden Widerstand der jüdischen und muslimischen Gemeinden. Besonders wegen der vielen Muslime hat das Thema wirtschaftliche Relevanz, berichtet Florence Pinaud in Rue89: "Um die Produktivität und Rentabilität zu erhöhen, haben viele Schlachthöfe sämtliche Produktionslinien auf die Schlachtung ohne Betäubung umgestellt. Auf diese Weise wird ein Verlust des Marktanteils vermieden, egal wie stark die Nachfrage nach koscherem oder Halal-Fleisch tatsächlich ist. So kann das Fleisch überall verkauft werden - auch auf dem normalen Markt, wenn die 'rituelle' Nachfrage nicht groß genug ist." Die Fleischindustrie wehrt sich gegen eine Kennzeichnung.
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Weitere Medien, 15.10.2013

Talking Head David Byrne sitzt in Venedig und macht sich ernsthaft Sorgen, dass New York seine Kreativität und vibrierende Aura verliert. Die aufregende, provisorische Stimmung, die in den 70ern herrschte, geht dem Big Apple zunehmend verloren. Jetzt hocken dort nur noch die Superreichen. Dies führt zu einem kreativen Stillstand, klagt Byrne: "In dieser Stadt geschieht nichts mehr. Kreativität in all ihren Ausprägungen ist eine lebensnotwendige Ressource für eine Stadt und für ein Land. In der jüngsten Vergangenheit, vor dem Zusammenbruch 2008, wurden die Besten und Intelligentesten in die Finanzwelt gelockt." Doch wegziehen möchte er nicht, deshalb ruft er in Erinnerung, dass New York "funky" ist, legendär für seine produktive Multikulturalität. Andere Städte seien vielleicht effizienter und sauberer, doch: "New York riecht nach Sex." (Hat darauf nicht Wowereit ein Copyright?)

TAZ, 15.10.2013

Carla Baum erzählt von der Flüchtlingsgruppe "Lampedusa in Hamburg", die mit Duldung des Pastors eine Kirche in St. Pauli besetzt hält. Ausgerechnet an diesem Wochenende störte die Polizei ein Idyll, das man wirklich nur noch in Hamburg findet: "Am Wochenende wird ein Fußballspiel stattfinden. Die Flüchtlinge haben eine Mannschaft gegründet, den FC Lampedusa, der rege Kontakte zum FC St. Pauli unterhält. Regelmäßig gibt es Freundschaftsspiele und gemeinsame Ausflüge zu den Spielen. Ein paar Meter von der Kirche entfernt, in der Hafenstraße, arbeiten einige der Flüchtlinge an einem neuen Wandbild. 'Die Einbindung in die Stadtteilkultur ist ein wichtiges Element der Solidarisierung', sagt Pastor Wilm."

Julia Grosse erklärt die Feinheiten des britischen Stils. Besprochen werden Sibylle Bergs Promi-Marathon im Berliner Haus der Festspiele, die Darmstädter Ausstellung über Georg Büchner sowie die beiden Kölner Inszenierungen unter dem neuen Schauspiel-Intendanten Stefan Bachmann: seine eigene Adaption von Ayn Rands radikalliberalem Roman "Der Streik" und Angela Richters Recherche "Kippenberger!"

Und Tom.

Weitere Medien, 15.10.2013

Sylvie Kauffmann, ehemalige Chefredakteurin von Le Monde, resümiert für die New York Times die Auswirkungen der Prism-Enthüllungen auf das bislang recht wehrlose Europa: "L'affaire Snowden has raised crucial questions on privacy and control of the Internet. To European citizens, the claim from Silicon Valley lobbyists that any E.U. regulation would create a 'Fortress Europe,' destroying their business model and killing innovation, doesn't sound so innocent."

Glenn Greenwald liest für den Guardian eine Kolumne des Independent-Kollegen Chris Blackhurst, die dort ernstlich mit dem Titel erschien: "Edward Snowden's secrets may be dangerous. I would not have published them - If MI5 warns that this is not in the public interest who am I to disbelieve them?" Greenwalds Kommentar: "In other words, if the government tells me I shouldn't publish something, who am I as a journalist to disobey? Put that on the tombstone of western establishment journalism. It perfectly encapsulates the death spiral of large journalistic outlets."

NZZ, 15.10.2013

Roman Bucheli hat Matthias Polityckis neues Buch "Samarkand Samarkand" über Terrorismus im 23. Jahrhundert als einen apokalyptischen Abenteuerroman gelesen. "Die Terroristen kommen nunmehr aus dem Westen; sie haben Ziele in Asien im Visier; und sie wählen sich dort jene Objekte mit dem grössten Symbolwert - in der freilich vergeblichen Hoffnung, mit dem ikonografischen, geistigen oder religiösen Zentrum stellvertretend auch das Machtzentrum zu treffen und - als sei es ein schamanistischer Zauber - im gleichen Zug auszulöschen."

Außerdem im Feuilleton: Für Andrea Köhler grenzt es geradezu an ein Wunder, dass mit Jonathan Franzens "The Kraus Project" Texte des fast vergessenen Autors auf den amerikanischen Markt kommen. Jürgen Tietz erinnert an den Architekten Hans Scharoun und sein Hauptwerk, die Berliner Philharmonie, die vor 50 Jahren eröffnet wurde.

