Heute in den Feuilletons

Tae (Fuß), Kwon (Faust) und Do (Geist)

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.07.2010. Die NZZ besucht Müllsammler von Dharavi und ist optimistisch und ein Konzert von Eminem und ist pessimistisch. Die Welt erzählt, wie die Schauspielerin Jana Schulz zu ihrer körperlichen Präsenz gelangte. Die FAZ rät ab von Hirndoping. Die FR sucht weiterhin nach freiem Willen

Welt, 12.07.2010

Irene Bazinger schwärmt von der androgynen Ausstrahlung der jungen Schauspielerin Jana Schulz, die ihre körperliche Schnellkraft auch einem "Meister" aus Bielefeld zu verdanken hat: "Sie hatte sich zum Ziel gesetzt, ihren Körper so beherrschen zu lernen, dass sie ihn wie ein hochwertiges Instrument nutzen könnte: um darauf Klassiker und zeitgenössische Stücke, Frauen und Männer zu spielen. Noch jetzt schwört sie auf die koreanische ganzheitliche Mischung aus Tae (Fuß), Kwon (Faust) und Do (Geist)."

Weitere Artikel: Uwe Wittstock verfolgte eine Tagung des Heidelberger John-Stuart-Mill-Instituts über Freiheit, in der auch Joachim Gauck sprach. Peter Praschl entwickelt Theorien zu Menschheitsfragen, die in den gerade aktuellen Vampir-Filmen verhandelt werden. Dankwart Guratzsch besucht "The Squaire" (scheußliche Architektenwebsite), ein gigantisches Haus auf Stelzen am Frankfurter Flughafen. Karsten Kastelan erzählt die Geschichte von Martin Scorseses frühem Film "American Boy", der nur auf Raubkopien zirkuliert.

Besprochen werden eine Lichtenstein-Ausstellung in Köln und Ausstellungen zum architektonischen Genre der Burg in Nürnberg und Berlin.

Aus den Blogs, 12.07.2010

Google hat heimlich 100 bis 200 Millionen Dollar in die Soziale-Spiele-Firma Zynga investiert, meldet Michael Arrington auf Techcrunch: "Not only will Zynga?s games give Google Games a solid base of social games to build on, but it will also give Google the beginning of a true social graph as users log into Google to play the games."
Stichwörter: Google

FR, 12.07.2010

In der Debatte um die Willensfreiheit nimmt der Philosophieprofessor Peter Janich den Vorwurf des "Kategorienfehlers" auseinander (wie ihn zuletzt Gerhard Roth gegen Winfried Hassemer erhoben hat) und hält am Ende fest: "Der Richter toppt den vermeintlichen Naturforscher. Der ist in Wahrheit nur ein verkappter Hirnphilosoph, dem die dogmatische Kappe über die Augen gerutscht ist."

Arno Widmann hat Bhatta Jayantas "Much ado about religion" gelesen, ein Theaterstück aus dem 9. Jahrhundert, das gerade in einer zweisprachigen Ausgabe (Sanskrit und Englisch) erschienen ist. Es ist ein Stück über religiöse Toleranz und "besteht aus sehr prätentiösen und scheinbar blutig ernst gemeinten Monologen und lustigen Streitszenen. Racine und Millowitsch in einem".

Besprochen werden John Cales Installation "Dunkle Tage" beim Theater der Welt, eine Aufnahme von Bruckners Achter (Hans-Klaus Jungheinrich mag Christian Thielemanns Interpretation überhaupt nicht: "das Grundprinzip seiner die Brucknersche Architektonik auflösenden Diktion heißt ganz ähnlich: Vorwärts beim Crescendo, Nachlassen beim Leiserwerden. Das grenzt dann schon an interpretations-stereotypen Stumpfsinn") und der letzte Band der MEGA (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).
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TAZ, 12.07.2010

Die namibische Regierung fordert die Rückgabe menschlicher Schädel, die nach dem Herero-Aufstand als Beutestücke nach Deutschland gebracht wurden, berichtet Heiko Wegmann. Regine Müller freut sich über sperrige Produktionen beim Theater der Welt. Michael Sontheimer schreibt den Nachruf auf den Schriftsteller Hans-Georg Behr. In taz zwei ist eine Rede von Carolin Emcke über den Zustand des Journalismus und der Welt im allgemeinen abgedruckt, den sie bei der Jahresvereinigung von Netzwerk Recherche hielt.

Und Tom.

NZZ, 12.07.2010

Die Schriftstellerin Ulla Lenze schickt Eindrücke aus Bombay, auch die Müllsammler von Dharavi hat sie besucht: "Auf dem Müll wuchsen, wie eine Schimmeldecke, zerfledderte Hütten, selber aus Müll gemacht, und manchmal traten Menschen heraus und taten das Unwahrscheinlichste: lächeln und die Hand zum Gruß heben, als wollten sie sagen: Alles in Ordnung hier."

