Heute in den Feuilletons

Wie von Schwarzlicht bestrahlt

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.01.2012. Intelligenz ist nun mal erblich, da lässt sich nicht viel dran drehen, meint Dieter E. Zimmer in der Welt. Im Tagesspiegel bekennt  Andras Schiff, dass er die Toleranz der EU gegenüber der ungarischen Regierung nicht versteht. In der NZZ trauert Ulf Erdmann Ziegler um Kodak. In der Presse spricht Bassam Tibi über die Entwicklung in den arabischen Ländern. Die SZ bringt einen Ausschnitt aus Alexander Kluges unendlichem Dialog mit sich selbst, diesmal über Liebe.

TAZ, 14.01.2012

Die taz bringt ein tolles, angenehm anlassloses Interview mit dem großartigen Peter Kern über alte und heutige Zeiten: "Heute steht im Zentrum der Ordnungshüter. Neulich in Berlin ging eine Frau mit einem Wägelchen rum und verkaufte Brezeln, für 2 Euro. Sie hatte drei Kinder bei sich! Und dann kommt das Ordnungsamt und nimmt ihr den Wagen und die Brezeln weg und die 6 Euro, die sie gerade verdient hat. Das ist die Zeit. Und zu Hause vor dem Fernseher sitzen Leute, die dazu applaudieren. Reality-TV, Polizeiserien. Wir sind den Fernsehredakteuren ausgeliefert."

Den Themenschwerpunkt bildet dieses Mal der erste Jahrestag der Erhebungen im arabischen Raum und insbesondere die heutige Situation der Frauen in und aus der Region: Rudolf Balmer stellt die tunesische, in Paris lebende Feministin Nadia El Fani vor, die die Jasminrevolution in Tunesien in ihrem Film "Laicite, Inch' Allah!" dokumentierte und dadurch ins Visier islamistischer Fanatiker geraten ist. Hawa Djabali verteidigt in einer flammenden Streitschrift die Nacktfotos der ägyptischen Bloggerin Aliaa Magda Elmahdy und weiß genau, woher die Prüderie, die aus den Skandalisierungen dieser Bilder spricht, herrührt (nämlich, äh, aus dem Westen). Heide Oestreich spricht mit der Politikwissenschaftlerin Hoda Saleh, die für Ägypten eine starke Frauenbewegung einfordert. Ines Kappert besucht die ägyptische Modedesignerin Suzana Kamel in Kairo. Daneben sind Erfahrungen und Einschätzungen der ägyptischen Muslimschwester Sondos Asem, der libyschen Klinikabteilungsleiterin Imam Bugaighis, der syrischen Aktivistin Ritta, der saudi-arabischen Journalistin Hala al-Dossari, der Yemen-Times-Redakteurin Nadia al-Sakkaf und der tunesischen Buchhändlerin Selma Jabbes dokumentiert. Außerdem spricht Ines Kappert mit dem Theaterautor Mohammad al-Attar, dessen Stück "Can you please look into the Camera?" heute im Haus der Kulturen der Welt in Berlin aufgeführt wird.

Weiteres: Martin Zets Kunstaktion "Deutschland schafft es ab", die im Rahmen der Berlin Biennale deutschlandweit Exemplare von Sarrazins Bestseller zum Recyceln einsammeln will, findet Ingo Arend bedenklich. Barbara Schweizerhof fragt sich, wen der Komiker Ricky Gervais diesmal bei der Moderation der heute verliehenen Golden Globes aufs Korn nehmen wird. Frank Schäfer erliegt der "artifiziellen Stimmigkeit" der "White-Trash-Schönheit" Lana Del Rey auf deren Debütalbum "Born to Die".

Besprochen werden Clint Eastwoods Film "J. Edgar", das Theaterstück "Fritz!" über Friedrich den Großen am Hans-Otto-Theater in Potsdam und Bücher, darunter Christian Hellers (@) Datenschutzkritik "Post-Privacy. Prima leben ohne Privatsphäre" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

Tagesspiegel, 14.01.2012

Der Pianist Andras Schiff spricht im Interview über den Antisemitismus und Romafeindlichkeit in Ungarn, den Rechtspopulismus der Regierung und das Versagen der Linken. Warum unternimmt die EU nichts? "Man will das nicht wahrnehmen. Ich verstehe die unglaubliche Toleranz der EU nicht. In meinen Augen ist die EU ein exklusiver Club. In einem solchen Club sollte es Regeln geben für den Fall, dass Mitglieder die Hausregeln nicht einhalten. Aber für die EU gilt offenbar: Wer einmal drin ist, bleibt drin, egal wie schlecht er sich benimmt."

