Heute in den Feuilletons

Die Betrachtung fernen Unglücks

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
31.03.2011. Deutschland wollte in Peking eine Aufklärungsschau präsentieren, aber es wurde eine Biedermeierschau draus, finden SZ und Welt. Die Jungle World vermutet: Deutschland stimmt in der UNO mit China, weil es hauptsächlich dorthin exportiert. Die SZ verabschiedet sich außerdem von der FR, die demnächst in einem Berliner Mantel auftreten wird. In Cicero sagt Hamed Abdel-Samad: "Ich spreche grundsätzlich jeder Religion die Demokratiefähigkeit ab." Film der Woche: Debra Graniks "Winter?s Bone".

Welt, 31.03.2011

Sehr kritisch schreibt Werner Bloch über die Ausstellung "Kunst der Aufklärung", eine vom Auswärtigen Amt gesteuerte und zehn Millionen Euro teure Schönwetteraktion in Peking. Eine Kunst der Aufklärung gebe es gar nicht. Und schlimmer: "Bei den geplanten Debatten im Forum 'Aufklärung im Dialog', von der Mercator-Stiftung finanziert, fehlt zum Beispiel die Stimme des bedeutendsten chinesischen Gegenwartskünstlers. Ai Weiwei... Die Auswahl der Gäste lag bei der chinesischen Regierung, offenbar mochten die deutschen Aufklärer die andere Seite nicht allzu sehr provozieren."

Auch Ai Weiwei, der sich gerade in Berlin einen Rückzugsort schafft, kann sich im Interview mit Johnny Erling über die Aktion nur wundern: "Wenn wir unseren Nachbarn nicht mehr sagen können, dass ihr Verhalten grundlegende Wertevorstellungen verletzt, ermutigen wir die jeweilige Regierung, weiter zu machen wie bisher."

Weitere Artikel: Eckhard Fuhr spekuliert über den Nachfolger Hellmut Seemanns als Leiter der Weimarer Klassikstiftung, der nach manchen Peripetien wieder Hellmut Seemann heißen könnte. Sven Felix Kellerhoff berichtet über die Tagung des Fritz-Bauer-Instituts zu Springer und Israel (mehr hier) und zitiert aus Bekennerschreiben der RAF, die den Verleger direkt aufforderten, seine "materielle Unterstützung für den Zionismus" einzustellen - Kellerhoff verschweigt auch nicht, dass Springer an einigen aus der Nazizeit arg belasteten Mitarbeitern festhielt.

Besprochen werden die Filme "Sucker Punch" (hier) und "Winter's Bone" (hier).

Weitere Medien, 31.03.2011

Im Gespräch mit Timo Stein auf Cicero-Online sagt Hamed Abdel-Samad: "Ich spreche grundsätzlich jeder Religion die Demokratiefähigkeit ab. Wann immer die Religion das Sagen in der Gesellschaft hat, gibt es keine Demokratie. Der Vatikan hat sich nicht demokratisiert, sondern er wurde von der Politik entmachtet. Soweit ist der Islam noch nicht." Die deutsche Zurückhaltung in Libyen wird Konsequenzen haben, meint Abdel-Samad: "Ein ständiges Enthalten führt irgendwann zur Bedeutungslosigkeit. Auch ein ständiger Sitz im Weltsicherheitsrat ist damit in weite Ferne gerückt. Eine Enthaltung ist eben keine Haltunng."

Dazu passt: Die erste Hymne für Atheisten:


Aus den Blogs, 31.03.2011

Amazon ist vorgeprescht und hat vor Google oder Apple einen MP3-Player in die Cloud gestellt, so dass die Nutzer ihre Musik geräteunabhängig hören können. Jacqui Cheng auf ArsTechnica ist erstaunt: "We wondered aloud how Amazon managed to strike such an impressive licensing deal with the record labels, given the fact that Apple seems to still be working out the details for its own digital locker service. It turns out that Amazon hasn't struck a deal, and seems to be hoping that the record companies will be the ones to blink. '[W]e do not need a license to store music in Cloud Drive,' Griffin added in an e-mail to Ars. 'The functionality of saving MP3s to Cloud Drive is the same as if a customer were to save their music to an external hard drive or even iTunes.'"
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Stichwörter: Amazon, Google, Musik, Mp3

NZZ, 31.03.2011

Roman Bucheli verteidigt die deutsche Literatur gegen Vorwürfe Richard Kämmerlings' und Frank Schirrmachers, sie verspreche zu wenig Gegenwartserkenntnis beziehungsweise habe sich in eine Parallelwelt zurückgezogen: "Nicht indem sie die Wirklichkeit abbildet, erklärt die Literatur die Welt, die Existenz oder die Politik. Allenfalls gelingt ihr dies, indem sie mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln eigene Realitäten schafft. Indem sie aus der Sprache Erzählungen und Figuren, Konstellationen und Beziehungen schöpft. Nicht, um in einer ästhetisch abgedichteten Gegenwelt zu verharren, aber um aus der Parallelwelt heraus Türen zu öffnen in die Realität. Es verhält sich damit ein wenig wie mit dem verriegelten Paradies in Kleists Aufsatz über das Marionettentheater: 'Wir müssen die Reise um die Welt machen und sehen, ob es vielleicht von hinten irgendwo wieder offen ist.'"

Aldo Keel berichtet aus Island, dass die Insel den berühmten "Njals-brenna" feiert, der laut Njals-Saga vor tausend Jahren stattgefunden haben soll und als übelste Form des Parteienstreit gilt: "Der Feind wird in seinem Hof umzingelt und verbrannt."

Besprochen werden auf der Filmseite David O. Russells Milieustudie Boxerfilm "The Fighter" und Apichatpong Weerasethakuls Film "Uncle Boonmee", der jetzt in der Schweiz anläuft, sowie Bücher, darunter der Band "Hundert Jahre Türkei" und Heinrich Popitz' "Einführung in die Soziologie" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Freitag, 31.03.2011

Peter Glaser stimmt im Kulturteil ein kleines Loblied auf die Informationsflut im Netzzeitalter an, mit einer hübschen Passage über Twitter: "Twitter ist die erste Zeitung, die nur aus dem Inhaltsverzeichnis besteht - aber was für eins! Augenzeugen, Experten, Bekannte, die auf bemerkenswerte Artikel, Bilder, Videos hinweisen, das alles in einer fließenden Zeitleiste ('Timeline') am Bildschirm, die allerdings trotz Vernetzung und Verlinkung nach wievor linear abläuft."

Außerdem interviewt Maxi Leinkauf den erhabenen Greis Stephane Hessel. Und Matthias Dell porträtiert den Filmemacher Thomas Heise.

FR, 31.03.2011

Als Meisterwerk des darbenden amerikanischen Independent-Kinos feiert Daniel Kothenschulte Debra Graniks Sozialdrama "Winter's Bone": "Der Reichtum an klassischer Erzählkunst, die stimmige Balance aus Milieutreue und handwerklicher Perfektion muss sich nicht verstecken hinter einem Ang Lee oder Clint Eastwood."

Bernhard Bartsch sammelt chinesische - meist ablehnende - Reaktionen auf die deutsche Gastausstellung "Kunst der Aufklärung": "Han Shuifa, Vizedekan des Zentrums für deutsche Philosophie an der Peking Universität, hat den Verdacht, dass die Deutschen die Ausstellung als elegante Form der zivilisatorischen Nachhilfe sehen."

Weiteres: Christian Thomas berichtet von einem Vortrag des Historikers Norbert Frei über das Auswärtige Amt im Dritten Reich. Besprochen werden auch die laut Sandra Danicke bittere Gruppenausstellung "Serious Game" zum Thema "Krieg, Medien, Kunst" auf der Darmstädter Mathildenhöhe, Christoph Hochhäuslers Film "Unter mir die Stadt" und Margaux Fragosos Missbrauchsgeschichte "Tiger, Tiger" (siehe auch unsere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

TAZ, 31.03.2011

Cigdem Akyol porträtiert den deutsch-libyschen Physiker Ahmed Shaladi, der sich schon in den 80er Jahren gegen Gaddafi engagiert hat. Ralf Leonhard berichtet über Querelen im Zuge der Renovierung des Jüdischen Museums in Wien und eine Empfehlung des Kunstrückgabebeirats, die dem Wiener Kunsthistorischen Museum die Restitution eines Vermeer erspart. Cristina Nord unterhält sich mit der New Yorker Regisseurin Debra Granik über ihren Film "Winter's Bone". Simone Jung porträtiert den amerikanischen Produzenten Nicolas Jaar, der sein neues Album "Space Is Only Noise" vorlegt (hier was zum Hören).

Besprochen werden die Ausstellung "Traummänner" von 50 Starfotografen in den Hamburger Deichtorhallen (links ein von Nathaniel Goldberg fotografiertes Beispiel) und Christoph Hochhäuslers Film über die Bankenwelt "Unter dir die Stadt" ("was der Film bietet, ist eine Versuchsanordnung mit klinisch interessiertem Blick aufs System, auf Machenschaften und Gebaren", schreibt Ekkehard Knörer).

