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Essay

Die Stereotype des Mr. Buruma

Von Necla Kelek
05.02.2007. Der Islam ist nicht so stark in sich differenziert, wie es Ian Buruma in seiner Antwort auf Pascal Bruckner behauptet: Im Gegenteil - er ist eine drückende soziale Realität, kodifiziert in der "Kairoer Erklärung der Menschenrechte", die von 45 muslimischen Staaten unterzeichnet wurde und die die Scharia zum Maßstab macht.
"Hättest du doch geschwiegen, Ian Buruma" möchte man dem Autor bei Lektüre seiner Antwort auf Pascal Bruckners Essay "Fundamentalismus der Aufklärung oder Rassismus der Antirassisten?" zurufen. Hier fühlt sich einer ertappt und seine Erwiderung führt ihn, trotz gegenteiliger Beteuerung, nur noch weiter in den Sumpf des Kulturrelativismus. Wäre Mr. Buruma mit seiner Meinung allein, könnte man es dabei belassen und dem interessierten Leser stattdessen Bruckners Artikel, eine Antwort auf Timothy Garton Ash, zur Lektüre empfehlen. Aber sowohl Ash wie Buruma sind in ihrer Argumentation durchaus repräsentativ, geradezu exemplarisch in ihrem politisch bedenklichen Kulturrelativismus.

Beide benutzen gern Stereotype. Das erste Stereotyp lautet: Der Islam ist anders. Buruma schreibt: "Der Islam, der in Java praktiziert wird, ist nicht derselbe wie in einem marokkanischen Dorf, im Sudan oder in Rotterdam." Das mit den Unterschieden mag im Detail stimmen, im Grundsatz nicht. Für Buruma aber taugen schon die Details, um zu einer ebenso vernichtenden wie falschen Kritik auszuholen: Man könne nicht, wie Ayaan Hirsi Ali es tue, generelle Aussagen über den Islam treffen. Eine ziemlich verblüffende Aussage aus dem Munde eines Mannes, der Wissenschaftler am Bard College in New York und Professor für Demokratie und Menschenrechte ist. Mr. Buruma versucht mit seinem kleinen Satz die Auseinandersetzung mit dem Islam auf ein persönliches Problem von Ayaan Hirsi Ali zu reduzieren.

Der Islam ist soziale Realität. In seinen Schriften und in seiner Philosophie vertritt er über alle Unterschiede hinweg ein geschlossenes Menschen- und Weltbild. Nehmen wir zum Beispiel die Frage der Menschen- oder Frauenrechte. In der sind sich die Muslime durchaus einig. Am 5. August 1990 unterzeichneten 45 Außenminister der Organisation der Islamischen Konferenz, dem höchsten weltlichen Gremium der Muslime, die "Kairoer Erklärung der Menschenrechte" (hier als pdf). Darin legten Muslime aus aller Welt gemeinsam ihre Haltung zu den Menschenrechten dar. Das Dokument soll das Pendant zur Erklärung der Allgemeinen Menschenrechte der Vereinten Nationen sein. Es hat keinen völkerrechtlich verbindlichen Charakter, erhellt aber die globale Haltung des Islam zu den Grundrechten. Es ist ein Minimalkonsens und kein Extrem und deshalb besonders aufschlussreich.

Die wichtigsten Feststellungen dieser Erklärung stehen in den letzten beiden Artikeln:
Artikel 24: Alle Rechte und Freiheiten, die in dieser Erklärung genannt werden, unterstehen der islamischen Scharia.
Artikel 25: Die islamische Scharia ist die einzig zuständige Quelle für die Auslegung oder Erklärung jedes einzelnen Artikels dieser Erklärung."

Und schon in der Präambel heißt es, im Gegensatz zur Erklärung der Allgemeinen Menschenrechte der Vereinten Nationen: "Die Mitglieder der Organisation der Islamischen Konferenz betonen die kulturelle Rolle der islamischen Umma, die von Gott als die beste Nation geschaffen wurde und die der Menschheit eine universale und wohlausgewogene Zivilisation gebracht hat...".

Anders als in demokratischen Verfassungen ist hier nicht vom Individuum die Rede, sondern von der Umma, der Gemeinschaft der Gläubigen, vom Kollektiv. In konsequenter Fortsetzung dessen erkennt die Erklärung der Muslime nur jene Rechte an, die im Koran festgelegt sind und wertet - gemäß der Scharia - nur solche Taten als Verbrechen, über die auch Koran und Sunna gleichermaßen urteilen: "Über Verbrechen oder Strafen wird ausschließlich nach den Bestimmungen der Scharia entschieden." (Art. 19)

In Artikel 2 d) der Kairoer Erklärung heißt es: "Das Recht auf körperliche Unversehrheit wird garantiert. Jeder Staat ist verpflichtet, dieses Recht zu schützen, und es ist verboten, dieses Recht zu verletzen, außer wenn ein von der Scharia vorgeschriebener Grund vorliegt." Das wäre zum Beispiel der Fall nach Sure 17, Vers 33: "Und tötet niemand, den zu töten Gott verboten hat, außer wenn ihr dazu berechtigt seid! Wenn einer zu Unrecht getötet wird, geben wir seinem nächsten Verwandten Vollmacht zur Rache", heißt es im Koran. Was ist das anderes als eine von den muslimischen Außenministern abgesegnete Lizenz zur Blutrache?

