Heute in den Feuilletons

Ich habe sechsmal das Scheusal erfunden

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.03.2011. Der Freitag liest Thomas Harlans Buch "Veit" als rasende Chronik der Gefühle. Auch die Filmzeitschrift Cargo liest das Buch und plädiert dringend für Harlans "differenziertes und diffiziles Werk". In der taz versichert der Verleger Christoph Links: Sein Verlag ist kein Parteiverlag. Die SZ bringt eine Hymne auf den Geigen-Virtuosen Frank Peter Zimmermann. In der Jungle World geißelt der Philosoph Sandor Radnoti die "antiliberale Demokratie" in Ungarn. In der FAZ wettert Ilija Trojanow gegen die Verheerungen der Islamkritik. Die Zeit muss in einem Dossier feststellen: Der Islamismus ist doch nicht nur das Hirngespinst seiner Kritiker.

Jungle World, 10.03.2011

Karl Pfeifer unterhält sich mit dem ungarischen Philosophen Sandor Radnoti, der jetzt gegen regierungsnahe Medien wegen falscher Behauptungen über die Finanzierung seines Instituts klagen will. Zum neuen Regime in Ungarn sagt er: "Hier wird ein außerordentlich problematisches Gebilde geschaffen, dessen einzige Legitimation der außerordentliche Erfolg dieser Parteien bei den Wahlen ist, und deswegen kann der ungarische Staat heute auch als antiliberale Demokratie bezeichnet werden. Und daraus folgt, dass das Wort 'liberal' zum Schimpfwort wurde - so lassen sie uns verstehen, dass die 'liberalen' Philosophen gleichzeitig auch Kriminelle sind. Es ist sehr schwerwiegend, wenn man Menschen wegen ihrer politischen Anschauungen kriminalisiert."
Stichwörter: Ungarn, Wahlen

TAZ, 10.03.2011

Barbara Bollwahn unterhält sich mit dem Berliner Verleger Christoph Links, dessen Verlag vor gut zwanzig Jahren eine der ersten Unternehmensgründungen im Osten war. Links wird jetzt mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Wird ihm das beruflich nützen? "Das glaube ich nicht (lacht). Das Einzige, was passieren könnte, wenn ein Mensch mit dem Namen Links ein Bundesverdienstteil bekommt, ist, dass sich einige Phobien, die immer noch existieren, vielleicht relativieren. Leute in bestimmten Institutionen sagen, sie wollen mit dem Links Verlag nichts zu tun haben. Seitdem es die Linkspartei gibt, hat das noch zugenommen..."

Weitere Artikel: Thomas Strothjohann berichtet über Nachfolgeprojekte von WikiLeaks, so biete jetzt auch die WAZ-Gruppe einen toten Briefkasten für anonyme Hinweise. Reinhard Wolff meldet den Start von Radioleaks im öffentlich-rechtlichen Rundfunk Schwedens. Immer mehr Frauen ziehen in den Dschihad, berichten Wolf Schmidt und Janina Findeisen auf den vorderen Seiten anlässlich der Verurteilung der Ulmerin Filiz G. wegen Unterstützung der "Deutschen Taliban Mudschahidin" zu zweieinhalb Jahren Haft.

Besprochen werden Alejandro Gonzalez Inarritus Film "Biutiful", die 3-D-Doku "Never say never" über Justin Bieber, die Produktion "Die Kunst der Unterhaltung" von Jan Lauwers & Needcompany am Burgtheater Wien, die DVD von Hal Roachs Produktionen mit "Female Comedy Teams" aus der späten Stumm- und der frühen Tonfilmzeit und die Ausstellung "Wilde Zeiten - Fotografien von Günter Zint" im Deutsche Panzermuseum Munster.

Und Tom.

Freitag, 10.03.2011

Jakob Augstein zieht ein letztes Resümee der Guttenberg-Affäre und sieht in der Liebe der Deutschen zum Grafen nicht nur eine Tendenz zu Berlusconismus, sondern auch die spezifisch deutsche "Neigung zur Romantik" und "deutsche Abscheu für die Sphäre der Politik".

Das Dossier im politischen Teil befasst sich mit einem eigentlich erstaunlich selten aufgegriffenen Thema: "Teure Diener - Mit deutschen Beamten lässt sich kein Staat mehr machen. Privilegien und Pensionen sprengen die Haushalte."

