Heute in den Feuilletons

Lindenberg säuft wenigstens

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.01.2011. Die FR rühmt das Artemis Quartett und seinen schroffen Beethoven. In der NZZ schimpft Richard Wagner auf Osteuropäer, die unter Verweis auf ihre traumatische Geschichte aus der Verantwortung für Freiheit und Bürgerrechte mogeln. Die Jungle World legt dar, dass die Verfolgung religiöser Minderheiten im Nahen Osten wahrlich  nichts Neues ist. Die New Republic feiert Jürgen Habermas als "the single most important public intellectual in all of Continental Europe". In der Welt wiederholt Rafi Pitts seinen Vorschlag, dass die Filmwelt (und auch die Berlinale!) am 11. Februar die Arbeit niederlegt - für Jafar Panahi.

FR, 14.01.2011

Jürgen Otten rühmt das Artemis Quartett, das in Berlin Beethovens Streichquartette spielt (mehr hier) und etwa dem F-Dur-Quartett op. 18,1 nicht - wie viele andere - die Kanten, Brüche und Akzente nimmt: "Geradezu körperlich ist der Klang der vier Streicher, intensiv, irrlichternd, nach vorne treibend, unruhig, rau. Selbst im Adagio affetuoso ed appassionato bebt der d-Moll-Boden, sind die Forte-Einwürfe Störmanöver. Von dieser Schroffheit, die selbst im federnden Scherzo einen erdigen Klang erzeugt und im finalen Allegro zumal die metrischen Inkohärenzen der Partitur betont, den Widerspruch zwischen geradem Puls und plötzlicher Beschleunigung - von hier aus ist der Weg gar nicht mehr allzu weit zum späten, querständigen Streichquartett op. 127. Und darin liegt die hohe Kunst dieser Interpretation."

Einen "Tanz der Vampire, einen Lumpenball" erlebte Arno Widmann bei der Veranstaltung "Wo bitte geht's zum Kommunismus?" in der Berliner Urania. Frage von Ulla Jelpke (Jahrgang 1951) an Inge Viett (1944) : "'Du zitierst Che Guevara: Die Pflicht eines Revolutionärs ist es, die Revolution zu machen. Ich halte es mehr mit Karl Marx: Die Befreiung der Arbeiterklasse kann nur das Werk der Arbeiterklasse selbst sein. Was meinst Du?'"

Christian Schlüter stellt die neue für ein religiöses Miteinander werbende Broschüre des Deutschen Kulturrats vor. Besprochen werden Anna Depenbuschs CD "Mathematik", Edward Zwicks Film "Love and other Drugs" und eine Hommage von Klaus Staeck an Sigmar Polke in der Berliner Akademie der Künste.

TAZ, 14.01.2011

Mit sehr niedrigen Erwartungen sah sich Christiane Rösinger das Musical "Hinterm Horizont" über Udo Lindenbergs Leben und Wirken im Musicaltheater am Potsdamer Platz an, zu dem Thomas Brussig das Buch geschrieben hat, und war dann aber doch recht angetan. Neben treffsicheren Dialogen und allgemeiner Stimmigkeit scheint ihr vor allem die Hauptfigur Garant dafür, dass dieses Musical nicht daneben ging: "Und ist er auch manchmal peinlich mit seinem Schlapphut, Rockerfrack und der Admiralshose, seiner nuschligen angestrengt-lockeren Siebziger-Jahre-Kunstsprache - er kann Preise und Verdienstkreuze annehmen, ohne sich so ekelhaft staatstragend wie seine Kollegen vom Deutschrock zu gebärden. Lindenberg säuft wenigstens, vertritt als einziger deutscher Promi keine Familienwerte und wohnt lieber im Hotel."

Besprochen werden das Debütalbum der englischen Sängerin Anna Calvi und drei neue Bücher über Frank Zappa von Ingo Meyer, Frank Wonneberg und Barry Miles. (mehr dazu in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr)

Und Tom.

NZZ, 14.01.2011

Richard Wagner geht sehr allgemein mit den Osteuropäern ins Gericht, die sich unter Verweis auf ihre traumatische Geschichte aus der Verantwortung für Freiheit und Bürgerrechte mogeln: "Die sich national gebenden Lehrer des Volkes aus dem Osten, die früher vorgaben, Herder zu lesen, und jetzt nichts mehr vorgeben, verstehen unter Freiheit mit Vorliebe die Freiheit der Nation. Das aber ist nicht die ganze Freiheit. Die Freiheit der Nation ist nichts ohne die individuelle Freiheit. Und so ist auch die Akzeptanz der individuellen Freiheit nicht eine politische Frage, es ist vielmehr eine Frage des Prinzips."

Andrea Köhler sieht das Attentat von Arizona durchaus in Zusammenhang mit der in der amerikanischen Politik herrschenden Gewaltrhetorik: "Gabrielle Giffords' republikanischer Herausforderer in Arizona, der Unteroffizier Jesse Kelly, hielt eine Wahlveranstaltung ab, die die Überschrift trug: 'Helfen Sie, Gabrielle Giffords aus dem Amt zu entfernen. Schießen Sie mit Jesse Kelly eine vollautomatische M16 leer.'"

Weiteres: Ueli Bernays beschreibt auf einer ganzen Seite den neuen Trend im Pop zur Klassik. Susanne Ostwald gratuliert der amerikanischen Schauspielerin Faye Dunaway zum 70. Geburtstag. Besprochen wird Richard Wherlocks Choreografie der "Giselle" im Theater Basel.
Anzeige

Welt, 14.01.2011

Hanns-Georg Rodek unterhält sich mit dem iranischen Filmregisseur Rafi Pitts, der seinen Vorschlag wiederholt, dass die gesamte Filmwelt - und auch die Berlinale - am 11. Februar für zwei Stunden die Arbeit niederlegt - aus Solidarität mit dem Kollegen Jafar Panahi, den das iranische Regime zu sechs Jahren Gefängnis und zwanzig Jahren Berufsverbot verurteilt hat: "So etwas hat es in unserer Geschichte noch nie gegeben: dass Menschen nur wegen ihrer Ideen ins Gefängnis gesteckt werden. Und noch nie in der Geschichte des Kinos ist ein Filmemacher nur für eine Idee eingesperrt worden. Wenn wir als Kinogemeinschaft darauf nicht vereint reagieren, verfällt bald ein zweites Land auf dieselbe Idee und schiebt ein drittes noch fadenscheinigere Gründe vor."

Weitere Artikel: Andrea Backhaus stellt den finnischen Maler Antero Kahila vor, der in sechsjähriger Arbeit ein im Krieg verschollenes Caravaggio-Gemälde kopierte, das nun in Berlin ausgestellt wird. In der Leitglosse mokiert sich Frank Schmiechen über eine ARD-Dokumentation, der es nicht gelang den Finanzunternehmer und Gerhard-Schröder-Kumpel Carsten Maschmeyer zu einer Äußerung zu bewegen (und vergisst zu erwähnen, dass eine devote Bild-Zeitung den Kooperationspartner von ein "Herz für Kinder" zum Haupt- und Staatsinterview bitten durfte ). Till-R. Stoldt begibt sich auf die Suche nach einem "Luther des Islams" und weist nach, dass Necla Kelek, die diesen Titel kaum beanspruchen dürfte, auch gar nicht dafür geeignet ist. Manuel Brug gratuliert Caterina Valente zum Achtzigsten, Holger Kreitling gratuliert Faye Dunaway zum Siebzigsten.

Besprochen wird das Udo Lindenberg-Musical "Mädchen aus Ost-Berlin" (das den Rezensenten Harald Peters allerdings nicht zu Begeisterungsstürmen hinreißt).

Weitere Medien, 14.01.2011

(via Netzpolitik) Bei Focus hat Miriam Meckel (Blog) in einem kurzen prägnanten Artikel zusammengefasst, wie das Internet den Journalismus verändert. Neun Punkte zählt sie auf, darunter:
"# Es gibt keine netzunabhängige journalistische Weltsicht. Das Netz ist auch die Welt. Es gibt nur eine arrogante Verweigerungshaltung derer, die glauben, schlauer zu sein als ihre Leser.
# Das Netz entlarvt jede noch so kleine journalistische Fehlleistung. Es dekonstruiert auch den Verweigerungsjournalismus."

Benjamin-Weinthal greift im Jewish Chronicle in die Debatte um den Begriff Islamophobie ein und gibt Pascal Bruckner (deutsch im Perlentaucher) recht: "A significant contrast between antisemitism and Islamophobia - which the merging of them dangerously ignores - is that the former manages to bring together such uneasy bedfellows as radical leftists, fanatical Muslims and right-wing extremists."

(via 3quarksdaily) In The New Republic schreibt der Historiker Peter E. Gordon anlässlich einer neuen Habermas-Biografie von Mathew Specter eine Hommage an den berühmtesten lebenden deutschen Philosophen: "Jürgen Habermas ranks today as the single most important public intellectual in all of Continental Europe. But he is also a formidable philosopher whose major contributions to social and political theory, constitutional law, historical sociology, the history of philosophy, and the philosophy of language (to name only the fields he revisits with greatest frequency) are pitched at such air-gasping heights of difficulty and place such merciless demands upon the reader as to turn away all but the most fearless."

(via Open Culture) 1958 setzten sich Ian Fleming, Autor der "James Bond"-Romane, und Raymond Chandler auf einige Drinks zusammen und plauderten über Verrückte (echte und erfundene) und über Bond und Marlowe. (Hier gibts eine Mitschrift, ab Seite 30 des pdfs)


Jungle World, 14.01.2011

Verfolgung von Christen ist im Nahen Osten beileibe nichts Neues, schreibt Thomas von Osten-Sacken: "Die blutige Geschichte des 20. Jahrhunderts in der Region ließe sich auch als eine der systematischen Vertreibung und Auschaltung aller nichtmuslimischen Gruppen schreiben. Ob auf dem Gebiet der heutigen Türkei, in Ägypten, dem Irak oder im Iran: Vor 100 Jahren noch lebten hier Millionen von Christen und Juden, in Städten wie Bagdad stellten arabische Muslime nicht einmal die Mehrheit der Bevölkerung. Dann rollte über den Orient jene Welle ethnischer und nationaler Homogenisierung hinweg, die gleichzeitig auch in Mittel- und Osteuropa zu Massenvertreibungen von Minderheiten aller Art führte."

Außerdem kommentiert Stephan Grigat die wenig überzeugende Haltung des Auswärtigen Amtes im Fall der beiden vom Iran inhaftierten deutschen Journalisten Marcus Hellwig und Jens Koch. Und vier Autoren streiten sich über die Frage, ob der "Kommende Aufstand" wirklich kommt.
Stichwörter: Auswärtiges Amt, Irak, Iran

SZ, 14.01.2011

Von einer Tutzinger Tagung zum Thema "Deutsch in der Wissenschaft" bringt Kristina Maidt-Zinke sichtlich alarmiert die Erkenntnis mit, dass die "Kapitulation der europäischen Sprachen, insbesondere des Deutschen, vor einem Global-Englisch im wesentlichen amerikanischer Provenienz" bereits weit fortgeschritten ist. Die Historikerin Benigna von Krustenstjern schildert, wie der hingerichtete Widerstandskämpfer Adam von Trott zu Solz später von manchem Nicht-Widerstandskämpfer instrumentalisiert wurde. Warum die Schrifttype "Helvetica" trotz vielfacher Anfeindungen nicht totzukriegen ist, versucht Susanne Gmür zu klären. Susan Vahabzadeh gratuliert der Schauspielerin Faye Dunaway zum Siebzigsten, Karl Forster der Sängerin Caterina Valente zum Achtzigsten.

Besprochen werden die Berliner Vorpremiere des Udo-Lindenberg-Musicals "Hinterm Horizont" (Renate Meinhof erinnert sich an die DDR-Begeisterung für die "urst fetzige" Musik und erfährt, dass kein anderer als Lindenberg die Mauer zum Einsturz brachte), der neue Pollesch "Schmeiß Dein Ego weg!" (den Peter Laudenbach "etwas müde und routiniert" findet), ein Konzert der Münchner Philharmoniker, bei dem Christoph Eschenbach Mahlers "Neunte" dirgierte, und Bücher, darunter ein prächtiger Tafelband über den Regensburger Dom und eine Neuausgabe von Peter Hacks' Erfolgsstück "Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

FAZ, 14.01.2011

Patrick Bahners berichtet von einer Münchner Diskussion über die Studie "Das Amt", an der sich nicht nur die beteiligten Historiker und manche ihrer Kritiker, sondern aus dem Publikum heraus auch Jürgen Habermas beteiligten. Habermas schlug sich auf die Seite der Autoren von "Das Amt": "Selbstironisch spielte er auf seine Rolle als Auslöser des 'Historikerstreits' von 1986 an: Selbst er sei von der offensiven Verteidigung nationalapologetischer Denkmuster überrascht, die er für ein Phänomen der achtziger und frühen neunziger Jahre gehalten habe."

Außerdem: Über spanische Debatten zum verschärften Rauchverbot informiert Paul Ingendaay. In der Glosse meint Andreas Kilb, wenn ausgerechnet Wim Wenders demnächst den "Ring" inszeniere, dann sei der Neue Deutsche Film wohl endgültig tot. In seiner Kolumne ist Raphael Gross anlässlich des Erfolgs von Stephane Hessels Pamphlet unwohl angesichtes der neueren Lust an der Empörung, die gelegentlich reflektiertere Formen der Kritik allzu rasch ersetze. Hannes Hintermeier fordert das Bürgertum dazu auf, einen Museumsbau für die großartige Romantik-Sammlung des Freien Deutschen Hochstifts zu ermöglichen. Über einen Plagiatsvorwurf, der in Paris hohe Wellen schlägt, weil die national berühmte Fernsehfigur Patrick Poivre d'Arvor dabei der Beschuldigte ist, berichtet Jürg Altwegg. In Russland waren mal wieder sehr lange Neujahrsferien, in denen sich diesmal, glaubt Kerstin Holm, wenigstens nicht alle besoffen.

Besprochen werden Rene Polleschs jüngste Inszenierung "Schmeiß Dein Ego weg!" (bei der für Irene Bazinger die große Margit Carstensen den Unterschied macht), die Ausstellung "Verlust und Wiederkehr" mit wiedergefundenen Werken der Berliner Alten Nationalgalerie, Michel Gondrys Superheldenversuch "Green Hornet" (Rüdiger Suchsland ist vom Ergebnis nicht überzeugt) und Bücher, darunter Hans Magnus Enzensbergers "Meine Lieblings-Flops" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).