Heute in den Feuilletons

Eva Braun, blackfaced

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
22.03.2011. Im pakistanischen Fernsehen macht Veena Malik Panik. Die Welt wundert sich: Das Otto-Suhr-Institut der FU Berlin bezweifelt Götz Alys Kompetenz für 1968. Zum ersten Mal wird Japan bemitleidet, schreibt Paul Theroux in Newsweek. In Liberation spricht Swetlana Alexijewitsch über Tschernobyl und Fukushima. In der FAZ erklärt der Jurist Reinhard Merkel, warum es juristisch korrekter wäre, Libyens Bevölkerung mit Gaddafi allein zu lassen. In der SZ schreibt Antonio Tabucchi: Italien wird 150. Und hat eine antiitalienische Regierung.

Welt, 22.03.2011

Von einem Skandal am Berliner Otto-Suhr-Institut berichtet in der Leitglosse Jacques Schuster: Anfang Februar hat man es dort abgelehnt, dem Historiker Götz Aly "die Würde eines außerordentlichen Professors zu verleihen - und das obwohl alle Gutachter Alys wissenschaftliche Verdienste preisen. Aly könne dennoch nicht als seriöser Forscher bezeichnet werden, heißt es im Fachbereichsprotokoll vom 9. Februar, das uns seit heute vorliegt, weil seine Ansichten zu 1968 mehr als fragwürdig seien. 'Wie auch immer man Herrn Aly als Historiker einschätzen mag, für eine Tätigkeit in den Politik- und Sozialwissenschaften fehlen ihm sowohl die theoretischen als auch die methodischen Voraussetzungen', so das Fazit des Fachbereichsrates."

Weiteres: Hollywood hat Filme von Gaddafis Sohn Al-Saadi mitproduzieren lassen - für Hanns-Georg Rodek ein Anlass, die Verbindungen der Filmindustrie mit der Mafia in den 30er Jahren, ähm, aufzuzeigen. Bochum bekommt ein neues Musikzentrum, berichtet Dankwart Guratzsch, den größten Teil bezahlen die Bürger - zusätzlich zu ihren Steuern - über eine Stiftung. Ulrich Weinzierl rühmt die "männliche Grazie, kühle Reflexion, intellektuelle Poesie" des Jubilars Bruno Ganz. Besprochen wird die Ausstellung der Sammlung des Bankiers Wagner zum 150. Geburtstag der Alten Nationalgalerie in Berlin.

Weitere Medien, 22.03.2011

(Via BoingBoing) Die pakistanische Schauspielerin Veena Malik wird von einem Geistlichen ermahnt, will aber nicht akzeptieren, dass sie durch seine Rede erhöht und zu etwas Kostbarem gemacht wird. Stattdessen macht sie Panik! Und zwar mit Schmackes.



Paul Theroux schreibt in Newsweek einen schönen Essay über Japan: "Vulnerable, shaken by the earthquake, flooded and massacred by the tsunami, poisoned by the damaged reactors, Japan is universally - and rightly - perceived as a victim and has attracted the sympathy of the world. Until now, Japan has never been pitied. To the outside world it seemed unknowable, smug in its secrecies, its cult of the samurai. Even after the Kobe earthquake it remained itself, not asking for help."

In Liberation spricht die weißrussische Autorin Swetlana Alexijewitsch über den japanischen Reaktorunfall und die Lehren, die aus Tschernobyl nicht gezogen wurden: "In 'Träume' von Akira Kurosawa explodieren alle japanischen Atomzentralen. Die Leute setzen ihr Leben fort, trinken Tee, aber sie sind schon verurteilt. Dieser unsichtbare Tod ist schon dabei, in ihr Blut, ihre Körper zu geraten. Dieser Film ist zu einer Prophetie geworden. Wir zahlen einen zu hohen Preis für den Fortschritt, für eine Kultur, die auf dem Komfort und den Wohlstand der Menschen baut. Die Hochtechnologie steht im Dienst des ohnmächtigen Menschen. Aber diese Konsumkultur kann nicht von Dauer sein, sie kann nur tragisch enden. Das ist interessant, fast mystisch: Am Tag der Tragödie warteten die Menschen in Japan die ganze Nacht hysterisch darauf, ein neues von Apple lancierten Gadget zu kaufen."

Aus den Blogs, 22.03.2011

(via blog of a bookslut) Nazis - man denkt, man hätte sie jetzt wirklich in jeder Pose gesehen und dann das: Eva Braun, blackfaced.

