Heute in den Feuilletons

Umgestürzt zu Füßen des roten Riesenrades

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.05.2011. Der Iran will das ganze Internet abschaffen, zumindest in seinen Landesgrenzen, berichtet das Wall Street Journal, Tunesien nur die Pornografie im Netz. Die FR würdigt den Schneider von Ulm. Sehr böse schimpft Georg Diez in seiner SpOn-Kolumne über die öffentlich-rechtlichen Sender. In der Welt verlangt Karl Schlögel das Unmögliche: Berlin soll sich ernst nehmen. Und diese Wippe sein lassen.

Welt, 28.05.2011

Berlin sortiert sich seit der Wiedervereinigung neu. Und wie geht die Politik damit um? Baut eine Deutschlandwippe. Brauchen wir nicht, meint Karl Schlögel in der Literarischen Welt. "Berlin sollte sich selber ernst genug nehmen, es bedarf keiner Simulation, Suggestion, Animation. Wir brauchen keine Spielereien, Bürger sind keine Kinder. Statt erfundener Denkmälern und Konstruktionen ginge es um die Markierung von Orten, die nicht erfunden, sondern nur sichtbar gemacht werden müssen. Mit Orten kann man nicht nach Gutdünken und willkürlich umspringen. Man muss auf das achten, was einem ein Ort zu sagen hat. Früher hat man das einmal genius loci genannt. Wir bräuchten weniger selbstherrliche Event-Manager und Choreographen als vielmehr - eine Formulierung von Franz Hessel - 'Diener des genius loci'."

In ihrem Geburtstagsgruß an Monika Maron erzählt Necla Kelek, was Marons autobiografisches Buch "Pawels Briefe" für ihr eigenes Schreiben bedeutete: "Mit jeder Zeile, die ich las, spürte ich, dass ich den Schlüssel entdeckt hatte, mit dem ich die Kammer öffnen konnte, die mein eigenes Herz gefangen hielt."

Besprochen werden u.a. Avishai Margalits Essay "Über Kompromisse und faule Kompromisse", Henry Roths Roman "Ein Amerikaner", Tony Judts Essay "Dem Land geht es schlecht" und Klaus Harpprechts Buch über Arletty und ihren deutschen Offizier.

Auf den vorderen Seiten beschreibt Daniel-Dylan Böhmer ein lebhaftes Treffen deutscher und chinesischer Journalisten in Berlin. Im Feuilleton denkt Eckhard Fuhr über die Marx-Renaissance nach. Paul Jandl spendiert Carl Djerassi im Wiener Restaurant Gmoakeller eine Portion gebackenes Hirn. Wieland Freund gratuliert der Sportschau zum Fünfzigsten. Besprochen werden der Comic "Inspektor Kajetan und die Sache Koslowski" und die Ausstellung "Gute Geschäfte" im Berliner Centrum Judaicum.

TAZ, 28.05.2011

An diesem Wochenende wird der einstige DDR-Freizeitpark im Berliner Plänterwald für Theater und Kunst kurzzeitig aufgesperrt. Esther Slevogt hat das aus der Zeit gefallene Gelände schon vorab besichtigt: "Das morbide Ambiente mit der unfassbaren Historie weckt bald auch Assoziationen an andere untergegangene Menschheitsträume. Auch an die untergegangene DDR, die einen mit ihren abgeräumten Denkmälern und geköpften Lenin-Statuen ebenfalls einfällt, während Sabrina Witte davon erzählt, wie über Nacht ein gigantischer Märchenbrunnen verschwand, oder von nächtlichen Einbrechern den übrig gebliebenen Schwanengondeln die Hälse abgesägt wurden."

Weitere Artikel: Katrin Kruse unterhält sich mit Daniel Miller, Professor für Material Culture in London, über das Verhältnis der Menschen zu den sie umgebenden Dingen. Christoph Gurk besucht das neu eröffnete FAZ-Cafe an der Münchner Uni. Steffen Grimberg verabschiedet den zum Jahresende überraschend sein Amt aufgebenden MDR-Intendanten Udo Reiter. Auf der Meinungsseite erklärt Robert Misik, wie der neue europäische Rechtspopulismus tickt. Und dass er mit den südeuropäischen Krisen sehr viel bedrohlicher wird.

Besprochen werden zwei Kleist-Ausstellungen in Frankfurt (Oder) und Berlin (Website), das neue Lady-Gaga-Album "Born This Way" (Julian Weber befasst sich freilich mit allem nur nicht der für ihn weitestgehend uninteressanten Musik), Barbara Panthers eponym betiteltes Debütalbum und Bücher, darunter Jim Nisbets Noir-Roman "Tödliche Injektion" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

Und Tom.

