Heute in den Feuilletons

Ständige künstlerische Provokation

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.07.2011. Verzettelt und verlinkt: Der Freitag feiert die Internetausgabe der Tagebücher von Erich Mühsam. In leistungsschutzrecht.info fragt der FDP-Politiker Jimmy Schulz: Wer soll noch Zeitung lesen, wenn man für Zitate zahlen muss? In der Welt fragen die Feministin Naomi Wolf und Henryk Broder : Schadet Pornografie dem männlichen Hirn? Die Zeit verordnet subventionierte Hochkultur. Dramaturg Bernd Stegemann verordnet in der Berliner Zeitung subventioniertes Stadttheater.

Freitag, 07.07.2011

Gar nicht genug feiern kann man nach Katrin Schuster das Vorhaben des Verbrecher Verlags, der die Tagebücher Erich Mühsams in einer auf 15 Bände angelegten Ausgabe herausbringt - und sie zugleich ins Internet stellt. Ein "großartiges Tummelfeld für den Leser: Namen und Stichworte verweisen auf kurze Erläuterungen, auf Links zu ausführlicheren Informationen und auf Links zu jenen Tagebucheinträgen, in denen ebenfalls von dieser Person oder jener Sache die Rede ist. Eine Vernetzung, wie sie im Buche steht: Man kann die Tagebücher entlang einzelner Figuren oder Themen lesen oder sich einfach treiben lassen. Das Datum des jeweiligen Eintrags führt zudem zum Digitalisat der Original-Tagebuchseite."

Christoph Hein schreibt den Nachruf auf Bernhard Heisig.

FR, 07.07.2011

Gut, die Theaterregisseure haben es eine Zeitlang übertrieben mit Meckern und gleichzeitig die Hand aufhalten, aber jetzt haben sie fleißig gespart, da sollte man zur Belohnung die Stadttheater als staatlich finanzierte Institution erhalten, meint Bernd Stegemann, Chefdramaturg an der Berliner Schaubühne: "Die Zerschlagung von Traditionen und Institutionen dient zuerst und immer dem Beschleunigungswillen des Kapitals und der Entsolidarisierung der um dieses Kapital kämpfenden Individuen. Die Kunst des Theaters muss in ihren abendlichen Aufführungen diese gesellschaftlichen Übel immer wieder neu sichtbar machen, und die Gesellschaft muss in ihren Stadttheatern die Fortdauer einer ständigen künstlerischen Provokation sicherstellen." Jawoll, Herr Staatsintendant!

Weiteres: Peter Iden schreibt zum Tod des Malers Cy Twombly. In den Frankfurter Poetikvorlesungen von Sibylle Lewitscharoff hörte Judith von Sternburg ein "konservatives Pauschalurteil" gegen deutsche Gegenwartsliteratur und deutsches Theater heraus. Besprochen werden einige Filme und Christoph Rufs Reportageband "Was ist links?" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Weitere Medien, 07.07.2011

Der FDP-Politiker Jimmy Schulz widerspricht im Interview mit Philipp Banse von leistungsschutzrecht.info seiner Ministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger in Sachen Leistungsschutzrecht. Er ist übezeugt, dass es gegen die Verlage ausschlagen würde, wenn Dienste wie Google oder Perlentaucher schon für das Zitat von Überschriften zahlen müssten: "Das wäre ja ein deutsches Gesetz und dann wird in Deutschland vernünftigerweise keiner mehr gewerbsmäßig auf Verlagsseiten verlinken. Stellen Sie sich mal vor, zum Beispiel Google würde dann beschließen, anstatt diese Abgaben zu zahlen, einfach nicht mehr auf diese Verlage zu verlinken. Was machen die denn dann? Dann liest die ja gar keiner mehr."

Aus Urs Widmers Klagenfurter Rede zur Literatur, die auf den Seiten des Bachmann-Wettbewerbs veröffentlicht ist: "Keiner, der schreibt, schreibt freiwillig so, wie er schreibt. Das gilt auch für Frauen."

