Heute in den Feuilletons

Das Böse ist nie chemisch rein

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.10.2013. Swetlana Alexijewitsch erzählt auch in ihrer Friedenspreisrede Geschichten, zum Beispiel die von der schönen Tante Olja. Interessante Copyright-Probleme stellen sich bei den Hardcore-Sexszenen in Lars von Triers neuem Film, erläutert die Welt. Die NZZ ist zufrieden mit dem Brasilien-Schwerpunkt der Buchmesse. In der SZ erklärt Filmproduzent Fred Breinersdorfer, warum er sich seine Internetrechte vom Staat abnehmen lassen will. Die New York Times heißt jetzt auch international so. Und Google will mit dir werben.

TAZ, 14.10.2013

Swetlana Alexijewitsch hat auch in ihrer Friedenspreisrede nicht aufgehört, Geschichten zu erzählen - zum Beispiel diese: "Ich hing sehr an unserer Tante Olja. Sie hatte lange Haare und eine schöne Stimme. Als ich erwachsen war, erfuhr ich, dass Tante Olja ihren leiblichen Bruder denunziert hatte, der dann im Lager umkam. In Kasachstan. Sie war schon alt, und ich fragte sie: 'Tante Olja, warum hast du das getan?' 'Wo hast du zur Stalinzeit einen redlichen Menschen gesehen?' 'Bereust du, was du getan hast?' 'Ich war damals glücklich. Ich wurde geliebt.' Verstehen Sie, das Böse, das ist nie chemisch rein. Das sind nicht nur Stalin und Berija, das ist auch die schöne Tante Olja."

Barbara Oertel würdigt zudem Alexijewitsch und zitiert aus der Laudatio Karl Schlögels, der sie als "Archäologin der kommunistischen Lebenswelt" pries.

Die Kultur arbeitet außerdem die letzten Tage der Buchmesse auf: Ulrich Gutmaier beobachtet auf der Buchmesse einen Trend zur Konzentration. Fatma Aydemir bemerkt, dass Moderatoren die Schriftsteller eigentlich selten zu Wort kommen ließen. Und Andreas Fanizadeh berichtet vom kleinen Eklat auf dem Empfang des C. H. Beck Verlags.

Christoph Zimmer berichtet von dem Bochumer Symposium "Motorcities im Aufbruch!" Andreas Busche annonciert die große Wiedervereinigungstour von Fleetwood Mac.

Aus den Blogs, 14.10.2013

(Via Carta) Im Niedermachen ist die deutsche Journalistenschar saugut, im Diskutieren weniger, meint Christian Fahrenbach, dem die hämischen Reaktionen auf neue Formate wie die Huffington Post oder Jung und naiv schwer auf die Nerven gehen: "Was mich aber wirklich interessiert: Was machen wir denn jetzt? Gratisschreiben finden wir doof, aber höhere Löhne werden nicht wiederkommen. Unternehmerische Querfinanzierung finden wir auch doof, aber übersehen vielleicht, dass seit Jahrhunderten jedes Medienangebot über Anzeigen unternehmerisch querfinanziert wird. Wer sich, wie die öffentlich-rechtlichen Kollegen, nicht am Markt beweisen muss, den finden wir auch doof, und als Finanzierungsmodell wird das ja auch nicht die komplette Landschaft erhalten."
Stichwörter: Huffington Post

Welt, 14.10.2013

Online stellt Hanns-Georg Rodek die Plakate zu Lars von Triers neuem Film "Nymphomaniac" vor: 14 Stars, die Orgasmus markieren. (Links: Udo Kier). Dabei macht er auf ein interessantes Urheberrechtsproblem aufmerksam, das die expliziten Sexszenen aufwerfen. So müssen die "Digitaleffekt-Nerds" für die weichgezeichnete Version "die Genitalien der Schauspieler - darunter immerhin Uma Thurman, Christian Slater, Shia LaBeouf, Jamie Bell, Connie Nielsen - erst kaschieren und dann durch jene von Pornodarstellern ersetzen. Vermutlich gibt es inzwischen auch eine Software, die gar nicht mehr auf lebensechte Vorbilder zurück greift. Diese Kombination von darstellerischen Kapazitäten mehrerer Personen in einem Körper wirft ganz neue Fragen auf, sowohl beim Copyright als auch bei Preisen, die der eine oder andere Schauspieler für seine Gesamt-Performance gewinnen könnte."