Im Kulturteil liest Matthias Dell Thomas Harlans nachgelassenes Buch "Veit": "'Veit' ist das Dokument eines Verdammens und eines Liebens - und diese wechselhafte Bewegung gelingt nicht im Sinne eines abwägenden Sowohl-als-Auch, sondern als rasende Chronik der Gefühle. Und sie kann nur gelingen, weil 'Veit' Literatur ist." Außerdem bringt der Freitag zwanzig Erinnerungen an Thomas Harlan.
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Weitere Medien, 10.03.2011

Kurz vor seinem Tod hat der Autor und Regisseur Thomas Harlan noch ein letztes Buch verfasst. Es trägt den Titel "Veit" und ist so etwas wie die Summe seiner lebenslangen Beschäftigung mit dem Vater - dem reuelosen "Jud Süss"-Regisseur Veit Harlan. Simon Rothöhler hat es für die Filmzeitschrift Cargo gelesen und bedauert durchaus, "dass dieses differenzierte und diffizile Werk in seiner Rezeption nun nochmal nachhaltiger als ohnehin schon bezogen bleiben wird auf eine Vaterfigur..., wo doch die von hellsichtigen historiografischen Splittern durchsetzten 'Romane' 'Heldenfriedhof' und 'Rosa' längst woanders waren: bei komplexen Täternetzwerken und den Kontinuitäten in der frühen BRD." Und doch gipfelt das Buch in einer Passage, deren Wucht man sich kaum entziehen könne: "Thomas Harlan schreit ihnen am Ende einen entfesselten, denkwürdigen Theatermonolog entgegen, der angefüllt ist mit einem maßlosen Wunsch, dem Wunsch nach Übernahme einer Schuld, die in letzter Instanz nie die seine war: 'Vater, Du geliebter, Verstockter, höre doch! Ich habe Deinen Film gemacht. Ich habe einen schrecklichen Film gemacht. Ich habe JUD SÜSS gemacht. Ich habe das Scheusal Werner Krauss erfunden. Ich habe sechsmal das Scheusal erfunden. Ich habe die Männer von Lublin erstickt. Ich habe die Frau von Lublin erstickt. Ich habe sie alle erstickt. Laß sie mich alle ersticken, ich bitte Dich. Ich habe Dora fahrenlassen. Ich habe Dich geliebt. Laß mich Dein Sohn sein, Dein ältester, laß mich. Dein Sohn.'"

Welt, 10.03.2011

Wolf Lepenies zeichnet nicht ohne Verständnis die antieuropäischen und -deutschen Thesen des französischen Linkschauvinisten Jean-Pierre Chevenement nach, dessen letzter Buchtitel übrigens schwach an Sarrazin erinnert: "La France est-elle finie?" In der Leitglosse Sven Felix Kellerhoff stellt den Historiker Andreas Wirsching vor, der die Leitung des Münchner Instituts für Zeitgeschichte übernimmt. Manuel Brug besucht den gerade renovierten und darum Besuchern zugänglichen Palazzo Farnese in Rom, in dem der französische Botschaften in surrealem Prunk Hof hält. Hanns-Georg Rodek unterhält sich mit Andres Veiel und seinen an Gerd Koenens großartiges Buch "Vesper, Ensslin, Baader - Urszenen des deutschen Terrorismus" angelehnten Film "Wer wenn nicht wir".

Und Cosima Lutz schreibt nicht ungerührt ünber den Dokumentarfilm "Justin Bieber: Never Say Never": "Man könnte sagen, es handele sich bei Justin Bieber um den Golden-Retriever-Effekt: ein Wesen, dessen Omnipräsenz dem Umstand zu verdanken ist, dass heute offensichtlich sehr viele Menschen dringenden Bedarf an wenigstens einem freundlichen Gesicht haben..."

FR, 10.03.2011

Sven Hanuschek ist nach Luxemburg gefahren um den Dichter Jean Krier zu treffen, der in diesem Jahr den Chamisso-Preis erhält. Krier schreibt "wilde, sperrige Gedichte, meist in Langversen, in schroffen Sprüngen montiert, rücksichtslos manchmal auch gegen die Grammatik. Motivisch sind sie einer starken Naturbildlichkeit verpflichtet, oft bestimmt vom Meer, von französischen Inseln und den menschlichen Relikten dort; kleine Apokalypsen aus Müll und Tod, mit einem düsteren Blick auf die menschlichen Befindlichkeiten, der trotz allem eine gallige Komik, eine verquere Lebenslust behält. Kriers Gedichte lassen sich laut lesen, ihr Rhythmus, ihre Musikalität trägt über Verständnis-Klippen hinweg, auch für Kalauer ist er sich nicht zu schade: 'Und / Kuchen, Kirchen u Krieg. Abgefackelt / haben, die Erde geformt u immer so schön / befleckt. Bis ans Lebensende Randale / im Bus. So zerstören wir uns Tag / für Tag, die Schwachstellen von Kopf / bis Fuß sind unsere Stärke.'"

