Heute in den Feuilletons

Im verschneiten Humboldthain das graue Bunkermassiv

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.03.2011. Der in diesem Fall ausnahmsweise ungläubigen Zeit erklärt der palästinensische Philosoph Sari Nusseibeh, warum ihm der Islam zuweilen gewaltig auf die Nerven geht. Die Welt gibt am Beispiel Herbert Marcuses Einblick in die Dialektik des Kalten Krieges. In der NZZ spricht Olivier Roy über Frankreichs traurige Rolle bei den arabischen Aufständen. Meedia teilt die aktuellen Zahlen des Springer Verlags mit - eine halbe Milliarde Euro Gewinn. Und darauf ein Leistungsschutzrecht!

nachtkritik, 03.03.2011

Die Nachtkritik dokumentiert eine Rede, in der ihr Mitbegründer Nikolaus Merck über die zweispurige Theaterkritik im Internet nachdenkt, über die Erweiterung des dramatischen Raumes und das Verschwinden der Meinungsmonopole: "In Zeiten von Facebook und Twitter jedoch, verliert der hegemonial sich verstehende Expertentalk in den Dramaturgien, Intendanzen, Feuilletons und Theaterzeitschriften an Gewicht. Er erhält eine neue Rolle, von der wir noch nicht wissen, welche es sein wird. Der Fachmann, die Fachfrau mit dem großen Namen, der sich herleiht von den einflussreichen Publikationsorganen, wird in Zukunft wohl eine kleinere und andere Rolle spielen (womit immerhin auch in Sicht kommt: dass die Macht einiger Weniger endet, über Wohl und Wehe des Betriebes und seiner Angehörigen zu befinden.). An die Stelle des Notenwechsels unter Großmoguln tritt eine offenere Debatte unter Unbekannten."

Weitere Medien, 03.03.2011

Rüdiger Suchsland unterhält sich mit Frankreichs Bestseller-Autor Stephane Hessel über seine Polemik "Empört Euch!". Immer wieder versucht er herauszufinden, warum Hessel Israel mit anderen Maßstäben misst: "Das wird mir auch von vielen Freunden vorgeworfen: Es gäbe doch so viele brisante politische Themen, und andererseits sei ich doch Jude. Darauf antworte ich: Ja, gerade darum. Weil ich mich als Jude empfinde und eine Solidarität gerade mit den Juden habe, die in Israel leben, habe ich große Angst, dass Israel sich gehen lässt und sich von dem entfremdet, was es in seinen Anfangsjahren gewesen ist - ein weltanschauliches und demokratisches Modell, in das wir unsere Kinder geschickt haben, um in den Kibbuzim zu lernen, wie man als Demokrat lebt."

Für die reinste Räuberpistole hält Rene Martens, was der Deutschlandfunk in einem Feature demnächst über die wirklichen wahren Hintergründe von Adolf Eichmanns Entführung durch den Mossad verbreiten wird: "'Der Grund für seinen Abtransport war nicht seine Beteiligung am Holocaust, sondern weil er zu viel redete' - nämlich über eine 'geheime Zusammenarbeit auf nuklearem Gebiet' zwischen Deutschland, Israel und Argentinien."

Aus den Blogs, 03.03.2011

Welche Zeitungskrise? Sagenhafte Gewinne, die kaum eine Investmentbank schafft, kann laut Meedia der Springer-Konzern melden: "Erstmals liegt der operative Gewinn über einer halben Milliarde Euro (510,6 Mio Euro). Der Umsatz legte um 10,8 Prozent auf knapp 2,9 Mrd. Euro zu... Der Gesamtkonzern erwirtschaftete eine überaus respektable Rendite von 17,6 Prozent. Das Kerngeschäft, deutsche Zeitungen und Zeitschriften, ist mit einer Rendite von 24,8 Prozent (Zeitungen) und 20,8 Prozent (Zeitschriften) sogar extrem profitabel." Kürzlich freute sich auch die Zeit über eine zweistellige Umsatzrendite.
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Stichwörter: Euro, Zeitungen, Zeitungskrise

Welt, 03.03.2011

Richard Herzinger liest Tim B. Müllers Studie "Krieger und Gelehrte" über Herbert Marcuses Zeit in amerikanischen Geheimdiensten während des Zweiten Weltkriegs und danach - beschäftigt wurden Marcuse und Kollegen als Experten für die neu entstehenden Regimes in Osteuropa, und Standpunkte linker Autoren waren dem Geheimdienst willkommen: "Die linksliberalen Wissenschaftler brachen das monolithische Bild des Sowjetsystems auf und ermöglichten, es bei seinen Widersprüchen zu packen. Bei ihrem Versuch, sich in die Wahrnehmungsmuster des totalitären Gegners hineinzuversetzen, gerieten sie jedoch in Gefahr, diesen auch eine gewisse Notwendigkeit und damit Berechtigung zuzugestehen."