Gleichberechtigung ist in dieser Erklärung nicht vorgesehen, sondern es heißt in Art. 6: "Die Frau ist dem Mann an Würde gleich" - an "Würde", nicht an Rechten, denn so der Koran, Sure 4, Vers 34: "Die Männer stehen über den Frauen, weil Gott sie von Natur vor diesen ausgezeichnet hat" und damit sind sie zu sozialer Kontrolle und Denunziation legitimiert, wie Artikel 22 der Kairoer Erklärung deutlich macht: "Jeder Mensch hat das Recht, in Einklang mit den Normen der Scharia für das Recht einzutreten, das Gute zu verfechten und vor dem Unrecht und dem Bösen zu warnen." Das ist der Koran, verkündet im siebten Jahrhundert christlicher Zeitrechnung und heute noch für Muslime verbindlich.

Und so geht es weiter in der Kairoer Erklärung: Der Islam gilt als die wahre Religion, niemand habe das Recht, die in ihm festgehaltenen Gebote "ganz oder teilweise aufzuheben, sie zu verletzen oder zu missachten, denn sie sind verbindliche Gebote Gottes, die in Gottes offenbarter Schrift enthalten und durch Seinen letzten Propheten überbracht worden sind." Jeder Mensch sei "individuell dafür verantwortlich, sie einzuhalten - und die Umma trägt die Verantwortung für die Gemeinschaft." Das ist nicht nur eine Absage an die Menschenrechte, sondern auch eine mittelbare Rechtfertigung von Selbstjustiz. Mr. Buruma kennt das Problem, er hat in seinem Buch "Murder in Amsterdam" über einen solchen Fall von Selbstjustiz geschrieben.

Die islamischen Staaten haben diese Erklärung als Selbstvergewisserung ihrer Geschlossenheit formuliert. Sie ist darüber hinaus auch politisches Programm, mit dem die kulturelle Identität der islamischen Kultur gegen die kapitalistische Globalisierung verteidigt werden soll. Zur Basis dieser kulturellen Identität wird die Scharia erklärt. Das zu kritisieren, soll ein persönliches Problem von Ayaan Hirsi Ali sein?

Aber Mr. Buruma hat noch weitere Stereotype im Köcher. Das nächste lautet: Der Islam ist eine Religion wie jede andere oder alle Religionen sind gleich (schrecklich). Diesmal geht es gegen seinen Kritiker Pascal Bruckner. Mr. Buruma schreibt: "In einem weiteren typischen Fall von Übertreibung und assoziativer Anschuldigung erwähnt Bruckner die Eröffnung eines islamischen Krankenhauses in Rotterdam und für muslimische Frauen reservierte Strände in Italien. Ich verstehe nicht, warum es soviel schrecklicher sein soll als die Eröffnung koscherer Restaurants, katholischer Krankenhäuser oder für Nudisten reservierte Strände?."

Ich kann Ihnen sagen, Mr. Buruma, warum der für muslimische Frauen reservierte italienische Strand schrecklicher ist. Anders als beim koscheren Essen oder einer krankenhausreifen Grippe geht es beim Strand um eine von den Muslimen angestrebte Veränderung. Der politische Islam will, mit dem Kopftuch, mit der geschlechterspezifischen Trennung öffentlicher Räume die Apartheid der Geschlechter in den freien europäischen Gesellschaften etablieren.

Ein muslimisches Krankenhaus unterscheidet sich grundsätzlich von einem katholischen Krankenhaus. In einem muslimischen Krankenhaus werden die Patienten nach Geschlechtern getrennt - Männer dürfen nur von Männern behandelt werden, Frauen werden nur von Frauen behandelt. Muslimische Krankenschwestern waschen zum Beispiel keine männlichen Patienten, sie fassen sie noch nicht einmal an. In Deutschland häufen sich die Klagen von Ärzten über muslimische Männer, die immer öfter zu verhindern trachten, dass ihre Frauen in Krankenhäusern von Ärzten behandelt oder auch nur untersucht werden. Ich weiß von Müttern, die nur in Begleitung ihres Sohnes zum Arzt dürfen. In islamischen Krankenhäusern wird der Ehemann entscheiden, ob ein Kaiserschnitt durchgeführt wird oder ob sich seine Frau nach vier Geburten sterilisieren lassen darf - in Le Monde gab es hierzu jüngst eine bestürzende Reportage. Und in der türkischen Zeitung Hürriyet wurde kürzlich berichtet , dass sich eine Radiologin in Istanbul aus religiösen Gründen weigerte, einen jungen Mann zu untersuchen, der am Unterleib verletzt war. Das ist schrecklich, Mr. Buruma.

