Heute in den Feuilletons

Ihr gemeinstes Gesicht

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.10.2010. In der FR beschreibt der Autor Martin Caparros die Fallstricke argentinischer Erinnerungspolitik. In der taz erzählt der Autor Damian Tabarovsky, wie im Jahr 2001 in Argentinien die Künste neu erblühten. Die NZZ weiß, warum Schweden keinen Nobelpreis bekommen. Die SZ betrachtet mit 200 Kunstsammlern schwitzende Männer am Hochofen. Die FAZ betrachtet eine einsame Sexgöttin beim Brotscheibenkneten.

TAZ, 05.10.2010

Der argentinische Autor Damian Tabarovsky erzählt im Interview, wie er 2001 den Verlag Interzona mitbegründete und warum das auch sonst ein wunderbares Jahr war: "Es ist ziemlich unglaublich, was damals in Argentinien geschah. Im Jahr 2001, als man das Gefühl hatte, Argentinien würde sich auflösen, entstand im selben Moment ein sehr intensives, kulturelles Leben - ein neues argentinisches Kino, ein neues Theater und neue unabhängige Verlage wurden gegründet. Im Fall der Verlage hatte es mit zwei Dingen zu tun: Zum einen fand zu dieser Zeit ein kultureller Umbruch bei uns jungen Verlegern statt. Wir verabschiedeten uns von der Idee der alten, renommierten Verlage und suchten nach neuen Vertriebswegen und billigeren Produktionsformen. Wir orientierten uns nicht mehr am Mainstream. Zum anderen ergaben sich durch die Abwertung der argentinischen Währung plötzlich ganz neue Möglichkeiten."

Ingo Arend betrachtet die drei Entwürfe für ein Denkmal zur deutschen Einheit und ist von deren Konventionalität beruhigt: "Dass dasjenige der drei Denkmale, das am Ende gebaut wird, zu dem 'nationalen Symbol' avanciert, das sich der Bundestag wünscht, braucht aber niemand zu befürchten. Nicht nur, weil sich eine auch symbolisch so ausdifferenzierte Gesellschaft wie die deutsche nicht mehr auf ein einzige Einheitsidee verpflichten lässt. Sondern auch, weil die Gruselformel von der 'deutschen Einheit', definiert man sie in der einzig erträglichen Variante, nämlich sozialökonomisch, längst nicht erreicht ist."

Weiteres: Katrin Bettina Müller berichtet vom Steirischen Herbst in Graz über die Virtuosität, mit der sich die Künste vermarkten. Daniela Zinser fragt sich, warum Sascha Lobos Roman "Strohfeuer" so böse wird. Besprochen werden David Finchers Film "The Social Network" und die Ausstellung "Jenseits des Menschen" im Museum der Berliner Charite.

Und Tom.

FR, 05.10.2010

In einem Text über die Fallstricke der argentinischen Erinnerungspolitik beschreibt der Schriftsteller Martin Caparros die Taktik des regierenden Präsidentenpaares Kirchner, sich in die Nachfolge der Diktaturgegner zu stellen, als sehr fatal: "Gerade deshalb meinen viele Argentinier, dass die, die sie heute regieren, genau jene politischen Aktivisten von 1970 seien. Folglich glauben sie, die Ausübung der Macht bewirke, dass diese angeblichen revolutionären Aktivisten heute ihr gemeinstes Gesicht zeigten: Weil sie lügen, weil sie drohen, weil sie sich bereichern. Was wiederum den führenden Köpfen des Establishments erlaubt, die herkömmlichen Formen des Gedenkens zu revidieren. Über Jahrzehnte hinweg mussten sie unter dem Druck der Gesellschaft das Bild von den gutwilligen jungen Menschen hinnehmen, die für ihre Überzeugungen starben. Nach den unverfrorenen Manövern der Regierung spüren sie nun, dass sie wieder auf das Bild zurückgreifen können, dass ihre Massenmedien schon 1976, zu Beginn der Diktatur, gezeichnet hatten, um das Morden zu rechtfertigen: die politischen Aktivisten als gewalttätige, gefährliche, falsche, böse Menschen, voller Hass und Habgier, die das verdient haben, was mit ihnen geschah."