Weitere Artikel: In der Leitglosse stellt Michael Stürmer unbequeme Fragen an die Uni Bayreuth, die ihre Sorgfaltspflichten in Guttenbergs Promotionsverfahren womöglich arg vernachlässigt hat. Michael Borgstede schreibt übert einen wiederaufgefundenen Briefwechsel Hans Falladas mit dem jüdischen Kollegen Carl Ehrenstein aus der Nazizeit - die Briefe sind in Israel gefunden worden und fehlten in Falladas penibel geführtem Archiv. Cosima Lutz trifft den Schauspieler Tom Schilling, der in der Tabori-Verfilmung "Mein Kampf" den Adolf spielt.

Besprochen werden Jaume Collet-Serras in Berlin spielender Thriller "Unkown Identity" mit Liam Neeson, eine Tony Cragg-Ausstellung in Duisburg und eine CD des Drummers Magnus Öström.

Zeit, 03.03.2011

Der palästinensische Philosoph Sari Nusseibeh, seit 1995 Präsident der Jerusalemer al-Quds-Universität, spricht im Interview über Stabilität und Frieden im Nahen Osten und das Versagen der palästinensischen Avantgarde in Sachen Pluralismus und Demokratie. Dass er mit islamischen Geistlichen und Religionsführern nichts am Hut hat, können die Interviewer kaum glaube ("Als Philosoph haben Sie keine gemeinsame Basis mit einem Geistlichen?"): "Es gefällt mir nicht, wenn die eigene islamische Frömmigkeit vorgeführt wird, um sich Vorteile im Leben zu verschaffen. Ich glaube, Religion ist etwas zwischen dem Einzelnen und Gott - privat, wenn Sie so wollen. Im Übrigen mag ich oft die Botschaft des Predigers nicht, auch nicht den Ton seiner Stimme. Die Prediger in Jerusalem schreien sehr laut, noch 100 Meter von der Moschee entfernt hört sich die Rede an wie Peitschenschläge. Ich mag diesen Druck nicht."

Im Kulturteil dichtet Durs Grünbein gegen die Schrecken des Berliner Winters an und besingt unter anderem die alten Bunkerberge: "Kontaminiertes Gelände liegt unter den Füßen, Altlastiges aus untergegangener Tyrannei, die aber keineswegs schon vergangen scheint, und es braucht einigen Stumpfsinn, dies nicht zu spüren. Manchmal beim Landeanflug auf Tegel sah man zwischen den kahlen Föhren im verschneiten Humboldthain das graue Bunkermassiv, und es war kein erhebender Anblick."

Weiteres: Hanno Rauterberg proklamiert unter den Gebildeten und Begüterten einen neuen Trend zum neuen Wohnen; freier und flexibler soll es sein, vielleicht manchmal vormodern. Dazugestellt gibt es vier Beispiele außergewöhnlicher Varianten. Ulrich Stock trifft den Pianisten Francesco Tristano. Für einen Verlust hält Iris Radisch, dass Elisabeth Ruge den Berlin Verlag verlässt, der künftig von der Londoner Bloomsbury-Zentrale aus geführt wird. Thomas Assheuer schreibt über Andres Veiels RAF-Film "Wer, wenn nicht wir".

Im Aufmacher des Literaturteils bespricht Elisabeth von Thadden die Guttenberg-Biografie der beiden FAZ-Redakteure Eckart Lohse und Markus Wehner: "Die Spuren eines Mannes, der seinen Lebenslauf schönt, durchziehen dieses Buch, ein bisschen Hochstapelei, etwas Lüge, manche Legende, fingerdick Blattgold und Pomade."

Freitag, 03.03.2011

Die deutschen Theater bieten in ihren Programmheften zwar Starautoren wie Slavoj Zizek auf, um den Kapitalismus anzuprangern, verhalten sich aber gegenüber ihren eigenen Künstlern und besonders den Autoren nach dem Prinzip Hire & Fire, klagt der junge Dramatiker Christoph Nußbaumeder: "Sonderlinge werden auf der Bühne zwar propagiert - meist, indem man sie karikiert -, in der Kantine jedoch kommen sie seltener vor. Sie sind offenbar dem deutschen Zeugnisdenken und dem damit verbundenen Funktionsfetischismus zum Opfer gefallen. Und was sich neben und hinter der Bühne zuträgt, sieht man leider auch häufig auf der Bühne: Krampfhaft verdrängte Angst und uneingestandene Sehnsucht nach einem anderen Dasein."