Die Nächstenliebe ist der islamischen Religion genauso fremd wie die Seelsorge. Aber das ist ein anderes Thema. Ich halte es für geschmacklos, die Arbeit von katholischen Nonnen durch diesen "Religionen sind alle gleich"- Relativismus zu denunzieren. Offensichtlich weiß Mr. Buruma nicht, wovon er spricht, wenn er vom Islam spricht. Es geht den islamischen Betreibern von Stränden, von Krankenhäusern oder Moscheen nicht um humane Anliegen, es geht auch nicht um religiöse Kategorien, sondern es geht darum, die vertikale Trennung von Männern und Frauen in den demokratischen Gesellschaften zu etablieren.

Das dritte Stereotyp von Buruma lautet: Islamkritiker sind Denunzianten. Buruma schreibt, die "Denunziationen" Hirsi Alis seien wenig "hilfreich". Ob für ihn historisch belegte Fälle, wie die Heirat Mohammeds mit der sechsjährigen Aishe, die er dann mit neun beschlafen hat, auch unter die "wenig hilfreichen Denunziationen" fallen würden? Hirsi Ali jedenfalls erzählt in ihrem Buch "Ich klage an" davon, um daran die in der Nachfolge Mohammeds sich entwickelnde Sexualmoral des Islam als "Jungfrauenkäfig" zu kritisieren. Nach Mr. Burumas Auffassung sollte sie das nicht tun, denn als "bekennende Atheistin" - nächstes Stereotyp - könne sie ohnehin nicht zur Reform des Islam beitragen. Wiederum eine erstaunliche Auffassung eines für Menschenrechte und Demokratie zuständigen Wissenschaftlers.

Kulturrelativisten wollen nichts mehr von arrangierten Ehen, von Ehrenmorden (allein in Istanbul im letzten Jahr 25 Tote) und anderen Menschenrechtsverletzungen hören. Sie sind ihnen lästig. Oder wie ist das gemeint, wenn Mr. Buruma schreibt: "Den Islam zu verurteilen, ohne seine Variationen in Betracht zu ziehen, ist zu unüberlegt." Nun, was die Missachtung von "Variationen" anbetrifft, dürfte sich für Mr. Buruma in der muslimischen Welt ein weites Feld eröffnen: Was ist - um nur ein Beispiel unter vielen möglichen Beispielen zu nennen - mit den Frauen in über 60 Ländern, in denen das Gesetz der Scharia herrscht, die nicht ohne Wali, das heißt ohne die Genehmigung eines Vormund, heiraten dürfen? Wo ist die Vielfalt, Mr. Buruma?

Mr. Buruma lobt sich dafür, dass er die Welt der südkoreanischen Rebellen kennt. Die Welt der Muslime scheint ihm fremd, die Werte der westlichen Gesellschaft relativ. Er fürchtet - Pascal Bruckner sei Dank - mit Recht um seine intellektuelle Reputation. Dass er diese in seiner Replik auf Kosten von Ayaan Hirsi Ali zu retten versucht, macht die Sache nicht besser. Misslungen, Mr. Buruma.

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Necla Kelek, geboren 1957 in Istanbul, hat in Deutschland Volkswirtschaft und Soziologie studiert und über das Thema "Islam im Alltag" promoviert. Sie forscht zum Thema Parallelgesellschaften und berät unter anderem die Hamburger Justizbehörde zu Fragen der Behandlung türkisch-muslimischer Gefangener. Necla Kelek unterstützt eine aktuelle Gesetzesinitiative in Baden-Württemberg, Zwangsheiraten unter Strafe zu stellen. Sie hat zwei Bücher veröffentlicht: "Die fremde Braut. Ein Bericht aus dem Inneren des türkischen Lebens in Deutschland" (2005) und "Die verlorenen Söhne. Plädoyer für die Befreiung des türkisch-muslimischen Mannes" (2006).

Pascal Bruckner hat mit seiner Polemik gegen Ian Burumas Buch "Murder in Amsterdam" und einen Artikel Timothy Garton Ashs eine internationale Debatte ausgelöst. Alle Artikel zu dieser Debatte finden Sie auf Deutsch hier, auf Englisch hier.
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