Magazinrundschau

Zuckungen an Würde und Vitalität

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
28.09.2010. Muss man modern sein? fragt Alain Finkielkraut in Sinn und Form. Die Boston Review beobachtet, wie den Tolstois das Blut in die Köpfe schießt. In Prospect stellen Einwandererkinder fest: Der Multikulturalismus ist gescheitert. Polityka erzählt, wie der Autor Slawomir Mrozek wütend gegen den Polen in sich kämpfte. MicroMega feiert die demokratische Aufgewecktheit von Mario Martones Film "Noi credevamo". Eurozine liest den Briefwechsel zwischen Hannah Arendt und Leni Yahil. Die NYT stellt fest: eine Katze auf Kafkas Nachlass zu setzen ist fast so gut wie verbrennen.

Sinn und Form (Deutschland), 01.10.2010

"Muss man modern sei?" So lautet die Überschrift eines Essays aus Alain Finkielkrauts Band "Nous autres, modernes". Roland Barthes schrieb am 13. August 1977 in sein Tagebuch: "Auf einmal ist es mir gleichgültig geworden, daß ich nicht modern bin." Dieser Satz, so Finkielkraut, war nur möglich, weil Barthes eine Sterbende liebte. "Ein Kummer, nicht einmal Liebeskummer, sondern ein grausamer Schmerz - doch so tief in die Ordnung der Dinge eingegraben, daß man sich fast für ihn entschuldigen möchte - überwand Barthes' Vorsicht und seinen Konformismus. Warum? Weil ihn diese Trauer zum Überlebenden machte und man nicht überleben und zugleich ganz und gar modern sein kann. Weil in der einfachen Tatsache, daß man die überlebt, die man liebt, ein Dementi der Zeitvorstellung liegt, von der die Idee der Modernität wesentlich getragen wird. Der Moderne empfindet die Vergangenheit als Last. Dem Überlebenden fehlt sie. ... Der Moderne ist froh, die Vergangenheit hinter sich zu lassen, der Überlebende ist darüber untröstlich. Denn für ihn ist die Vergangenheit nicht tödlich, sondern sterblich; nicht unterdrückend, sondern prekär." (Hier der Anfang des Essays)

Einen Auszug lesen darf man außerdem aus Peter Rühmkorfs Rede zum Johann-Heinrich-Voß-Preis. Nur im Print: Ein Fragment von Tschechow, "Bauern". Ein Essay von Laszlo F. Földenyi über "das echte Schwarz. Das Schwarz der Seite in Sternes Roman, das Schwarz der Karikatur von 1771, das Schwarz des 'Schwarzen Quadrats' von Malewitsch". Und ein Interview Prot Stetschkins aus dem Jahr 1906 mit Lew Tolstoi, der fröhlich Goethe, Ibsen und Shakespeare niedermacht, und dann kommt noch das:
"TOLSTOI: ... In der Technik steht Tschechow weit über mir! Er ist in seiner Art ein einzigartiger Schriftsteller.
STETSCHKIN: Und Maupassant?
TOLSTOI: Maupassant? Ja, meinetwegen ? Aber ich weiß noch nicht, wem ich den Vorzug geben soll. Haben Sie das notiert?"

Boston Review (USA), 31.10.2010

"Seit ewigen Zeiten haben Millionen von Ehen ihren Frieden gemacht mit der Diskrepanz zwischen dem, was hätte sein sollen, und dem was tatsächlich war, aber für die Tolstois war so ein Waffenstillstand ausgeschlossen", schreibt Vivian Gornick leicht fassungslos nach der Lektüre der Tagebücher beider Eheleute. "Hier sind sie in ihren Sechzigern und Siebzigern, um vier Uhr morgens, rennen auf und ab, stoßen Flüche gegen den anderen (und sich selbst) aus, sinken erschöpft nieder und stehen ein paar Stunden später wieder auf und fangen von vorne an. Man kann förmlich sehen, wie sich ihre Köpfe wiederholt leeren und fast sofort wieder mit Blut füllen. Sie scheinen es nie geschafft zu haben, sich von dem Realitätsschock befreit zu haben, außer durch opernhafte Konvulsionen - denen sie sich bis ganz zum Schluss hingeben."

