Heute in den Feuilletons

Mein Vater hatte 25 Pferde und einen Hirsch

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.05.2011. Die NZZ fragt: War Ingmar Bergman der Sohn seiner Mutter? Die FR ist fassungslos über das Ende der Kunstmesse Art Forum in Berlin. In der taz ist Gabriele-Goettle-Tag: Sie porträtiert einen Schausteller. Wolfgang Michal konstatiert in seinem Blog: Urheber sind wie Parmesan, sie lassen sich gut zerreiben. In der SZ ruft Ralf Bönt in Antwort auf Ursula März in der Zeit: Wer über Frauen schweigen will, soll über Männer reden.

TAZ, 30.05.2011

Am letzten Montag im Monat gehört das Feuilleton Gabriele Goettle. Diesmal besucht sie eine Schaustellerfamilie in Berlin Teltow. Seniorchef Horst Frank erzählt: "Mein Vater hatte 25 Pferde und einen Hirsch. Einen Zwölfender. Er ist gesprungen bei uns übers Kamel. Der musste in der Hitlerzeit getötet werden, weil, der durfte nicht im Wanderzirkus sein. Bären hatten wir auch. Wir sind herumgefahren im Wagen, wie die Zigeuner, so ungefähr. Die Zigeuner waren aber Bärentreiber. Hatten ihre Bären am Wagen angebunden, da mussten sie mitlaufen. Wir hatten unsere Bären im Wagen drin, in so einem Zirkuswagen, im Käfig. Dann hatten wir Hunde, die sind geritten. Das Zelt war 20 Meter, da gingen so um die 300 Menschen rein."

Weiteres: Ingo Arend zeigt sich nicht überrascht vom Aus des Berliner Art Forums: "Unter den internationalen Kunstmessen galt das berliner art forum immer als eine Variante des Dramas 'In Schönheit sterben', so schleppend liefen die Geschäfte im sammlerarmen Osten." Julian Weber trauert um die "coole Stimme des schwarzen Zorns", den Rap-Pionier Gil Scott-Heron. Wie schon gefühlt Hunderte vor ihm hat sich nun auch Rudolf Balmer entschlossen, die Reaktionen von Jack Lang, Bernhard-Henri Levy und anderen im Fall DSK zu kritisieren.

Und Tom.

FR, 30.05.2011

Sebastian Preuss ist fassungslos über das Ende der Berliner Kunstmesse Art Forum. Warum wussten Klaus Wowereit und sein Kulturstaatssekretär Andre Schmitz nichts davon? "Ist die Messe nicht ein landeseigenes Unternehmen Berlins? Kann sie einfach ohne Abstimmung eines der wichtigsten Kunstereignisse der Stadt kippen? ... Die Nachlässigkeit - oder das Desinteresse? - ist nicht der kleinste Skandal in dieser Affäre."

Das Politmagazin Panorama wird fünfzig. Auf der Medienseite erinnert sich Stefan Aust an manch schöne Zeit dort als Reporter. Besonders ein Programmdirektor ist ihm in der Software hängen geblieben: "Immer sah er den Untergang des Abendlandes nahen, oder wenigstens den der Demokratie. Einmal regte er sich besonders auf, ich weiß nicht mehr, aus welchem Anlass. Er brüllte: 'Wenn Sie so weitermachen, sitzen wir bald alle im KZ!' Ich antwortete: 'Ja, Herr Räuker, wir unten im Lager und Sie oben auf dem Wachturm.'"

Außerdem: Der Klientelismus ist Italiens größtes Problem, meint im Interview der britische Historiker Paul Ginsborg. Markus Schneider schreibt den Nachruf auf Gil Scott-Heron.