Kommt nach den Aufständen gegen arabische Diktatoren der Aufstand gegen amerikanische Hauskatzen? Ben Crair verweist in The Daily Beast auf einen Artikel der New York Times, wonach Hauskatzen in den USA jährlich 500 Millionen Vögel umbringen: "The world will no longer tolerate such defiance. Cats, the Times told us, are a pestilence akin to gypsy moths and kudzu. Their appetite for birds is driving some populations toward extinction. 'I hope we can now stop minimizing and trivializing the impacts that outdoor cats have on the environment and start addressing the serious problem of cat predation,' one scientist pleaded." Crair verlinkt ein letztes Mal auf lustige Katzenvideos, zum Beispiel auf die unvergleichliche Maru.
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NZZ, 22.03.2011

Mit Erleichterung quittiert Andreas Breitenstein den Auftritt der serbischen Schriftsteller auf der Leipziger Buchmesse, die sich endlich von ihren nationalen Zwangsneurosen verabschiedet und mit dem kritischen Schriftsteller Sreten Ugricic einen würdigen Repräsentanten gefunden haben: Das politische Serbien habe "lange in Trotz und Renitenz verharrt, indem es sich gleichzeitig als Sieger und Opfer gerierte und so die eigene Verantwortung für das Geschehene doppelt zurückwies. Im Vergleich zu den Nachbarn ist Serbien spät dran mit der Entsorgung seiner nationalistischen Mythologie. Die Literatur besitzt dabei eine Bringschuld, denn es waren maßgeblich Schriftsteller, die den ideologischen Gifttrunk einst gebraut haben."

Weiteres: Hoo Nam Seelmann berichtet von der großen Solidarität, mit der Korea auf die Katastrophen in Japan reagiert. Besprochen werden Sven-Eric Bechtolfs Inszenierung von Verdis "Falstaff" im Zürcher Opernhaus, Orhan Pamuks Erstlingsroman "Cevdet und seine Söhne", Clotilde Schlayers Bericht "Minusio" über die letzten Lebensjahren Stefan Georges und Joseph Zoderers Roman "Die Farben der Grausamkeit" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Auf der Medienseite wirft Tobias Feld einen näheren Blick auf den windigen FDP-Politiker Tobias Huch, der bei Facebook mit undurchsichtigen Kampagnen Stimmung macht.

FR, 22.03.2011

"Einen moralischen wie politischen Totalschaden", hat die Bundesregierung angerichtet, als sie sich weigerte, am Feldzug gegen Libyen teilzunehmen, diagnostiziert Christian Schlüter im Aufmacher. Peter Michalzik gratuliert Bruno Ganz zum Siebzigsten. K. Erik Franzen verfolgte eine Tutzinger Tagung über den Islam, bei der trotz der Präsenz von Broder und Sarrazin keine rechte Panik aufkommen wollte. Jürgen Otten gratuliert dem Maerzmusikfestival in Berlin, das gerade begonnen hat, zum zehnten Jubiläum.

Besprochen werden eine Ausstellung über die Geschichte des Musikvideos im Rock'n'popmuseum Gronau, eine neue Choreografie Mei Hong Lins in Darmstadt und eine neue CD des SWR-Orchesters mit Werken von Rolf Riehm.

TAZ, 22.03.2011

Auf der Medienseite berichtet Jürgen Gottschlich von zunehmenden Repressionen gegen Journalisten in der Türkei, aber auch von Protesten gegen diese: "Unmittelbarer Anlass für die andauernden Proteste sind die Verhaftungen von zwei der angesehensten investigativen Journalisten des Landes, Ahmed Sik und Nedim Sener. Wegen des Vorwurfes, in Putschvorbereitungen gegen die Regierung verwickelt zu sein, wurden beide vor drei Wochen festgenommen und in den Hochsicherheitstrakt eines Gefängnisses im Istanbuler Vorort Silifri gebracht. Dort werden mittlerweile rund 300 Leute festhalten, denen als Putschisten der Prozess gemacht werden soll. Allen wird vorgeworfen, Mitglieder des Geheimbundes Ergenekon zu sein."