Prospect (UK), 01.10.2010

Schwerpunkt dieser Ausgabe ist das Scheitern des Multikulturalismus. Der Autor Lindsay Johns hat überhaupt keine Lust mehr mit Leuten zu streiten, die behaupten, "Schwarze könnten sich nicht in Büchern wiederfinden, die vor 2000 Jahren von einer Handvoll toter weißer Autoren geschrieben wurden, oder dass Maya Angelou besser sei als Shakespeare. Damit verleugnen sie unser gemeinsames Menschsein über die rassischen Unterschiede hinweg. Tote weiße Männer, die Säulen des westlichen Kanons, bleiben äußerst relevant für schwarze Menschen im 21. Jahrhundert, weil ihr Anliegen universal ist."

Auch Einwanderern hat der Multikulturalismus mit seinem Festhalten an angeblich authentischen kulturellen Identitäten nichts gebracht, meint der Autor Mike Phillips. Das sind Theorien über Volkszugehörigkeit aus dem 19. Jahrhundert! "Ironischerweise wurde das das Label 'Rasse', das in den letzten Jahrzehnten verpönt war, durch das Wort 'Kultur' ersetzt, um als Surrogat für all die vertrauten alten Ansichten zu dienen. Personen wie der frühere Bürgermeister von London, Ken Livingston, entschieden, dass der Multikulturalismus die politische Strategie sei, um alle Probleme der Identität von Einwanderern und Briten zu lösen. Aber Multikulturalismus bot unterschiedlichen Leuten verschiedene Bedeutungen an. Sogar die rechten und rassistischen Parteien, überzeugte Gegner dessen, was sie als 'Vermischung der Rassen' bezeichnen würden, erkennen die Vorteile des multikulturellen Arrangements, in dem jede 'Kultur' ihre Exklusivität hinter verschiedenen sozialen und politischen Barrieren pflegt."

Der französische Filmregisseur Gaspard Noe hat für seinen Film "Enter the void" ganz schön was einstecken müssen. Andere Kritiker wieder halten der Film für ein Meisterwerk. Aus der Perspektive (point of view, POV) eines sterbenden Drogenhändlers fliegt Noes Kamera endlos über Tokio, seine Nachtclubs und Sexhotels. Im Interview erklärt Noe: "Einige hatten Angst, dass das Publikum nicht verstehen würde, dass der POV der Kamera der POV des Geistes von Oscar ist, obwohl ich dachte, das sei evident. Es ist schon so oft erzählt worden, dass sich der Geist, wenn man stirbt, vom Körper löst und man über der Welt fliegt, die man verlassen hat. Ich dachte, die Zuschauer verstehen das. Wenn man die Kamera über den Lebenden fliegen sieht, weiß man, das ist ein Geist. [...] Die Charaktere sind nicht cool, sie sind nicht heroisch oder antiheroisch, sie sind einfach komplexe menschliche Wesen mit guten und schlechten Seiten. Oscar ist der größte Verlierer, den man sich vorstellen kann, und das hat viele Leute gestört."
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Archiv: Prospect

