Heute in den Feuilletons

Wie weich und köstlich sie sind

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.07.2011. Der Bachmann-Wettbewerb wirft seine Schatten voraus: In der taz erfahren wir einiges über den Ablauf, in der Welt über das spaßige Drumherum. Meedia weiß, warum Auflagen und Werbeerlöse der Zeitungen sinken, aber die Einnahmen nicht. Die FAZ fragt: Hat sich der berühmte Historiker Karl Bosl die Taten eines Widerstandkämpfers zugeschrieben? Die NZZ erzählt die Kulturgeschichte des Kusses. Die SZ gründet eine neues Ressort der Human Studies: die Animal Studies. Zum Tod Cy Twomblys bringen wir einen Film der Tate Gallery.

TAZ, 06.07.2011

Dirk Knipphals stimmt ein auf den Bachmann-Wettbewerb und weiß auch ungefähr schon, was passieren wird: "Eine Autorin erleidet eine große Ungerechtigkeit, ein Autor erfährt endlich die Anerkennung, die er verdient hat, eine Autorenhoffnung geht sang- und klanglos unter; und kurz vor Schluss, als alle schon gedacht haben, was ist das denn wieder für ein mittelmäßiger Jahrgang, reißt jemand mit seiner Lesung alles raus."

Weitere Artikel: Tom Mustroph berichtet über eine Theaterbesetzung in Rom aus Protest gegen drakonische Kulturkürzungen. Hans-Christoph Zimmermann berichtet über fast genauso drakonische Kürzungen am Bonner Theater. Rainer Wandler resümiert den unglaublichen Skandal bei der spanischen Verwertungsgesellschaft SGAE (etwa so etwas wie VG Wort oder die Gema), deren Führungsriege 25 Millionen Euro Urheberrechtsgebühren für sich abgezweigt haben soll.

Schließlich Tom.

Aus den Blogs, 06.07.2011

Die Auflagen sinken, die Werbeeinnahmen auch und die Einnahmen steigen trotzdem, berichtet Christian Meier in Meedia nach Bekanntgabe der jüngsten Zahlen durch den Zeitungsverlegerverband: "Damit setzt sich ein wichtiger Trend fort - mit dem Verkauf von Zeitungen an Leser verdienen Verleger inzwischen mehr Geld als mit Werbung. Wie ist das bei sinkenden Auflagen möglich? Recht einfach: Die Preise der Blätter steigen munter."

Die Tonbänder des berühmten Interviews, das Francois Truffaut mit Alfred Hitchcock geführt hat, stehen online (nämlich hier), meldet Open Culture: "In total, the two filmmakers talked for over 12 hours, and, several years later, Truffaut published a now classic book based on these conversations."

Welt, 06.07.2011

Richard Kämmerlings amüsiert sich königlich über das Genre der Schriftstellerporträts im Fernsehen, das besonders auch auf der Website des beginnenden Bachmnann-Wettbewerbs zu besichtigen ist, und zitiert ein berühmtes Beispiel: "Unvergessen etwa der Auftritt Uwe Tellkamps 2004, den die TV-Spaßvögel dazu überredeten, sich im Seefahrerkostüm zum Affen zu machen. Dafür erhielt der ansonsten völlig humorfreie Schriftsteller zu Recht den Bachmann-Preis."

Alan Posener staunt doch sehr über den Campus Verlag, der für das neue Buch John J. Mearsheimers (des Erfinders der "Israel-Lobby") eine drakonische Sperrfrist verhängt hat: "Mit einem Wort: Der Verlag ermächtigt sich selbst zur Zensur der deutschen Presse. Denn das Buch, um das es geht, ist längst unter dem Titel 'Why Leaders Lie' bei der Oxford University Press erschienen, und es gibt darüber bereits eine lebhafte Diskussion in den angelsächsischen Medien."

Weitere Artikel: Dankwart Guratzsch besichtigt das längste Haus Deutschlands, die grauenhaft gigantomanische Ferienstätte Prora auf Rügen, wo eine Jugendherberge eingerichtet wird.