In der Kultur: Bewegt berichten Xu Xiaoqing und Susanne Messmer von der Solidaritätslesung für den inhaftierten Liu Xiaobo in insgesamt 171 Städten, in Berlin mit Herta Müller. Mit einer Kölner Inszenierung von Mozarts "Die Entführung aus dem Serail" hat Regine Müller in Sulaimaniyah die erste Opernaufführung im Irak überhaupt gesehen und kann Erfolg vermelden: "Die humanistische Botschaft kam an." In ihrer Kolumne denkt Isolde Charim angesichts der über uns hereinbrechenden dramatischen Ereignisse darüber nach, ob in Japan nicht doch die eine oder andere Welt untergeht. Sven Jachmann bespricht Politcomics von Reinhard Kleist, Joe Sacco und Jacques Tardi/Jean-Pierre Verney.

Und Tom.

SZ, 22.03.2011

Italien wird 150 und die Regierung interessiert sich nicht dafür, ja, sie wird von antiitalienischen Politikern der Lega Nord mitgebildet. Aber Italien existiert, schreibt Antonio Tabucchi - durch die Verfassung, "in der geschrieben steht, dass Italien eine aus dem Widerstand geborene demokratische und auf Arbeit gegründete Republik ist. Aber die Regierung und die Führungsschicht zeigen keine große Neigung, die Verfassung zu feiern. Sie versuchen seit Jahren den Italienern klarzumachen, dass Italien ein aus unserer Phantasie geborenes, auf das Fernsehen gegründetes Land ist." Warum schalten die Italiener nicht ab?

Weitere Artikel: Christine Dössel meldet, dass die Komische Oper Berlin jetzt türkische Untertitel bietet. Susan Vahabzadeh gratuliert den Schauspielern William Shatner und Leonard Nimoy aus "Raumschiff Enterprise" zum Achtzigsten. Klaus Englert begutachtet das von Oscar Niemeyer entworfene Kulturzentrum der nordspanischen Hafenstadt Aviles (Bilder). Marco Pfingsttag besuchte eine Tagung von Bundeswehr-Veteranen, die darüber klagen, dass man sie mit ihren Traumata allein lässt. Johannes Willms besuchte ein offenbar recht staatsfrommes Theaterstück Olivier Pys über die letzten Tage Mitterrands in Paris. Lothar Müller gratuliert Bruno Ganz zum Siebzigsten.

Besprochen werden eine Ausstellung über das Apple-Design in Frankfurt, ein Soloaband des Pianisten Nikolai Tokarev mit Scarlatti und Schumann in München und Bücher, darunter Hans-Ulrich Gumbrechts Essay "Stimmungen lesen".

FAZ, 22.03.2011

Wäre es juristisch korrekter gewesen, Gaddafi bei der Massakrierung seiner Bevölkerung zuzusehen als zu intervenieren? Nach Ansicht des Rechtsphilosophen Reinhard Merkel offentbar schon. Er hält die kriegerische Intervention gegen Gaddafi für völkerrechtlich mehr als bedenklich. Die beim Entschluss herangezogenen Paragraphen deckten den Einsatz nämlich keineswegs: "So berechtigt seine humanitären Ziele sind: Die Beschädigung der Fundamente des Völkerrechts decken sie nicht." Der Soziologe Gunnar Heinsohn macht darauf aufmerksam, dass durchaus auch von den nun unterstützten Rebellen Massaker zu befürchten sind - an den schwarzafrikanischen Wanderarbeitern in Libyen.

Weitere Artikel: Die Japanologin Lisette Gebhardt gibt einen Überblick über die literarische Verarbeitung des Atomzeitalters in der japanischen Literatur. In Großbritannien sind heute 70 Prozent der Bevölkerung, auch dem eigenen Verständnis nach, middle class: Gina Thomas glossiert diese erstaunliche Entwicklung.

Besprochen werden eine halbszenische Aufführung von Joseph Martin Kraus' Oper "Aeneas in Carthago" am Berliner Konzerthaus, ein "Kaufmann von Venedig" und Rene Polleschs neues Stück "Was du auch machst, mach es nicht selbst" in Freiburg, Lars-Ole Walburgs Inszenierung von Georg Kaisers "Silbersee" in Hannover, eine von Nikolaus Harnoncourt dirigierte und von seinem Sohn Philip inszenierte Aufführung von Händels "Rodelinda" in Wien, die Ausstellung "America fria: Die geometrische Abstraktion in Lateinamerika" in Madrid, die Ausstellung "Transformed Objects" im Kai 10 in Düsseldorf und Bücher, darunter Werner Köhlers Roman "Drei Tage im Paradies" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).