Polityka (Polen), 24.09.2010

Justyna Sobolewska hat bei der Lektüre von Slawomir Mrozeks jüngst erschienenen Tagebüchern aus den Jahren 1962-1969 ganz neue Seiten an dem polnischen Schriftsteller entdeckt (hier auf Deutsch), die in seinen Theaterstücken nie zum Vorschein kamen. Denn Mrozeks Tagebücher sind vor allem eine "innere Auseinandersetzung": Warum bin ich immer auf der Flucht? Wo ist Heimat? Was ist ein Pole? Ab 1962 lebte er in Italien und dort versuchte er sich von seiner polnischen Identität zu lösen, die ihm unsympathisch war: "'Die Polen erinnern an durchnässte Hühner, die sich auf der Stange aneinanderschmiegen, während außerhalb des Hühnerstalls Zeit und Geschichte wüten.' Mrożek klammert sich an den Gedanken, dem Polen in sich entfliehen zu können dank ? seiner großen und gleichsam jüdischen Nase. Er möchte 'durch die Möglichkeit des Juden den Polen in sich schwächen, doch ohne dabei zum Juden zu werden'. Er ergreift nicht das Wort zu polnischen Themen, selbst im März 1968, als auf die Studenten eingeschlagen wird, hat er nicht die Absicht, seine Unterstützung zu demonstrieren. Er möchte nicht so tun - wie er schreibt -, als ob er leide. Doch nach dem Einmarsch des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei veröffentlicht er auf Zureden, aber auch der Stimme seines Herzens folgend, einen Protestbrief an die polnischen Machthaber. 'Die polnischen Machthaber lassen über mich schreiben, ich sei ein Verräter. Aber mich kümmern die polnischen Machthaber einen Dreck.'"
Archiv: Polityka
Stichwörter: Tschechoslowakei

New Republic (USA), 24.09.2010

Ruth Franklin mochte Jonathan Franzens Roman "Freiheit" überhaupt nicht, vor allem stört sie sein Begriff von Realismus. "Ist das wirklich alles, was wir von der Kunst erwarten? Besteht Realismus nur in der Niederschrift von Realität? Noch während ich mich über die vielen Lobeshymnen wundere, die Franzens geradezu übernatürliche Gabe preisen, uns zu zeigen, wie wir tatsächlich aussehen, traf mich der Solipsismus der Formulierungen - sind wir wirklich das wichtigste und interessanteste Thema? - und der Begrenztheit eines solchen ästhetischen Unternehmens. In 'The Mirror and the Lamp' ging der große Kritiker M. H. Abrams vor vielen Jahren einem solchen geschrumpften Ideal nach. Er behauptete, dass zu Beginn der romantischen Periode eine fundamentale ästhetische Verschiebung stattgefunden habe, als Schriftsteller und Künstler von der Kunst nicht mehr das Leben widerspiegeln, sondern es mit der eigenen Vorstellungskraft erleuchten wollten. So gesehen ist es nicht die Aufgabe des Romans zu zeigen, wie wir leben, er soll uns vielmehr helfen herauszufinden, wie wir leben sollen - was genau die Form der Erhellung wäre, nach der so viele Charaktere in 'Freiheit' verlangen. Das ist der Punkt, an dem Franzen scheitert. Er ist ganz Spiegel, nicht Lampe."

Adam Kirsch hat nur eine Passage von Jonathan Franzens "Freiheit" gelesen, die aber hat ihm gereicht. Es geht um Jennas Vater, den Paul Wolfowitz nachempfundenen, jüdischen Präsidenten eines neokonservativen Think Tanks, der in Anlehnung an Leo Strauss die noble Lüge propagiert und als "jüdischer Strippenzieher" gezeichnet ist: "Dass Franzen so unkritisch ein solches Bild reproduzieren kann, erinnert daran, wie hässlich und obsessiv der Antikriegsdiskurs mitunter wurde."

Sehr gelungen findet Matt Zoller Seitz die Fortsetzung von Oliver Stones Wall-Street-Film, "Money never Sleeps". Allerdings musste Stone dafür das Drama von der Wall Street weg und in die Familie hinein verlegen, um nicht in die Falle des ersten Films zu tappen: Der "glorifizierte, was er bloßstellen wollte, und verwandelte 'Gier ist gut' von einer ironischen Klage zu einem Schlachtruf. Die alchemistische Transformation von einer warnenden Erzählung zu einem gern zitierten Blockbuster erinnert an ein berühmtes Zitat von Francois Truffaut, das auch schon für Stones 'Platoon' galt: Es gibt keine Antikriegsfilme, denn Krieg gehört zu den schönsten Kinospektakel überhaupt, und wenn man ihn auf die Leinwand bringt, ist er einfach aufregend."
Archiv: New Republic

