Heute in den Feuilletons

Ein Teil dieser Summe

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.04.2011. In der NZZ mag Andrzej Stasiuk nicht mehr an den Westen glauben, auch nicht, wenn er in Libyen interveniert. In der taz wirft Ulrich Beck der Politik vor, uns nicht vorm Unvorstellbaren bewahrt zu haben. Auf Carta wird über die Öffentlich-Rechtlichen diskutiert: Sollen Gebühren auch an andere Medien gehen, oder soll das Programm noch ausgeweitet werden, um sinkendes Interesse zu kompensieren? Der Menschenrechtsexperte Jean Ziegler muss sich nach verschiedenen Berichten gegen den Vorwurf der Nähe zu Gaddafi verteidigen. SZ und FAZ kommen nochmal, etwas milder als gestern, auf die umstrittene Aufklärungsausstellung in Peking zurück.

NZZ, 01.04.2011

Nach Heuchelei riecht für den polnischen Schriftsteller Andrzej Stasiuk die westliche Methode, Demokratie nach Libyen per Kampfflugzeuge zu exportieren. Echtes Interesse am Schicksal der arabischen Völker bringe der Westen nicht auf: "Ich erinnere mich gut an unsere Einsamkeit zu Zeiten des Kommunismus. Der Westen schaute uns mit mäßigem Interesse zu. Und vor allem voller Angst, unser Drama, unsere Tragödie könne, was Gott verhüten möge, unsere Grenzen überschreiten. Die Geschichte wiederholt sich. Wieder schauen wir aus der Ferne auf Menschen, die auf eine Wende in ihrem Schicksal hoffen und dafür ihr Leben riskieren, aber wir haben ihnen nichts anzubieten. Wir haben Angst vor ihnen, weil sie anders sind. Und wir wollen nicht, dass sie uns ähnlich werden, denn dann kommen sie zu uns."

Weiteres: Peter Hagmann erzählt die Erfolgsgeschichte des Berliner Aufnahmestudios Teldex. Dirk Pilz würdigt den Schweizer Stephan Märki, der seit elf Jahren das Deutsche Nationaltheater in Weimar leitet. Besprochen werden eine Ausstellung des Renaissancemalers Melozzo da Forli in den Musei San Domenico in Forli, Bruno Mantovanis in Paris uraufgeführte Oper "Akhmatova" (die Marco Frei als "dekoratives, postmodernes, monotones Allerlei" schmäht), Aufnahmen des wiederentdeckten Komponisten Mieczyslaw Weinberg.

Weitere Medien, 01.04.2011

Der auch in hiesigen Medien wie der Zeit (hier), der SZ (hier) und der taz (hier und hier und hier) immer wieder gern konsultierte Menschenrechtsexperte Jean Ziegler gerät wegen seiner Nähe zu Gaddafi immer mehr in Bedrängnis. Das Schweizer Fernsehen hat herausgefunden, dass er über Jahre eine Stiftung mit repräsentierte, die den Gaddafi-"Menschenrechtspreis" organisierte, und ihm wurde außerdem im Jahr 2002 (im selben Jahr wie der Holocaustleugner Roger Garaudy) selbst der "Menschenrechtspreis" zugesprochen, den er aber ablehnte. Mehr in einem ausführlichen Dossier von UN Watch aus dem Jahr 2006, einige Quellen hier als pdf-Dokument und hier:




Stichwörter: Taz, Jean Ziegler

FR, 01.04.2011

Karl Grobe berichtet von Versuchen, in der russischen Teilrepublik Tatarstan einen modernen Islam zu schaffen. Doris Meierhenrich schreibt zum Achtzigsten des Schriftstellers Rolf Hochhuth. Zur Wiedereröffnung des Frankfurter Instituts für Sozialforschung druckt die FR eine Redeauszug von Max Horkheimer: "Befriedigung des Individuums im schlechten Ganzen, wie angenehm sie auch sein mag, ist widerspruchsvoll und eitel."

Besprochen werden eine Ausstellung über Korea im Kölner Museum für Ostasiatische Kunst, William Forsythes choreografische Installation "The Defenders" im Bockenheimer Depot in Frankfurt, das Album "Euphoric/// Heartbreak" von Glasvegas und zwei Bücher über das Böse von Terry Eagleton und Eugen Sorg (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).
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Welt, 01.04.2011

Fürs Feuilleton besucht Eckhard Fuhr die Ausstellung des Deutschen Historischen Museums über die Polizei in der Nazizeit, und es stellt sich heraus, was auf der Hand lag: Man darf nicht zwischen böser Gestapo und guter Polizei trennen: "In der Politik der Besetzung, Ausbeutung und Vernichtung war die Polizei ein zentraler Akteur. Polizisten sicherten das System der Zwangsarbeit, Polizeieinheiten führten den Partisanenkrieg und schlugen den Aufstand der Polnischen Heimatarmee nieder, die Polizei trieb die Juden zur Deportation zusammen und bewachte die Transporte."

