Heute in den Feuilletons

Sie tippen. Sie quatschen.

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.06.2011. In der FAZ erzählt Marie-Luise Scherer von ihrer Familie. "Was jetzt in Syrien passiert, ist nicht Chaos, sondern eine echte Revolution", schreibt der im Exil lebende syrische Autor Nihad Siris in der NZZ. Nicht das Eindringen in die Männerdomäne ist der eigentliche Affront am Frauenfußball, meint Hannelore Schlaffer in der Welt. In der taz findet Ulf Erdmann Ziegler ein eindringliches Bild für die Tätigkeit des Kritikers. Zum Tod von Peter Falk bringen wir eine Szene mit John Cassavetes: "I'm not gonna die."

Welt, 25.06.2011

Nicht das Eindringen in die Männerdomäne ist der Affront am Frauenfußball, meint die Germanistin Hannelore Schlaffer, sondern der Verstoß gegen ein tief in uns eingesenktes Bild von Charme und Weiblichkeit: "Auf dem Spielfeld gibt es nichts mehr von angeblich typisch weiblicher Passivität und Schwäche: nichts von lächelndem Charme, nichts von Hingabe, nichts von hilfsbedürftiger Hinfälligkeit, der beizuspringen ein Mann sich berufen fühlen könnte. Auf dem Rasen treten Frauen auf, die sich benehmen, wie Frauen sich nicht benehmen sollen: kämpferisch, mit verzerrtem Gesicht, risikobereit, rüde und rücksichtslos gegen sich selbst."

Außerdem im Feuilleton: Hannes Stein hat sich beim Dokumentarfilm "Page One" des Regisseurs Andrew Rossi über das heroische Wirken der New York Times im digitalen Klimawandel herzlich gelangweilt ("Sie tippen. Sie quatschen"). Eckhard Fuhr ist soweit zufrieden mit den diejährigen Projektentscheidungen der Kulturstiftung des Bundes - subventioniert wird etwa die Aufführung eine monumentalen und sehr selten gespielten Oper von Carl Orff. Jenny Hoch geht mit dem Schauspieler Herbert Fritsch essen. Berthold Seewald schreibt zum Tod des Welt-Journalisten Jost Nolte.

Besprochen werden eine Ausstellung über Geheimgesellschaften in der Schirn und Denis Villeneuves Film "Die Frau, die singt" (Trailer).

In der Literarischen Welt erzählen acht Autoren über ihre prägendet Ferienlektüre. Zum Thema des Reisen interviewt Wieland Freund zudem den Experten Ilija Trojanow. Außerdem wird eine berühmte Reisereportage Patrick Leigh Fermors abgedruckt, die demnächst in einem Band bei Dörlemann erscheint. Henryk Broder mokiert sich über Lesben- und Schwulenverbände, die sich schon ganz eifrig auf den Papstbesuch vorbereiten, um dem alten Herren ihre Meinung über seine Meinung zur Frage mitzuteilen. Der arme Reinhard Mohr musste Margot Käßmann Bekenntnisbuch "Sehnsucht nach Leben" lesen, das ihm als ein "bandwurmartiges 'Wort zum Sonntag'" erschien. Besprochen wird außerdem Cees Nootebooms "Schiffstagebuch" (hier eine Leseprobe).

Berliner Zeitung, 25.06.2011

Jens Balzer hat einen interessanten Band des Popkritikers Simon Reynolds über die Retromania in der Popmusik gelesen und nimmt folgende Erkenntnis mit: "Während der kulturelle Alltag der Menschen immer hektischer und nervöser wird, scheint die Entwicklung der Kultur zum Stillstand gekommen zu sein."

Außerdem: Der Soziologe Matej Kralj versucht zu erklären, warum die Slowenen, die sich 1991 erstmals einen eigenen Staat erkämpft hatten, keine Schwierigkeiten hatten, der EU beizutreten. Simone Minet lernt beim Berliner Poesiefestival, wie man Verse in eine fremde Sprache schmuggelt.