Rue89 (Frankreich), 26.09.2010

Die meisten Kinobesucher sind so von der Handlung gefangen, dass sie Dreh- und Anschlussfehler in Filmen gar nicht bemerken. Alexandre Pouchard indes informiert über eine Gemeinde von Cineasten, die eine wahre Leidenschaft aus dem Aufspüren von durchs Bild tappenden Filmcrewmitgliedern, sichtbaren Mikrofonstangen oder leeren Tellern, die in der Folgesequenz wieder gut gefüllt sind, gemacht hat. So sind etwa auf der von Jon Sandys 1996 gegründeten Seite Movie Mistakes, der bekanntesten ihrer Art, stattliche 89.000 Fehler in 6.500 Filmen zu besichtigen. Sandys behauptet, einen Film trotzdem genießen zu können, allerdings: "Wenn jemand raucht oder isst, kann ich mir nicht verkneifen einen Blick auf die Zigarette oder das Essen zu werfen, um zu schauen, ob sich zwischen den Bildaufnahmen etwas verändert hat." Und der Gründer des französischen Pendants Erreurs des Films Claude Geourjon meint: "Das ist reine Gewohnheitssache. Bei mir ist es inzwischen ein Reflex, den Hintergrund zu beobachten. Und wenn es dort einen Spiegel gibt, achte ich unbewusst darauf, weil ich vermute, dass dort was passiert."
Archiv: Rue89
Stichwörter: Rue89

Elet es Irodalom (Ungarn), 24.09.2010

Die Ungarn gelten im Vergleich zu manch anderen Völkern Mittelosteuropas als nicht besonders auswanderungsfreudig: Sie sind generell wenig bereit, ihren Wohnort zu wechseln - egal, ob es dabei um eine temporäre oder langfristige Auswanderung oder um die Mobilität innerhalb des eigenen Landes geht. Die Volkswirtin Agnes Hars, Forschungsleiterin im ungarischen Wirtschaftsforschungsinstitut Kopint-Tarki, meint dazu im Interview, diese Denkweise rühre noch aus der Zeit vor dem Krieg her und sei dann bestätigt worden durch den Kadarschen Gulasch-Kommunismus: "Beides hat in den ungarischen Köpfen die Vorstellung gefestigt, dass es hier immer noch besser ist als in den anderen osteuropäischen Ländern: Sollen sie doch gehen, wohin sie wollen - wir bleiben, weil es uns, wenngleich nicht gut, aber immer noch besser geht. [...] Zudem wird die Einwanderung im Allgemeinen eher negativ bewertet, und es ist möglich, dass sich diese Einstellung auch darauf auswirkt, wie man einen Auslandsjob oder die Auswanderung bewertet. Als würde man davon ausgehen, dass es das Beste sei, wenn jeder dort bleibt, wo er geboren wurde."

MicroMega (Italien), 22.09.2010

Das italienische Kino erwacht! Zumindest für den kurzen Augenblick, in dem Mario Martones "Noi credevamo" noch gezeigt wird. Der Film spielt während der glorreichen Zeit der italienischen Nationalbewegung im 19. Jahrhundert, dem Risorgimento. Giona A. Nazzaro ist begeistert und empfiehlt, zusammen mit Marco Bellocchios ähnlich gelagertem "Vincere", den sofortigen Konsum. "So wie 'Vincere' - trotz aller Aufmerksamkeit bei internationaler Kritik und dem italienischen Publikum - als anspruchsvoller und anstrengender Film aufgenommen wurde, etwas, das man schnell hinter sich bringt, genauso könnte auch 'Noi credevamo' in die Falle tappen und abgelehnt werden. Das darf auf keinen Fall passieren. 'Noi credevamo' ist wahrscheinlich der beste italienische Film der vergangenen Jahrzehnte. Eine der wenigen Zuckungen an Würde und Vitalität, der - um Domenico Starnone aus der Film-Almanach Ausgabe von MicroMega im Juni zu zitieren - 'einen Wettbewerb demokratischer Aufgewecktheit' auslösen könnte. Unser Kino braucht so etwas dringend. Denn - immer noch Starnone - wir riskieren in einem Land zu leben, in dem man sich 'draußen' und 'neu' fühlt, in Wirklichkeit aber bis über den Hals 'drin' ist. Dass wir mal herauskommen, dass schaffen Filme wie 'Pietro' von Daniele Gaglianone, 'Tony Scott' von Franco Maresco und eben 'Noi credevamo'. Sie provozieren einen Abbruch des Bestehenden, und das tun sie mit luzider Rigorosität und Leidenschaft. Für ein 'Draußen', das wirklich draußen ist."
Archiv: MicroMega

