Heute in den Feuilletons

Warum wird gerade die eingeladen?

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.09.2010. Die taz porträtiert den chinesischen Literaturwissenschaftler Yu Jie, der gerade ein Buch über den "größten Schauspieler" Chinas veröffentlicht hat: Premierminister Wen Jiabao. Es gibt auch Unterlassungsrassismus, hält der Philosophieprofessor Markus Tiedemann den Verfechtern multikultureller Toleranz entgegen. Die NZZ liest Necla Keleks Heft über den Freiheitsbegriff des Islam. Slate findet unerwartete Leser-Communities in Zeitungen aus dem 18. Jahrhundert. In der SZ beklagt die Theaterregisseurin Anna Bergmann Deutschlands durchkonventionalisierte Stadttheaterlandschaft.

FR, 03.09.2010

Markus Tiedemann, Professor für Philosophiedidaktik in Mainz, erklärt in zwei Absätzen den Unsinn von Thilo Sarrazins Vererbungstheorien und wendet sich dann einigen Sarrazin-Kritikern zu, deren "Unterlassungsrassismus" er keinen Deut sympathischer findet: "2007 versuchte Pascal Bruckner, ein Vertreter der französischen Nouvelle Philosophie, die Selbstgefälligkeit der Political Correctness zu erschüttern. Seine These vom 'Rassismus der Antirassisten' entlarvt die negative Dialektik multikultureller Toleranz. Die erste Ebene bezeichnet Bruckner als das Paradoxon des Multikulturalismus. Dieser gewährt allen Gemeinschaften die gleiche Behandlung, nicht aber den Menschen, aus denen sie sich zusammensetzen, denn er verweigert ihnen die Freiheit, sich von ihren eigenen Traditionen loszusagen. Auf der zweiten Ebene offenbart sich ein Kulturchauvinismus, der sich durchaus mit der Rassentrennung der US-amerikanischen Südstaaten oder der Apartheit in Südafrika messen kann. Wer heute behautet, 'die Muslime' seien noch nicht so weit, um ihnen die Errungenschaften der Moderne wie Emanzipation oder Meinungsfreiheit zuzumuten, unterscheidet sich wenig von jenen Stimmen, die damals den Schwarzen die Reife absprachen, das Wahlrecht auszuüben."

Weitere Artikel: Daniel Kothenschulte sah in Venedig Darren Aronofskys "Black Swan" und Julian Schnabels "Miral", den er "betont ausgewogen" fand. Auf der Medienseite klopft Arno Widmann sich und den Journalistenkollegen auf die Schulter, weil sie "Sarrazin zu Fall brachten".

Besprochen werden Adam Greens Konzert im Frankfurter Mousonturm und Markus Feldenkirchens Debütroman "Was zusammengehört" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

TAZ, 03.09.2010

Auf den Tagesthemenseiten porträtiert Jutta Lietsch den chinesischen Literaturwissenschaftler und Mitbegründer des chinesischen PEN-Zentrums Yu Jie, dessen jüngstes Buch mit dem Titel "Chinas größten Schauspieler: Wen Jiabao" in Hongkong sofort ausverkauft war, in China dagegen bloß als Raubkopie zirkuliert. Denn Kritik an Chinas Regierungschef ist dort natürlich tabu. "Es ist eine merkwürdige Situation, typisch für das so verwirrend und widersprüchlich erscheinende politische Klima Chinas im Sommer 2010: Da sitzt Yu Jie, ein zierlicher Mann mit schlichter Brille und leichtem Sprachfehler, in einer gemütlichen Sitzecke des Buchladens und gibt ausländischen Medien ein Interview nach dem anderen über ein Buch, das in diesem Geschäft nicht verkauft werden und über das in chinesischen Zeitungen nicht geschrieben werden darf."

Im Kulturteil Besprechungen. Vorgestellt werden das neue Album "Ivory Tower" des Pianisten Chilly Gonzales, das von einem Film begleitet wird, sowie Alben von David Dondero, Pete Molinari und The R.G. Morrison. Johanna Schmeller schreibt über das Projekt Kulturfiliale in Hannover, das seinen Aktionsradius auch in Schrebergärten ausgeweitet hat: Dort zeigen sie, wie das "Phänomen Rückzugsort früher oder später zum Präsentierteller des eigenen Verfalls" wird.

Hinweisen wollen wir noch auf Inga Roggs Text über die Flucht der Christen aus dem Irak aus der gestrigen Ausgabe: "Die Gründe für den Exodus sind vielfältig. Aber wie zu Zeiten des Osmanischen Reichs steht heute das multireligiöse und -kulturelle Erbe eines Landes auf dem Spiel."