Weiteres: Eher besorgt als begeistert hat sich Matthias Daum Eminems Konzert in Frauenfeld angesehen: "Er ist ein schwitzendes Häufchen Elend ohne Bühnenpräsenz, das sein schauspielerisches Talent im Schmerzmittel-Rausch verloren hat." Besprochen werden auch die Ausstellung "Le grand geste!" im Düsseldorfer Kunstpalast und ein Berlioz-Abend mit Yannick Nezet-Seguin in der Tonhalle Zürich.

FAZ, 12.07.2010

Christian Geyer hat ein Buch des Psychiaters Klaus Lieb über sogenanntes "Hirndoping" gelesen, die Einnahme jener in den USA schon weit verbreiteten Wach- und Schnellmacherdrogen also, die produktiver und stressresistenter zu machen versprechen. Nicht nur die Neben-, auch die Hauptwirkungen könnten durchaus gesellschaftlich unerwünscht sein, stellt Geyer mit Lieb fest: "Unberechenbare Energiemaschinen, die von Manien getrieben jeden Moment ausrasten können, sind für die Arbeitswelt kein Zuckerschlecken." Besonders für Festangestellte ist das nicht zu empfehlen!

Weitere Artikel: In vielen amerikanischen Zeitungen und Zeitschriften liest Jordan Mejias Loblieder auf den britischen Romanautor David Mitchell (hier der New York Times-Artikel Artikel von Dave Eggers über seinen Kollegen). Von der Jahrestagung des journalistischen "Netzwerks Recherche" berichtet Detlev Borchers, der dabei feststellte, dass nicht jedermann sich so richtig für die aktuell durchs Dorf getriebene Sau interessiert: "[Spiegel-Co-Chefredakteur] Mascolo überraschte in der Diskussion um das geplante Leistungsschutzrecht der deutschen Verlage mit dem Bekenntnis, dass er die Vorschläge der Verleger gar nicht gelesen habe." Von Finanzskandalen und Ärger um geplante Rentenalterheraufsetzungen in Frankreich erstattet Jürg Altwegg von Genf aus Bericht. Andreas Rossmann freut sich über die Wiedereröffnung der um einen Anbau ergänzten Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf. In der Glosse staunt Gina Thomas über den Siegeszug der anglisierten deutschen Vorsilbe "uber", von "ubercheap" bis "uberbabes".

Auf der Medienseite liefert Michael Hanfeld noch einmal eine Kurzfassung seiner FAS-Lobeshymne auf den umstandslos vom ZDF ins Regierungssprecheramt wechselnden Steffen Seibert. Außerdem verabschiedet er den Fernsehfußballexperten Günter Netzer: "Im Zweifel war es ein Witz, wenn auch meist einer ohne Pointe."

Besprochen werden Enrico Lübbes Inszenierung von Gerhart Hauptmanns "Rose Bernd" am Bayerischen Staatsschauspiel, eine große Henry-Moore-Ausstellung in der Tate Britain, die Ausstellung "Marianne Breslauer: Unbeachtete Momente" in der Berlinischen Galerie, und Bücher, darunter Walter Müller-Seidels Schillerstudie "Nicht das Große, nur das Menschliche geschehe" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 12.07.2010

Die Proteste berühmter "Kreativer" gegen die Gentrifizierung in Berlin und Hamburg scheinen Jan Füchtjohann "irritierend konservativ": "Viel zu oft geht es nur um die Erhaltung eines romantischen Hintergrunds für das eigene Selbstbild - statt um die Vision für eine bessere Stadt."

Der Kommunismus ist zwar tot, sorgt aber noch für Phantomschmerzen, wie eine Besprechung von Gerd Koenens Buch "Was war der Kommunismus?" durch den einstigen Politiker Erhard Eppler zeigt: "Es stimmt: 'Nichts ist erledigt, nichts ist gelöst.' Wir haben es wieder mit einem Kapitalismus zu tun, der eher dem von 1890 als dem von 1970 ähnelt. Das kann nicht so bleiben, er wird es auch nicht."

Weitere Artikel: Aus dem Guardian wird eine große Reportage (Original) der Altermondialistin Naomi Klein ("Die Schock-Strategie - Der Aufstieg des Katastrophen-Kapitalismus") über die Ölpest im Golf von Mexiko übernommen. In den "Nachrichten aus dem Netz" schildert Niklas Hofmann einige Fälle von amerikanischen Journalisten, die wegen unbedachter Äußerungen in sozialen Netzen gefeuert wurden und fragt nach der der Grenze zwischen privat und öffentlich.

Besprochen werden Enrico Lübbes Inszenierung von "Rose Bernd" am Münchner Residenztheater, die neue Präsentation der um einen Neubau erweiterten Kunstsammlung NRW in Düsseldorf, neue DVDs, Konzerte des Jazzfestivals in Kopenhagen, Martin Farkas' und Matthias Zubers Dokumentarfilm "Deutsche Seelen" (mehr hier) über das Leben nach der Colonia Dignidad in Chile und Bücher, darunter eine Neuübersetzung von Tania Blixens Roman "Jenseits von Afrika" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages)