Heute in den Feuilletons

Widerspruchslose Informationskokons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.10.2010. Die taz traf im Gaza-Streifen eine neue Fraktion Palästinenser, die sich für Geschlechtertrennung bei Friseuren ausspricht. Die NZZ greift den Fall des deutsch-türkischen Autors Dogan Akhanli auf, der in der Türkei drangsaliert wird. Die Blogs kommentieren Steve Jobs' neue Äußerungen gegen Google und das offene Netz, das ihm zu "fragmentarisch" ist und darum nicht im Interesse der Kunden liege. Sind die Kommentare im Blog von Stefan Niggemeier möglicherweise alle von Konstantin Neven DuMont? Und dann natürlich Oliver Stone in der Welt zum Zustand der freien Marktwirtschaft: "Es fühlt sich falsch an, zutiefst falsch." 

TAZ, 19.10.2010

Im Gaza-Streifen entsteht eine neue Fraktion, der die Hamas noch zu milde ist, die Salafisten, palästinensische Taliban, die Susanne Knaul bei einem konspirativen Treffen bereitwillig Auskunft gaben: "Die Salafis stehen gern bereit, wenn es darum geht, ein Internetcafe in Brand zu stecken, in dem auch mal ein Pornostreifen vom Netz geladen wird, oder ein Frisiergeschäft, wo männliche Friseure Frauen die Haare schneiden. 'Wir warnen die Leute', sagt al-Hareth. 'Nur Wiederholungstäter werden bestraft.'"

Im Kulturteil bespricht Peter Unfried neue Öko-Bücher, darunter "Der EnergEthische Imperativ" des gerade verstorbenen SPD-Politikers Hermann Scheer. Simon Rothöhler schreibt zum Tod von Thomas Harlan. Cigdem Akyol porträtiert vier iranische Aktivisten der Grünen Revolution, die im deutschen Exil weiterkämpfen.

Besprochen werden Oliver Stones neuer Film "Wall Street 2" und Konzerte der Donaueschinger Musiktage (darunter Peter Ablingers neues Streichquartett mit dem schönen Titel "Wachstum und Massenmord").

Und Tom.

FR, 19.10.2010

Als Glücksfall feiert Peter Iden die Berliner Ausstellung des Malers Pierre Soulage, der das Schwarz in allen farblichen Abstufungen erforschte: "Schon der Schüler war einmal aufgefallen damit, dass er die Aufgabe, Schnee zu malen, mit schwarzer Tinte anging."

Weitere Artikel: Sebastian Moll interviewt die amerikanische Journalistin Kate Zernike, die ein eher positives Bild von der Tea Party hat und sich ihren Erfolg mit dem radikalen Individualismus erklärt. Ralf Bönt rühmt Sofi Oksanens Roman "Fegefeuer", der ihm nach anfänglichem Stutzen doch glaubhaft machte, dass selbst Frauen, die ihre Männer töten, Opfer sein können. Natalie Soondrum war auf den Kulturtagen der EZB.

Besprochen werden Guy Cassiers' "Rheingold"-Inszenierung an der Staatsoper und eine laut Jürgen Otten "völlig missratene" Inszenierung des "Don Giovanni" an der Deutschen Oper.

Welt, 19.10.2010

Im Interview mit Hanns-Georg Rodek schildert "Wall Street 2"-Regisseur und Castro-Fan Oliver Stone sein Gefühl nach der großen Wirtschaftskrise: "Das System hat einen Herzanfall erlitten und wird nun mit Drogen vollgestopft. Alles ist blockiert, die Lage festgefahren. Es fühlt sich falsch an, zutiefst falsch." Rodek bespricht "Wall Street 2" auch - mit deutlich gebremster Begeisterung.

Weitere Artikel: Tilman Krause schreibt zum Tod von Thomas Harlan. Besprochen werden Kleists "Hermannsschlacht" in München, eine große Klimt- und Schiele-Ausstellung in der Fondation Beyeler, eine "Götterdämmerung" in Hamburg und eine Beckett-Ausstellung aus dem Suhrkamp-Archiv in Marbach.

Auf der Forumsseite macht Marcia Pally auf eine hier wenig bekannte Fraktion liberaler Evangelikaler in den USA aufmerksam, die "jenseits von Fundamentalismus und Säkularismus ein neues Verhältnis von Religion und Gesellschaft" suchen.
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NZZ, 19.10.2010

Semiran Kaya berichtet von dem fragwürdigen Prozess, der in Istanbul gegen den Schriftsteller Dogan Akhanli angestrengt wird: Neben Raub und Totschlag im Jahre 1989 wird ihm "ein politisch motiviertes Verbrechen zur Last gelegt: ein 'bewaffneter Umsturzversuch', der nach dem türkischen Gesetz mit lebenslanger Haftstrafe geahndet wird. 'Ich habe mit vielem gerechnet, bin aber davon ausgegangen, dass es Grenzen gibt. Ich habe mich getäuscht', zitierte ihn sein Rechtsanwalt Haydar Erol nach der Verhaftung." Akhanli streitet alle Vorwürfe ab. Mehr zu dem Fall beim Deutsch-Türkischen Kulturforum.

Weiteres: Joachim Güntner stellt sich hinter den Präsidenten der Weimarer Klassikstiftung, Hellmut Seemann, dessen Vertrag nach zehn Jahren nicht verlängert wird. Allerdings muss Güntner zugeben, dass selbst der Wissenschaftsrat Seemanns Arbeit nicht immer positiv bewertete. Außerdem schreibt Güntner einen Nachruf auf den Filmemacher Thomas Harlan, der sich zeitlebens für die propagandistischen Untaten seines Vaters in Haftung genommen hat. Andrea Köhler wirft einen Blick auf David Foster Wallaces Nachlass an der University of Texas.

Besprochen werden Sven-Eric Bechtolfs Inszenierung von Paul Hindemiths "Cardillac" an der Wiener Staatsoper, eine Aufführung von "Peer Gynt" im Luzerner Theater, Mariam Kühsel-Hussainis Romandebüt "Gott im Reiskorn" und Peter Wawerzineks Roman "Rabenliebe" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Weitere Medien, 19.10.2010

(Via Holger Schmidt) Apple hat zum ersten Mal einen Quartalsumsatz von über 20 Millarden Dollar gemacht. Bei der Analystenkonferenz giftete Steve Jobs gegen die offene Handyplattform Android, die von Google vorangetrieben wird. Miguel Helft zitiert ihn in seinem Blog in der New York Times: "In reality, we think the open versus closed argument is just a smokescreen to try to hide the real issue, which is what?s best for the customer: Fragmented versus integrated,' Mr. Jobs said. 'We think Android is very, very fragmented and getting more fragmented by the day.'"

MG Siegler kommentiert die Meldung in Techcrunch: "Just in case it wasn't clear enough, Apple's Q4 earnings call today made it more clear than ever that Apple and Google are in the middle of an all-out war in the mobile space."

Aus den Blogs, 19.10.2010

Die FAZ am Sonntag entdeckte vorgestern unter Rückgriff auf eine Techcrunch-Recherche eine Datenschutzlücke bei Facebook (mehr hier). Don Dahlmann kommentiert auf seinem Blog: "Die ganze Aufregung um Mailadressen kommt aus einem Verlag, der Mitglied beim BDZV ist, der sich wiederum vor zwei Jahren massiv dafür eingesetzt hat, dass der Adresshandel der Verlage nicht unterbunden wird, weil sonst die Pressefreiheit gefährdet sei. So viel Dreistigkeit besitzen nicht mal Google und Facebook zusammen."

Auch Thomas Knüwer regt sich in Indiskretion Ehrensache ganz schön über die angebliche FAZ-Enthüllung auf: "Die angeblich exklusive Geschichte der FAS ist nicht im mindesten exklusiv. Und weil im Wochenende Online-Redaktionen dünn besetzt sind, babbeln ausreichend Web-Medien die Geschichte nach, ohne ihre Fachleute zu befragen."

Alle beneiden Stefan Niggemeier um die Hunderte von Kommentaren in seinem Blog. Nun stellt sich aber die Frage, ob sie alle von einem sind. Jedenfalls staunt Niggemeier selbst: "Ist es denkbar, dass einer der wichtigsten Medienmanager Deutschlands über Monate in diesem Blog unter einer Vielzahl wechselnder Pseudonyme eine dreistellige Zahl von teils irren Kommentaren abgibt, in denen er auf eigene Beiträge verweist, mich und seine Konkurrenz beschimpft, wüste Verschwörungstheorien strickt und seine verschiedenen Identitäten miteinander diskutieren lässt? Es sieht ganz danach aus, aber Konstantin Neven DuMont sagt, er war es nicht."

SZ, 19.10.2010

Erdmöbel? Im Ernst? Also schön. Alex Rühle feiert die Band: "Man braucht nicht Monaco für großen Pop, die Songs der Kölner Band spielten immer schon eher in Vororten, dort wo unser aller Leben stattfindet, weshalb wir meinen, nicht mehr hinschauen zu müssen, sondern die Dinge nur noch schlunzig mit den Augen abscannen. Phantasie, so zitiert Berges in seinem Roman einmal Vladimir Nabokov, Phantasie sei der Muskel der Seele. Bei Nabokov heißt es im Anschluss daran, der wahre Schönheitssinn habe 'viel weniger mit Kunst zu tun als mit der stetigen Bereitschaft, den Glorienschein um eine Bratpfanne (...) wahrzunehmen'. In 'Das Leben ist schön!' besingen Erdmöbel denn auch 'Morgenrot über den Kaminen / Butterbrotpapier zwischen den Schienen' und rufen, ja schreien am Ende: 'Und das ist schön / Das Leben ist schön / Ich kann Eure Tränen nicht verstehn.' Es lebe die Bratpfanne."

Weitere Artikel: Andreas Zielcke listet en detail auf, warum "Stuttgart21" seine Ansicht nach undemokratisch entschieden wurde, auch wenn die Gegner jahrelang Zeit hatten, ihre Einwände geltend zu machen und resümiert: "Nicht richtige Entscheidungen, sondern richtige Verfahren befrieden." Gesprochen wie ein wahrer Bürokrat! Oliver Herwig berichtet über eine Münchner Tagung zum Thema Zukunft des Bauens. Auf der Medienseite informiert uns eine Meldung, dass RTL2 Arbeitgeber künftig darüber informieren will, ob "mutmaßliche" Kinderschänder für sie arbeiten.

Besprochen werden die Ausstellung "Courbet. Ein Traum von der Moderne" in der Frankfurter Schirn, Choreografien von Benjamin Millepied und Hans van Manen in Amsterdam, Stephan Kimmigs Inszenierung von Gorkis "Kinder der Sonne" am Deutschen Theater Berlin, Sven-Eric Bechtolfs Inszenierung von Paul Hindemiths Oper "Cardillac" in Wien, der peruanische Film "Im Oktober werden Wunder wahr" von Daniel und Diego Vega sowie Bücher, darunter Haruki Murakamis Roman "1Q84" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FAZ, 19.10.2010

In Pakistan scheint im Moment in mehr als einer Hinsicht Land unter. Martin Kämpchen schildert die Lage: Aus Indien kommen, anders als in ähnlichen Fällen zuvor, kaum Spenden für die Opfer der Flutkatastrophe. Und auch das einzige verbliebene Nationalheiligtum, die Kricket-Nationalmannschaft, ist schwer beschädigt: "Kaum waren die Fluten vom Himmel gestürzt, als sich eine zweite Katastrophe anbahnte, deren Ausmaß in Europa kaum gewürdigt wurde. Drei Spieler des pakistanischen Kricketteams wurden während einer Spielserie in England der Korruption angeklagt und aus der Mannschaft genommen. Sie sollen hohe Summen für match-fixing, also die Manipulation des Spielverlaufs, angenommen haben... Ein sarkastischer Text machte die Runde: 'Wir, die Flutopfer von Pakistan, grüßen die ehrenwerten Mitglieder unseres nationalen Kricketteams, das erfolgreich hohe Summen für die Flutkatastrophe gesammelt hat.'"

Auf der Medienseite stellt Thomas Thiel das noch nicht ins Deutsche übersetzte Buch "Republic.com" des Juristen und Obama-Beraters Cass Sunstein vor, in dem dieser das Internet verdächtigt, die Demokratie zu unterwandern: Er "sieht Internet, einst als Medium radikaler Demokratie gefeiert, langfristig in Aufmerksamkeitsinseln zerfallen und den Nährboden der Demokratie, den Raum geteilter Erfahrung, zerfressen. Die Personalisierung verpuppt in seiner Sicht immer mehr Menschen in widerspruchslose Informationskokons, wo sie nur ihnen genehme Bruchstücke der Realität wahrnehmen und Fremdes bald nicht mehr integrieren können." (Hier eine Leseprobe aus dem Buch, hier ein langes Interview mit Sunstein bei Salon.com.)

Weitere Artikel: Gerwin Zohlen bewundert die "weltläufige Eleganz" des von Christoph Ingenhoven entworfenen Swarovski-Neubaus in bester Lage am Zürichsee. Kein Verständnis hat Sebastian Balzter dafür, dass die norwegische Regierung die längst nicht mehr rentable norwegische Nationalenzyklopädie "Store Norske" nicht finanziell unterstützen will. In der Glosse mokiert sich Irene Bazinger über die Regietheater-Nackedeis in der Berliner Schaubühne. Vom deutschen Rechtshistorikertag in Münster berichtet Martin Otto. Edo Reents schreibt zum Tod des Filmemachers, Schriftstellers, Sohns, Revolutionärs Thomas Harlan. "Mil" hat einen kurzen Nachruf auf den Mathematiker Benoit Mandelbrot verfasst. 

Besprochen werden die von Stefan Bachmann in Szene gesetzte österreichische Erstaufführung von Kathrin Rögglas Natascha-Kampusch-Stücks "Beteiligte" am Wiener Akademietheater (Martin Lhotzky hat sich "entsetzlich" gelangweilt), die von Sven-Eric Bechtolf inszenierte und von Franz Welser-Möst dirigierte Aufführung von Paul Hindemiths "Cardillac" an der Wiener Staatsoper (Dirk Schümer sieht sich in seinen Zweifeln an der Qualität des Werks hinterher nur bestätigt), die Ausstellung "Diaghilev and the Golden Age of the Ballets Russes 1909-1929" im Londoner Victoria & Albert Museum, und Bücher, darunter Sabine Peters' autobiografisch grundierter Roman "Feuerfreund" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).