Im Print berichtet Inga Pylypchuk von der Verleihung des Friedenspreises an Swetlana Alexijewitsch. Der Psychotherapeut Martin Miller spricht im Interview über sein traumatisches Verhältnis zu seiner Mutter, der Psychoanalytikerin Alice Miller, das er jetzt in einem Buch verarbeitet hat. "Prefab Sprouts" Paddy McAloon erklärt im Interview über sein neues Album: "Ich weiß, dass meine Weltsicht dunkler und zynischer ist als meine Koloratur." Anna Miller berichtet über einen Streit um die Berner Kunsthalle, die sich mit 800.000 Euro Subventionen im Jahr für 10.000 Besucher als reichlich teuer erweist. Matthias Heine meldet, dass drei Stücke identifiziert wurden, an denen Shakespeare mitgeschrieben hat.

Besprochen werden Wolfgang Rihms Oper "Die Eroberung von Mexico" in der Madrider Inszenierung von Gerard Mortier und neue Inszenierungen in Köln.
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Aus den Radios, 14.10.2013

Ursendung am vergangenen Samstag, jetzt frisch in der Mediathek des Bayerischen Rundfunks: Rainald Goetz' fast zweistündige, mit inszenatorischen Mitteln arbeitende Lesung seines Romans "Johann Holtrop" - hier als mp3 (ca. 176 mb).

Weitere Medien, 14.10.2013



Namensänderung bei einem renommierten Institut, annonciert Serge Schmemann in der NY Times: "This is the last time you will be reading The International Herald Tribune; as of tomorrow, it is The International New York Times." Damit verschwindet auch der Name New York Herald Tribune, der einst für die bessere New Yorker Zeitung gestanden haben soll.

(via Netzpolitik) In einem sehr informativen Artikel macht Sarah Spiekermann bei Futurzone Vorschläge, wie wir uns gegen die Überwachung unserer Kommunikation durch den Staat und Privatfirmen wehren können. Was die Märkte angeht, schlägt sie vor: "Vielleicht könnte man rechtlich darüber nachdenken, ob man Bürger nicht mit einem eigentumsähnlichen Recht auf ihre Daten versehen sollte, damit sie an diesen 'Personal Data Markets' wenigstens finanziell partizipieren können. Wenn die Sprache der Grundrechte nicht verstanden wird, dann vielleicht die des Eigentums. Datenschützer sind natürlich gegen solch eine Lösung. Führende amerikanische Rechtsexperten diskutieren jedoch offen darüber."

NZZ, 14.10.2013

Andreas Breitenstein hat mit großem Interesse Brasiliens Auftritt auf der Buchmesse verfolgt, macht aber auch Kritik an dem Pavillon geltend: "Die (leidvolle) Geschichte des Landes scheint nur anekdotisch in Abziehbildern auf, die Politik bleibt ausgeblendet, und das Gewicht der brasilianischen Weltliteratur wird mangels Informationen und Realien nicht spürbar. Die simultan übersetzten Gesprächsrunden konnten das Manko wenigstens teilweise auffangen. Hier schien die Diversität und Komplexität, die Widersprüchlichkeit und Tiefe des Landes auf, von dem der Sänger Tom Jobim einmal sagte, dass es nichts für Anfänger sei."

Weiteres: Bernd Noack erinnert an den Pionier der Sprachimitation Wolfgang von Kempelen, der 1791 einen Apparat baute, der die menschliche Stimme nachahmen konnte. Besprochen werden Christian Spucks Neueinstudierung des Balletts "Woyzeck" am Opernhaus Zürich und Lisa Nielebocks Inszenierung von "König Lear" am Stadttheater Bern.

