Heute in den Feuilletons

Die Notwendigkeit von Kulturradikalismus

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.02.2011. In den Zeitungen viele pessimistische Blicke auf die Unruhen in Ägypten. Michael Wolffsohn fürchtet im Tagesspiegel, dass es in Ägypen wie im Iran oder im Gaza-Streifen laufen wird. Gunnar Heinsohn sagt das "große Töten" in der FAZ erst noch an. Die New York Times und der Boston Globe bringen große Bilder. Die NZZ sucht nach den Ursachen der aktuellen Kreiskymanie in Österreich.

NZZ, 04.02.2011

Georg Renöckl erklärt die gerade in Wien ausgebrochene Kreiskymanie auch mit dem üppigen Budget, das Bruno Kreisky dem Kulturbetrieb bescherte: "Die 'Freiheit der Kunst' wurde Teil der österreichischen Verfassung, der Kanzler bekannte sich zur Notwendigkeit von 'Kulturradikalismus'. Die gleichsam verordnete Revolution rief auch Kritiker auf den Plan. Junge Autoren wie Peter Henisch und Gerhard Roth, die sich von Kreisky angesprochen fühlten oder, wie Peter Turrini, eine Vaterfigur in ihm sahen, wurden von Thomas Bernhard mit beißendem Spott übergossen, nachzulesen im neuen Suhrkamp-Band 'Der Wahrheit auf der Spur' ('wie schwachsinnig und charakterlos unsere jungen opportunistischen Schriftsteller heute sind')."

Weiteres: Tomasz Kurianowicz beklagt, dass uns der Kapitalismus die Freude am selbstbestimmten Leben verdorben hat: Statt mehr Freiheit habe er uns mehr Auswahl beschert, wie auch Barry Schwartz im Video "The Paradox of Choice" zeige. Claudia Ortner-Buchberger verabschiedet den Schriftsteller und Theoretiker der Kreolisierung Edouard Glissant. Besprochen werden Franz Schuberts Sinfonien in einer Aufnahme mit des Tonhalle-Orchesters Zürich und Mozarts "Zauberflöte" unter Rene Jacobs.

Weitere Medien, 04.02.2011

Hier die Slideshow der New York Times zu Ägypten. Und hier "The Big Picture" des Boston Globe.

Welt, 04.02.2011

Im Interview mit Judith Luig verteidigt Bascha Mika ihre Wut auf "Die Feigheit der Frauen": "Wir wissen alles, wir können alles. Doch wir nutzen es nicht. Selbstverständlich hindern uns auch die Strukturen, die sind Mist."

Außerdem: Alan Posener hegt die Vermutung, dass Benedikt XVI. heimlich an der Abschaffung des Zölibats arbeitet. Andreas Rosenfelder meldet, dass die Universität Bielefeld Niklas Luhmanns Nachlass ankauft. Jörn Florian Fuchs staunt angesichts der beiden "furiosen Opernausgrabungen" - Walter Braunfels' "Ulenspiegel" in Gera und Otto Nicolais "Heimkehr des Verbannten" in Chemnitz - über das ostdeutsche Stadttheater. Besprochen werden die Schau von Gerhard Richters RAF-Zyklus in Hamburgs Bucerius Forum und Wanda Jacksons Album "The Party Ain't Over".
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Tagesspiegel, 04.02.2011

Michael Wolfsohn wirft einen nicht gerade optimistischen Blick auf die Dynamik von Revolutionen: "Warum sollte es in Ägypten und Tunesien anders sein? Im Iran war Demokratie der erste Schritt zu Islamismus und Terror. Bei den Palästinensern entwickelte es sich ähnlich. Die Hamas-Islamisten gewannen im Januar 2006 die Wahlen ganz demokratisch."

Und Rüdiger Schaper schlägt die Hände über dem Kopf zusammen angesichts der Ägypten-Berichterstattung der Öffentlich-Rechtlichen: "Es ist zum Abschalten. Es ist zum Umschalten."