Außerdem bietet der Freitag ein nützliches Schaubild aller Schauspieler, die jemals in Filmen über die RAF wann, wen und warum gespielt haben.

NZZ, 03.03.2011

Islam-Forscher Olivier Roy spricht im Interview mit Marc Zitzmann über Frankreichs traurige Rolle bei den arabischen Revolutionen: "Während die Amerikaner auch während des Irakkriegs ihre diplomatischen Vertretungen großzügig für Oppositionelle offenhielten, sind diese in den französischen Botschaften schon seit längerem unerwünscht. Sarkozys Wahlversprechen, die Menschenrechte zu einer Leitlinie seiner Außenpolitik zu erheben, war ein Lippenbekenntnis. Stattdessen hat Paris seit dem Ausbruch der tunesischen Revolution mit einer Mischung aus Amateurhaftigkeit und Arroganz viel Kredit verloren." Einig sind sich Roy und Zitzmann in ihrer gefühlten Annahme, dass die französischen Intellektuellen nur total negativ auf die Revolutionen reagiert haben. Lästert Roy: "Statt 'Intellektuelle' würde ich eher 'Moralisten' oder 'Leitartikler' sagen." Hier und hier Andre Glucksmanns kluge, durchaus optimistische Essays.

Aus Moskau berichtet Tobias Rupprecht, wie unliebsam den russischen Autokraten die arabischen Revolten sind: "Ministerpräsident Wladimir Putin warnte in Brüssel vor einer Einmischung in die Belange anderer Länder. In etwas kryptischen Äußerungen deutete Staatspräsident Medwedew an, dass die Umstürze nicht von den Bevölkerungen ausgingen, sondern von außen eingefädelt seien."

Besprochen werden Pernille Fischer Christensens Film "En familie", Gore Verbinskis Westernparodie "Rango", zwei Opernabende unter Kent Nagano in München und Catalin Dorian Florescus Roman "Jacob beschließt zu lieben" (siehe auch unsere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FR, 03.03.2011

Karl Grobe schildert den bleibenden Einfluss der Stammesstrukturen auf die etwa sechs Millionen Libyer: "Stammesbindungen bestehen in Libyen weiter, obschon wohl gerade noch 250.000 Menschen tatsächlich nach althergebrachter Beduinen-Art in Zelten leben und nomadisieren."

Besprochen werden Julie Bertuccellis Film "The Tree", den Daniel Kothenschulte als einen "Kinderfilm für Erwachsene" sieht, Jaume Collet-Serras in Berlin spielender Hollywood-Thriller "Unknown Identity", eine Verfilmung von Taboris "Mein Kampf" mit Götz George und Frank Kolbs Studie "Tatort 'Troia' - Geschichte, Mythen, Politik".

TAZ, 03.03.2011

Deniz Yücel kann verstehen, dass Karl-Theodor zu Guttenberg in einem großen Teil der Bevölkerung immer noch sehr beliebt ist: "Die Frisörin oder der Bauarbeiter erinnern sich an die eigenen Spickzettel und können in Guttenbergs Abkupferei kein großes Vergehen erkennen. Das eint sie mit Leuten aus großbürgerlichem oder aristokratischem Haus, mit Guttenberg selbst, dem man es abnehmen kann, dass er die Empörung nicht ganz versteht. Denn für ihn war der Doktor nur einer von mehreren Titeln; einer, den er zwar deshalb brauchte, weil ihn Herr Dr. Hinz und Frau Dr. Kunz auch hatten, aber eben nicht der Ritterschlag."

Im Kulturteil kritisiert Anja Hoffmann Außenminister Guido Westerwelle, der sich bei einem Treffen in Berlin bestens mit seinem marokkanischen Amtskollegen Fassi-Fihri verstand: "Die beiden Amtsinhaber geben sich als Kooperationspartner, für 'demokratische Reformen' und gegen weiteres Blutvergießen in Libyen. Die Repressionen des marokkanischen Regimes gegen die eigenen Bürgerinnen und Bürger bleiben unerwähnt."

