Heute in den Feuilletons

Rasiermesserscharfe Seelenchirurgie

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.04.2011. In der FR erklärt Alfred Neven DuMont, wie er die "Qualität wie gewohnt" trotz der Entlassung Dutzender Redakteure erhalten will. Und Parag Khanna bekennt: "Ich bin für Tyrannenmord". Die Welt feiert ihren 65. Geburtstag. Und Fritz J. Raddatz kollabiert bei der Lektüre von Ciorans frühen Schriften. Die NZZ liest syrische Gefängnisliteratur und entwickelt einen islamischen Begriff der Menschenrechte.Die SZ verteidigt Jean Ziegler und plaudert mit Cat Stevens.

FR, 02.04.2011

Die Hiobsbotschaft für die FR verkündet der Chef Alfred Neven DuMont höchstpersönlich. Die Zeitung geht in ihren überregionalen Teilen nach Berlin, einer großen Zahl von Beschäftigten wird gekündigt. Gepfiffen im Wald wird aber auch: "Für diese Zukunft wollen wir die Zeitung auf eine solidere wirtschaftliche Basis stellen und dabei nicht nur die Zeitung am Leben erhalten, sondern die Qualität wie gewohnt aufrecht erhalten. Das meinen wir ernst. Obwohl bereits heute einige andere Zeitungen den Konkurrenten Frankfurter Rundschau, ohne die neue Fassung gesehen zu haben, ins zweite Glied versetzt wissen möchten. Die Realität wird sie eines Besseren belehren."

Die Chefredaktion erklärt die Details. Und die Redaktion sagt dazu: "Wir verstehen sehr gut, dass gespart werden muss, wenn infolge der Wirtschaftskrise oder aufgrund struktureller Veränderungen Anzeigen ausbleiben. Aber wir wehren uns gegen Sparmodelle, die dieser Redaktion die Leidenschaft nehmen und unseren Lesern die Erfahrung einer - oft in mehr als einer Beziehung - aufregenden Zeitung."

Im Feuilleton: Arno Widmann unterhält sich mit dem Globalisierungsanalytiker Parag Khanna über die Bedeutung von Immigranten und die neue Unübersichtlichkeit der Weltmächte. Khannas Gaddafi-Kalkül geht übrigens so: "Ehrlich gesagt, ich hätte ihn vor einem Monat ermordet... Ich bin sehr für Attentate gegen Terroristen und vom Internationalen Kriegsgericht verurteilte Kriegsverbrecher, ich bin für Tyrannenmord. Ich blicke auf unsere Probleme nicht mit religiösen Gefühlen. Ich mache eine Kosten-Nutzen-Analyse." (Für Berliner: Das Interview findet sich auch im Magazin der Berliner Zeitung.)

Besprochen wird Henning Andresens Entwicklungshilfe-Studie "Staatlichkeit in Afrika" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

Welt, 02.04.2011

Fritz J. Raddatz liest in der Literarischen Welt Ciorans frühe nazi-trunkene Texte "Über Deutschland" und bricht förmlich zusammen: "Ich wünschte, ich hätte dieses Buch nie gelesen. Eine grässliche Lektüre. Fragen muss ich mich allerdings: Muss man auch andere Bücher von Cioran ganz neu, ganz anders lesen? Sind vielleicht viele der so gepriesenen Aphorismen, deren Schnippischkeit man bewunderte und deren rasiermesserscharfe Seelenchirurgie man gar köstlich fand - sind auch die nicht ein Nachhall seiner Paukenschläge gegen Vernunft, Ratio, Denken? Ich finde Unterstreichungen von mir etwa in dem Band 'Geschichte und Utopie', die diesen Verdacht durchaus nähren."

Die Welt wird heute 65 und feiert den Anlass mit einer 18-seitigen Beilage. Im Leitartikel versichert Mathias Döpfner, dass zu Selbstergriffenheit kein Anlass bestehe, vergisst aber auch nicht zu erwähnen, dass er es war, der 2008 erstmals Gewinne für die Welt-Gruppe annoncierte. Die Beilage scheint sich auch gelohnt zu haben - neben Erinnerungsartikeln gibt es eine Menge Anzeigen gratulierender Unternehmen.