TAZ, 04.02.2011

Daniel Bax kommentiert den Wunsch einer muslimischen Angestellten, bei ihrer Arbeit im Frankfurter Bürgeramt eine Burka tragen zu dürfen (mehr hier): "Wer in der U-Bahn oder auf der Straße einer Burkaträgerin begegnet, der kann sich einer gewissen Beklommenheit nicht erwehren: Es wirkt, als trüge sie ihr eigenes Gefängnis spazieren. Die Burka signalisiert radikale Abgrenzung. In einer öffentlichen Behörde hat sie deshalb nichts zu suchen." Um religiöse Diskriminierung handele es sich bei dem Verbot zum Glück auch nicht: So hätten muslimische Verbände "bereits unisono" erklärt, dass der Gesichtsschleier "keinesfalls eine religiöse Pflicht" sei.

Frank Brendle unterhält sich mit Simon Alperavitchius, Präsident der Jüdischen Gemeinde Litauens, über die Gefahr, dass der Holocaust im litauischen Gedenkjahr in Vergessenheit zu geraten droht, während überlebende jüdische Partisanen seit Jahren Gegenstand einer Kampagne sind. "In Israel sind viele Namen von Kollaborateuren und Mördern bekannt, aber hier in Litauen werden sie als Partisanen und Helden betrachtet."

Weiteres: Andreas Hartmann berichtet über das Berliner Festival Club Transmediale, in das diesmal der 77-jährige US-amerikanische Komponist und Elektronik-Pionier Morton Subotnick einführte. Besprochen werden das Album "Arthur's Landing? der Band Arthur's Landing und Til Schweigers neuer Film "Kokowääh".

Und Tom.

FR, 04.02.2011

Der Großhistoriker Hans Mommsen bespricht Peter Longerichs Goebbels-Biografie und wirft ihm vor, dass die "bloße Stützung auf die 'Tagebücher' zu Fehlinterpretationen verleiten kann und dass die Aussage, dass sie 'einen einzigen, in besonderer Weise unverstellten Blick auf den Diktator' ermöglichen... relativiert werden muss."

Weiteres: Im Aufmacher bilanziert Anna Weiß die Lage der Frauenbewegung im Iran - die Demonstrationen haben aufgehört, Aktivistinnen sind hingerichtet worden oder im Gefängnis, viele Frauen sind geflüchtet und gezwungen, aus dem Exil heraus zu operieren. In der Leitglosse macht Christian Schlüter den Westen, gähn, für das Demokratiedefizit in den arabischen Ländern verantwortlich. "jae" schreibt zum frühen Tod der Schauspielerin Maria Schneider. Harry Nutt schreibt zum Tod des Schriftstellers Edouard Glissant.

Besprochen werden eine "Tannhäuser"-Inszenierung in Zürich, William Boyds gefakete Künstlerbiografie "Nat Tate" und ein Album des jungen DJ und Pianisten James Blake, der die aus den Clubs bekannte Dubstepmusik mit ihren supertiefen Bässen und langen Pausen laut Tobi Müller popfähig macht.

FAZ, 04.02.2011

Viermal Ägypten: Gegen allzu steile moralische Kritik an der bisherigen Haltung des Westens gegenüber dem Regime wendet sich Christian Geyer. Es sei schließlich der von genau diesen Kritikern so geschmähte George W. Bush gewesen, der 2005 erklärt hatte: "Sechzig Jahre lang hat der Westen Vorwände für die Unfreiheit im Nahen Osten gefunden und sich mit ihr gut eingerichtet. Aber diese Strategie hat uns nicht mehr Sicherheit gebracht. Auf lange Sicht lässt sich Stabilität nicht auf Kosten von Freiheit kaufen."

Gestützt auf etwas, das man nur als demografischen Determinismus bezeichnen kann, sagt der Sozialwissenschaftler Gunnar Heinsohn voraus, dass in Ägypten das "große Töten" erst nach dem Umsturz beginnen wird - es gibt zu viele junge Menschen und zu wenige Positionen für sie. Dieter Bartetzko verortet Husni Mubarak in der pharaonischen Tradition. Und auf der Medienseite erklärt Michael Hanfeld ARD und ZDF noch einmal, was sie bei der Ägypten-Berichterstattung falsch machen. 

