Tim B. Müller

Krieger und Gelehrte

Herbert Marcuse und die Denksysteme im Kalten Krieg
Cover: Krieger und Gelehrte
Hamburger Edition, Hamburg 2010
ISBN 9783868542226
Gebunden, 736 Seiten, 35,00 EUR

Klappentext

Was haben linke Intellektuelle wie Herbert Marcuse, Otto Kirchheimer und Franz Neumann mit den amerikanischen Geheimdiensten zu tun? Anfang der 1940er Jahre nimmt eine Gruppe linksintellektueller Emigranten zusammen mit ihren amerikanischen Kollegen, u.a. den Historikern Stuart Hughes und Carl Schorske oder dem Soziologen Barrington Moore, ihre Arbeit für den amerikanischen Kriegsgeheimdienst, das Office of Strategic Services (OSS), auf. Der demokratische Sozialismus der Emigranten verbindet sich mit dem Linksliberalismus der "New Deal"-Denker, was sich zu Beginn des Kalten Krieges in Forschungs- und Strategiepapieren niederschlägt, die im US-Außenministerium gegen die Blockkonfrontation opponieren und für eine Entspannungspolitik optieren.
Am Anfang geht es um das nationalsozialistische Deutschland, nach Kriegsende weitet sich der Einsatz auf das gesamte Europa und die Sowjetunion aus. Die Arbeit der linken Denker findet Anerkennung, personelle Netzwerke entstehen. Sie erschließen der Gruppe im Kalten Krieg institutionelle Ressourcen, die ihnen entweder den Weg in die universitäre Welt der Vereinigten Staaten bahnen oder die Fortsetzung ihrer Forschung unter dem Schirm der Rockefeller-Stiftung ermöglichen, häufig in verdeckter oder offener Kooperation mit dem State Department und auch der CIA. Sind vielleicht sogar Kontinuitäten zwischen Marcuses geheimdienstlicher Gegnerforschung und seiner Kritik der westlichen Moderne, die er seit Beginn der 1960er Jahre radikalisierte, zu entdecken?

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.12.2011

Eine so spannende wie ambitionierte Ideen- und Wissenschaftsgeschichte legt der Autor laut Alexandra Kemmerer mit seiner Studie zum Wirken und Werden liberaler Gelehrter in den staatlichen Apparaten des Kalten Krieges vor. Was Tim B. Müller vom Hamburger Institut für Sozialforschung vor allem beherrscht, ist offenbar das Durchstöbern von Archiven. Die theoretische Deutung seiner Funde konnte Kemmerer hingegen nicht immer überzeugen. Dennoch erfährt sie viel über die Arbeit der amerikanischen Geheimdienste und die Gelehrtennetzwerke um Leute wie Herbert Marcuse, Otto Kirchheimer und Hans Meyerhoff, in denen politisches Handeln, etwa der Umgang mit Nachkriegsdeutschland oder einem integrierten Europa, vorbereitet wurde. Das Verorten der Quellentexte, Briefe, Akten etc. in ihrer Zeit gelingt dem Autor laut Kemmerer in einer Weise, die dem Leser die Wirkung der Wissenschaft auf den Gang der Geschichte offenbart.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 09.02.2011

Detlev Claussen liest das Buch sehr genau. Er fördert dabei nicht nur die ein oder andere Ungenauigkeit zu Tage, sondern auch einige Begriffsverzerrungen. Das führe bei Autor Tim B. Müller nicht selten zur Verkennung der Tatsachen, meint Claussen. So vermisst er eine präzise Handhabung wichtiger "Attribuierungen" (marxistisch) und stößt auf eine folgenreiche Fehlinterpretation des Briefwechsels zwischen Marcuse und Adorno. Dass Müller schlicht zu viel will, ist die ins positive gewendete Erklärung, die sich Claussen zurechtlegt. Ein neues Marcuse-Bild, eine neue Perspektive auf den Kalten Krieg - das ist nicht gerade wenig als Zielvorgabe, meint er. Allerdings verliert der Autor dabei laut Claussen den Überblick über die Textsorten, vermischt Erzählerisches, Journalistisches, Theorie und Korrespondenzen und übernimmt damit einen bekannten Fehler der "Intellectual History". An der Spannung zumindest im ersten Teil, wo Müller Marcuses vermeintliche CIA-Mitarbeit verhandelt, sowie am Verdienst des Autors, Marcuses Arbeit in den USA angemessen zu würdigen, ändert das jedoch gar nichts, wenn wir Claussen so zuhören.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 24.09.2010

Rolf Wiggershaus hält das Buch des Sozialforschers Tim B. Müller für einen monumentalen, sinnvoll strukturierten und stilistisch glanzvoll präsentierten Beitrag zur Ideengeschichte des Kalten Krieges. Formen der geheimdienstlichen Politisierung der Wissenschaft im Krieg verfolgt der Autor anhand ausgewählter Gelehrtenbiografien (Marcuse, Neumann, Hughes). Seine Fähigkeit, Beschreibung und Interpretation miteinander zu verbinden, bescheren dem Rezensenten immer wieder überraschende Erkenntnisse, etwa vor allem "Dialektik der Aufklärung", die laut Wiggershaus mit diesem Buch eine "neue Bedeutungsschicht" hinzugefügt bekommt. Einzelne Kritikpunkte (so zu Müllers Einschätzung von Marcuses amerikanischer Existenz) schmälern den Gewinn der Lektüre für Wiggershaus nur unwesentlich.