NZZ, 30.05.2011

Aldo Keel greift die Geschichte um Ingmar Bergmanns Herkunft auf, die in Schweden skeptisch, aber trotzdem sehr gern verbreitet wird: Demnach war der Regisseur nicht der leibliche Sohn seiner über alles geliebten Mutter Karin, sondern der Geliebten des Vaters Erik, des strengen Pastors. Beide Frauen hätten ihre Kinder gleichzeitig bekommen, der Vater habe sie getauscht.

Weiteres: In einem sehr hintergründigen Artikel beschreibt Christian Meier die territorialen Auseinandersetzung um Ostjerusalem, das sozial und intellektuell verarmt, während es von israelischen Siedlungen umringt wird. Christoph Wagner verabschiedet den RAP-Poeten Gil Scott-Heron, der aus dem irdischen Dasein in den Olymp schwarzer Musiker aufsteigen wird. Gabriele Hoffmann besichtigt die große Ausstellung Suermondt-Ludwig-Museum in Aachen, die Joos van Cleve als "Leonardo des Nordens" feiert.

Anzeige

Aus den Blogs, 30.05.2011

"Urheber sind wie Parmesan, sie lassen sich gut zerreiben", schreibt Wolfgang Michal in seinem Blog, nachdem er sich ein paar Sonntagsreden von Politikern und Lobbyisten angehört hat: "Von Urhebern oder Kreativen wird in all den Reden nur deshalb gesprochen, weil sich die Verwerter längst in die Rolle der Urheber hineingedrängt haben. Sie haben die Urheberrechte annektiert - per AGB. Auch die Debatte zum Leistungsschutzrecht verrät ja, wie sehr sich die Verwerter heute als die wahren Kreativen verstehen."

Amerikas Schönheitschirurgen sind da weiter, erfahren wir von Gawkers Lauri Apple. Juristen diskutieren einen Copyrightschutz für besonders gelungene Nasenoperationen! Das schafft natürlich einige Probleme für die Nutzer - "especially because the copyright owner would not be the nose owner but the surgeon, aka the 'nose sculptor,' or the 'nose artiste.' What if your doctor said you couldn't wear your nose out in public? Then you would have to get your nose removed, and that would be no fun."

Welt, 30.05.2011

Ulf Poschardt hat herausgefunden, warum es in Deutschland keine rechtspopulistische Parteien gibt: "Rechte" Ressentiments von Fortschrittsfeindlichkeit bis Antisemitismus werden schon ausreichend von linken Parteien, allen voran der Linkspartei bedient. Dankwart Guratzsch ist nicht besonders überzeugt von einem Architekturwettbewerb zu Sarkozys Groß-Paris-Plänen, dessen Entwürfe in einer Ausstellung durch Deutschland touren. Mladen Gladic verfolgte ein Symposion über die Größen der konservativen Kultur wie Heidegger und die Jüngers in der Nachkriegszeit. Gerhard Gnauck liest eine Umfrage zum Deutschlandbild der Polen.

Besprochen wird Calixto Bieitos Inszenierung von Händels Oper "Il Trionfo del Tempo de del Disinganno" in Stuttgart.

FAZ, 30.05.2011

Jüngste reaktionäre Einlassungen des neuerdings ohne Blaulicht-Privileg durch Moskau fahrenden Filmregisseurs Nikita Michalkow glossiert Kerstin Holm. Sven Beckstette schreibt zum Tod der Musikerlegende Gil Scott-Heron. Gina Thomas besucht das von David Chipperfield entworfene Museum Hepworth Wakefield (Bild), mit dem der Architekt nun endlich auch bei seinen Landsleuten Anerkennung findet. Über die - von der Stellenanzeige an etwas merkwürdige - Suche des Bonner Beethoven-Hauses nach einem Direktor berichtet Andreas Rossmann. Wolfgang Schneider resümiert den diesjährigen Alfred-Döblin-Preis-Wettbewerb, bei dem Jan Peter Bremer gewann. In seiner "Klarer Denken"-Serie hält Rolf Dobelli nichts von Heiligenscheinen. Patrick Bahners gibt sein Rechtsgutachten ab zum Prozess um einen vor elf Jahren von der Winckelmann-Gesellschaft ausgestellten Alexander-Torso dubioser Herkunft, zu dem heute das Landgericht Stendal das Urteil sprechen wird.