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Twitterfeed der Verlage

TAZ, 07.07.2011

Dirk Knipphals missfiel die Rede von Guido Westerwelle zum 60. Geburtstag des Goethe-Instituts, obwohl sie ganz okay war: "Dennoch hatte Westerwelles Rede etwas von einem taktischen Manöver; er hat halt eingesehen, dass es nicht gut kommt, sich gegen Kulturvermittlung zu profilieren." Julian Weber hörte beim 33. Copenhagen Jazz Festival den Saxofonisten Sonny Rollins. Ekkehard Knörer stellt die DVD-Edition "Peter Pewas. Filme 1932-67" vor. Julia Grosse schreibt zum Tod des Malers Cy Twombly.

Besprochen werden John Wells' Film "Company Men" und Xavier Dolans Film "Herzensbrecher".

Und Tom.

Spiegel Online, 07.07.2011

Recht interessant denkt Sascha Lobo über Google+ nach, das er eher als Twitter- als als Facebook-Konkurrenten sieht: "Google+ hat das seit Jahren nicht weiterentwickelte Konzept von Twitter als Nachrichtenkanal mit selbstwählbaren Quellen von einer einzelnen Plattform auf das gesamte Netz übertragen. Es könnte Twitter damit auf sehr hohem Niveau in die ewige Nische verbannen."
Stichwörter: Sascha Lobo, Twitter

Welt, 07.07.2011

Die Feministin Naomi Wolf und Henryk Broder streiten sich über Pornografie. Wolf vertritt die These, dass Pornografie das männliche Hirn schädige und untermauert sie mit wissenschaftlichen Studien: "Männer, die Pornografie konsumieren, können abhängig werden." Broder glaubt nicht dran: "Was 'Wissenschaft' ist, bestimmt der Zeitgeist beziehungsweise der Auftraggeber der jeweiligen Studie, wobei es wiederum darauf ankommt, was dieser vermarkten möchte: Butter oder Margarine, Zucker oder Süßstoff, Atom- oder Windkraft, Genuss oder Moral."

Weitere Artikel: Hans-Joachim Müller schreibt den Nachruf auf Cy Twombly. Marko Martin graut's vor den Regimes in Weißrussland und China - die einen verbieten den Beifall, die anderen inszenieren ihn sich. Rüdiger Sturm unterhält sich mit Peter Weir über seinen Gulag-Film "The Way Back".

Besprochen werden erste Ereignisse des Festivals von Aix-en-Provence, der Film "Company Men", die Komödie "Ein Tick anders" und eine neue CD des Jazz-Gitarristen Pat Metheny.

NZZ, 07.07.2011

Samuel Herzog schreibt zum Tod des amerikanischen Malers Cy Twombly. Eva Clausen berichtet über Protestaktionen am Teatro Valle in Rom.

Besprochen werden zwei Ausstellungen zum Werk des Baukünstlers und Designers Gio Ponti in Mailand und Bücher, darunter Ingeborg Bachmanns "Radiofamilie" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Jungle World, 07.07.2011

Markus Ströhlein unterhält sich mit dem Wirtschaftshistorikern Nico Voigtländer, der in einer Studie (hier als pdf-Dokument) festgestellt hat, dass in jenen Städten, in denen es im Mittelalter Pogrome gegen Juden gab, 600 Jahre später auch die Nazis besonders stark waren - und umgekehrt: "Betrachtet man beispielsweise die Hansestädte, dann fällt auf: Die antisemitische Beständigkeit über 600 Jahre hinweg gab es dort nicht. Unsere spekulative Erklärung ist: Hansestädte pflegten ausgiebige Handelsbeziehungen. Anderen Geschäftsleuten gegenüber offen zu sein, war profitabel. Hätte ein Händler seinem Sohn beigebracht, keine Geschäfte mit Juden zu machen, wäre das unter Umständen von ökonomischem Nachteil gewesen. Offenheit hat sich bezahlt gemacht."
Stichwörter: Mittelalter, Pogrome, Sohn