Besprochen werden die große Andre Kertesz-Ausstellung in Berlin, Ereignisse des Theaterfestivals Impulse in NRW, eine Ausstellung über Franz Liszt in Weimar und zwei neue Opern in Stuttgart.

Lesenswert Sascha Lehnartz' Kommentar zum aktuellen Stand der DSK-Affäre auf der Forumsseite. "Urteilshast ist eine Folge der Logik des Narrativs. Je widersprüchlicher und undurchsichtiger die Realität wird, desto eher sind wir bereit, uns von dem hypnotisieren zu lassen, was eine gute Geschichte ist." (Lehnartz verweist auch auf einen pseudozerknirschten Artikel Judith Thurmans im New Yorker. In The Nation hat die Juraprofessorin Patricia Williams den Umgang der Presse mit DSK kommentiert.)
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NZZ, 06.07.2011

Heute ist Internationaler Tag des Kusses! Doch, wirklich. Joachim Güntner beschreibt aus diesem Anlass den Kuss in Ausführung und Wirkung sowie seine Kultur und Geschichte: "Als Erasmus von Rotterdam im Jahre 1499 in England weilte, schrieb er einem Freund: 'Wo immer du dich hinbegibst, überall gibt es Küsse.' Gemeint waren zwar nur Küsse zur Begrüßung, aber immerhin solche auf die Lippen, die den Gelehrten davon schwärmen liessen, 'wie weich und köstlich sie sind'. Es scheint, als seien die englischen Sitten damals lockerer gewesen als heute. Vielleicht waren sie auch einfach differenzierter und unterschieden zwischen einer größeren Zahl von Kuss-Bedeutungen, während heute die Allgegenwart von Pornografischem noch die harmloseste Zärtlichkeit sexualisiert. Das sorgt für Verengung des Blicks. Die Unbefangenheit schwindet." Lassen Sie das nicht zu. Küssen Sie! (Foto aus Google Street View von Jon Rafman, dem das SZ-Magazin eine Geschichte widmete. Seltsamerweise findet sich dasselbe Bild auch bei dem Fotografen Michael Wolf.)

Der amerikanische Künstler Cy Twombly ist gestorben, meldet die NZZ online. Wir bringen einen Film der Tate Gallery über den Künstler:



Besprochen werden Mozarts Oper "Il re pastore" im Opernhaus Zürich, die Ausstellung "Wounded in Action" am Chicago Cultural Center und Bücher, darunter die Historisch-kritische Ausgabe der Schriften und Briefkorrespondenzen Karl Viktor von Bonstettens und seines Kreises sowie einige Kinder- und Jugendbücher.

FR, 06.07.2011

Von Hans-Jürgen Linke mit den passenden Stichworten versorgt, darf Hans-Carsten Hansen, Personalchef und Verantwortlicher für Kulturmanagement und Sponsoring bei der BASF, auf einer ganzen Seite das Kulturprogramm der BASF loben. Volker Schmidt war beim Copenhagen Jazz Festival. Michael Rüsenberg berichtet über die Tagung "Exploring the Mind through Music" der Shepherds School of Music in Houston.

Besprochen werden Xavier Dolans Film "Herzensbrecher" und Bücher, darunter James Sallis' Krimi "Der Killer stirbt" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FAZ, 06.07.2011

Einen mutmaßlich besonders dreisten Fall von selbsttätiger Entnazifizierung schildert Patrick Bahners auf den Geisteswissenschaften-Seiten bis ins Detail. Der nachmals berühmte Historiker Karl Bosl erfand sich nicht nur als geistiger Widerständler im "Dritten Reich" neu, sondern schrieb sich nachträglich, wie es aussieht, die Sabotagetaten im letzten Kriegsmoment zu, für die der wahre Täter, sein Schüler Robert Limpert, kurz vor Eintreffen der Amerikaner im mittelfränkischen Ansbach noch aufgeknüpft wurde. (Die Nazi-Aktivitäten Bosls, des akademischen Lehrers von Wolfgang Benz, hatte Clemens Heni in der Achse des Guten schon einmal aufgearbeitet.)