Weiteres: Jürgen Otten besucht das Liszt-Festival im burgenländischen Raiding. Besprochen werden die interaktive Ausstellung "Move" im Münchner Haus der Kunst, Alejandro Gonzalez Inarritus' Film "Butiful" mit Javier Bardem, George Nolfis Film "Der Plan" mit Matt Damon, Yasemin Samderelis Filmkomödie "Almanya", der zweite Band der Jesus-Biografie Benedikts XVI. und Joseph Zoderers Roman "Die Farben der Grausamkeit" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

NZZ, 10.03.2011

Besprochen werden die Schau "El Modernismo. De Sorolla a Picasso, 1880-1918" in der Fondation de l'Hermitage in Lausanne, George Nolfis Film "The Adjustment Bureau" mit Matt Damon, Daniele Luchettis Film "La nostra vita", Choreografien von Anna Huber und Gilles Jobin bei den Schweizer Tanztagen und Bücher, darunter Peter Stamms Erzählband "Seerücken" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Zeit, 10.03.2011

Drei Seiten sind dem radikalen Islamismus gewidmet. Christian Denso beschreibt, wie sich der Attentäter von Frankfurt innerhalb kürzester Zeit übers Internet zu einer Mordkommando-Ich-AG radikalisiert hat und wie wenig der Staat, will er nicht die muslimische Bevölkerung unter Generalverdacht stellen, dagegen tun kann. Sein Fazit: "Am effektivsten aber wäre, religiöse Autoritäten für die Auseinandersetzung mit den Internet-Islamisten zu gewinnen, um die islamistischen Argumente zu entkräften. 'In unseren Nachbarländern', sagt [der Internetexperte Asiem] el Difraoui, 'prägen freiheitlich gesinnte muslimischen Intellektuelle bereits heute Debatten, durch die sie den Dschihadisten im Kampf um die Herzen den Rang ablaufen.'"

Ulrich Ladurner wundert sich über das große Schweigen der Medien nach dem islamistischen Attentat in Frankfurt. Und Evelyn Finger ist genervt von einer deutschen Islam-Debatte, die sich in wechselseitigen Anschuldigungen erschöpft (sie nennt - mit Ausnahme von Seyran Ates, die sie als liberale Religionskritikerin positiv hervorhebt - keine Namen, wohl aus Angst vor Polarisierung. Der Impuls ist verständlich, allerdings wurde Ates' jüngstes, 2009 erschienenes Buch "Der Islam braucht eine sexuelle Revolution" in der Zeit nicht mal besprochen. Die Redaktion war zu sehr damit beschäftigt, auf Necla Kelek einzudreschen.)

Henryk M. Broder und Hamed Abdel-Samed begutachten im Interview die deutsche Angst. Sagt Abdel-Samed: "Die deutsche Angst ist eine Angst vor Veränderung. Hier ist so lange nichts passiert, dass die Menschen die statische Gesellschaft für das Maß aller Dinge halten. Broder: Da geh ich mit. Das ist auch meine einzige Kritik an Thilo Sarrazin, dass er auf dieser Panikwelle mitschwimmt. Deutschland schafft sich ab. Na und? Gesellschaften schaffen sich öfter mal ab und nicht zwangsläufig zu ihrem Nachteil." Zum Beispiel 1945.

Weitere Artikel: Jens Jessen untersucht im Aufmacher, wie Gaddafi in den letzten zwanzig Jahren für Linke wie Rechte im Westen langsam vom Terroristen zum Popdiktator mutierte. Ulrich Greiner betreibt eine kleine Wortklauberei mit dem Wörtchen "gehören" wie in "Der Islam gehört (nicht) zu Deutschland". Gerd Voss und Claus Peymann, die in Berlin gerade zusammen Thomas Bernhards Stück "Einfach kompliziert" machen, sagen sich im Interview amüsante Bosheiten, während sie über Bernhard sprechen. Volker Hagedorn zeichnet ein lebendiges Bild von der - politisch wie künstlerisch - prekären Situation des Kulturlebens in Ungarn. Sven Behrisch erzählt die Geschichte des pensionierten Lufthansakapitäns Paul Depprich, der die Akademie in Frankfurt erfolgreich verklagt hat, weil sie ihn ohne Begründung als Kunststudenten abgelehnt hat (mehr zu dem Fall hier). Raymond Geuss, Philosophieprofessor in Cambridge, malt in düsteren Farben die Folgen der britischen Sparpolitik besonders für die Geisteswissenschaften aus.

