Heute in den Feuilletons

Die haben alle zwei Striche

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.06.2011. Die taz fragt: Warum weigern sich Kroaten und Serben (und die Friedensbewegung im Westen), ihre Vergangenheit aufzuarbeiten? Außerdem spricht Christina von Braun mit Gabriele Goettle über die Kulturgeschichte des Geldes. Die NZZ plädiert für die Institution des Lesekreises, die in den USA und Großbritannien weit erfolgreicher ist als hier. Keiner ist unschuldig in Griechenland, sagt Petros Markaris in der Welt. Thomas Knüwer wundert sich in seinem Blog über die Zitierpraxis der FAZ.

TAZ, 27.06.2011

Kroatien und Serbien drängen in die EU, aber sie weigern sich bisher, ihre Vergangenheit aufzuarbeiten, schreibt Erich Rathfelder auf der Meinungsseite, zum Beispiel zu folgenden Fragen: "Wie war es möglich, dass im Westen viele, die sonst für den Frieden eintreten, sich vehement gegen eine militärische Intervention zur Beendigung der Kriege stellten? Wie war es möglich, dass die internationale Gemeinschaft die Kriegstreiber und Kriegsverbrecher belohnte, indem sie diesen mit der territorialen Aufteilung Bosnien und Herzegowinas einen eigenen Machtbereich zuwiesen?"

Im Feuilleton unterhält sich Gabriele Goettle mit der Kulturwissenschaftlerin Christina von Braun über die Kulturgeschichte des Geldes: "Unsere modernen Geldzeichen, vor allem die harten Währungen, Dollar, Pfund, der Yen, der Yuan, die haben alle zwei Striche. Alfred Kallir, der in seinem Buch 'Sign and Design' die Geschichte unseres Alphabets beschreibt (1961), der sagt, dass diese zwei Striche Erinnerungen sind an die Stierhörner. Also an das ursprüngliche Opfer."

Außerdem resümiert Rene Hamann das Poesiefestival in Berlin, und Andreas Fanizadeh berichtet über die "Sommerszene" in Salzburg, die dem großen Festival vorausgeht.

Und Tom.

NZZ, 27.06.2011

Thomas Böhm, Leiter des literarischen Programms für das Buchmessengastland Island, plädiert sehr für die Institution des Lesekreises, die in den angelsächsischen Lädnern weit populärer ist als in Deutschland und zitiert die Forscherin Jenny Hartley, die eine Studie zum Thema verfasst hat: ""Die Mehrzahl der Befragten gab an, dass sie im Lesekreis nicht den gemütlich-harmlosen Plausch suche, sondern die leidenschaftliche, zuweilen hitzige Diskussion... In Lesekreisen gebe es, so Hartley, keine 'Gewinner' oder 'Verlierer', es gewinne immer der Lesekreis als Ganzes, denn die Summe der geäusserten Beobachtungen vermittle den Mitgliedern das Gefühl, das Buch «mit vielen Augen» gelesen zu haben, Teil eines kreativen Teams zu sein.""

Weitere Artikel: Aldo Keel berichtet über einen isländischen Gesetzesvorschlag, der vorsieht, dass Tabakwaren nur mehr in Apotheken verkauft werden dürfen. Besprochen werden die Ausstellung "Die Liste" in der New Yorker Morgan Library und Giuseppe Verdis "I Lombardi" bei den St. Galler Festspielen.
Stichwörter: Deutschland, Island

Welt, 27.06.2011

Keiner in Griechenland ist unschuldig, sagt der Krimiautor Petros Markaris, der eine Krimi-Trilogie zur Krise vorbereitet, im Gespräch mit Boris Kalnoky: "Erstens, weil wir alle gewählt haben - die Führer, die uns ins Verderben führten. Zweitens ist es Unsinn, dass wir keine Demokratie haben, wie die Demonstranten behaupten. Man kann über die Qualität dieser Demokratie streiten, aber wir haben Wahlen." Aber auch die Deutschen kritisiert Markaris, weil sie an den Zinsen von Griechenlands Schulden verdienen: "da scheint eine unterschwellige Haltung zu sein, ein reflexhaftes evangelisches Bestrafenwollen: Wer Fehler gemacht hat, soll büssen!"

Weitere Artikel: Beschwingt, wie alle seine Kollegen, verließ Jan Küveler das Mainzer Konzert Bob Dylans. Stefan Koldehoff berichtet, dass der Gangsterchef James Bulger, der verdächtigt wird, hinter dem spektakulärsten Kunstraub in der Geschichte der USA zu stecken, festgenommen wurde.

Besprochen werden ein Konzert der Kirmestechno-Band Scooter in Hamburg, Leonard Bernsteins "Candide" an der Berlner Staatsoper und das Sozialtheaterstück "Die Hofmeister", inszeniert von Peter Kastenmüller, am Maxim-Gorki-Theater.
Anzeige

Aus den Blogs, 27.06.2011

Tue stets so, als seiest Du da gewesen. Vermeide die Nennung von Quellen. Maximen des deutschen Journalismus! Thomas Knüwer zeigt in seinem Blog die Zitierpraxis einer führenden Qualitätszeitung am Beispiel eines Berichts über einen Sakandal bei der Ergo-Versicherung: "Konsequent vermeidet Autor Philipp Krohn die Nennung auch nur eines anderen Mediums. Da gibt es jene Anzeige in 'einer Wirtschaftszeitung'. Später dann den Bericht über die Lust-Reise 'in derselben Wirtschaftszeitung'. Dann der Versuch der Krisenkommunikation per Interview 'in einem großen Nachrichtenmagazin und später im meistverkauften Boulevardblatt des Landes'. Und dann später wieder jene 'Wirtschaftszeitung'."