In einem Interview auf der Medienseite spricht der scheidende Bakom-Direktor Martin Dumermuth über Radio, Fernsehen und Medienpolitik.

Besprochen werden Eli Friedländers philosophisches Walter-Benjamin-Porträt, Roman Grafs Roman "Niedergang", Premieren zum Neustart unter Intendant Stefan Bachmann am Schauspiel Köln und neue DVDs, darunter Bille Augusts Verfimung des Bestsellers "Nachtzug nach Lissabon".

SZ, 15.10.2013

Rudolf Neumaier erläutert die Perspektive der innerkirchlichen Dogmatik auf den Fall des "Protz-Bischofs" Tebartz-van Elst, wie sie Gerhard Ludwig Müller in seinem Standardwerk "Katholische Dogmatik" definiert hat: "Die potestas pastoris, die Macht des Hirten, ist nicht von dieser Welt, heißt [es]. Wem sie verliehen ist, der braucht sich nicht an weltlichen Gesetzen messen zu lassen und von weltlichen Richtern oder Politikern, schon gar nicht von Vermögensverwaltungsräten, Denkmalschützern oder Medien." Unter Verweis auf die Geschichte des Bauprunks, für den die katholische Kirche steht, bescheinigt Gerhard Matzig unterdessen der Debatte, "so nötig sie in aller Schärfe auch ist, (...) hie und da karikaturhafte Züge."

Außerdem: Italien streitet über die Beisetzung des Nazi-Verbrechers Erich Priebke, berichtet Henning Klüver. Wolfgang Kralicek besucht einen Kongress zum 125-jährigen Gebäude-Jubiläum des Wiener Burgtheaters. Andrian Kreye erinnert an Fela Kuti, der heute 75 Jahre alt geworden wäre: "Wichtiger als seine Rolle, der westlichen Popkultur Afrika verständlich zu machen, war seine Rolle als panafrikanischer Sinnstifter, über dessen Arbeit Afrika und seine Diaspora in Übersee sich selbst verstehen konnte." Auf Youtube gibt es eine Aufnahme eines Berliner Konzerts von 1978:



Besprochen werden die Ausstellung "Tattoo" im Gewerbemuseum Winterthur, ein Veranstaltungsspecial mit der Schriftstellerin Sibylle Berg im Haus der Berliner Festspiele, eine Inszenierung von Mozarts "La clemenza di Tito" in Brüssel und Bücher, darunter Devin O. Pendas "Der Auschwitz-Prozess: Völkermord vor Gericht" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

Außerdem steht jetzt aus der gestrigen SZ Fred Breinersdorfers radikaler Vorschlag für eine neue Handhabe des Urheberrechts für Filme im Netz online.

FAZ, 15.10.2013

Im Gespräch mit Harald Staun erläutert der pakistanisch-amerikanische Autor Mohsin Hamid die Dynamik des Sicherheitsstaats nach 2001: "An einem Land wie Pakistan kann man ziemlich gut sehen, wie diese Spirale zum Polizeistaat führt. Pakistan hat eine riesige Armee, um seine Bevölkerung vor Indien zu schützen, einem viel größeren Land, das oft bedrohlich und feindselig wirkt. Aber nach und nach bedroht man in Pakistan die eigene Bevölkerung, kontrolliert und überwacht sie. Die einzige Möglichkeit, dieses System zu entwaffnen, ist zu sagen: Wir akzeptieren ein größeres Maß an Unsicherheit."

Weitere Artikel: Dieter Bartetzko bescheinigt dem Limburger Bischofssitz nach einem Rundgang unter Führung des Architekten immerhin: "Das Ensemble des Architekten Michael Frielinghaus ist von hoher Qualität" (und "'Nero Assoluto' heißt der Stein, mit dem die Kapelle verkleidet ist; magmatischer Granit, den Feinschliff glitzern lässt"). Thomas Weber, Autor von "Hitlers Erster Krieg - Der Gefreite Hitler im Weltkrieg", setzt sich sehr kritisch mit der viel gefeierten Hitler-Biografie Volker Ullrichs auseinander, dem er vor allem vorwirft, die Dimension der Selbstinszenierung bei Hitler nicht richtig erfasst zu haben. Andreas Platthaus wirft einen Blick auf die beginnenden Gedenkveranstaltungen zur Völkerschlacht in Leipzig. Jürg Altwegg resümiert Debatten über den Ersten Weltkrieg in Frankreich (unter anderem geht es um die Rehabilitierung der 750 füsilierten Deserteure).

Besprochen werden eine Ausstellung zum hundertsten Geburtstag Claude Simons in Paris, Iain Bells Oper "A Harlot's Progress" im Theater an der Wien, zwei neue Inszenierungen am Schauspiel Köln, eine Henri Michaux-Ausstellung im Kunstmuseum Winterthur, eine Gesamtaufnahme der Beethoven-Lieder mit veschiedenen Interpreten und Sachbücher, darunter das Buch "Arbeitsfrei" der FAZ-Autoren Constanze Kurz und Frank Rieger, aus dem vorgestern schon ein Kapitel in der FAZ am Sonntag abgedruckt war (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).