Und Tom.

Weitere Medien, 03.09.2010

Schon Anfang des 18. Jahrhunderts gab es Leser-Communities - in Zeitungen. Das hat Slates Jack Shafer in Thomas C. Leonards 1995 erschienenem Buch "News for All" gelesen: "Leonards Beispiel ist der Boston News-Letter, der erstmals 1704 veröffentlicht wurde. Sein Eigentümer John Campbell ließ absichtlich Weißraum auf den Seiten, so dass die Abonnenten dort kommentieren, Ideen oder weitere Neuigkeiten aufschreiben konnten. Diese Notizen gingen nicht ins Leere. Zeitungen wurden gewöhnlich nach der Lektüre weitergereicht und die Anmerkungen der Leser erbauten Freunde und Bekannte."
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Stichwörter: Boston, Zeitungen

Welt, 03.09.2010

In Interview mit Natasha Raiss spricht der Regisseur Jafar Panahi ("Offsiede", "Der Kreis") über seine derzeitige Situation im Iran. Da ihm die Behörden seinen eingezogenen Pass nicht aushändigen, konnte er trotz Einladung nicht zu den Filmfestspielen von Venedig reisen (wie zuvor auch schon nicht nach Berlin und Cannes). Mundtot machen lassen will er sich aber nicht: "Wenn ich nicht reden soll, wenn ich keine Filme drehen soll, wenn ich in keiner Weise meine Meinung äußern darf, dann kann ich doch gleich durchdrehen und sterben. Ich will mir selbst und meinem Beruf treu bleiben."

Weiteres: Ulf Poschardt ist erleichtert, auch unter Michael Naumann bleibt das Magazin Cicero konservativ: "Nur eben weniger christlich-konservativ als vielmehr Gustav-Noske-mäßig konservativ." Manuel Brug beobachtet, wie die großen Opernproduktionen zunehmend von der Bühne weg hin zur DVD drängen. Josef Engel sieht im Pianisten Vijay Iyer eine Hoffnung für den Jazz. Hannes Stein war Fliegenfischen.

Aus den Blogs, 03.09.2010

Lanvins Alber Elbaz ist der nächste Designer, der eine Kollektion für H&M entwirft. Am 20. November soll sie ausgeliefert werden. Und ja, das ist offiziell. Die Modewelt ist hingerissen und das sollten auch Sie sein.

Der amerikanische Comicautor Vincent Stall hat Franz Kafkas "Kleine Fabel" neu erzählt. Eric Ketzan zeigt sie uns in The Modern Word.
Stichwörter: Alber Elbaz, Franz Kafka

NZZ, 03.09.2010

Beat Stauffer bespricht Necla Keleks Vontobel-Heft über den Freiheitsbegriff des Islam. Danach haben nicht die Rechte des Individuums Vorrang, sondern die Pflichten gegenüber dem Glauben; die "Freiheit", so Kelek, bestehe nur im bewussten Bekenntnis zum Islam: "Keleks Folgerungen sind klar: Der Islam sei 'in dieser Form' nicht in eine demokratische Gesellschaft integrierbar, ja er stelle in seinem ganzen Wesen einen 'Gegenentwurf' zur aufgeklärten, säkularisierten Zivilgesellschaft dar. Die Autorin nimmt damit die schon vor mehr als zehn Jahren vom Göttinger Politikwissenschafter Bassam Tibi geäußerte These auf, dass die Integration der Muslime ohne eine europäische Leitkultur unmöglich sein werde."

Weitere Artikel: Daniela Meyer berichtet, dass im Baseler Quartier St. Johann im Zuge der Tieferlegung der Stadtautobahn und dem Umbau des Novartis-Viertels drei große Wohnanlagen entstanden sind. Marco Frei stellt den Cellisten Nicolas Altstaedt vor. Erika Achermann besucht das im Geburtshaus von Elias Canetti im bulgarischen Ruse entstandene Kulturzentrum.