Die großen Verlierer in Ägypten sind die Frauen, meint Martin Gehlen ein Jahr nach dem Sturz Mubaraks. "Und das, obwohl im Januar und Februar 2011 Zehntausende Frauen Seite an Seite mit den Männern den Arabischen Frühling in Ägypten erkämpft haben, 18 Tage auf dem Tahrir-Platz ausgeharrt, Verwundete versorgt und überall mit angepackt haben. 'Wir haben erwartet, dass diese Revolution uns Frauen genauso mit einschließen wird wie die Männer - in puncto Freiheit, Gleichheit und sozialer Gerechtigkeit. Doch das ist ganz klar nicht der Fall', kritisiert Hoda Badran, Vorsitzende der 'Allianz für arabische Frauen' (AAW) und langjährige Diplomatin bei den Vereinten Nationen. Alle wichtigen politischen Entscheidungen in Ägypten gingen nur in eine Richtung: die Frauen von der Macht auszuschließen."

Und: Eine Meldung informiert uns, dass Ian Kershaw für "Das Ende" und Timothy Snyder für "Bloodlands" mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnet werden.

Presse, 14.01.2012

Wieland Schneider unterhält sich mit Bassam Tibi über die Entwicklung in den arabischen Ländern. Tunesien gibt Tibi eine Chance auf Demokratisierung, aber an die demokratische Gesinnung der Muslimbrüder in Ägypten glaubt er nicht: "Israel bezahlt einen hohen Preis, denn ein Grundmuster des Islamismus ist neben dem Scharia-Staat der Antisemitismus. Wenn in Ägypten die Muslimbrüder an die Macht kommen, werden sie als erstes das Camp-David-Friedensabkommen mit Israel annullieren. Der Gewinner ist die Türkei, denn sie ist das einzige wirtschaftlich und politisch stabile Land im Nahen Osten."
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Welt, 14.01.2012

Intelligenz ist zum größten Teil erblich, da lässt sich nicht viel machen, schreibt Dieter E. Zimmer in seinem Buch "Ist Intelligenz erblich?", aus dem die Welt auf der Forumsseite vorabdruckt: "Es ist mir immer ein Rätsel gewesen, warum sich um die Mitte des 20. Jahrhunderts so viele Politiker und Sozialwissenschaftler an eine kurzlebige Zeitgeistlaune geklammert haben und seitdem verbissen an der Überzeugung festhalten, die unterschiedlichen intellektuellen Fähigkeiten und Charaktereigenschaften der Menschen könnten und dürften niemals etwas mit ihren Erbanlagen zu tun haben, jeder könnte zu jedem werden."

Fürs Feuilleton ist Alan Posener nach Stuttgart gefahren, wo er zusammen mit Bürgermeister Matthias Hahn die S21-Baustelle besichtigt, die für ihn weit mehr als ein Bahnprojekt, nämlich die längst fällige Reparatur einer zerrissenen Stadt ist. Manuel Brug geht mit dem Solo-Oboisten der Berliner Philharmoniker, Albrecht Mayer, italienisch essen. Matthias Heine plädiert für eine Rückkehr Thornton Wilders auf deutsche Bühnen. Besprochen wird eine DVD-Box mit Semih Kaplanoglus "Yusuf"-Trilogie.

Für die Literarische Welt unternimmt Theodore Dalrymple eine Tour d'horizon durch das krisengeschüttelte Europa, in der Großbritannien nicht besser abschneidet als die Eurozone. Der Philosoph Volker Gerhardt bespricht Hans Joas' großen Versuch über "Die Sakralität der Person - eine neue Genealogie der Menschenrechte".

Besprochen werden außerdem: Nicholson Bakers neuer Roman "Haus der Löcher", Hans-Joachim Schädlichs Voltaire- und Friedrich-Buch "Sire, ich eile!", Peter Schäfers große Studie über "Die Ursrpünge des jüdischen Mystik" (besprochen von Micha Brumlik) und Esther Slevogts Wolfgang Langhoff-Biografie (mehr hier).

NZZ, 14.01.2012

Ulf Erdmann Ziegler, Fotograf und Autor, beschwört in einem schönen Text, was wir verlieren, da wir Kodak verlieren (denn der Konzern droht endgültig pleite zu gehen): "Auf einem Flohmarkt in einem Fotoalbum blättern: quadratische, querformatige, hochformatige, glänzende, nicht glänzende, bläulichschwarze, braunschwarze Fotos, eine Phase lang an den Rändern gezackt. Dann, plötzlich, die Farbe, hektisch und ungenau. Gesichter, die festzuhalten für die Ewigkeit den Knipsern ein hohes Gut war, wichtig genug, um Negative zu prüfen und zu bestellen, die Fotos abzuholen und ins Album einzukleben, welche Mühe!"