FR, 27.06.2011

Der iranische Philosoph und Theologe Mohammad Mojtahed Schabestari erklärt im Interview, dass man aus "aus der Religion nicht unmittelbar politische Rezepte ableiten" kann. Rolf Spinnler berichtet über einen Hegel-Kongress in Stuttgart. Peter Iden besucht die neue Kunsthalle Weishaupt in Ulm.

Besprochen werden die Aufführung der "Geschichte des Joseph Süß Oppenheimer, genannt Jud Süß, von Dieter Wedel und Joshua Sobol" bei den Nibelungenfestspielen in Worms ("Insgesamt entstand am Samstagabend der Eindruck, dass nach dem Risiko, sich des Stoffs angenommen zu haben, pure Risikominimierung betrieben wurde", schreibt Judith von Sternburg), die Ausstellung "Der Un/Gewisse Blick" im Wallraf-Richartz-Museum und Bücher, darunter Xaver Bayers Erzählung "Wenn die Kinder Steine ins Wasser werfen" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FAZ, 27.06.2011

In New York ist nun die Homoehe legalisiert. Eine breite gesellschaftliche Koalition hat dafür gekämpft. Der Weg zur Gleichberechtigung im ganzen Land, mahnt Jordan Mejias, ist allerdings noch recht weit: "Der Kongress indes geniert sich nicht, ein antiquarisches Zweiklassenrecht beizubehalten."

Weitere Artikel: Christian Wildhagen schildert das Unverständnis, auf das das Leipziger Streichquartett trifft, weil es anders als manches Fukushima-Panik-Orchester seine Konzertreise nach Japan nicht absagen will. Mit einer Elite-Auswahl von Nachwuchsakademikern war, nachdem diese in Lindau Nobelpreisträger getroffen hatten, Joachim Müller-Jung auf dem Bodensee unterwegs. Über die Bedeutung der Rahmen fürs Bild informiert in seiner "Klarer Denken"-Serie Rolf Dobelli Bert Rebhandl schreibt zum Tod des "Columbo"-Darstellers und Cassavetes-Schauspielers Peter Falk.

Besprochen werden ein Mainzer Konzert auf Bob Dylans endloser Tour (für die begeisterte Berichterstatterin Rose-Maria Gropp freilich das erste des Meisters), Dieter Wedels Inszenierung von "Das Leben des Joseph Süss Oppenheimer genannt Jud Süss" in Worms, eine an mehreren Orten in Naumburg zu betrachtende Ausstellung über den "Naumburger Meister" (Website), Steven Silvers' Film "The Bang Bang Club" (mehr) und Bücher, darunter Laurent Seksiks Roman "Vorgefühl der nahen Nacht" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

SZ, 27.06.2011

Christian Schütze freut sich, dass deutsche Buchenwälder durch ihre Ernennung zum Weltnaturerbe zu ihrer "verdienten Beachtung" kommen. Jürgen Berger ist nicht sehr überzeugt von der Wiederbelebung des "Jud Süß"-Stoffes durch Dieter Wedel und Joshua Sobol in Worms. Niklas Hofmann stellt in den "Nachrichten aus dem Netz" das BBC-Projekt "Your Paintings" vor, das sämtliche Gemälde in öffentlichem britischen Besitz - auch Werke aus den Depots der Museen - im Internet präsentieren soll. Ganz hingerissen ist Volker Breidecker von einem Dylan-Konzert mit großer Band in Mainz ("Dieses Konzert wird legendär bleiben. Sein Sänger hat zwar das musikalische Ziel aller Ursprünge erreicht, ist aber noch lange nicht am Ende"). Catrin Lorch begeht Tobias Rehbergers Brückenskulptur "Slinky Springs to Fame" (Bilder) im Oberhausener Kaisergarten. Harald Eggebrecht besuchte ein großes Treffen von Geigern aller Generationen (inklusive Ida Haendel und Gidon Kremer) im norwegischen Bergen. Susan Vahabzadeh schreibt zum Tod Peter Falks. Rainer Gansera ist nach Stockholm gefahren und porträtiert den Regisseur Roy Andersson, der beim Filmfestival München sein wird - und mit eine ganze Gruppe junger schwedischer Filmemacher, die sich eher auf Andersson als auf Bergmann beziehen. Michael Stallknecht verfolgte einen Hegelkongress in Stuttgart. Auf der Medienseite berichet Michael Moorstedt von der Schadenersatzklage unbezahlter Blogger gegen die Huffington Post.

Besprochen werden neue DVDs und Bücher, darunter Cornelia Vismanns Studie über die "Medien der Rechtsprechung".