NZZ, 25.06.2011

"'Was jetzt in Syrien passiert, ist nicht Chaos, sondern eine echte Revolution, ein entscheidender Schritt in einem Entwicklungsprozess', sagt der in Aleppo lebende syrische Schriftsteller Nihad Siris ("Ali Hassans Intrige") am Telefon zu Susanne Schanda. "Allerdings bildeten weder die Intellektuellen noch die Kulturschaffenden einen einheitlichen Block, betont Siris. Überhaupt stellt er eine zunehmende Spaltung der Gesellschaft in Regimegegner und -befürworter fest, die sich durch alle Schichten ziehe und selbst innerhalb von Familien zu erbitterten Streiten führe."

Weiteres: Joachim Güntner macht sich zum Beginn der Fußballweltmeisterschaft der Frauen Gedanken über Fußball und Geschlecht. Besprochen wird Stefanie Sourliers Erzähldebüt "Das weiße Meer" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

"Serbien ist eine lyrische Großmacht", die es bei uns noch zu entdecken gilt, ruft Ulrich M. Schmid in Literatur und Kunst und stellt kurz eine Reihe auf Deutsch erschienener Anthologien und Gedichtbände vor. Adam Zagajewski erinnert an den vor 100 Jahren geborenen polnischen Schriftsteller Czeslaw Milosz. Roland Krischel überlegt anlässlich der Biennale, worin die Zeitgenossenschaft Tintorettos mit uns besteht. Gabriele Detterer fragt sich, worin die größte Nachwirkung der Biennale besteht. Und Rachel Mader stellt das Biennale-Projekt "Chewing the Scenery" der Schweizer Künstlerin Andrea Thal vor.
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TAZ, 25.06.2011

In einem sehr schön melancholischen, weniger kulturpessimistischen als selbervergänglichkeitsbewussten Essay schreibt der Kritiker und Autor Ulf Erdmann Ziegler über seine Wiederbegegnung mit der Biennale in Venedig. Er hat, stellt er fest, den Anschluss verpasst. Zeit, die Eule der Minerva fliegen bzw. ein ganz anderes Tier kriechen zu lassen: "Der Mistkäfer, habe ich bei Jean-Henri Fabre gelesen, versteckt seine Mistkugel unterirdisch, an der er zwei Wochen ununterbrochen frisst, während er das Verdaute als Humus ununterbrochen auskackt. Das ist die Rolle des Kritikers - er produziert den Nährboden dessen, was wachsen wird. Indem er in rasendem Tempo sortiert - die guten ins Kröpfchen -, beweist er, dass es doch geht, dass man kunstkritisch fressen kann, was man kulturkritisch für unverdaubar erklärt hatte. Wir Mistkäfer widerlegen uns selbst bis zur Erschöpfung."

Weitere Artikel: In Duisburg wird am Sonntag das Mahnmal für die Loveparade-Toten enthüllt. Nicht dabei sein wird, wie Andreas Wyputta berichtet, Bürgermeister Adolf Sauerland, dessen weiterer Verbleib im Amt nach wie vor von vielen kritisiert wird. Julia Grosse unterhält sich mit dem britischen Komiker Omar Djalili, Star des jetzt anlaufenden Films "Alles koscher". Einen Vortrag des Musik- und Theatermanns Heiner Goebbels über das Verhältnis von Politik und Musik in Berlin referiert Tim Caspar Boehme. Die Musikmesse C/O Pop in Köln hat Arno Raffeiner besucht. In der "Leuchten der Menschheit"-Kolumne ist Andreas Fanizadeh mit Kulinarischem befasst. Im Kika-Betrugsprozess wird, wie Steffen Grimberg schreibt, die Unverantwortlichkeit des Verhaltens der Zuständigen immer klarer; von "Warnsignalen erster Güte", die da missachtet wurde, sprach jetzt der ZDF-Revisor Alfons Birke. 

Besprochen werden Katy Bs Album "On a Mission" und Bücher, darunter Catalin Dorian Florescus Roman "Jacob beschließt zu lieben" und ein Sammelband über "Die arabische Revolution" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

Und Tom.

Weitere Medien, 25.06.2011

Der wunderbare Peter Falk ist tot. Hier eine Szene mit John Cassavetes aus "Mikey und Nicky", in der die beiden über eine Friedhofsmauer klettern: "You gonna die some day."