Weitere Artikel: Thomas Lindemann verfolgte die Verleihung des Deutschen Computerspielpreises. Sören Kittel zeichnet anlässlich des Buchs "Underground" in der Glosse ein Bild der Hackerszene um Julian Assange in den neunziger Jahren. Ulrich Weinzierl gratuliert Rolf Hochhuth zum Achtzigsten. Martin Eich liest noch einmal die Studie "Grün schlägt Rot" der amerikanischen Politologen Andrei Markovits und Philip S. Gorski, die schon früh den Triumph der Grünen über die Sozialdemokratie prophezeiten

Besprochen wird Christoph Hochhäuslers Film "Unter dir die Stadt" (mehr hier).

Auf der Meinungsseite begrüßt Necla Kelek die Aufforderung des neuen Innenministers Hans-Peter Friedrich an die Funktionäre der islamischen Verbände, bei der Terroraufklärung mitzuwirken. Wenn "man von den Muslimen und ihren Verbänden aktiv Integrationsleistungen abverlangen kann, wenn wir darüber diskutieren können, ob ein Bürger dieses Landes zumindest in Sicherheitsfragen loyal gegenüber der Gesellschaft sein sollte, dann verändert sich auch das von der Sozialpolitik eingehegte Leben der Migranten. Sie werden nicht mehr als Mündel betreut, sondern sind für sich selbst und die Gesellschaft mitverantwortlich."


Berliner Zeitung, 01.04.2011

Außer Revolution gibt es in Ägypten auch Kontinuität. Der alte ägyptische Minister für Antiquitäten Zahi Hawass (der von Deutschland die Nofretete-Büste zurückhaben will) ist auch wieder der neue. Dabei wurde das ihm unterstehende Museum während des Aufstands geplündert, berichtet Julia Gerlach: "Vieles wurde inzwischen zurückgebracht. Aber immer noch kursiert der Verdacht, dass die Angriffe von Profis verübt wurden, die womöglich Unterstützung von den staatlichen Antiquitätenhütern hatten."
Stichwörter: Ägypten, Deutschland

Aus den Blogs, 01.04.2011

Wie genau rechtfertigen sich die GEZ-Gebühren im Zeitalter der der Medienkonvergenz?, fragt Kai-Hinrich Renner in einem Kapitel aus seinem Buch "Digital ist besser", das bei Carta publiziert wird: "Schon jetzt zahlt jeder deutsche Haushalt 215,76 Euro Rundfunkgebühren pro Jahr. So kommen jedes Jahr 7,6 Milliarden Euro zusammen. Das ist nicht eben wenig. Was spräche eigentlich dagegen, einen Teil dieser Summe journalistischen Angeboten zukommen zu lassen, die nicht von ARD, ZDF oder Deutschlandradio verantwortet werden?"

Cem Özdemir fordert im Interview mit Helmut Hartung ebenfalls auf Carta dagegen eine Ausweitung des Programms der öffentlich-rechtlichen Sender - um das schwindenden Interesse an ihren Programmen zu kompensieren. "Ansonsten wird die Gebührenakzeptanz gerade bei den zukünftigen Zahlerinnen und Zahlern weiter sinken. Nur noch 45 Prozent der 18- bis 29 Jährigen sprechen sich in repräsentativen Umfragen für den Erhalt des gebührenfinanzierten Systems aus. Das öffentlich-rechtliche System darf jedoch niemanden ausschließen, egal ob alt oder jung, das steht für uns Grüne im Vordergrund." Das Durchschnittsalter der Zuschauer bei ARD und ZDF liegt bei über sechzig Jahren.

TAZ, 01.04.2011

Katastrophen wie die in Fukushima könnten zu einer Erosion des Demokratieverständnisses führen, warnt der Soziologe und Risikoforscher Ulrich Beck in einem Gespräch. Beck, der 1986 sein Buch "Die Risikogesellschaft" schrieb und jetzt in der Ethik-Kommission der Kanzlerin sitzt, meint: "Die Politik hat sich durch die Zustimmung zur Kernenergie an das Schicksal dieser Technologie gebunden. Mit dem Eintritt des Unvorstellbaren geht das Vertrauen der Bürger gegenüber den Politikern verloren."

Der bekannte syrische Rechtsanwalt und Bürgerrechtler Haitham al-Maleh spricht im Interview über die Demonstrationen in seinem Land und sein fehlendes Vertrauen in dessen Führung: "Sie verteidigt nur ihre eigenen Interessen und schert sich nicht um das Land."

Frank Schäfer unterhält sich mit dem Braunschweiger Musikwissenschaftler Dietmar Elflein über dessen Buch "Schwermetallanalysen", worin er dem Heavy-Metal-Kanon mit analytischen und statistischen Methoden zu Leibe rückt.

Besprochen werden Britney Spears Album "Femme Fatale", die Graphic Novel "rpm" der in Hamburg lebenden Zeichnerin Martina Lenzin und der von Suelette Dreyfus und Julian Assange verfasste Tatsachenroman "Underground" über die Hacker-Vergangenheit des Wikilieaks-Gründers (mehr dazu in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Und Tom.

