Heute in den Feuilletons

Abgebrüht, koboldartig abwegig

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.03.2011. Die NZZ porträtiert die iranische Frauenrechtlerin Mansoureh Shojaee, die zur Zeit in Deutschland lebt. In der Welt erzählt Hubert Burda, wie er einmal dasselbe tat wie Andy Warhol. Die FAZ liest ägyptische Gehimdienstakten. Irights.info leakt ein Papier der Deutschen Industrie- ud Handelskammer, das sich gegen Leistungsschutzrechte ausspricht. Die SZ geht ins Konzert von stock11. Und Patrick Bahners fordert in dem Blog Grenzgängerbeatz noch einmal: Vergesst das mit dem Islam, das hat sich Necla Kelek nur eingebildet.

Weitere Medien, 09.03.2011

Irights.info zitiert aus einem internen Papier der Deutschen Industrie- und Handelskammerkammer (DIHK), das sich Leistungsschutzrechte ausspricht: "Eine eventuelle Einführung neuer Leistungsschutzrechte darf nicht zu neuen Belastungen für die Wirtschaft beitragen und muss zu einem fairen Interessenausgleich zwischen Schutzrechtsinhabern, der Öffentlichkeit und der Wirtschaft führen."

FR, 09.03.2011

Der Wiener Philosoph Hans Schelkshorn, Spezialist für "interkulturelles Philosophieren", beklagt die "Zurückhaltung Europas gegenüber dem arabischen Freiheitskampf", in der für ihn "eine seit langem bestehende Komplizenschaft mit arabischen Despoten zutage tritt, eine Komplizenschaft, die von der europäischen Öffentlichkeit stets nachsichtig hingenommen worden ist."

In Times mager kommentiert Harry Nutt die Wirren um das neue Ökobenzin E10. Auf der Medienseite wird eine Dokumentation über die Richterin Kirsten Heisig heute Abend im Ersten empfohlen.

Besprochen werden die Ausstellung "Schaurig Schön - Ungeheuerliches in der Kunst" im Kunsthistorischen Museum Wien, Radioheads neues Album "The King of Limbs"



und Bücher, darunter Camille de Perettis Roman "Wir werden zusammen alt" (mehr hier).

Aus den Blogs, 09.03.2011

Es gibt gar kein Problem mit dem Islam, es gibt nur ein Problem mit der Psyche von Necla Kelek. Patrick Bahners erklärt im Interview mit Eren Güvercin, wie er darauf kommt: Wenn Kelek den Islam psychologisch als "Unterwerfung deutet, "ist es nicht abwegig und übergriffig, die Frage umzukehren, und zu sagen: Könnte es bei Ihnen auch nicht so sein, dass eben ihre konkrete Geschichte mit ihrem Vater das beeinflusst, was sie allen anderen Muslimen als verkorkste Psychogeschichte vorhalten?"
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Stichwörter: Islam, Necla Kelek

Welt, 09.03.2011

In einem gefällig plätschernden Gespräch über Digitalisierung, Iconic Turn, den Weltgeist und andere seiner Fachgebiete erzählt Verleger Hubert Burda dem friedvoll lauschenden Alexander Kluge auch, wie er sich in den siebziger Jahren als Chefredakteur der Bunten, die er "zu einem Celebrity-Magazin machte", erste Sporen verdiente und von prominenter Seite bestärkt wurde: "Andy Warhol war dann eigentlich derjenige, der mir zum ersten Mal wieder eine gewisse Sicherheit gegeben hat, indem er sagte: 'Oh Hubert, we both are doing the same.'"

Weitere Artikel: Paul Jandl wundert sich in der Leitglosse doch sehr über all die prominenten Soli-Adressen für Peter Noever, den Chef des leicht ermüdeten Wiener Museums für Angewandte Kunst, der mit fast siebzig geschasst wurde, weil er im Museum auf Staatskosten Geburtstagsfeiern für seine Mutter abhielt. Alan Posener staunt in seiner Kolumne "J'accuse" über den Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller, der sich durch die richterliche Untersagung falscher Behauptungen in seiner Predigtfreiheit behindert sieht.