Besprochen werden einige CDs, darunter das neue Album der Strokes, Alejandro Gonzalez Inarritus Film "Biutiful", die deutsch-türkische Filmkomödie "Almanya" von Yasemin und Nesrin Samdereli, Ari Libskers Dokumentarfilm "Pornografie und Holocaust" auf DVD und Bücher, darunter Clemens J. Setzs Erzählband "Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes" und Thomas Webers Buch "Hitlers erster Krieg" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

SZ, 10.03.2011

Eine Hymne auf den Geigen-Virtuosen Frank Peter Zimmermann hat Harald Eggebrecht verfasst. "Er ist .. Musiker im umfassenden Sinn des Wortes, einer, der immer symphonisch denkt, der auch Virtuosenstücke nie dazu benutzt, sich selbst auszustellen, sondern vielmehr den Witz, Pfeffer und die Akrobatik von Paganini, Sarasate oder Ysaye in ihren Werken vorzuführen, selbstverständlich so souverän und leichtfüßig, wie es diese Art von Musik verlangt."

Groß gefeatured als Feuilletonaufmacher wird Dirk Kurbjuweits Afghanistan-Roman "Kriegsbraut" über den Alltag von Soldatinnen. Gustav Seibt ist nicht rundum begeistert, sieht das Buch aber doch insgesamt deutlich positiv: "literarisch wirkliches Neuland". Beistehend gibt es auch noch ein Interview mit dem Autor. Über die beim deutsch-israelischen Dramenprojekt "Reality Check" entstandenen Stücke schreibt Cornelia Fiedler. Die Existenzgefährdung der Neulandhalle in Schleswig-Holstein beklagt Till Briegleb. Doris Kuhn porträtiert die politischen Dokumentarfilmer Bertram Verhaag und Claus Strigel, deren Gentechnik-Kritik "Gekaufte Wahrheit" heute in die Kinos kommt. Auf der Literaturseite lobt Susanne Gmür den Design-Relaunch der Zeitschrift Literaturen - allerdings schimpft sie erst einmal heftig auf das Vorgängermodell.

Besprochen werden Alejandro Gonzalez Inarritus Melodram "Biutiful", die neue Farrelly-Komödie "Alles erlaubt" und Bücher, darunter der zweite Band von Joseph Ratzingers Jesus-Trilogie (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

FAZ, 10.03.2011

Zu hundert Prozent auf der Linie von Patrick Bahners' "Panikmacher"-Schelte liegt Ilja Trojanows Polemik gegen die von Kelek bis Broder bis Sarrazin seiner Ansicht nach betriebene "Demagogie". Die lauten Meinungsäußerungen der Islamkritiker - die Trojanow nur in Anführungszeichen nennt - seien verheerend für das Klima in Deutschland: "Die entsetzten und entrüsteten Reaktionen deutscher Muslime und anderer Verinlandeter kann nur nachvollziehen, wer im Alltag bestimmte Erfahrungen gemacht hat, von denen ein Apparatschik wie Sarrazin keine Ahnung hat. Zwar gibt es gewiss Deutsche, die den Kulturrelativismus zu weit getrieben haben, aber diese bilden eine verschwindend kleine Minderheit im Vergleich zu jenen, die auf Straßen und in Geschäften, hinter verschlossenen Türen und in vollen Bierzelten ihre Engstirnigkeit kultivieren."

Weitere Artikel: Bei einer Pariser Diskussion zur Frage, wie man Napoleon ausstellt, war Joseph Hanimann zugegen. In der Glosse schüttelt Swantje Karich den Kopf über den mit dem Frankfurter Städel "durchgegangenen Marketinggaul". Über Münchner Konzertsaalzukunftsdebatten informiert Gerhard Rohde. Auf der Kinoseite sieht es Dirk Schümer kommen, dass das legendäre Filmstudio Cinecitta italienischen Sparbemühungen zum Opfer fällt. Rüdiger Suchsland unterhält sich mit Andres Veiel über dessen heute anlaufenden Film "Wer wenn nicht wir".

Besprochen werden ein Frankfurter Konzert der Amsterdam Klezmer Band, Thomas Langhoffs "Endstation Sehnsucht"-Inszenierung am Berliner Ensemble, eine Ausstellung über die Fotografie der Skulptur im Kunsthaus Zürich, das Funeral-Party-Album "The Golden Age of Knowhere", das neue Giant-Sand-Album "Blurry Blue Mountain", Yasemin Samderelis Komödie "Almanya", der Justin-Bieber-Film "Never Say Never" und Bücher, darunter Mike Stocks' Roman "Weißer Mann fällt" und Philipp Bloms Aufklärungspanorama "Böse Philosophen" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).