Auf der Geisteswissenschaftenseite berichtet Marie Luise Knott ausführlich von der Elmauer Tagung zu "Jüdischen Stimmen im Diskurs der Sechziger Jahre", auf der unter anderem Jürgen Habermas und Daniel Cohn-Bendit als Zeugen der Zeit anwesend waren. Die heftigen Vorwürfe, die auf einer Protestveranstaltung um Open-Access-Gegner Roland Reuß gegen die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) erhoben wurden, referiert Regina Mönche auf den Seiten von Forschung und Lehre.

Im Feuilleton blickt Gerhard Stadelmaier auf die Theaterprogramme der kommenden Saison und kann wenig erkennen, das mit seinem Begriff von Theater noch sonderlich viel zu tun hat. Von Mark Siemons gibt es (dürre) Informationen über den Stand der Dinge nach der Freilassung von Ai Weiwei - ein mitverhafteter Freund hat wohl einen Herzinfarkt erlitten. Über die ungeahndet mit Blaulicht privatfahrenden Beamtenkarossen in Moskau schreibt Kerstin Holm eine Glosse. Das Berliner Festival "Klavierfieber", bei dem Kunstwerke der Stiftung Preussischer Kulturbesitz musikalisch bespielt wurden, resümiert Jan Brachmann. Auf der DVD-Seite werden Yael Hersonskis Doku "Geheimsache Ghettofilm", Patrick Hughes' Western "Red Hill" und die Neuauflage von Peter Buchkas Porträtreihe "Regisseure des Neuen Deutschen Films" empfohlen.

Besprochen werden Robert Carsens Inszenierung von Händels "Rinaldino" in Glyndebourne, John Wells' Film "Company Men" und Bücher, darunter Matthias Matusseks Streitschrift "Das katholische Abenteuer" (die in Friedrich Wilhelm Graf keinen Fan hat, mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

SZ, 06.07.2011

Alexander Menden war beim "Take That"-Konzert im Wembley-Stadion und bemüht sich in seinem Artikel, nicht allzu beeindruckt auszusehen. Das ist schwer durchzuhalten: "Der erste Teil des Abends gipfelt darin, dass ein Mann im Häschenkostüm Kapriolen schlägt und Barlow auf einer rosa Raupe von der Bühne reitet. Dann kommt Robbie Williams. Williams ist ein Meister der Selbstsabotage. Nach jedem rasend gefeierten Song aus seinem Solo-Katalog kühlt er die Fans mit erratischen Aktionen und dämlichen Sprüchen wieder herunter. ... Nach 'Come Undone' fragt er: 'Darf ich runterkommen und euch anfassen? Ich habe seit über 24 Stunden keine Bräunungscreme mehr an den Händen gehabt!'" (Hier ein Konzertausschnitt auf Youtube)

Weitere Artikel: Hilal Sezgin lernt auf einer Hamburger Tagung des relativ neuen Forschungsgebietes Animal Studies: "Im Grunde ist das menschliche Handeln am Tier aus soziologischer Sicht alles andere als selbstverständlich, sondern höchst erklärungsbedürftig." (Das hören arbeitslose Geisteswissenschaftler gern!) Vasco Boenisch war beim Off-Theater-Festival "Impulse". Wolfgang Schreiber hörte in der Liederwerkstatt des "Kissinger Sommers" neue Vertonungen von Texten Rilkes und Brentanos. Joseph Hanimann berichtet über die Jahrestagung des Deutschen Forums für Kunstgeschichte in Paris. Moritz Baumstieger berichtet über die Essener Tagung zur Notwendigkeit einer Aufklärung im Islam. Fritz Göttler schreibt zum Tod der Schauspielerin Anna Massey.

Besprochen werden John Wells' Film "The Company Men", eine Ausstellung zeitgenössischer Kunst aus Simbabwe in München und Bücher, darunter eine Studie zur Ästhetik des Bodybuildings (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).