Heute in den Feuilletons

Ein malariaverheertes Sumpfkaff

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.03.2011. In der FR hält die Islamwissenschaftlerin Gudrun Krämer Demokratie in Ägypten für möglich, mit der Scharia und gegen die Scharia. In der SZ hält der Islamwissenschaftler Bernard Haykel Demokratie in Ägypten ebenfalls für möglich. Die Türkei sei das Vorbild. In Algerien sei die Stimmung dagegen seltsam zurückgenommen, berichtet die FAZ. Der Casus Guttenberg wird weiter bewältigt: Zeit und Spiegel halten fest, dass es nicht die Funktionäre, sondern die kleinen Doktoranden waren, die die Ehre der Wissenschaft wiederherstellten.

Welt, 04.03.2011

Heute vor 150 Jahren hielt Abraham Lincoln seine Antrittsrede als Präsident der USA, in der er die Südstaaten noch einmal zu Versöhnung aufrief. Uwe Schmitt erinnert daran und macht die Umstände anschaulich: Hühner und Schweine kreuzten seinen Weg zum Kapitol. "Jauche floss in den Gräben der unasphaltierten Straßen. Unter Washingtons 75.000 Einwohnern - laut Volkszählung 1860 waren darunter 148 Ärzte, 180 Anwälte, 242 Schneider, sechs Bestattungsunternehmer -, lebten 3 000 Sklaven und 11 000 'farbige Freie'. In den sechzig Jahre seit seiner Gründung war es ein 'Baby der Hauptstädte' geblieben, genauer: ein malariaverheertes Sumpfkaff."

Weitere Artikel: Peter Praschl denkt in der Leitglosse über angebliche oder tatsächliche antisemitische Äußerungen John Gallianos, Julian Assanges und Charlie Sheens nach, die für ihn "auf das Allerschönste demonstriert haben, was Antisemitismus mittlerweile ist: Das Gelalle von Spinnern, das raus muss, wenn sie zuviel Stress bekommen, so etwas Ähnliches wie ein quer liegende Gehirnwind. Nichts, was man ernst nehmen müsste." Marc Reichwein erinnert an den Medienforscher Wilmont Haacke, der heute hundert Jahre alt würde.

Die Meinungsseite bringt einen Project-Syndicate-Artikel des Politologen Dominque Moisi, der fragt, warum Diplomaten eigentlich nie Revolutionen voraussehen.

Besprochen werden Kevin Macdonalds Film "Der Adler der neunten Generation" und ein Album der Band The Rural Alberta Advantage (Hörproben).

FR, 04.03.2011

Michael Hess interviewt die Berliner Islamwissenschaftlerin Gudrun Krämer zu den arabischen Aufständen. Sie ist optimistisch, dass Demokratie in diesen Ländern möglich sei - zugleich mit der Scharia und gegen die Scharia: "Ich vermute, dass in Ägypten der Bezug auf den Islam auch in der revidierten Verfassung eine wichtige Rolle spielen wird. Das ist aber nicht identisch mit einer theokratischen Ordnung, und es heißt schon gar nicht, dass die Väter der Verfassung planen, die strafrechtlichen Normen der Scharia einzuführen."

Weitere Artikel: Renate Klett besuchte ein Tanzfestival in Marrakesch. Christoph Schröder lauschte einem Vortrag des amerikanischen Literaturkritikers James Wood in Frankfurt.

Besprochen werden Uwe Timms neues Buch "Freitisch", eine Aussstellung zur Geschichte der Staatsbibliothek im Deutschen Historischen Museum und Lykke Lis Album "Wounded Rhymes".

TAZ, 04.03.2011

Adrian Fariborz zeigt, wie die Aufstände in der arabischen Welt auch von HipHop und Punkrock-Attitüde befeuert wurden. "Das große Vorbild für Tunesiens Rapper ist zweifellos die seit langem aktive HipHop-Szene in Algerien. Von dort haben sich die Styles und Beats bereits Ende der neunziger Jahre in die gesamte arabische Welt ausgebreitet. HipHop lief dem bis dahin bei der algerischen Jugend so populären Rai-Folk-Pop den Rang ab und entwickelte sich während des 'schwarzen Jahrzehnts' des Bürgerkriegs zum politischen Sprachrohr der sozial entrechteten, prekären Jugendlichen in den Armenvierteln der großen Metropolen von Algier, Annaba und Oran."