In der Literarischen Welt bekennt der konservative britische Publizist Theodore Dalrymple sein Grauen angesichts der bevorstehenden royalen Heirat. Ruth Klüger liest Martha Gellhorns bei Dörlemann aufgelegten "Reisen mit mir und einem Anderen" (Leseprobe) und schildert vor allem die Begegnung Gellhorns mit Nadeschda Mandelstam in Moskau. Außerdem erinnert Marion Lühe an die Bildhauerin Renee Sintenis, der ein neuer Bildband gewidmet ist. Auf der Meinungsseite fragt sich die Krimiautorin Cora Stephan, warum das lesende Publikum so viel Blut sehen will, das es eine ganze Krimi-Industrie trägt.

Im Feuilleton singt Wolf Lepenies eine Hymne auf den Höhepunkt der Basketballsaison in den USA, die March Madness. Marko Martin erinnert an Graham Greene, der vor zwanzig Jahren gestorben ist. Hans-Joachim Müller trifft den Kunstsammler Frieder Burda zum Tischgespräch. Im Interview mit Harald Reiter kündigt Anna Netrebko an, demnächst Wagner (nämlich die Lohengrin-Elsa) singen zu wollen.

TAZ, 02.04.2011

Auch Jutta Lietsch durfte die große, von deutschen Museen kuratierte Eröffnungsausstellung "Kunst der Aufklärung" im neuen chinesischen Nationalmuseum besuchen. Sie kritisiert das Einreiseverbot für den Schriftsteller Tilman Spengler, sie kann vom geplanten "Forum der Bürgerbegegnung" wenig entdecken - und sie findet den Repräsentationsbau etwas größenwahnsinnig dimensioniert: "Gewöhnliches Publikum darf erst ab dem Wochenende durch die Hallen dieses größten Museums der Welt strömen. Das Gebäude symbolisiert die Größe und Macht des neuen Chinas. Hinter der alten Fassade wurde kräftig angebaut, aus 35.000 Quadratmetern wurden 191.900 Quadratmeter. Für rund 250 Millionen Euro entstanden 49 Ausstellungshallen, ein Kino, ein Auditorium und eine gewaltige Lobby von 260 Metern Länge, 34 Metern Breite und 27 Metern Höhe."

Weitere Artikel: Sebastian Heiser berichtet von einer Recherche, die erbrachte, dass sich im Graubereich der "Sonderveröffentlichung" bei mancher Zeitung - von der Zeit bis zum Neuen DeutschlandFAZ oder SZ kommen nicht vor - eine gewisse Aufweichung der Grenze zwischen Anzeige und redaktionellem Inhalt erreichen lässt. Den Besetzern der Gaddafi-Villa in London hat Julia Grosse einen Besuch abgestattet. Die politkulturelle Lage der Grünen nach ihrem Wahlsieg im Ländle skizziert mit dem Timbre des Staatstragenden Peter Unfried. Steffel Siegel stellt den Künstler Michael Wolf vor, der mit fotografischen Funde aus dem riesigen Fundus der Googel-Street-View-Bilder Furore macht. In der "Leuchten der Menschheit"-Kolumne befasst sich Tania Martini mit philosophischen Aspekten des Trieblebens. Steffen Grimberg kommentiert den Niedergang der Frankfurter Rundschau.

Besprochen werden Bücher, darunter Thomas Glavinic' neuer Roman "Lisa" und Dani Rodriks Ökonomie-Essay "Das Globalisierungs-Paradox" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

Und Tom.
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NZZ, 02.04.2011

Zwei Reflexionen über die arabischen Aufstände:

Im Feuilleton wirft der syrische Autor Ibtissam Moure einen Blick auf die aktuelle Literatur in Syrien, die vor allem vom Gefängnis geprägt ist und verweist auf einen der Autoren der "Gefängnisliteratur", Mohammad Ali Atassi, dessen Essay "The Other Prison" auch im Netz steht: "Der Begriff 'Gefängnisliteratur' umfasst in Syrien alles, was das Schweigen bricht, welches - so Atassi - 'genügt, um einen Menschen zu töten'. Allgemeiner Konsens ist, dass keiner im aus der ehemaligen DDR importierten 'deutschen Stuhl' gelitten haben muss (eine Art Metallrahmen, in dem die Wirbelsäule des Häftlings gestreckt wird, bis sie bricht), um sich dem Tode nahe zu fühlen."