FAZ, 07.07.2011

Jürgen Kaube warnt vor Übertreibungen in Sachen PID: Die Erfahrung in anderen Ländern gebe keinerlei Anlass zu den auch und gerade in der FAZ laut gewordenen Befürchtungen, es könne die Tür geöffnet werden zur flächendeckenden genetischen Optimierung des Menschen. Im direkten Bezug auf FAZ-Artikel der "katholischen Juristen Ernst-Wolfgang Böckenförde und Christian Hillgruber" meint Kaube: "Die Kritiker der PID wollen ein staatliches Ersatzgewissen durchsetzen. Das der Bürger spricht ihnen nicht laut genug, weil es nicht nach Art ihres eigenen spricht. Ein geschädigtes Subjekt können sie nicht nachweisen, darum weichen sie in Orakel und Unterstellungen aus."

Thilo Sarrazin hat das Jahresgutachten des Sachverständigen für Migrationsfragen gelesen. Mit Gewinn, wie er einerseits feststellt. Aber verheerend findet er es andererseits auch: "Leider blendet das ... Gutachten alle jene Probleme nahezu vollständig aus, die Necla Kelek seit vielen Jahren publizistisch behandelt. Diese Probleme werden nicht einmal negiert ..., sie werden schlicht ignoriert. Und damit werden auch jene Themen weitgehend ignoriert, die die Mehrheit der Menschen bei Zuwanderung und Integration bewegen."

Weitere Artikel: Sehr plädiert Regina Mönch für die Umsetzung des Vorschlags, eine Straße in Neukölln nach der verstorbenen Richterin Kirsten Heisig zu benennen. Die Poetikvorlesungen Sibylle Lewitscharoffs in Frankfurt referiert Felicitas von Lovenberg. Wie und warum die syrische Opposition sich vom gegen das syrische Regime opponierenden Bernard-Henri Levy distanziert, schildert knapp Jürg Altwegg. Über einen Schwerpunkt der Zeitschrift Ost-West zu den psychischen Folgen des Kommunismus berichtet Joseph Croitoru. Das Filmfestival Taormina, das in diesem Jahr einen Schwerpunkt beim jungen arabischen Kino hatte, hat Marco Schmidt besucht. Hans-Jörg Rother gratuliert dem Filmemacher und Maler Jürgen Böttcher aka Strawalde zum Achtzigsten. Niklas Maak schreibt zum Tod des Künstlers Cy Twombly.

Besprochen werden die Aufführung von Peter Eötvös' Tschechow-Oper "Drei Schwestern" beim Berliner "Infektion!"-Festival, das Blondie-Comeback-Album "Panic of Girls", Wolfgang Fischers Psychothriller "Was du nicht siehst" und Bücher, darunter Günter Blambergers Biografie "Heinrich von Kleist" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

SZ, 07.07.2011

Zum Tod des Künstlers Cy Twombly, der in den USA lange ignoriert und abgelehnt wurde und erst über den Umweg Europa zu größter Anerkennung fand, schreibt Jörg Häntzschel: "Meist jedoch beschränkte sich Twombly darauf, einen dünnen Bleistift auf diesem monochromen Fond spielen zu lassen. Wie aus Versehen produziert dieser dann und wann auch Figuratives: Geschlechtsorgane vielleicht, oder etwas, das an Blumen erinnert. Doch anders als etwa Dubuffet, der sich bewusst der kruden Mittel der Klo-Graffiti bediente, kehrt Twombly sofort zurück auf seine vagen Graphitpfade ins Nirgendwo."