Matthias Messmer porträtiert den chinesischen Linguisten und Systemkritiker Zhou Youguang, der am 13. Januar seinen 106. Geburtstag feierte - und immer noch publiziert: "Noch in den letzten fünf Jahren hat Zhou Youguang mehr als zehn Bücher geschrieben, von denen einige in China verboten sind. Längst ist er für die Partei zu einem unbequemen Denker und Stänkerer geworden, und man wird ihm von offizieller Seite wohl keine Träne nachweinen, wenn seine Stimme endgültig verstummt." (Mehr bei NPR)

Weitere Artikel: Für die Kolumne "When the Music's Over" erinnert sich Kristof Magnusson an die Popmusik seiner Jugend in den Achtzigern. Marc Zitzmann schreibt über die Kampagne "Acheter francais! ", mit der französische Politiker die französische Wirtschaft sanieren wollen. Ingrid Galster liest John Gerassis bisher nur auf französisch erschienenen "Entretiens avec Sartre".

In Literatur und Kunst begibt sich Martin Seel mit Bloch und Fried durchs Gewiss von Sein und Haben. Jürgen Brocan erklärt in einem Essay, was es mit der angelsächsischen Tradition des "nature writing" auf sich hat. Und Jeannette Villachica bespricht Laurent Mauvigniers Roman "Die Wunde" über den Algerienkrieg (mehr zu diesem und weiteren Buchbesprechungen der Beilage in der Bücherschau ab 14 Uhr).

Weitere Medien, 14.01.2012

(Via Matthias Rascher) Großartige Fotos in Time: Coming of Age in America: The Photography of Joseph Szabo.
Stichwörter: Coming of Age

FR/Berliner, 14.01.2012

Im Gespräch erklärt der Kabarettist Georg Ringsgwandl, was von geordneter Lebensplanung zu halten ist: "Gutaussehende Menschen treffen sich, zeugen gutaussehende Kinder, machen Karriere, bleiben schön und gesund und mit 95 sterben sie im Schlaf, während die Enkel ums Bett herumstehen. Man hängt sich extrem rein in diese Lebensplanung und zum Teil entgleist das Leben dann auf einmal ganz bizarr."

Außerdem: Für Christian Schlüter ist die ganze Debatte um Wulffs Person herzlich unerheblich, denn der Hund liegt woanders begraben: "Christian Wulff ist als Bundespräsident von Angela Merkels Gnaden nur der Ohrfeigenmann für die mittelprächtige Politikvorstellung der Bundesregierung." Besprochen wird Uwe Wilhelms Theater-Farce "Fritz!" am Hans-Otto-Theater in Potsdam.

FAZ, 14.01.2012

Mit Rührung erinnert sich Gerhard Stadelmaier daran, wie er als Kind am Radio die Abschiedsrede des Bundespräsidenten Theodor Heuss hörte: "Und plötzlich die Sensation: herzliches, gelöstes Gelächter im Bonner Bundestag. Der Bundespräsident hatte offenbar bei sich eine Gedächtnis- oder auch nur Zitatlücke entdeckt. Er gab zu, dass er das jetzt so genau nicht wisse, und meinte: 'Ab'r daas isch ja auch wurscht.' Eine Unerhörtheit in einem Land, in dem zwar niemand etwas gewusst haben wollte, aber nie jemand zugab, etwas nicht zu wissen."

Weiteres: Jürgen Dollase geht für seine Gastrokolumne beim Brüsseler Koch Gaetan Colin essen, der ihn aber nicht zufriedenstellen kann. Hubert Spiegel berichtet von den jüngsten Protesten gegen Stuttgart 21. Besprochen werden Edward Elgars Oratorium "The Dream of Gerontius" unter Daniel Barenboim in Berlin, ein "Fritz!"-Spektakel in Potsdam und Bücher, darunter Nicholson Bakers Roman "Haus der Löcher" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Für Bilder und Zeiten stellt Andreas Platthaus das "Black.Light"-Projekt vor - zehn Illustratoren stellen die Kriege in Westafrika nach 1989 in einer gezeichneten Reportage dar: "Weil sich nur so wenige für dieses Geschehen interessiert haben, ist fast alles, wovon 'Black.Light' erzählt, für uns neu. Es bringt einen Teil der Welt wieder zum Vorschein, der tatsächlich jahrelang wie von Schwarzlicht bestrahlt schienen, unter dem nur Details bizarr erstarahlten." Die Idee dazu hatten der Fotograf Wolf Böwig und der Reporter Pedro Rosa Mendes.