New Yorker (USA), 04.10.2010

Warum hat es mit den Revolutionen in Moldavien und Iran nicht geklappt? Wegen Twitter. Obwohl Twitter eigentlich gar keine Rolle gespielt hat, das haben nur die Exiliraner benutzt, um Andrew Sullivan auf dem laufenden zu halten. Aber egal, auch mit Twitter hätten die Demonstranten nicht gewonnen, weil soziale Netzwerke total ungeeignet sind für Revolutionen, meint Malcolm Gladwell. Was zählt bei einer Revolution sind nämlich persönliche Kontakte, eine Hierarchie, die regelt, wer was tut, und die Bereitschaft, ein hohes Risiko einzugehen (sorry, ihr luschigen Iraner): "Wenn Martin Luther King jr. versucht hätte, in Montgomery einen Wiki-Boycott hochzuziehen, wäre er von der weißen Machtstruktur plattgewalzt worden. Und welchen Nutzen hätte ein digitales Kommunikationstool gehabt in einer Stadt, in der 89 Prozent der schwarzen Gemeinde jeden Sonntag morgen in der Kirche angesprochen werden konnte? Die Dinge, die King in Birmingham brauchte - Disziplin und Strategie - waren Dinge, die soziale Online-Medien nicht bereitstellen können."

Weiteres: Paul Goldberger untersucht, ob es möglich ist, im Sündenbabel Las Vegas architektonische Werte zu schaffen. Besprochen wird David Finchers Film "The Social Network" über den Facebook-Gründer Mark Zuckerberg ("ein Kunstwerk", urteilt David Denby. "Genauigkeit ist damit zweitrangig.") Zu lesen ist außerdem die Erzählung "The Dungeon Master" von Sam Lipsyte.
Archiv: New Yorker

New York Review of Books (USA), 14.10.2010

Was soll man noch über eine Fernsehserie sagen, die bereits von enthusiastischen Zuschauern, Doktoranden und vor allem dem Produzenten selbst neben die griechischen Tragödien, Homer, Shakespeare, Dickens, Tolstoi und Melville gehoben wurde? Die Autorin Lorrie Moore fürchtet sich nicht und setzt "The Wire" ein eigenes kleines Denkmal: "Der verblüffendste Satz, den [Autor David] Simon über 'The Wire' sagte, handelt vom 'Tod der Arbeit'. Damit meint er nicht den Verlust von Arbeitsplätzen, owohl es den sicher gibt, sondern den Verlust der Integrität innerhalb unserer Arbeitssysteme. Statt der Macht die Meinung zu sagen, guckt man auf den eigenen Vorteil und biedert sich bei den Vorgesetzten an. In einem Pokerspiel mit dem Bürgermeister steigt einer mit einem Flush aus, um den Bürgermeister gewinnen zu lassen. Polizeidezernate manipulieren ihre Statistiken für die Politiker, Schulen tun dasselbe, Zeitungen - Preise und Aktionäre vor Augen - erfinden Geschichten. Zudem wird in der Welt von 'The Wire' fast jeder bestraft, der versucht, gegen das System aufzumucken und das richtige zu tun. Und zwar oft ernsthaft, grotesk, herzzerbrechend bestraft."

Außerdem: Kardinal Theodore E. McCarrick macht noch einmal auf die gefährliche Situation der Christen im Irak aufmerksam. Besprochen werden Robert Gottliebs Sarah-Bernhardt-Biografie, zwei Bücher über die somalischen Piraten und zwei Bücher über die französische Fremdenlegion. Leider nur im Print: Adam Kirschs Besprechung der Gedichte von Durs Grünbein.