Weiteres: Nadine Michel berichtet über eine Künstler-Waggonkolonie, die ihren Standort jetzt wegen Bauarbeiten für Stuttgart 21 aufgeben muss, deren Betreiber darüber aber nicht sauer sind. Ralf Leonhard informiert über eine Entscheidung des Arbeitsgerichts Budapest, das Veit Harlans Film "Jud Süß" von 1940 für "unideologisch" erklärt hat. Jutta Lietsch berichtet in eigener Sache: Sie wurde neben weiteren ausländischen Journalisten von den chinesischen Behörden zu einem "Belehrungsgespräch" über die Arbeitsvorschriften für Journalisten zitiert, die derzeit eine "kafkaeske Umdeutung" erfahren.

Besprochen wird eine neue, drei CDs umfassende Sammlung von Stücken zum 30. Geburtstag der Gruppe F.S.K. mit dem klingenden Namen "Freiwillige Selbstkontrolle ist eine Mode und Verzweiflung Produkt".

Und Tom.
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Aus den Blogs, 04.03.2011

In Ägypten mag der Islamismus nicht drohen - in Pakistan sieht's anders aus. Im Blog der New York Review of Books schreibt Ahmed Rashid: "The assassination on Wednesday of Shahbaz Bhatti, Pakistan?s Federal Minister of Minorities, killed in broad daylight in Islamabad by four gunmen, is one of the most shameful acts of political violence committed by Pakistani extremists."

Weitere Medien, 04.03.2011

In der Zeit (jetzt online) hält Ulrich Schnabel fest, dass es vor allem Jungforscher waren, die das Plagiat Karl-Theodor zu Guttenbergs kritisierten. "Allerdings - und das ist der bittere Nachgeschmack der Affäre - waren es nicht die wohlbestallten Spitzenvertreter der Forschung, die das wissenschaftliche Ethos hochgehalten haben; das haben im Gegenteil Doktoranden und einzelne Professoren getan, die sich damit persönlich angreifbar machten. So ist die 'Causa Guttenberg' zwar einerseits ein Triumph der Wissenschaft, doch zugleich ein Armutszeugnis für die deutschen Forschungsorganisationen, die einen historischen Moment verpasst haben."

Bei Spiegel Online kann Tobias Bunde, Autor des Doktorandenbriefs, dem im Interview nur zustimmen: "Stimmt, genau darum wollten wir kleinen Doktoranden mal ein Fähnchen hochhalten. Und daraus ist nun eine ziemlich große Fahne geworden. Die Großen im Wissenschaftsbetrieb haben sich zu spät gemeldet, da musste eben die Kleinsten das Heft in die Hand nehmen." Interessant auch diese Anmerkung: "Eigentlich hatten wir von Internetdingen zu Anfang relativ wenig Ahnung. Ohne die Unterstützung der viele Leute, die aus dem Web auftauchten und einfach mitgemacht haben, hätten wir es nicht geschafft."

Lesenswert auch dieser Artikel von Markus Becker bei Spiegel online, der erklärt, warum die Umfrageergebnisse zu Guttenbergs Rücktritt so unterschiedlich ausfallen, je nachdem ob man Fernsehzuschauer, Zeitungsleser oder Internetnutzer befragt. Internetnutzer waren viel häufiger für den Rücktritt als die Nutzer anderer Medien. "'Internet-Umfragen greifen Meinungen ab, die sich durch eine aktive Auseinandersetzung mit dem Sachverhalt gebildet haben', sagt [der Würzburger Sozialpsychologe Fritz] Strack. Denn hier seien Nutzer zu erwarten, die ihr Wissen aus mehreren Quellen bezogen hätten und deshalb weniger empfänglich für den Einfluss von Bildern seien."
Stichwörter: Plagiat, Plagiate, Wissenschaft

NZZ, 04.03.2011

Mona Sarkis schildert, wie Abu Dhabi und Katar um eine Spitzenposition in der internationalen Kulturkonkurrenz ringen. Während Abu Dhabi auf die üblichen Kunstikonen setzt, bringt sich Katar als arabische Altenative in Stellung. Stephan Templ rühmt Friedrich Achleitners nach einem halben Jahrhundert endlich fertiggestellten Architekturführer für Österreich. Marco Frei erzählt, wie sich das Münchner Label Oehms Classics um Raritäten bemüht.

Besprochen werden eine "Siegfried"-Inszenierung mit Philippe Jordan und Günter Krämer in Paris und Aufnahmen des Quatuor Ebene.