Besprochen wird die Ausstellung "Kippenberger trifft Picasso" in Malaga.

NZZ, 09.03.2011

Carola Hoffmeister porträtiert die iranische Frauenrechtlerin Mansoureh Shojaee, die derzeit in Deutschland lebt. Aus guten Gründen: "In der kalten Dezembernacht werfen die Milizen sie in den Trakt 209 des Evin-Gefängnisses. Dort ist die politische Intelligenz des Landes in grell beleuchteten Zellen eingekerkert und der Willkür des Regimes ausgeliefert, körperlichen, seelischen und manchmal sexuellen Misshandlungen. 'Als Aktivistin musst du lernen, mit der Angst umzugehen. Auch im Gefängnis kannst du dem Wärter zeigen: Du machst etwas falsch, nicht ich.' Shojaees Stimme klingt fest. Dank ihrer Anwältin kommt sie nach einem Monat frei. Aber es ist lebensgefährlich für sie, weiterhin in Iran zu arbeiten."

Außerdem: Werden die arabischen Aufstände wie 1989 verlaufen oder eher wie 1789, überlegt Herwig Münkler und kommt zu dem Ergebnis: eher wie 1789.

Besprochen werden eine Ausstellung traditioneller orientalischer Frauentrachten im Pariser Musee du Quai Branly und Bücher, darunter die - bisher nur auf Englisch erschienenen Expeditionstagebücher der Polarforscher Scott und Amundsen und Tomas Eloy Martinez' letzter Roman "Purgatorio" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

TAZ, 09.03.2011

Julian Jochmaring referiert einen Vortrag der Philosophin Julia Kristeva im Rahmen der "Berliner Lektionen". Besprochen werden Andres Veiels Spielfilm "Wer wenn nicht wir" und Bruce LaBruces Inszenierung von Arnold Schönbergs "Pierrot lunaire" im Berliner Hebbel-Theater.

Und Tom.

FAZ, 09.03.2011

Über recht verzweifelte Versuche der ägyptischen Revolutionäre, die zügig voranschreitende Verbrennung von Geheimdienstakten zu verhindern, berichtet Joseph Croitoru. Gerettete Reste belegen teils Ungeheuerliches: "Aus einem besonders brisanten Bericht von 2007 etwa geht hervor, dass der Geheimdienst 2005 eine Islamistengruppe beauftragte, in Scharm al-Scheich mehrere Bombenanschläge in der Nähe von Hotelanlagen zu verüben. Das Aktenmaterial erweckt den Eindruck, als habe Mubaraks Sohn Gamal dahintergestanden, er hatte wohl eine offene Rechnung mit dem Hotelier Hussein Salem."

Weitere Artikel: Die regierende Duma-Partei und Argumente von Christen bringen Lenin in absehbarer Zukunft wohl endgültig ins Grab. Für einigermaßen wahnsinnig hält Jürgen Kaube die allzu abschussfreudige Trainerpolitik des FC Bayern: "Der FC Bayern protestiert gewissermaßen als Organisation gegen das statistische Gesetz, dass man nicht immer gewinnen kann." In der Glosse geht es um Agatha Christies Arbeit als archäologische Assistentin ihres Mannes Max Mallowan. Paris scheint, so Joseph Hanimann, aus seiner langjährigen städteplanerischen Graumäusigkeit zu erwachen - jetzt müsse es nur noch herausfinden, was es zukünftig sein und haben will: "Freizeitparadies? Spitzenreiterrolle im Ranking der Wirtschaftsmetropolen? Touristenschlager? Oder schlicht gute alltägliche Lebensqualität?" Beim Blick in deutsche Zeitschriften stößt Ingeborg Harms auf viele Diskussionen zum sozialen Netz und seinen Wirkungen. Oliver Tolmein kommentiert die differenzierte Stellungnahme des Ethikrats zur PID. Zum Tod des kunstaffinen Psychoanalytikers Werner Muensterberger schreibt Lisa Zeitz. 