Eurozine (Österreich), 24.09.2010

Während Hannah Arendt 1961 in Jerusalem war, um dem Eichmann-Prozess beizuwohnen, freundete sie sich mit der Leni Yahil an, einer in Deutschland geborenen Holocaust-Forscherin. Schnell zerstreiten sie sich über Eichmann, bis dahin aber schreiben sie sich einige wunderbare Briefe, die Mittelweg 36 abdruckte und die bei Eurozine jetzt online zugänglich sind. Zum Beispiel Arendt an Yahil, vom 23. Juli 1961: "Basel (Jaspers) war besonders schön! Aber danach habe ich die Dummheit gemacht, mich nochmals nach Deutschland einladen zu lassen. Studenten - Diskussionen. Und nun will ich nichts wie weg. Kommentar überflüssig. Übrigens trotz meiner Irritation: Von Antisemitismus nirgends eine Spur! Aber dass es mit dieser sog. Bundes-Demokratie schief gehen wird, ist mir beinahe sicher. Ohne Einflüsse von Aussen wird es eine Art Militärdiktatur geben. Und Atomwaffen, auch im Rahmen der Nato, würde ich den Herrschaften auch nicht für 5 Minuten anvertrauen. Aber all das natürlich entre nous."
Archiv: Eurozine
Stichwörter: Hannah Arendt, Atomwaffen, Nato

New York Times (USA), 26.09.2010

Im New York Times Magazine schildert Elif Batuman den Streit um den Kafka-Nachlass, der in Max Brods Koffer 1968 in Tel Aviv gefunden wurde. Seit zwei Jahren verhandeln israelische Gerichte über die Frage, ob die Erbin Eva Hesse, die Tochter von Brods Sekretärin, den Inhalt verkaufen darf oder ob er in Israel bleiben muss. Der israelische Autor Etgar Keret, der mit Batuman sprach, nimmt es von der humorvollen Seite: "Wenn Brod sehen könnte, was jetzt passiert, wäre er 'entsetzt'. Kafka auf der anderen Seite, wäre vielleicht zufrieden. 'Wenn man sein Zeug eigentlich verbrannt haben will, ist das Nächstbeste, es einem Mann zu geben, der es einer Frau gibt, die es ihrer Tochter gibt, die es in einem Appartement voller Katzen aufbewahrt, richtig?'"

Außerdem: A.O. Scott feiert den französischen Kosmopolitismus des Filmregisseurs Olivier Assayas, dessen Film "Carlos" im November anläuft. In der Book Review bespricht der irische Autor Colm Toibin David Grossmans Roman "Eine Frau flieht vor einer Nachricht" ("This is one of those few novels that feel as though they have made a difference to the world."), Jennifer B. McDonald stellt eine Diaghilev-Biografie von Sjeng Scheijen vor (zwar schreibe Scheijen recht trocken, doch werde das mehr als wettgemacht durch die ausführlichen Zitate aus den Briefen und Tagebüchern von Diaghilevs Zeitgenossen) und Belinda Cooper bespricht eine Geschichte der Menschenrechte, die nach Auffassung des Autors Samuel Moyn erst in den Siebzigern begann.

Oh, und heute bespricht in der NYT Anthony Tommasini die "Ring"-Produktion von Robert Lepage an der Met. Schlimmes stand zu befürchten: "Otto Schenks romantische 'Ring'-Inszenierung, die 2009 abgesetzt wurde, hatte leidenschaftliche Verteidiger. Peter Gelb, Intendant der Met, hatte im Vorfeld der neuen Inszenierung versucht allen zu versichern, dass dies keine verblasene Eurotrash-Inszenierung würde. Mr. Lepage benutzt die neueste Bühnentechnik, um 'die Geschichte zu erzählen', erklärte Mr. Gelb wiederholt in Interviews. Tatsächlich ist Mr. Lepages Produktion sogar mit den ganzen Hightech-Elementen ziemlich traditionell." Uff!