Weitere Artikel: Was der Fall DSK für den sich gern auf einem galanten Sonderweg dünkenden französischen Feminismus bedeutet, versucht Joseph Hanimann zu ergründen. Skeptisch betrachtet Lothar Müller die Wünsche von Außenminister Guido Westerwelle, das Goethe-Institut möge auch die Werbung für den Standort Deutschland als seine ureigene Aufgabe begreifen. Harald Eggebrecht unterhält sich mit Raimund Trenkler über dessen "Kronberg Academy" für herausragenden musikalischen Nachwuchs. Über die Ethnie der Nuba im Sudan und jüngst vom Fotografen Taylor Hicks für die New York Times geschossene Bilder über ihre bittere Lebenssituation schreibt Tim Neshitov. Die Reihe "Wenn das Kino ins Kino geht" im Münchner Filmmuseum stellt Fritz Göttler vor. Gottfried Knapp gratuliert dem Kunstbuchverleger Jürgen Tesch zum Siebzigsten.

Besprochen werden Nikolaus Harnoncourts halbzsenische Aufführung von Bedrich Smetanas "Verkaufter Braut" beim Styriarte-Festival in Graz, neu anlaufende Filme, nämlich Xavier Dolans Film über die Liebe mit dem Titel "Herzensbrecher", Nanouk Leopolds Studie eines eigentümlichen Begehrens "Brownian Movement" und Wolfgang Fischers Psychothriller "Was du nicht siehst", und Bücher, darunter der erste Band von Erich Mühsams "Tagebüchern" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

Zeit, 07.07.2011

Das Zeit-Feuilleton setzt zu einer Verteidigung der "Hochkultur" an. Im Aufmacher verteidigt Jens Jessen die dafür nötigen Subventionen: Nur so könne die "Freiheit eines jeden, aus seiner selten selbst verschuldeten, sondern gesellschaftlich bedingten Unmündigkeit auszubrechen", gewährleistet werden. Thomas Assheuer beklagt die Kommerzialisierung der Kultur. Kathrin Passig klärt Ijoma Mangold im Gespräch auf, dass das Internet nicht zur Egalisierung, sondern zur Individualisierung des Geschmacks führt: "Vielleicht haben Hochkulturkonzepte es im Internet aber auch schwerer, weil das Netz allgemein den Zugang erleichtert? Wenn man Krethi und Plethi den einfachen Zugang zu einem Kulturprodukt gewährt, leidet dessen Hochkulturstatus."

Norbert Lammert und der Ex-Dresdner Museumschef Martin Roth streiten sich nochmal um die Aufklärungsausstellung in Peking und den Fall Ai Weiwei. Roth plädiert dafür, auch mit Diktatoren zu kooperieren: "Wenn Neil McGregor für das British Museum in Teheran mit Ahmadinedschad eine Ausstellung eröffnet, dann muss man sich tatsächlich fragen, ob neue Standards gesetzt werden. Ich jedenfalls unterstütze seine Vorgehensweise."

Weitere Artikel: Zwei Seiten weiter porträtiert Katja Nicodemus den iranischen Filmemacher Asghar Farhadi. Susanne Mayer gratuliert Alice Munro zum Achtzigsten und preist ihren neuen Erzählungband. Und Peter Kümmel verabschiedet nach 37 Jahren den großen Münchner Theatermann Dieter Dorn: Man sieht "einen Wasserfall aus solchen Glitzerfolien, mit denen schon die Künstler von der Augsburger Puppenkiste ihre Flüsse und Seen hergestellt haben. Aber als die Spieler auf ihrem Kriegszug diesen Folienwasserfall durchwaten, tun sie es mit vorsichtigem Schritt: Denn bei Kleist steht ja, dass in diesem Gewässer Forellen leben."

Besprochen werden einige CDs, darunter eine Einspielung der Orchesterwerke Steve Reichs unter Kristjan Järvi.

Auf der Geschichte-Seite erinnert Adam Krzeminski an den Fürsten Czartoryski, der vor 150 Jahren starb - er war der Visionär eines autonomen Polen in einem vereinigten Europa. Das Dossier bündelt den aktuellen Stand im Fall DSK.