Besprochen werden die Ausstellung über den Architekten Richard Neutra "Bauten und Projekte 1960-1970" im Schweizerischen Architekturmuseum Basel, die Konzertreihe "Klassik hat Zukunft" in der Tonhalle-Orchester Zürich unter dem Jungdirigenten Simon Gaudenz, der Auftritt der Berliner Philharmonie mit Dirigent Simon Rattle beim Lucerne Festival; außerdem die zwei neuen Gesamteinspielungen von Haydns "Londoner Sinfonien" vom Radio-Sinfonieorchester Stuttgart unter der Leitung von Roger Norrington und die kulturgeschichtliche Abhandlung "Im Wald der Metropolen" von Karl-Markus Gauss (Mehr in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 03.09.2010

Im Gespräch klagt die durchaus erfolgreiche Jungregisseurin Anna Bergmann über die durchkonventionalisierte Stadttheaterlandschaft: "Nehmen Sie meine Inszenierung 'Bunbury' vom Thalia Theater, die zum Festival Radikal jung nach München eingeladen wurde. Eine Scheiß-Inszenierung. Warum wird gerade die eingeladen? Ich habe große Stücke in der Provinz inszeniert, aber nie ist irgendjemand von einem größeren Haus angereist und hat sich eine Arbeit von mir angeschaut. Es werden immer nur die gleichen großen Eckpfeiler Deutschlands abgeklappert. Und daraus soll sich der Regienachwuchs entwickeln?"
 
Weitere Artikel: Andrian Kreye versucht zu verstehen, warum Thilo Sarrazins Buch so ein Erfolg ist und kommt zu dem Schluss, dass die amerikanische Bestsellerkultur die Vorlage dafür geliefert habe, die mit flinker Nadel aus Fakten und Pseudofakten Thesen zu stricken verstehe. Tobias Kniebe hat in Venedig den neuen Kurzfilm "Das Akkordeon" des in diesem Jahr lang inhaftierten iranischen Regisseurs Jafar Panahi gesehen und stellt nach einem Telefongespräch mit Panahi fest: "So spricht keiner, den der Mut verlassen hat." Arne Perras referiert den Bericht der Vereinten Nationen zur Lage Kongos, in dem Präsident Paul Kagame in äußerst kritischem Licht dasteht. Günter Kowa warnt vor Kürzungen der Städtebauförderung. Volker Breidecker gratuliert dem uruguayischen Schriftsteller Eduardo Galeano zum Siebzigsten.

Besprochen werden Ausstellungen von Monica Bonvicini und Matias Faldbakken im Fridericianum in Kassel, eine Ausstellung der Künstlerin Alice Neel in der Londoner Whitechapel Gallery und Bücher, darunter Hanns-Josef Ortheils neuer Roman "Die Erfindung des Lebens" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

FAZ, 03.09.2010

Nachgerade peinlich findet Michael Althen den in Venedig gezeigten neuen Film des Maler-Regisseurs Julian Schnabel: "Von Julian Schnabels neuem Film 'Miral" kann man getrost sagen, dass er überhaupt nur einen einzigen Ton findet, um die Geschichte von vier Palästinenserinnen von der Gründung des Staates Israel 1948 bis zum Osloer Abkommen 1994 zu erzählen. Das ist allen besten Absichten zum Trotz fatal. ... Herausgekommen ist dabei ein Film von unerträglich propagandahafter Eintönigkeit, bei dem die Einstellungen des sonst so brillanten Kameramanns Eric Gautier zu geradezu lachhaften Genreszenen gerinnen, bei denen die Israelis immer nur die Schufte und die Frauen immer die Opfer sind."

Weitere Artikel: In ihrer "Aus dem Maschinenraum"-Kolumne fragt Constanze Kurz nach, was nun eigentlich mit der im Koalitionsvertrag versprochenen "Stiftung Datenschutz" ist - und macht Vorschläge für ihre sinnvolle Einrichtung. Eduard Beaucamp plädiert ein weiteres Mal dafür, die Berliner Gemäldegalerie ("eine der sechs besten Sammlungen der Welt") statt irgendwelcher abstrakter Humboldt-Ideen im neuen "Pseudo-Schloss" unterzubringen. In der Glosse mokiert sich Klaus Ungerer über die Propagatoren eines Weltraumprogramms für Afrika. Mark Siemons notiert, dass chinesische "World of Warcraft"-Spieler sich Rollennamen wie Freiheit leider nicht geben dürfen. Joachim Müller-Jung meldet heftige Proteste des Biologenverbands gegen Thilo Sarrazins biologische Thesen. Lorenz Jäger schreibt zum Tod des interreligiösen Gurus Raimon Panikkar.

Besprochen werden ein Konzert der Berliner Philharmoniker mit Schönberg und Strauss beim Festival in Lucerne, eine Ausstellung mit Werken des dänischen Malers Christian Kobke in der National Gallery of Scotland in Edinburgh, Benny Jagerbergs und Pascal Hoffmanns Daniel-Schmid-Doku "Le chat qui pense" (mehr) und Bücher, darunter Joachim Geils Romandebüt "Heimaturlaub" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).