Weiteres: Christian Thomas bespricht Caparros' Roman "Wir haben uns geirrt" (Leseprobe) in einem zweiten Text. Für Harry Nutt zeugen die Siegerentwürfe für das Einheitsdenkmal vor allen von großer Ratlosigkeit. Besprochen werden Jens Joneleits Oper "Metanoia" ohne Christoph Schlingensief, eine Aufführung von "Hoffmanns Erzählungen" an der Frankfurter Oper, sowie Isabel Kreitz' und Peer Meters Comic "Haarmann".

Aus den Blogs, 05.10.2010

Ah, alles wird besser. Sehen Sie nur, die Luxusbranche ist in aufgekratzter Stimmung. Louis Vuitton muss seit Mitte September seine Läden in Paris abends früher schließen, damit noch Ware fürs Weihnachtsgeschäft bleibt. Auf Hermes-Handtaschen muss man wieder warten - nach einer demütigenden Zeit voller Lager. Bei den Pariser Pret-a-Porter-Schauen sind die Designer hochgestimmt wie zuletzt in den 90ern! Martin Margiela hat seine Models aus Toontown angefordert: Nie sah ein zweidimensionales Model besser aus. Gaultier hält es mit Baby Herman (hier auf Französisch) oder - noch besser - Baby Alice. Hermes wird britisch. Dior tanzt den Conga - in Macramee. Dries van Noten zeigt die perfekte Jacke für emanzipierte Muslima mit Kopftuch. Hussein Chalayan treibt die Verhüllung buchstäblich auf die Spitze, denkt aber auch an das bescheidene oder romantische western girl. John Galliano macht mühelos aus Pola Negri den großen Gatsby. Und Louis Vuitton, naja, geht Mad-Man-Retro.
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NZZ, 05.10.2010

Aldo Keel erklärt, warum seit fast vierzig Jahren kein Schwede mehr den Literaturnobelpreis erhalten hat: "Zwar werden Autoren wie Tomas Tranströmer, Per Olov Enquist oder Lars Gustafsson jährlich zum Favoritenkreis gezählt. Doch wirkt noch immer der Schock von 1974 nach, als sich die Akademiemitglieder Harry Martinson und Eyvind Johnson den Preis teilten. Die schwedische Öffentlichkeit reagierte damals empört; die Affäre gipfelte in Martinsons Selbstmord - was vor zehn Jahren die Memoiren des einstigen Ständigen Sekretärs der Akademie, Gyllensten, enthüllten. In einer Verwechslung von Ursache und Wirkung warf er der Presse vor, seinen Freund Martinson, der sich in einer Klinik mit einer Schere den Bauch aufschlitzte, in den Suizid getrieben zu haben. Seit dem Skandal von 1974 verhindert eine Barriere der Scham die Auszeichnung weiterer Schweden. Aber auch andere Skandinavier blieben unberücksichtigt."

Weiteres: Joachim Güntner stellt noch ein wenig skeptisch das Libroid vor, das elektronische Buch der Zukunft: "Es wird multimedial und tendenziell unendlich." Wei Zhang erzählt von der in China in Mode gekommenen Praxis, zu Repräsentationszwecken einen Ausländer zu mieten. Besprochen werden eine isländisch-deutsche Koproduktion des "Fausts" am Young Vic in London, zwei Klavierabende in Zürich, eine neue Werkausgabe des Freiherrn von Knigge, die Gedichte des Du Fu aus dem 8. Jahrhundert und Thomas Lehrs Roman "September Fata Morgana" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Auf der Medienseite spricht der Medienpsychologe Daniel Süss über die digitale Kompetenz von Jugendlichen.