Weitere Medien, 28.05.2011

(Via evgenymorozov) Der Iran will sozusagen das Internet abschaffen, zumindest innerhalb seiner Landesgrenzen, berichtet Christopher Rhoads im Wall Street Journal: "Iran is taking steps toward an aggressive new form of censorship: a so-called national Internet that could, in effect, disconnect Iranian cyberspace from the rest of the world. The leadership in Iran sees the project as a way to end the fight for control of the Internet, according to observers of Iranian policy inside and outside the country. Iran, already among the most sophisticated nations in online censoring, also promotes its national Internet as a cost-saving measure for consumers and as a way to uphold Islamic moral codes."

Ein tunesisches Gericht hat angeordnet, dass pornografische Inhalte im Netz gesperrt werden, weil sie muslimischen Werten widersprechen, meldet Geoff Duncan in Digitaltrends: "Under the previous regime, Tunisia operated an extensive Internet censorship program that blocked access to many sites and services. That censorship ended with the overthrow of the regime in January. However, if the current court order is upheld, it will mark the second time Tunisia has enacted Internet censorship since January. Earlier this month, a military tribunal also ordered the Tunisian Internet Agency to block access to specific sites and Facebook profiles."
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FR, 28.05.2011

Der Spott war Albrecht Ludwig Berblinger, dem Schneider von Ulm, der vor 200 Jahren mit seinen Flugversuchen böse scheiterte, allzeit sicher. Christian Thomas fordert zum Jubiläum Gerechtigkeit für den Pionier: "Was für eine Leistung das war, die schließlich der tollkühne Schneider aus Ulm mit seinem historischen Versuch unternahm, kann man daran ermessen, dass die Drachenfliegerei, heute aus keinem Freizeithimmel mehr wegzudenken, eine Erfindung des letzten Drittels des 20. Jahrhunderts ist. Berblinger war mit seinem Flugobjekt, einem steuerbaren Gleitflieger, der ihn die Hänge der Schwäbischen Alb mehrfach hatte hinabsegeln lassen, seiner Zeit um 150 Jahre voraus."

Weitere Artikel: Erik K. Franzen schildert den Stand der Dinge beim 2014 eröffnenden Münchner NS-Dokumentationszentrum. In einer "Times Mager" befasst sich Bernhard Bartsch mit der Eigentümlichkeit chinesischer Geister. Über die bedrohliche Lage der New York City Opera, die aus Geldgründen aus dem renommierten Lincoln Center auszieht, berichtet Sebastian Moll.

Besprochen werden zwei Performances aus Japan bei den Wiener Festwochen, eine Ausstellung zu "Metaphern des Wachstums" im Frankfurter Kunstverein, Hans-Jürgen Heinrichs Sloterdijk-Biografie und Dirk Braunsteins Studie zu "Adornos Kritik der politischen Ökonomie".

NZZ, 28.05.2011

In Literatur und Kunst erklärt Opernregisseur Peter Konwitschny im Gespräch mit Corinne Holtz, warum er glaubt, dass Oper die Welt retten könne: "Wenn wir ernst nehmen, was die Autoren über das menschliche Zusammenleben sagen, dann könnten wir aufhören, darüber zu diskutieren, auf wessen Kosten die Löcher in den Staatshaushalten gehen. Wir könnten uns darüber unterhalten, was wir im tieferen Sinn wollen. Mehr Nähe, mehr Liebe, mehr Wärme, mehr Leben. Und nicht schnellere Autos, höhere Gewinne dort und dort."

Außerdem in der Samstagsbeilage: Karin Hellwig liest zeitgenössische Biografen über Diego Velazquez. Cornelia Isler-Kerenyi besucht Ausstellungen über antike Porträtkunst und über den Kaiser Nero in Rom (mehr hier und hier). Christine Wolter porträtiert die Autorin Fleur Jaeggy.

Fürs Feuilleton besucht Jürgen Brocan die unter ungeheuren Kosten renaturierten Landschaften des Ruhrgebiets und fragt: "Kann ein ehemaliger künstlicher Eingriff mit einem erneuten künstlichen Eingriff korrigiert werden und die Landschaft zur Natürlichkeit zurückführen?" Karl-Markus Gauß erinnert an den heute fast vergessenen Dramatiker Fritz Hochwälder, der in diesen Tagen hundert Jahre alt würde. Und Samuel Herzog schreibt zum Tod von Leonora Carrington.