In Literatur und Kunst bezieht die Völkerrechtlerin Kerstin Odendahl Paul Flemings gottergebenes Kirchenlied "In allen meinen Taten", das von Bach vertont wurde, auf die Situation in den arabischen Ländern, wo sie gerade Vorträge über Menschenrechte hielt: "Im Islam hat Gott die Menschenrechte geschaffen. Die Demonstranten schöpfen demnach ihre Kraft, wahrscheinlich ohne es zu wissen, aus der richtigen Quelle. Die Kantate hat also nicht ganz unrecht". Mehr über die islamischen Menschenrechtserklärungen hier. Und hier (pdf) die arabische Charta der Menschenrechte.



Die ganze Kantate ist hier zu hören.

Im Feuilleton schreibt außerdem Susanne Landwehr über neue Repressionen gegen Autoren wie Orhan Pamuk und Journalisten in der Türkei. Miriam Meckel schildert ihren digitalen Alltag mit Zeitungsabos der NZZ und der New York Times. Uwe Justus Wenzel gratuliert dem Felix-Meiner-Verlag zum hundertsten Jubiläum.

In Literatur und Kunst versucht die in Zürich lebende Publizistin Wei Zhang zu ergründen, warum der Mao-Kult in China bis heute fortdauert. Ludger Lütkehaus erinnert an den japanischen Autor Akutagawa Ryunosuke, der unter anderem die Vorlage für Akira Kurosawas Film "Rashomon" lieferte. Andreas Backoefer erinnert an den Opernregisseur und Intendanten Günther Rennert, der vor hundert Jahren geboren wurde

Besprochen werden eine große Ausstellung des Frührenaissancemalers Konrad Witz im Kunstmuseum Basel und Bücher, darunter Jan Wagners Gedichtband "Australien".

SZ, 02.04.2011

Anlässlich der FDP-Krise sieht Gustav Seibt wenig historische Belege dafür, dass der Liberalismus wirklich zu Deutschland gehört. Und er stellt ganz und gar nicht rhetorisch gemeinte Fragen wie diese: "Was würde fehlen im Gedächtnis der Deutschen, wenn es die FDP nicht gegeben hätte?" Oder jene: "Und was würde aktuell verlorengehen, wenn der Liberalismus als parteipolitische Kraft verschwinden würde?"

Weitere Artikel: Die Festspiele Salzburg haben ihren Festredner Jean Ziegler schnöde ausgeladen, wegen angeblich zu großer Nähe zum Gaddafi-Regime. Michael Frank kommentiert: "Tatsächlich hat er das Gaddafi-Regime weit differenzierter als andere beurteilt, sich aber auch immer distanziert." (Mehr dazu hier) Tim Neshitov blickt voraus auf den ersten deutschen Prozess wegen Kriegsverbrechen gegen einen afrikanischen Milizenführer. Der Schriftsteller Khalid al-Khamissi lässt sich in seiner Kolumne von einem Kairoer Taxifahrer erklären, warum das Mubarak-Regime auf den Müll geworfen gehört wie ein altes Hemd. Den neuen Chef des Münchner Residenztheaters Martin Kusej hat Christine Dössel getroffen und mit ihm über seine Zukunftspläne gesprochen.

Andrian Kreye unterhält sich mit dem jetzt wieder tourenden Yusuf aka Cat Stevens über Pop, Sinnsuche und das Verhältnis des Islam zur Musik (und erspart ihm Fragen zu seinen Äußerungen über Rushdie). In Berlin erlebt Camilo Jimenez einen Vortrag von Slavoj Zizek. Christian Jostmann referiert einen äußerst kritischen Aufsatz des Historikers Johannes Hürter in den Vierteljahresheften für Zeitgeschichte zur aufsehenerregenden Studie "Das Amt". Auf der Medienseite kommentiert Marc Felix Serrao das nun auch offizielle Ende der FR als eigenständig überregionale Zeitung.