Welt, 05.10.2010

Elmar Krekeler freut sich über den Deutschen Buchpreis für Melinda Nadj Abonji. Hannes Stein erzählt von einer Konferenz in New York über Emigranten, die während des Zweiten Weltkriegs in New York lebten. Elmar Krekeler stellt den Verleger Rainer Groothuis vor, der gerade den Verlag Corso gegründet hat - "gegen den Digitalisierungshype, gegen die grassierende Kulturgeschichtslosigkeit". Sonja Vogel schreibt eine kleine Geschichte des serbischen Turbo-Folks.

Besprochen werden David Finchers Film "The Social Network"(wie dies ein "Jahrzehntfilm" sein kann, obwohl er sich "um die revolutionäre neue Dimension der virtuellen Netzwerke" herummogelt, bleibt Hanns-Georg Rodeks Geheimnis), die Ausstellung "Small Scale, Big Change" im Moma in New York, Jens Joneleits Oper "Metanoia" im Berliner Schiller-Theater und einige neue CDs.

Auf der Magazinseite erzählt Eva Suholt die Geschichte der Iranerin Ameneh Bahrami, die von einem abgewiesenen Verehrer Säure ins Geschicht geschüttet bekam und den Mann jetzt laut Gerichtsurteil blenden darf.

SZ, 05.10.2010

"'Wir haben überlebt!' riefen sich die 200 überwältigten Zuschauer - Sammler, Galeristen, Museumsleute - über dem Donnern von fünf Hochöfen zu, während sie vom letzten Schauplatz der neunstündigen Tour de Force stolperten." Jörg Häntzschel sah zusammen mit anspruchsvollem Publikum in Detroit Matthew Barneys Performance "Khu". Und Junge, wurde ihnen was geboten! "Während die Stahlkocher im Glutregen in den Öfen stochern, dirigiert Bepler ein grandioses Konzert der Schwerindustrie. Zwei Arbeiter werfen im Rhythmus Felsbrocken in Container. Zwei andere schlagen auf Drahtseile, die hier zu einer gigantischen Harfe gespannt sind. Und auf den Erdhügeln zu beiden Seiten der Öfen haben sich Bläser und Sänger aufgestellt, die mit ständig wachsender Vehemenz gegen die Öfen ansingen. Die Szene könnte wagnerhaft-pathetisch wirken oder kitschig wie bei Andre Heller, doch nicht eine Sekunde lang gerinnt das Bild. Dazu wird hier viel zu hart gearbeitet."

Weitere Artikel: Der Hamburger Kultursenator Reinhard Stuth macht sich mit seinen Sparplänen total unmöglich, meint Till Briegleb (womöglich durchaus zu Recht, aber es wäre überzeugender, wenn der den Mann auch mal hätte zu Wort kommen lassen). Jürgen Berger berichtet über den Steirischen Herbst in Graz. Dirk von Gehlen referiert erschöpfend die Theorien von Clay Shirkey ("Here comes everybody") und Malcolm Gladwell (mehr hier) zu den social media. Die Polen machen gerade ihren Frieden mit der Wiedervereinigung, berichtet Corinna Nohn: Dreiviertel finden sie okay. Auf der Literaturseite erzählt der - bisher unverlegte - Autor und im Teilzeitberuf Lehrer für Französisch und Geschichte in Wuppertal, Arne Ulbricht, wie das ist mit dem Schreiben ohne Verlag: "Ich habe inzwischen damit begonnen, meinen neunten Roman zu schreiben: über ein Elternpaar, das am Berliner Bahnhof Zoo seine Kinder verliert. Die Berliner Polizei berät mich. Und behandelt mich wie einen Starautoren. Als wäre ich Daniel Kehlmann. Und nicht Arne Ulbricht. Ob ich mit diesem Roman eine Agentur oder einen Verlag suche, weiß ich noch nicht."