Weitere Medien, 14.10.2013

Wer sich einmal bei Google Plus registriert hat und eine Liste von "Freunden" angelegt hat, muss damit rechnen, dass jedes "Like it" in Anzeigen angezeigt wird, die Google Freunden zuspielt - inklusive Profilfoto, teilt Google heute mit. Man darf noch dagegen optieren, bekommt dann aber folgende Einblendung:


Stichwörter: Google

FAZ, 14.10.2013

Kerstin Holm würdigt Swetlana Alexijewitsch im Feuilleton als Stimmenfängerin: "Sie liest die Späne auf, die beim Hobeln der Geschichte fliegen."

Außerdem im Feuilleton: Ralph Bollmann zitiert ein paar bizarre Äußerungen des Rechtshistorikers Uwe Wesel, die auf der Buchmessenfeier zum 250. Geburtstag des Verlags C.H. Beck fielen. Jan Wiele liefert letzte Impressionen von der Frankfurter Buchmesse. Martin Lhotzky folgte einer Tagung zum 125. Jubiläum des neuen Burgtheaters in Wien.

Besprochen werden zwei Ausstellungen des Renaissancemalers Antonello da Messina in Rovereto, Konzerte des Hagen- und des Borodin-Quartetts mit Beethoven und Schostakowitsch, Danis Tanovićs Film "Aus dem Leben eines Schrottsammlers, Molières "Menschenfeind" in Frankfurt und Bücher, darunter eine Gechichte der Oper von Carolyn Abbate und Roger Parker (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

In der Sonntags-FAZ warnen Constanze Kurz und Frank Rieger vom Chaos Computer Club vor der Automatisierung des Geistes per Digitalwirtschaft und erklären streng marxistisch: "Je geringer der Anteil menschlicher Arbeitskraft - sei es nun geistig oder körperlich - an Produktion und Wertschöpfung wird, desto stärker verschiebt sich das Machtgefüge in der Wirtschaft zu den Besitzern von Kapital, dem ultimativen Produktionsmittel."

SZ, 14.10.2013

Schon wieder eine Urheberrechtsdebatte? Jedenfalls beobachtet auch Filmproduzent Fred Breinersdorfer mit großem Ärger, dass man seine Filme leicht auf illegalen Plattformen findet, während die wenigen legalen Bezugsmöglichkeiten versauern. Doch ist Breinersdorfers Lösungsvorschlag allemal originell, zumal vor dem Hintergrund, dass er zu den Unterzeichnern des weinerlichen "Tatort"-Aufrufs aus dem vergangenen Jahr zählt: "Verschenken wir unsere Filme! ... Wenn die Internetganoven mit Werbung Millionen scheffeln, warum sollte man das Ganze nicht auch rechtmäßig organisieren können?" Blöd nur, dass das mit den Rechten alles ungeheuer verzwickt ist, schreibt er weiter. Weshalb der Staat es richten soll: "Hier und heute fordere ich den Gesetzgeber auf, mir meine eigenen Internetrechte gegen Vergütung abzunehmen und mich dabei bitte nicht um Erlaubnis zu fragen. Und alle anderen Filmkünstler auch nicht. Ich fordere eine umfassende Zwangslizenz für Filme im Internet." Was bei ihm soviel heißt wie: Jeder soll die Filme im Netz anbieten dürfen - unter der Bedingung einer Werbeeinahmenbeteiligung.

Außerdem berichtet Franziska Augsteinvon der Verleihung des Friedenspreises des Buchhandels an die Schriftstellerin Swetlana Alexijewitsch. Besprochen werden neue DVDs, Helge Schneiders "00 Schneider - Im Wendekreis der Eidechse" (dem Joachim Hentschel erbost vorwirft, dass er "echte Gags platzieren will"), eine Bühnenadaption von Ayn Rands "Der Streik" und das Stück "Kippenberger!" am Schauspiel Köln, die Ausstellung "Inka - Könige der Anden" im Linden-Museum in Stuttgart und Bücher, darunter Joseph Breitbachs Roman "Das blaue Bidet" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).