SZ, 01.04.2011

So sieht heute die Seite 1 der SZ aus.



Stephan Speicher besucht die große deutsche Ausstellung "Kunst der Aufklärung" im neuen chinesischen Nationalmuseum. Seine kundige Besprechung fällt nicht unfreundlich aus. Die Fragen, die sich ihm stellen, verschweigt er jedoch so wenig wie die Bedingungen seines Aufenthalts: "Interessant, aber nicht erhärtet ist die Spekulation, zum jetzigen Zeitpunkt würde sich China auf ein solches Thema nicht mehr einlassen. Der Rezensent der Ausstellung kann das als Allerletzter beurteilen. Er kommt, eingeladen vom Hauptsponsor BMW, für einige Tage aus Deutschland, er sieht die Ausstellung mit deutschen und europäischen Augen. Was sie für chinesische Behörden und chinesische Bürger bedeutet, das muss ihm verschlossen bleiben."

Weitere Artikel: Jens Bisky unterhält sich mit Hermann Parzinger, dem Chef der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, sehr ausführlich über die umstrittenen Umbaupläne für das Pergamonmuseum. Till Briegleb blickt voraus auf die Hamburger Photo-Triennale. Lothar Müller stellt die Thomas Kling gewidmete aktuelle Nummer der Zeitschrift Schreibheft vor. Über die geplante Zerschlagung des Leipziger Tanzarchivs empört sich Dorion Weickmann. Burkhard Müller gratuliert Rolf Hochhuth zum Achtzigsten. Auf der Medienseite porträtiert Klaus Brill den schwerreichen tschechischen Ex-Investment-Banker und nunmehr Multi-Verleger Zdenek Bakala.

Besprochen werden gleich drei Aufführungen von Lessings "Nathan der Weise" in Mailand, Christoph Hochhäuslers Film "Unter dir die Stadt" und Bücher, darunter Sascha Hommers Graphic Novel "Dri Chinisin" nach Erzählungen von Brigitte Kronauer (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

FAZ, 01.04.2011

Und so sieht die Seite 1 der FAZ aus:




Mark Siemons hat sich die große, von Deutschland kuratierte Ausstellung zur "Kunst der Aufklärung" im neuen chinesischen Nationalmuseum in Peking angesehen. Vieles darin findet er instruktiv, sieht jedoch die zentrale Crux darin, dass die Aufklärung und ihre Werte keine genuin eigene Kunst hervorgebracht haben. Hilfreich sei deshalb das Debatten-Begleitprogramm, allein: "Einer der Berater dieses auf deutscher Seite von der Mercator-Stiftung verantworteten Programms ist der Münchner Schriftsteller und Sinologe Tilman Spengler. Dass die chinesischen Behörden Spengler nun die Einreise zur Ausstellungseröffnung verweigerten - offenbar wegen einer Rede auf den inhaftierten Nobelpreisträger Liu Xiaobo -, demonstriert auf groteske Weise, wie vollständig das amtliche China die Kultur der Aufklärung von den Forderungen nach individuellen Rechten und Meinungsfreiheit zu trennen vermag." 

Der aus Syrien stammende Schriftsteller Rafik Schami ist im Interview voller Hoffnung auch für die Revolution in seinem eigenen Land und hat nicht das mindeste Verständnis für die jüngere deutsche Friedfertigkeit in Sachen Libyen: "Der Westen reagierte, ohne Deutschland, spät, aber, Gott sei Dank, nicht zu spät. Wäre Benghasi gefallen, hätte man die ägyptische und dann die tunesische Revolution erstickt. Sollten Frau Merkel oder Herr Westerwelle behaupten, sie hätten das nicht gewusst, empfehle ich die sofortige Auflösung des deutschen Geheimdienstes."

Weitere Artikel: In ihrer Kolumne "Aus dem Maschinenraum" sieht Constanze Kurz die Lieferengpässe nach der Japan-Katastrophe als deutliche Folge der aus Kostengründen entwickelten "Logistikakrobatik" der Wirtschaftswege. Jürgen Kaube erklärt, dass wir nach Fukushima der Technik mit gutem Grund skeptischer gegenüberstehen. In der Glosse lässt Christian Geyer den französischen Philosophen Bernard-Henri Levy Angela Merkel zum 1. April telefonisch die Pistole auf die Brust setzen. Gerhard R. Koch blickt zurück auf den in Frankfurt zum Vortrag gekommenen Beethoven-Zyklus des Artemis Quartetts. Auf der Medienseite findet sich als Vorabdruck aus der "grimme"-Zeitschrift eine von Patrick Bahners verfasste Lobschrift auf Thomas Gottschalk.

Besprochen werden die Uraufführung von Rolf Hochhuths Komödie "Gasherd und Klistiere" im Jüdischen Theater Berlin, Christoph Hochhäuslers Film "Unter dir die Stadt" und die in 27 Bänden nun vollendet vorliegende Kölner Ausgabe der Werke von Heinrich Böll (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).