Besprochen werden Urs Odermatts Verfilmung von George Taboris Stück "Mein Kampf" mit Tom Schilling als jungem Hitler, Jaume Collet-Serras Actionthriller "Unknown Identity", in dem Berliner Wahrzeichen wie das Hotel Adlon "geschrottet" werden, Julie Bertucellis Film "The Tree" mit Charlotte Gainsbourg, das Album "Computer and Blues" des britischen Hiphoppers Mike Skinner sowie die Comics "David Boring" und "Wilson" von Daniel Clowes, einem der Stars des US-amerikanischen Indie-Comics.

Und Tom.

FAZ, 03.03.2011

Der libysche Schriftsteller Hisham Matar lebt als Dissident seit langem im Exil. Er schildert die Leidensgeschichte seiner Familie und auch, wie er aus Hass auf den Diktator Gaddafi beinahe auch seine Heimat zu hassen begann. Nun ist alles anders: "Ich bin vierzig Jahre alt. Ich kenne kein Libyen ohne Gaddafi. Jetzt, da ich den Sturz der Diktatur und, wichtiger noch, den Aufstieg des Volkes erlebe, wird mir klar, dass mein Heimatland für mich bisher in erster Linie eine Quelle der Angst, des Schmerzes und der Scham war. Nun ist es eine Quelle der Freude und des Stolzes."

Weitere Artikel: In der Glosse erinnert Andreas Rossmann an ein oft vergessenes Opfer des heute zum zweiten Mal sich jährenden Archiveinsturzes zu Köln: Josefine B., 86 Jahre alt, die im Haus nebenan wohnte und sich nach dem Verlust ihres Zuhause mit Schlaftabletten das Leben nahm. Auch beim launigen Bericht von der Bonner Karnevalsgala Pink Punk Pantheon kann Patrick Bahners von den Themen Sarrazin und Kelek nicht lassen. ("Soll Necla Kelek ruhig bei der Friedrich-Naumann-Stiftung Gelder für die Verminung des Bosporus beantragen") Über das Projekt der Erstellung eines panoramatischen Gesamtbilds des Pergamon-Altars informiert Andreas Kilb.

Besprochen werden Danny Boyles "Frankenstein"-Inszenierung am Londoner National Theatre, eine Thomas-Struth-Ausstellung im K20 in Düsseldorf, die Ausstellung "Ötzi20" im Südtiroler Archäologiemuseum, eine Einspielung der "Chorwerke" von Heitor Villa-Lobos durch das SWR Vokalensemble unter Marcus Creed, Fredrik Wenzels und Henrik Hellströms Film "Man tänker sitt", der fünfte Band des Jahrbuchs "Scenario" mit einem langen Text von Dominik Graf über seine Drehbuchautoren und Bücher, darunter der Erinnerungsband "Kindheitshefte" der argentinischen Autorin Norah Lange (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 03.03.2011

Gustav Seibt nimmt die Causa Guttenberg zum Anlass, den von der Politik verursachten Verfall einer Wissenschaftskultur zu beklagen. Er beklagt auch das Versagen von Guttenbergs Gutachtern, die Dimensionen sind jedoch andere. So war der Protest für Seibts Begriffe "auch ein Aufbäumen nach einem Jahrzehnt, das der Wissenschaft eine ununterbrochene Kette von Demütigungen durch die Politik gebracht hatte. Sie begannen mit jener überstürzt konzipierten, sich bisher weithin gegen die ursprünglichen Absichten auswirkenden Bologna-Reform, die den Geist bürokratischer Schikane in die akademische Welt ebenso hineintrugen wie Hartz IV dies für den Arbeitsmarkt leistete." Dass es durchaus auch systemgestützte "Scharlatanerie"-Produktion im Wissenschaftsbetrieb gibt, darauf macht Tanjev Schultz aufmerksam.

Weitere Artikel: Aus Anlass des Coen-Films "True Grit" denkt Susan Vahabzadeh über die "freien Frauen des wilden Westens" nach. Das integrative Schulprojekt in Tel Aviv, das der Preisträger des Kurzfilm-Doku-Oscars porträtiert, stellt Peter Münch vor. Mit dem in zwei Jahren dann scheidenden Intendanten des Stuttgarter Theaters Hasko Weber unterhält sich Adrienne Braun. Über den Erweiterungsbau des Kleist-Museums in Frankfurt an der Oder freut sich Jens Bisky. Christine Dössel gratuliert der Schauspielerin Jutta Hoffmann zum Siebzigsten.

Besprochen werden Danny Boyles "Frankenstein"-Inszenierung am Londoner National Theatre,die Ausstellung "Surreale Dinge" in der Frankfurter SchirnGore Verbinskis Animations-Western "Rango", Julie Bertucellis Film "The Tree" und die neuen Kleist-Biografien von Günter Blamberger und Peter Michalzik (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).