Besprochen werden Deutschlandpremieren beim Wolfsburger Tanzfestival "Movimentos", die zwei Ausstellungen zu Heinrich von Kleist in Frankfurt (Oder) und in Berlin (Website), die Cathy-Wilkes-Ausstellung im Kunstverein München und Bücher, darunter Najem Walis Roman "Engel des Südens" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

SZ, 30.05.2011

Warum schweigt die UNO zu den Vorgängen in Syrien, fragt auf den vorderen Seiten Radwan Ziadeh, Direktor des Damaskus-Centers für Menschenrechte: "Es schmerzt mich und macht mich wütend, dass der UN-Sicherheitsrat auch nach neun Wochen, in denen mehr als 1.000 Zivilisten getötet und mehr als 10.000 Menschen inhaftiert wurden, immer noch schweigt. Das brutale Vorgehen gegen friedliche Demonstranten wurde nicht verurteilt. Die syrische Regierung wurde nicht einstimmig dazu aufgefordert, die Gewalt zu beenden. Es gab nicht einmal Unterstützung für eine Untersuchung der Menschenrechtsverletzungen durch die UN."

Können wir mal zwei Jahre aufhören, über Frauenrollen zu reden, hatte Ursula März in der Zeit vorgeschlagen. Der Schriftsteller Ralf Bönt nickt zustimmend. Man betrachte nur das Ergebnis: "Frauen stiegen in Positionen auf, wurden dabei männlicher und machten die gesamte Gesellschaft männlicher. Das ist schlecht, weil einschränkend." Deshalb fordert Bönt jetzt Rechte für Männer, die dieser Entwicklung etwas entgegensetzen: "Wir Männer brauchen erstens: das Recht auf ein karrierefreies Leben. Der Mann muss jenseits einer beruflichen Stellung respektiert werden; zweitens: das Recht auf Krankheit jenseits der Vorwürfe von Hypochondrie und Fühllosigkeit; drittens: das Recht auf eine geehrte Sexualität jenseits von Ablehnung, Diffamierung, Kapitalisierung und Kriminalisierung."

Weitere Artikel: Der Filmproduzent Günter Rohrbach plädiert gegen die Synchronisation von Filmen, die alle sprachlichen Unterschiede plattwalzt. Beim eG8-Gipfel gings auch um die gefährdete Netzneutralität, berichtet Niklas Hofmann. Michael Moorstedt hat gelesen, wie autoritäre Regimes im Netz Zensur ausüben: Mit Filtersoftware aus dem Westen, oder indem sie, wie der Iran, an einem lückenlos kontrollierten "nationalen Internet" basteln. Volker Breidecker besucht den Mailänder Adelphi Verlag, dessen Chef, Roberto Calasso, heute siebzig wird. Jörg Magenau gratuliert Jan Peter Bremer zum Döblin-Preis. Jonathan Fischer schreibt zum Tod des Rap-Pioniers Gil Scott-Heron. Auf der Medienseite stellt Jörg Häntzschel einen Dokumentarfilm über die New York Times in Zeiten des Internets vor: "Page One". Hier der Trailer und hier ein Video von PBS über den Film:



Besprochen werden Thomas Dannemanns Inszenierung von Samuel Becketts "Warten auf Godot" am Kölner Schauspielhaus, eine Ausstellung über "Regie-Frauen" im Theater in der Berliner Akademie der Künste, Calixto Bieitos Inszenierung des Händel-Oratoriums "Trionfo del Tempo e del Disinganno" in Stuttgart ("es fliegen die Fetzen", versichert Wolfgang Schreiber) und die Ausstellung "Kiefer & Rembrandt" im Rijksmuseum von Amsterdam.