Und Tom.

Jungle World, 31.03.2011

Ist die weiche Haltung der Bundesregierung in Libyen allein ökonomischen Interessen Deutschlands geschuldet?, fragt Anton Landgraf: "Nicht nur in Europa hat die weltweite Finanzkrise die Machtverhältnisse verschoben. Auch die politische und ökonomische Bedeutung der USA schwindet. Vor diesem Hintergrund orientiert sich Deutschland neu. Seinen ökonomischen Erfolg verdankt es seinen enormen Exporten, die zunehmend in die prosperierenden Märkte in China, Russland, Indien oder Brasilien fließen - also die Staaten, die sich im Sicherheitsrat ebenfalls enthalten haben."

Zeit, 31.03.2011

Jens Jessen missfällt die Art, wie in Deutschland über den Atomausstieg gesprochen wird - nicht, dass er gegen den Ausstieg ist, aber Deutschland sei nun mal nicht erdbebengefährdet. "Deutschland begeistert sich nur an seiner Erschüttterung. Das ganze Volk feiert seine wunderbar gehobene Moral. Was hat seine Moral gehoben? Die Betrachtung fernen Unglücks."

In Berlin, erzählt Thomas Groß, gibt es eine neue Generation jüdischer Musiker, die vor allem eins macht: alles anders. Einer von ihnen ist Daniel Kahn, der seinen "Verfremdungsklezmer" so erklärt: Es ist "eine künstlerische Strategie, die alte Fragen neu verhandelbar macht. Woran leidet der Mensch? Und was bedeutet es heute, dass erst das Fressen und dann die Moral kommt? Provokationen sind nicht nur in Kauf zu nehmen, sondern erwünscht: Wenn Juden anderen Minderheiten etwas voraushaben, dann die Erkenntnis, dass sich an verlorene Traditionen nicht einfach anknüpfen lässt. Es kommt darauf an, sie im Bewusstsein des Verlusts neu zu erfinden." Hier der Emigratski Raggamuffin von Rotfront:



Weitere Artikel: Martin Walser bekennt in einem kurzen Interview zum Wahlsieg der Grünen: "Mein Drama-Gefühl freut sich darüber." Elisabeth von Thadden sieht in Baden-Württemberg eine neue Aufklärung heraufdämmern. Hanno Rauterberg schreibt über Chinas neues Nationalmuseum, das gerade die Ausstellung "Kunst der Aufklärung" mit deutschen Exponaten zeigt. Claus Spahn porträtiert den lettischen Dirigenten Mariss Jansons ("Du fragst ihn in einer Probe, wie die zweiten Geigen vier Takte vor dem Buchstaben K klingen sollen, und erhälst auf der Stelle eine präzise Antwort", zitiert Spahn einen Musiker) Susanne Mayer schreibt den Nachruf auf Elizabeth Taylor.

Besprochen werden die Ausstellung "Serious Game" auf der Darmstädter Mathildenhöhe, Debra Graniks Film "Winter's Bone", Christoph Hochhäuslers Bankerfilm "Unter mir die Stadt" und Bücher, darunter Jonathan Lethems "Chronic City" und Ciorans Aufsätze "Über Deutschland" aus den Jahren 1931-1937 (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Die vorderen Seiten: Da Monica Lierhaus und ihr Partner Rolf Hellgardt sich ein "Interview gewünscht" haben, stellt sich Giovanni di Lorenzo für drei Seiten im Dossier als Stichwortgeber zur Verfügung. Bernard-Henri Levy macht im Interview klar, dass die Intervention in Libyen keine Intervention des "Westens" ist: "Zur Stunde sind sechs Flugzeuge aus Qatar und zwölf aus den Emiraten am libyschen Himmel."

SZ, 31.03.2011

Geradezu empörend findet es Henrik Bork, wie renommierte deutsche Kunstinstitute mit einer systemfreundlichen Ausstellung zur "Kunst der Aufklärung" ausgerechnet am Platz des Himmlischen Friedens dem chinesischen Regime in die Hände spielen: "Die armen Chinesen, die nun ein Jahr lang zu Tausenden durch diese eher dröge Schau wandern werden, könnten auf die Idee kommen, Aufklärung habe mehr mit Physikunterricht zu tun als mit der Französischen Revolution. Hier ist das Thema Aufklärung so deutsch und so brav präsentiert worden..., dass man sich fast in einer Schau über den Biedermeier wähnt."