Außerdem begibt sich Mealnie Mühl ins architektonische Elend der Trabantenstadt Cergy-Pontoise bei Paris. Der amerikanisch-chinesische Filmautor Gary Xu hat Zhang Yimous Film "The Flowers of War" über das Massaker von Nanking 1937 gesehen und findet, dass er die Geschcihte trivialisiert. Für die letzte Seite unterhält sich Irene Bazinger mit der Theatermacherin Shermin Langhoff, die vom Ballhaus Naunynstraße zu den Wiener Festwochen aufstieg. Auf der Schallplatten-und-Phono-Seite geht?s unter anderem um eine von Marco Rapetti eingespielte Box mit Klavierwerken Anatolij Liadows und um die Country-Sängerin Kathleen Edwards.

In der Frankfurter Anthologie stellt Dieter Lamping ein Gedicht von Karl Krolow vor:

"Gewißheit

Ich fühle mit Gewißheit dies:
ich spielte hoch, und ich verlor,
was ich als Staub vom Tische blies.
..."

SZ, 14.01.2012

Für die SZ am Wochenende hat Eva-Elisabeth Fischer mit Alexander Kluge ein mäanderndes Gespräch über die Liebe geführt. Unter anderem äußert sich Kluge dabei auch über die Zärtlichkeit: "Die meisten Liebespaare in der Literatur sterben an der Liebe. Insofern ist die Zärtlichkeit, also ein Teil der Liebespraxis, eine Eigenschaft von uns Menschen, die wir ererbt haben. Wir sind übrig geblieben, weil wir auch die Zärtlichkeit haben und nicht nur die großen Hassgefühle. Denn die großen Hasserinnen und Hasser, die haben selten Kinder."

Weiteres: Rayk Wieland stattet dem Wannsee, 100 Jahre nachdem der Dichter Georg Heym dort ins Eis einbrach und starb, einen Besuch ab. Jeanne Ruber schreibt über Schönheitsideale im Wandel der Zeit und die Geschichte der plastischen Chirurgie.

Im Feuilleton porträtiert Rudolf Neumaier den einst unter katholischen Traditionalisten gefeierten, heute gegängelten Theologen David Berger nach dessen Coming-Out als Schwuler im April 2010. Zu denken gibt Neumaier, was Berger darüber in seinem Buch "Der heilige Schein" geschrieben hat: "Wenn Berger recht hat, gibt es ziemlich viele schwule Kleriker. Dann würde die Kirche genau das führen, was er selbst überwunden hat - ein heuchlerisches, armseliges Doppelleben. Und noch eine Parallele zwischen dem Makrosystem Kirche und dem Individuum Berger gibt es - wenn Berger recht hat: Er sagt, je tiefer er im Reaktionärensumpf steckte, desto exzessiver habe er seine Sexualität ausleben müssen. Und je weiter man in die traditionalistischen Kreise vordringe, desto mehr homosexuellen Pfarrern begegne man."

Weiteres: Von den revolutionären Kunst- und Gesellschaftsthesen Guy Debords bleibt bei der Occupy-Bewegung nurmehr die bloße Geste übrig, meint Thomas Steinfeld nach ausführlicher Debord-Lektüre. Jörg Häntzschel lässt sich auf dem Weltraumhafen "Gateway to Space" in New Mexico herumführen, von wo aus sich zahlungskräftige Kunden für zweieinhalb Stunden immerhin auf eine Höhe von 120 Kilometern bugsieren lassen können. Eckhart Gillen hat sich in Berlin Okwui Enwezors hier nachhörbaren Vortrag über die aktivierende Funktion politischer Kunst angehört. Sonja Zekri übermittelt diverse Nachrichten aus dem Kulturleben Kairos. Berlin entledigt sich seines Kulturlebens, warnt Laura Weißmüller knapp. Mounia Meiborg stellt den Discopop der israelischen Band Jewrhythmics vor - hier ein Video:



Besprochen werden der Dokumentarfilm "William S. Burroughs - A Man Within" von Yony Leyser, Uwe Wilhelms "Fritz! Ein Schauspiel für den König von Preußen" am Hans-Otto-Theater in Potsdam und Bücher, darunter Florian Felix Weyhs Roman "Toggle" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).