Besprochen werden zwei Ausstellungen zur Gitarre in New York, eine mit Picasso, eine ohne, Andres Veiels RAF-Prequel "Wer wenn nicht wir" (mehr) und Bücher, darunter Richard Kämmerlings' Post-89-Literaturgeschichte "Das kurze Glück der Gegenwart" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 09.03.2011

Total unverständlich, was Wolfgang Schreiber über den theoretischen Hintergrund der Gruppe stock11 schreibt, aber faszinierend im Konkreten: "Wenn sie zum Konzert antreten, entführen sie ihre Hörer in ein ungewohntes, teilweise befremdliches, auf vielfache Art fast komisches Ritual, bei dem Hören und Sehen, Musizieren, Rezitieren, Singen und Produzieren von Tönen und Geräuschen eine seltsame Liaison mit Theatralik oder sogar Gymnastik eingehen kann. ... Jennifer Walshes 'Neuer Film' besteht aus Live-Aktionen sämtlicher stock11-Mitglieder: spätdadaistische Mini-Rituale. Oder 'Adieu den Adieus' von Uwe Rasch, musikalisches 'Triptychon als Konzept' für Hammondorgel, Rhönrad und Keulenschwinger - Anklänge an das Absurde Theater, abgebrüht, koboldartig abwegig."

Hier ein Konzert von Walshe mit roundabout 100 Popsongs:



150 Jahre Risorgimento - und was hat es den Italienern gebracht? Viel Nationalbewusstsein, aber wenig Staatsbewusstsein, meint Henning Klüver. "Salomonisch verhielt sich das Regionalparlament der Lombardei: Es erklärte den 29. Mai kurzerhand zum regionalen Feiertag. Dem Tag, an dem im Jahr 1176 das Heer einer Liga lombardischer und norditalienischer Städte bei Legnano die Truppen von Kaiser Barbarossa in die Flucht schlug. Gleichzeitig wurde auf Antrag der Opposition beschlossen, vor jeder Parlamentssitzung die italienische Nationalhymne zu spielen." Elegant, oder?

Andres Veiels Ensslin-Vesper-Baader-Film "Wer wenn nicht wir" hat vielleicht Macken, so der wirklich begeisterte Rainer Gansera, egal - was für ein Film! Der Schriftsteller Klaus Roehler "fungiert als Berater bei Ensslins Doktorarbeit, die dem Schriftsteller Hans Henny Jahnn gewidmet sein soll. Als These dazu notiert Ensslin: 'Bei Hans Henny Jahnn verwirklicht sich die Liebe erst durch den Tod. Durch Gewalt, durch Mord wird es erst möglich, dass Sexualität gelebt wird'. Eine Maxime, aus der für ihr eigenes Leben ein Horrorszenario entspringt."

Weitere Artikel: Hip-Hop-Pionier Kool Herc hat nie Geld verdient und muss für das Wegoperieren seiner Nierensteine jetzt sogar sammeln, berichtet Jonathan Fischer. Spenden kann man hier. Stephan Opitz warnt vor zu vielen Leuchttürmen in der Kultur: "Diese Arbeit kennt strahlende Höhepunkte - wenn diese jedoch für sich allein als Wert genommen werden, sind sie auf Dauer wertlos." Die Türkei fordert - "völkerrechtlich ernst zu nehmen" - die Sphinx von Hattuscha zurück, die derzeit im Vorderasiatische Museum Berlin vor sich hindöst, meldet Stephan Speicher.

Besprochen werden eine Adaption von Goethes "Wahlverwandtschaften" am Weimarer Nationaltheater, zwei Songs von Michel Houellebecq ("Novembre" und "Le film du dimanche", hier zu hören, Alex Rühle schüttelt sich), eine Ausstellung des britischen Künstlers Richard Deacon im Sprengel Museum Hannover, einige CDs und Bücher, darunter Drago Jancars Roman "Der Baum ohne Namen" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).