Spiegel Online, 28.05.2011

Recht starke Worte findet Georg Diez für ARD und ZDF, die ihr Programm behandelten, "als sei es stinkender Unrat. Nichts ist da jedenfalls von diesem wunderbaren, widersprüchlichen Aufklärungspathos, mit dem die Amerikaner seit ein paar Jahren das Fernsehen wiederentdecken: als zeitgemäße Form, ein paar elementare Fragen einer Gesellschaft auf unterhaltsame, anspruchsvolle Art zu klären. ZDF und ARD wirken dagegen wie die Deutsche Bahn."
Stichwörter: ARD, Georg Diez, ZDF

Weitere Medien, 28.05.2011

Titanic lobt den unermüdlichen Einsatz der FAZ für Urheberrechte: "Erstaunlich dünkt uns daher, was in Deinem Faz.net, und zwar in der Bildergalerie zu George Clooneys 50. Geburtstag, zu finden ist: Die Texte zum zweiten, dritten und vierten Foto der Klickstrecke stehen ja - genau so bei Wikipedia! Bis auf einige kosmetische Änderungen sogar wortwörtlich!"

FAZ, 28.05.2011

Streikbedingt gerupft kommt das Feuilleton daher. Gina Thomas schreibt zum Tod Leonora Carringtons. Don Alphonso erzählt den "Untergang der Lombardei in Anekdoten". Zwei Artikel widmen sich neuen Empfehlungen des Wissenschaftsrats. Jürgen Kaube stimmt der Idee, die Archiv- und Klassikinstitutionen in Weimar, Marbach und Wolfenbüttel unter gemeinsamer Leitung des Forschungsministeriums zu bündeln, zu. Regina Mönch schreibt einen korrespondierenden Artikel zu einem Gutachten des Wissenschaftsrats über die Klassikstiftung Weimar, das positiver ausfiel als vor ein paar Jahren. Karen Krüger wundert sich doch sehr über die Uni Stuttgart, die auf Druck der türkischen Botschaft eine Veranstaltung über den Völkermord an den Armeniern absagte - und sich dabei auf ihre "Neutralität" berief. Arnold Bartetzky meint, dass das Förderprogramm "Städtebaulicher Denkmalschutz" nach den Neuen Ländern nun gefährdeten Bauten in den alten Ländern zugutekommen sollte. Katja Gelinsky resümiert amerikanische Spekulationen über den Richter am Supreme Court Clarence Thomas, der in den Verhandlungen so gut wie nie ein Wörtchen sagt.

Besprochen werden die Abschiedskonzerte Christian Thielemanns bei den Münchner Philharmonikern, CDs von Snoop Dogg und Bootsy Collins, sowie eine Box mit frühen Aufnahmen Sergiu Celibidaches und Bücher, darunter zwei Neuübersetzungen von Nathaniel Hawthorne.

Für Bilder und Zeiten besucht Hannes Hintermeier den als Bahnknotenpunkt bekannten Ort Attnang-Puchheim, der nun durch ein Festival betonen will, dass er mehr ist als eine Verkehrsinfrastruktur. Tilman Spreckelsen porträtiert den Maler Eberhard Schlotter, der neunzig wird. Alexa Tiemann besucht Karlsbad, das mit altmodischen Bällen an seine Vergangenheit anknüpft. Und Marco Schmidt interviewte am Rande des Festivals von Deauville den Regisseur Terry Gilliam.

Für die Frankfurter Anthologie liest Ulrich Greiner ein Gedicht von Kurt Drawert - "Tagebuch:

Die Wolken treiben dahin
an diesem Morgen, wie die
Worte in meinem Herzen (...)"

SZ, 28.05.2011

Andrian Kreye erklärt, dass die Aufarbeitung der serbischen Kriegsverbrechen an der Person Ratko Mladic wichtig ist: das Böse braucht ein Gesicht. Till Briegleb porträtiert den Nachwuchs-Erfolgs-Theaterregisseur Antu Romero Nunes. Klaus Englert zeigt sich beeindruckt vom von Willem Jan Neuteling entworfenen Antwerpener "Museum am Strom" (Bild). Thomas Steinfeld referiert die beinahe revolutionären Forderungen des Wissenschaftsrats, der die Kulturinstitutionen von Weimar, Wolfenbüttel und Marbach aus ihren föderalen Zusammenhängen gelöst sehen will. In seiner Kairoer Taxi-Kolumne macht sich Khalid al-Khamissi Gedanken über die gute Organisation der Kräfte des konterrevolutionären Chaos. Vom ersten internationalen Uran-Filmfestival in Rio berichtet Claus Biegert.

Im Aufmacher der SZ am Wochenende kann Gerhard Matzig über die Parole von der "Renaissance der Bahnhöfe" nach Stuttgart, Berlin und jetzt München nur lachen. Über die späte Ehrung der Märzgefallenen von 1848 schreibt auf der Historienseite Robert Probst. Jonathan Fischer spricht mit dem Boxtrainer Ali Cukur über "Schläger".

Besprochen werden Christian Thielemanns letztes Konzert als Chef der Münchner Philharmoniker mit einem französisch dominierten Programm, das Debütalbum "Conjazzness" von Nailah PorterLucy Walkers Film "Waste Land" und Bücher, darunter Bud Spencers Autobiografie "Mein Leben, meine Filme" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).