SZ, 04.03.2011

In einem großen Gespräch zu den Umwälzungen im arabischen Raum sieht der in Princeton lehrende Islamwissenschaftler Bernard Haykel kaum die Gefahr, dass der Islamismus sich durchsetzt. Als Vorbild für die nachdiktatorische Zeit kann für seinen Begriff die Türkei sehr wohl dienen: "Gäbe es ein Ägypten, das ein bisschen wie die Türkei ist, wo eine relativ gemäßigte islamistische Partei an der Macht ist, wo man Alkohol konsumieren kann und die Wirtschaft floriert, wird das nicht nur das Bild dieses Landes im Rest der Welt verändern. Es würden ja auch weniger Menschen auswandern wollen."

Weitere Artikel: Beim Blick auf den Rahmenplan für den Münchner Olympiapark, der für den nicht unwahrscheinlichen Fall der Vergabe der Olympischen Winterspiele 2018 an die Stadt entworfen wurde, freut sich Gottfried Knapp, "dass die Proteste gegen die Totalkommerzialisierung der olympischen Parklandschaft und ihrer Bauten in den vergangenen Jahren bei der Stadt eine Menge bewirkt haben". Von angeblichen antisemitischen Äußerungen von Julian Assange (mehr hier) berichtet Niklas Hofmann. James Levines Abschied vom Boston Symphony Orchestra vermeldet Helmut Mauro. Über allerlei britische Feierlichkeiten zum 40. Geburtstag der Band Queen informiert Alexander Menden. Fritz Göttler gratuliert dem Filmregisseur Adrian Lyne ("Flashdance", "Eine verhängnisvolle Affäre") zum Siebzigsten.

Besprochen werden ein Konzert mit der Sopranistin Kate Royal in München, ein von Armin Petras inszeniertes "Erdbeben von Chili" und eine von Simon Solberg aktualisierte "Minna" in Dresden, Benoit Jacquots Film "Villa Amalia" mit Isabelle Huppert und Bücher, darunter eine Reihe neuer Taschenbücher und Hans-Jürgen Heinrichs' Porträt des "Peter Sloterdijk" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

FAZ, 04.03.2011

Revolutionäre Stimmung ist in Algerien trotz Regungen von Protest nicht auszumachen, wie Nacim Kheddoucci und Claus Josten beobachten: "In Europa sehen die Bilder so aus, als gäbe es eine Protestwelle. Die Stimmung ist aber seltsam zurückgenommen. Am Ende der Demonstrationen flanieren die meist aus der Provinz herangeschafften Polizisten wie Touristen durch die Hauptstadt, kaufen Souvenirs und Geschenke. Es herrscht alles andere als revolutionäre Anspannung." (Zwei interessante Reportagen aus Algerien von Ghania Mouffok findet man übrigens bei Eurozine, hier und hier)

Weitere Artikel: Anders als China, in dem ein neues Interesse an Staats- und anderen Theorien, an fremden Sprachen und Allgemeinbildung langsam erblüht, ist Deutschland auch auf diesem Gebiet, bedauert Jürgen Kaube, auf dem absteigenden Ast. Über den verfassungsrechtlich hoch bedenklichen Einsatz von "Schnüffel-Trojanern" informiert Constanze Kurz in ihrer "Aus dem Maschinenraum"-Kolumne. In Tunesien werden nun, wie Lena Bopp berichtet, in recht großen Stückzahlen viele zuvor verbotene Bücher von Buchhändlern aus Frankreich bestellt und finden reißenden Absatz. Andreas Kilb erklärt, wie es kommt, dass auch zehn Tage vor dem Scheiden des alten noch immer kein neuer Direktor fürs Deutsche Historische Museum in Berlin erkoren ist.

Eduard Beaucamp plädiert in seiner Kolumne für die Wiedergewinnung des ungeteilten 19. Jahrhunderts, von reaktionär bis revolutionär, von Makart bis Menzel, von Gleyre bis Courbet. In der Glosse fragt sich Swantje Karich, wer in einem möglichen Julian-Assange-Film von Steven Spielberg (er hat gerade die Filmrechte an zwei Büchern, darunter dem von Daniel Domscheit-Berg erworben) wohl die Hauptrolle spielen könnte. Aufs heute in Frankfurt (Oder) offiziell eröffnete Kleist-Jahr blickt Tomasz Kurianowicz voraus. Den Abschied James Levines als Direktor des Boston Symphony Orchestra meldet Jordan Mejias.

Besprochen werden ein Tanz-Abend unter dem Titel "Cover Up" mit Fabrice Mazliah, Joannis Mandafounis und May Zarhy in Frankfurt, Julie Bertucellis Film "The Tree" und Bücher, darunter David Gilmours Roman "Die perfekte Ordnung der Dinge" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).