Weitere Artikel: Constanze Kurz denkt in der "Aus dem Maschinenraum"-Kolumne über elektronische Überwachungstechniken, ihre Verwendung, ihre Hersteller und ihren Missbrauch nach und klagt - anders als Christian Geyer - die "Verlogenheit der westlichen Außenpolitik" im Umgang mit zensurfreudigen Regimen an. In seiner Kunstkolumne ist Eduard Beaucamp der Ansicht, dass es für die Kunst mal wieder an der Zeit ist für Orientierungen Richtung rückwärts. Daniel Haas kritisiert das sehr schleppende Tempo, mit dem es bei Suhrkamps Klassiker-Verlag unter anderem mit der Goethe-Ausgabe voran geht. Marcus Jauer kommentiert den Fund von Gold-, Silber- und Kupfervorkommen in der Lausitz. Knapp schreibt Verena Lueken zum Tod der Schauspielerin Maria Schneider ("Letzter Tango in Paris"). Jürg Altwegg verfasst den Nachruf auf den frankophonen karibischen Autor Edouard Glissant

Besprochen werden die Ausstellung "Kallawaya - Heilkunst in den Anden" im Grassi-Museum für Völkerkunde in Leipzig, eine Ausstellung zum Werk der Architekten "Wandel Hoefer Lorch & Hirsch" im Architekturmuseum der TU München und Bücher, darunter Alain Juranvilles bisher nur in französischer Sprache erschienene enthusiasmusfreie Kapitalismusverteidigung "Inconscient, capitalisme et fin de l'histoire" und Anne Wiazemskys Roman "Mein Berliner Kind" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 04.02.2011

De 29-Jährige, der vor einem Jahr ein Attentat mit einer Axt auf den dänischen Karikaturisten Kurt Westergaard verüben wollte, ist verurteilt worden, meldet Gunnar Herrmann im politischen Teil: "Die Axtattacke auf den dänischen Karikaturisten Kurt Westergaard war ein Terrorakt. Das hat das Gericht in jütländischen Aarhus am Donnerstag entschieden. Es verurteilte den 29-jährigen Angeklagten außerdem wegen versuchten Totschlags in zwei Fällen und folgt damit der Argumentation der Staatsanwaltschaft." Das Strafmaß soll heute bekantgegeben werden.

Im Feuilleton freut sich Ingeborg Walter über die drei Monate währende Öffnung des Palazzo Farnese in Rom. Ein von inzwischen 144 katholischen Theologen unterzeichnetes Kirchenreformpapier stellt Matthias Drobinski vor: Gefordert werden darin "das Ende des Pflichtzölibats, Frauen als Geistliche, Beteiligung des Kirchenvolks bei der Auswahl der Bischöfe, ein Ende des 'moralischen Rigorismus'". Jonathan Fischer porträtiert Chris Strachwitz und sein seit fünfzig Jahren existierendes Folk- und Blues-Label Arhoolie Records. Hannah Beitzer berichtet von der Internet-Aktion "Swoj 200", in der junge Russinnen gegen die Wehrpflicht protestieren. Gunnar Herrmann konstatiert, dass die Opernhäuser in Oslo und Kopenhagen das von Stockholm inzwischen überrundet haben. Über die nun verkündeten Pläne Lorin Maazels mit den Münchner Philharmonikern informiert Reinhard J. Brembeck. Knapp schreibt Tobias Kniebe zum Tod der Schauspielerin Maria Schneider. Den Nachruf auf den Schriftsteller Edouard Glissant hat Lothar Müller verfasst.

Besprochen werden eine "Cosi Fan Tutte"-Inszenierung in Baden-Baden (die Joachim Kaiser musikalisch sehr, inszenatorisch weniger überzeugt), Thomas Dannemanns "Der gute Mensch von Sezuan"- und Kristo Sagors "Amphitryon"-Inszenierung am Schauspiel Stuttgart, und Frederic Chaubins Fotografien utopischer Sowjetarchitektur im ZKM Karlsruhe, und neue Taschenbücher, sowie Jan Wagners Gedichtband "Australien" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).