Besprochen werden eine Ausstellung der Videos von David Claerbout in der Pinakothek der Moderne in München, Schlingensiefs unvollendete Inszenierung von Jens Joneleits Oper 'Metanoia' an der Berliner Staatsoper ("Totgeburt", dekretiert Reinhard J. Brembeck, der an der Leistung des Ensembles und vor allem Jens Joneleits kein gutes Haar lässt), die Ausstellung "Kraftwerk Religion" im Dresdner Hygiene-Museum (didaktisch überaus gelungen und "intellektuell herausfordernd", findet Jens Bisky) und die Choreografie "Vertical Road" des britisch-bengalischen Choreografen Akram Khanzum bei der Ruhrtriennale ("kommt über sein Publikum wie der Hochofenwind, der am Veranstaltungsort, einer denkmalgeschützten Gebläsehalle, einst die Eisenerz-Schmelze befeuerte: mit unerbittlichem Druck", schreibt eine total begeisterte Dorion Weickmann).


Foto: Paul Leclaire

Außerdem erscheint heute die Literaturbeilage zur Frankfurter Buchmesse. Im Aufmacher bespricht Jürgen Trabant Guy Deutschers "Im Spiegel der Sprache". Gleich danach geißelt Thomas Steinfeld den Erfolgsroman der finnisch-estnischen Autorin Sofi Oksanen als reaktionär.

FAZ, 05.10.2010

Mit gehöriger Skepsis gegenüber den Gründen für die nunmehrige Veröffentlichung liest Verena Lueken den vom Spiegel dank Exklusivrechten zur Titelgeschichte erhobenen Band mit Notizen Marilyn Monroes. Wirklich Neues, meint sie, erfährt man darin eher nicht, die Intelligenz, die Selbstzweifel der Schauspielerin waren bekannt. Aber gut, jetzt weiß man auch, dass sie gut und gern kochte: "Das ist keine sensationelle Nachricht, aber eine, die zu dem Bild passt, das wir uns längst vor Erscheinen dieser Fragmente von ihr gemacht hatten. Als einer Frau aus Fleisch und Blut, die halb Königin war, halb verstoßenes Kind, eine einsame Sexgöttin, die Bücher liebte, barfuß ging und mit ihren Händen Eier mit eingeweichten Brotscheiben zermatschte."

Weitere Artikel: Andreas Kilb betrachtet die drei ausgewählten Entwürfe fürs Berliner Einheitsdenkmal, schimpft über eine Jury, die sich nicht entscheiden konnte, wollte oder durfte und hält von den dreien zuletzt nur Andreas Mecks Edelstahlgehäuse auf Stelengrund für satisfaktionsfähig. In der Glosse ist Niklas Maak entschieden der Ansicht, dass Le Corbusiers gerade wieder gegen ihn verwendete unverzeihliche Annäherungsversuche an das Nazi-Regime noch lange nichts über den (nämlich ganz anders gearteten) ideologischen Gehalt seiner Architektur sagen. Hildegard Kaulen würdigt den Medizin-Nobelpreisträger Robert Edwards, den "Mitschöpfer des ersten Retortenbabys". Kurz, knapp und deutlich geht Regina Mönch mit den "Provinzfürsten in Thüringen" ins Gericht, die den Leiter der Klassik Stiftung Weimar Hellmut Seemann nun tatsächlich denkbar unzeremoniell abgesetzt haben.

Besprochen werden das symbolisch schwer belastete "Metanoia"-Projekt mit Musik von Jens Joneleit, Text von Rene Pollesch und Geist von Christoph Schlingensief, mit dem die Staatsoper ihr Quartier im Schillertheater aufschlug (Eleonore Büning ist einigermaßen entsetzt, wie "stumpf" und "fad" das Ergebnis ausfiel), Hasko Webers Stuttgarter Uraufführung von Sibylle Bergs Stück "Missionen der Schönheit", gleich zwei Inszenierungen von Jacques Offenbachs Oper "Hoffmanns Erzählungen" (Christian Wildhagen gibt der Mannheimer gegenüber der Frankfurter Version klar den Vorzug) und Bücher, darunter Undine Gruenters wiederaufgelegte Prosastücke "Epiphanien, abgeblendet" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).