Auf der Medienseite findet sich eine Art Nachruf auf die Frankfurter Rundschau von Marc Felix Serrao: Mit der nun beschlossenen Verlagerung zentraler Teile der Redaktion in die DuMont-Redaktionsgemeinschaft in Berlin, wo der Mantel gefertigt wird, sei die Zeitung de facto in die Reihe der Blätter von nur noch regionaler Bedeutung abgerutscht. Es handle sich dabei um "Maßnahmen, die das Wesen der FR auf eine Weise beschneiden werden, dass von echter publizistischer Eigenständigkeit streng genommen keine Rede mehr sein kann... Es ist, das darf man so pathetisch sagen, das Ende einer deutschen Zeitungsära."

Weitere Artikel: Niklas Hofmann unterhält sich mit Suelette Dreyfus, die gemeinsam mit Julian Assange den Hacker-Roman "Underground" geschrieben hat über Assanges Anfänge und die Ethik des Hackens. Auch post Guttenberg hat die deutsche Wissenschaft ein Plagiatsproblem, beklagt Volker Rieble, der zum Thema publiziert hat: "Das Ausstellen von Persilscheinen ist eine hierzulande beherrschte Kulturtechnik." Nicht weniger als 528 "Meisterwerke" hat die Sammlerin Irene Ludwig der Stadt Köln vermacht, erfahren wir von Catrin Lorch. Über die Einsparungen des britischen Arts Council informiert Alexander Menden. Johan Schloemann gratuliert dem Felix-Meiner-Verlag zum Hundertsten. Auf Seite eins vermeldet Helmut Mauro beträchtlichen Statusverlust für die Firma Steinway ("eine Sensation"): Ihre Flügel sind nicht mehr das Exklusivinstrument an der New Yorker Julliard School - zur Verblüffung aller ist jetzt auch der italienische Newcomer Fazioli dort vertreten.

Auf der Kinoseite gibt es ein langes Interview mit der Filmemacherin Debra Granik, deren dreifach oscarnominierter Hinterwald-Thriller "Winter's Bone" (mehr hier) heute in deutschen Kinos anläuft. Fritz Göttler porträtiert die 1979 verstorbene Filmemacherin Dorothy Arzner, der nun eine Retrospektive im Wiener Filmmuseum gewidmet ist.

Besprochen werden Milan Kunderas Essays "Eine Begegnung" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

FAZ, 31.03.2011

Geradezu grundstürzend findet es die Philosophin Petra Gehring, in welcher Form die Bundesärztekammer ihre Grundsätze zur Sterbebegleitung verändert hat: "Erstens eröffnen sie für neue Patientengruppen - Demenzkranke - den Pfad einer Gabe des Todes ohne erklärten Sterbewillen, also allein durch Arzt und Betreuer, zweitens verzichten sie auf jegliche Abgrenzung gegen aktive Sterbehilfe, und drittens stellen sie Ärzten die Beteiligung an Selbsttötungen frei. Die Situation Hilfloser in der Klinik verändert sich dramatisch: Auch für Verwirrte werden Betreuer nun zu Herren über Leben und Tod."

Weitere Artikel: Hintergründe zu den aktuellen Vorgängen in Syrien liefert Joseph Croitoru. Über die großzügige testamentarische Schenkung der Kunstsammlerin Irene Ludwig an die Stadt Köln berichtet Andreas Rossmann. Daniel Haas kommentiert John Le Carres Wunsch, seine Nominierung für den Booker Preis zurückzunehmen. Hannes Hintermeier glossiert die fukushimabedingten Sushisorgen der Bundesbürger. Über die Kürzungs- und Vergabeentscheidungen des britischen Arts Council (hier das gestrige Guardian-Liveblog zum Thema) informiert Gina Thomas. Jürgen Kesting schreibt zum Tod des Tenors Robert Tear. Auf der Kinoseite berichtet Verena Lueken vom Internationalen Filmfestival in Hongkong über massive Verschiebungen der chinesischen Film- und Finanzierungsszene Richtung Festland.

Besprochen werden die in London uraufgeführte Pet-Shop-Boy-Version von Hans Christian Andersens "Die Unglaublichste" als narratives Ballett, ein Peter-Licht-Konzert in Berlin, die Gruppe-61-Ausstellung "Schreibwelten - Erschriebene Welten" im Dortmunder Museum für Kunst- und Kulturgeschichte, die Ausstellung "Traummänner" in den Hamburger Deichtorhallen, das Album "Pastorale" von Stefano Battaglia und Michele Rabbia, eine Einspielung sämtlicher Klaviermusik von Joseph Martin Kraus durch Christian Brembeck, Zack Snyders Film "Sucker Punch" und Bücher, darunter der von Suelette Dreyfus und Julian Assange verfasste Hackerroman "Underground" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).