Für die SZ am Wochenende ist Janek Schmidt nach Doha gereist und bringt eine Reportage aus den Redaktionsräumen des immer einflussreicheren arabischen Fernsehsenders Al-Dschasira mit. Vorabgedruckt wird ein Text aus dem Nachlass von Julio Cortazar mit dem Titel "Das Spinnennetz". Gabriela Herpell unterhält sich mit der Late-Night-Comedienne Ina Müller über "Strenge".

Besprochen werden ein Konzert des Pianisten Grigorij Sokolov in München, Cyprien Gaillards Ausstellung "The Recovery of Discovery" in den Berliner Kunstwerken, die Ausstellung "Fotografie für Architekten" im Architekturmuseum der TU München, Zach Snyders Film "Sucker Punch" und Bücher, darunter Wolf Wondratscheks Roman "Das Geschenk" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

FAZ, 02.04.2011

Die Technikhistorikerin Martina Heßler knüpft an die Katastrophe von Fukushima Medititationen von angemessener Düsternis und operiert dabei mit einem Begriff von Günther Anders: "Zu befürchten ist .., dass die 'Apokalypse-Blindheit', die Unfähigkeit des Vorstellens und des Fühlens, schon bald zurückführen wird in das Konzept des reibungslosen Ablaufs, das Kennzeichen der modernen technischen Kultur ist und scheinbar alle Erschütterungen des Golems Technik übersteht, der unerschrocken weiter seinen Weg geht."

Weitere Artikel: Regina Mönch hat in der Leitglosse Mitleid mit Johannes Heesters, der auch im Alter von 106 Jahren seine Königen nicht sehen und mit ihr Versöhnung feiern darf. Andreas Rossmann schreibt über die in NRW knifflige Frage, ob am Karfreitag Theater gespielt werden darf. Tomasz Kurianowcz resümiert einen Berliner Vortrag des "ultrakonservaitven Marxisten" Slavoj Zizek über Hegel. Jordan Mejias wirft einen Blick in amerikanische Zeitschriften. Jürgen Kesting schreibt zum Tod des britischen Musikkritikers John B. Steane (und empfiehlt sein Buch "The Grand Tradition"). Auf der letzten Seite schreibt Michael Horeni über die Karriere des Fußballers Michael Ballack, die wegen einer Verletzung nicht , wie es nur würdig gewesen wäre, durch eine WM gekrönt werden konnte.

Auf der Schallplatten-und-Phono-Seite geht?s unter anderem um die erste Solo-CD von Adam Haworth Stephens (Musik) und um Stücke des polnischen Komponisten Mieczyslaw Karlowicz. Auf der Medienseite berichtet Michael Hanfeld über die annoncierte Vermantelung der vormals Frankfurter Rundschau und die Entlassung einiger Dutzend Redakteure. Im Leitartikel auf Seite 1 reflektiert Tilman Spreckelsen Glanz und Elend des Jugendbuchs, das inzwischen dank Autorinnen wie Rowlings und Funke 15 Prozent des Gesamtmarkts ausmacht und von Erwachsenen genauso wie von Jugendlichen gelesen wird Besprochen wird die Ausstellung über die Polizei in der Nazi-Zeit im Deutschen Historischen Museum.

Bilder und Zeiten ist der Lage von Museen rund um die Welt gewidmet. Swantje Karich beschreibt im Aufmacher die Situation in Deutschland, die zugleich irgendwie prächtig und irgendwie heikel ist. Außerdem geht?s etwa um Frankreich, die arabischen Emirate, Großbritannien und China. Auf der letzten Seite unterhält sich Daniela Roth mit der Kuratorin Koyo Kouoh aus dem Senegal.

Für die Frankfurter Anthologie liest Walter Hinck ein Gedicht Dirk von Petersdorffs - "Alter Freund, alte Freundin:

Das Leben ging so leicht wie Rennradfahren
im weißen Flatterhemd zum Ostseestrand. (...)"