FR, 25.06.2011

In München sprachen - im FR-Abdruck nachzulesen - der Schriftsteller, Filmemacher, Fernsehmann Alexander Kluge und der Politologe Claus Leggewie über das Politische und darüber, wie sehr es in der Tagespolitik so oft fehlt. Von der arabischen Revolution bis nach Mülheim freilich spannt sich der gewaltige Bogen, wenn Kluge eine ganz andere Form von Nachrichten fordert: "Wir brauchen für lebendige Demokratie deshalb vor allem eine Emanzipation der Nachrichten... Sie müssen nicht um das Prinzip Talkshow ergänzt werden, sondern um das Prinzip, wie an der Theke in Mülheim sich Menschen direkt über Nachrichten unterhalten. Ich schlage nicht vor, so zu reden, sondern den kreisförmigen Dialog, der die Themen 'erörtert', zu beobachten. Die Rede ist dort manchmal kürzer als eine Meldung in der Tagesschau, Einwurf, Zuruf, Schweigen, andererseits extrem viel länger und klüger als ein Brennpunkt."

Besprochen werden die Kriegsaufzeichnungen des serbischen Literaten Milo Crnjanski.

FAZ, 25.06.2011

In einem ganz und gar wunderbaren Text - ihre Dankesrede für den Heinrich-Mann-Preis - erzählt Marie-Luise Scherer von ihrer Familie: "Ich stelle mir den gereckten Kopf meines Vaters vor, wie er sich aus dem Dach des Bergmannshauses stemmte, das Blei seiner Herkunft von ihm abfiel, wie die Ziegeln nachgaben und sein willensstarkes Gesicht die Welt begrüßte. Und ganz zuletzt sehe ich ihn unter demselben Dach wieder verschwinden, einen Platz erhoffend in dem genügsamen Haus mit seinen resümierenden Seufzern..." (Wer Scherer noch nicht kennt, lese ihre Spiegel-Reportage aus dem Jahr 1987 über den "unheimlichen Ort Berlin". Bewohner der Waldemarstraße sollten es sich allerdings zwei Mal überlegen.)

Weitere Artikel: Der Dichter und Liu-Xiaobo-Biograf Bei Ling fragt sich, wie Ai Weiwei mit den Auflagen zurechtkommen wird, die an seine Freilassung geknüpft sind: "Ich kenne Ai Weiweis Temperament." Jürgen Kaube berichtet von einem Rechtsstreit um die altägyptischen Sammlung der Uni Leipzig, die ihr von Georg Steindorff verkauft worden war. Jürgen Dollase war bei einer Degustation des Weingutes L'Eglise-Clinet aus Pomerol: "Etwas vergröbert gesprochen, schmeckt bei diesem Chateau jeder Jahrgang anders. Man hat etwas erlebt, was man beim Wein schon fast vergessen hat, nämlich Individualität." Katharina Teutsch berichtet vom Berliner Poesiefestival. Christiane Tewinkel stellt den jungen Pianisten Ingolf Wunder vor. Auf der letzten Seite erzählt Swantje Karich, warum sie so gern Fußball spielt. Und Michael Horeni erklärt, was am Frauenfußball anders - und manchmal eben auch schlechter - ist.

In Bilder und Zeiten erkundet Jochen Schimmang den Autobahnrasthof Dammer Berge. In Polen hat die katholische Kirche dem in einem Kamaldulenserkloster am Wigry-See untergebrachten "Haus der Künste" gekündigt, um an dieser Stelle ein kommerzielles Pilgerzentrum zu errichten, erzählt Rainer Schulze. Peter Christian Hall besucht das Grab von "Czlan" in der Pariser Banlieue. Harvey Keitel erzählt im Interview, wie er sich auf seine Rollen vorbereitet. Wenn es im FAZ-Feuilleton ums Internet geht, dann nur im Zusammenhang mit Gefahren und kriminellen Handlungen. Folgerichtig begleitet Michael Jürgs das BKA auf Streifzug im Netz. Und Jan Wiele macht sich auf der Medienseite Sorgen um die Auswirkungen von Facebook-Partys.

Besprochen werden die Ausstellung "Geheimgesellschaften. Wissen Wagen Wollen Schweigen" in der Frankfurter Schirn, einige CDs, darunter Punkrock von den Black Lips, und Bücher, darunter Thomas Wolfes Roman "Die Party bei den Jacks" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

In der Frankfurter Anthologie stellt Dirk von Petersdorff ein Gedicht Heinrich Heines vor:

"Nun ist es Zeit

Nun ist es Zeit, daß ich mit Verstand
Mich aller Torheit entledge;
Ich hab so lang als ein Komödiant
Mit dir gespielt die Komödie.
..."

SZ, 25.06.2011

In einem Essay auf der Literaturseite schreibt der Autor Michael Kleeberg über den Missbrauch Ernest Hemingways durch die deutschen Nachkriegsliteraten. Deren verarmte Landsersprache habe sich mit dem Verweis auf Hemingway an die damalige Gegenwarts-Weltliteratur anzudocken versucht. Eine ideologische Operation, so Kleeberg, denn: "Ernest Hemingways Siegeszug durch die deutsche Literatur, der erst Ende der sechziger Jahre zum Erliegen kam, beruht darauf, dass die westdeutschen Literaten ihre Texte mit seiner Lakonie und 'hardboiledness' beglaubigten und die Apologie ihrer Rolle als Soldaten des Nazireiches in seinen vermeintlich bindungsfrei und unpolitisch in fremden Armeen 'die Möglichkeiten des Heroischen' testenden Helden suchten."

Auf der Medienseite darf Springer-Chef Mathias Döpfner erklären, warum die Klage von acht Verlagen (Springer und die SZ gehören dazu) gegen die Tagesschau-App ihre Berechtigung habe. Er spricht erstaunlicherweise im Namen gleich aller privaten Verleger und fasst kurz zusammen, warum bei einer Niederlage das Abendland untergeht: "Alle privaten Zeitungs- und Zeitschriftenverlage, auch die privaten Fernsehanbieter sind in Sorge, dass im Zuge der Digitalisierung durch einen Missbrauch der dominierenden, marktverzerrenden Rolle der Öffentlich-Rechtlichen die Geschäftsgrundlage für Qualitätsjournalismus und damit Meinungsvielfalt in Deutschland verloren geht."

Weitere Artikel: Stephan Speicher staunt über die Vehemenz der Kritik, die seit einiger Zeit den "Prenzlauer-Berg-Müttern" entgegenschlägt - dahinter steht, findet er, ein Natürlichkeits-Fetischismus, der die emanzipierenden Kräften der Zivilisation unter Ideologieverdacht stellt. Anlässlich des Tages der Architektur kritisiert Laura Weissmüller die ganz dem Denken der Nachkriegszeit verhaftete normale deutsche Wohnarchitektur. Susan Vahabzadeh unterhält sich mit Tom Hanks über dessen neuen Film "Larry Crowne", bei dem der Schauspieler auch für Regie und (mit Nia Vardalos) Drehbuch verantwortlich ist. Einen frustrierten Taxifahrer, der den Diebstahl seines Wagens auf das Konto der Revolution bucht, stellt in seiner Kairo-Kolumne Khalid al-Khamissi vor. Vom Umschwung in Mailand, das sich nicht nur politisch, sondern auch kulturell von Berlusconi befreit fühlt, berichtet Henning Klüver. Über den legendären B-Film-Produzenten Roger Corman, der Gegenstand einer Doku auf dem Münchner Filmfest ist, schreibt Tobias Kniebe.

In der SZ am Wochenende wird der Anfang von Thomas Glavinics neuem Roman "Unterwegs im Namen des Herrn" abgedruckt. Werner Bloch unterhält sich mit der palästinensischen Friedensaktivistin Sumaya Farhat-Nasar, die auf das Überspringen der arabischen Revolution hofft.

Besprochen werden Philipp Quesnes Bühnenarbeiter-Stück "Piece pour la technique du Schauspiel de Hanovre" zur Eröffnung des Festivals "Theaterformen" in Hannover, Bettina Bruiniers Dresdener Inszenierung von Kurt Weills amerikanischer Oper "Street Scene", ein Konzert der Berliner Philharmoniker unter der Dirigentin Emmanuelle Haim mit Rameau und Händel, und der Band "In Teufels Küche" des Restaurantkritikers Jörg Zipprick (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).