Heute in den Feuilletons

Sie zerren an der Schlangenhaut

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.07.2010. ARD, ZDF (und Sie!) haben eine hochrangige Delegation des iranischen Staatsfernsehens eingeladen. Die Blogs und die SZ wundern sich. Die Urteile gegen die russischen Kuratoren Andrej Jerofejew und Jurij Samodurow, die Geldstrafen für eine Ausstellung mit religionskritischer Kunst zahlen müssen, sind nur scheinbar milde, meinen die Zeitungen. 

Aus den Blogs, 13.07.2010

ARD, ZDF "und Sie" (durch Ihre Gebühren!) pflegen auch die Tugend der Gastfreundschaft. Der ARD-Vorsitzende Peter Boudgoust und der ZDF-Intendant Markus Schächter haben höchste Abgesandte des Staatsrundfunks der Islamischen Republik Iran, angeführt von dessen Chef Ezzatollah Zarghami sowie dem iranischen Botschafter in Berlin, Ali Reiza Sheik Attar, zum netten Geplauder auf dem Lerchenberg eingeladen und empfangen, meldet Oliver M. Piecha im Wadinet: "Die erstaunte Frage bleibt, was hat die zwei öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten Deutschlands dazu gebracht, ohne Not (?!) hochrangige Vertreter eines diktatorischen Regimes einzuladen, das international unter hohem Druck steht und zur Zeit kaum damit rechnen kann außer von randständigen Freunden oder aus politischem Kalkül herzlich empfangen zu werden?" Der iranische Propagadandasender Press TV zeigte sich hoch erfreut!

Das Blog homylafayette mit Nachrichten aus dem Iran erzählt zum gleichen Thema, dass die iranische Delegation zuvor eine Reise in die Niederlande, womöglich aus Angst vor Protesten, abgesagt hatte, und stellt die Frage: "Where does the top media executive of a pariah regime have to go to get some love in Europe? Germany, it seems."

Hier der begeisterte Bericht des iranischen Staatsfernsehen:



Wim Bauer hat diese Goethe-Zeilen in der gestrigen FAZ-Todesanzeige für Odenwaldlehrer Gerold Becker enteckt:

"'Die Feinde, sie bedrohen dich,
Das mehrt von Tag zu Tage sich;
Wie dir doch gar nicht graut!'
Das seh' ich alles unbewegt,
Sie zerren an der Schlangenhaut,
Die längst ich abgelegt.
Und ist die nächste reif genug,
Abstreif' ich die sogleich,
Und wandle neu belebt und jung
Im frischen Götterreich."

Gawker publiziert eine Mohammed-Karikatur:



Anlass ist die Äußerung eines Al Qaida-Sprechers, der die Erfinderin des "Everybody Draw Mohammed Day" bei Facebook, Molly Norris, mit dem Tod bedrohte (mehr hier): "Boil it down to the most basic human level: a lady drew a cartoon, and you, sir, want to fucking murder her for it. You are a sick bastard."

Dennis Johnson greift in Mobylives einen Artikel des Autors Tony Woodlief aus dem Wall Street Journal auf. Woodlief erzählt, dass er jedes seiner Kapitel in seinem neuen Buch durch ein kleines Zitatmotto eröffnen wollte, eines davon vom Songwirter Joe Henry: "When I asked to use a single line by songwriter Joe Henry, for example, his record label's parent company demanded $150 for every 7,500 copies of my book. Assuming I sell enough books to earn back my modest advance, this amounts to roughly 1.5% of my earnings, all for quoting eight words from one of Mr. Henry's songs."

NZZ, 13.07.2010

Auf der Meinungsseite kommentiert Martin Senti säuerlich die Freilassung Roman Polanskis: "Letztlich geht es um das Eingeständnis, dass bei übergeordnetem Interesse vor dem Recht nicht immer alle gleich sind. Einige sind etwas gleicher."

Im Feuilleton besänftigt Uwe Justus Wenzel Karl Heinz Bohrer, der im Merkur die schwindende Macht der Philosophie beklagte: Wenn Philosophie mächtig werde, sei sie meist schon Weltanschauung. Marion Löhndorf besichtigt in London Jean Nouvels Sommer-Pavillon der Serpentine Gallery.

Besprochen werden Robert Harrisons Buch über "Gärten", Ali Sethis Roman "Der Meister der Wünsche"und Edgar Dutkas Roman "Fräulein, der Hundefänger kommt!" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

FR, 13.07.2010

Als skandalös, aber milde wertet Stefan Scholl die Geldstrafen, zu denen die Moskauer Kuratoren Andrej Jerofejew und Jurij Samodurow für die Ausstellung "Verbotene Kunst" verurteilt wurden: "Vor Gericht stellte sich heraus, dass nur drei der Anklagezeugen die Ausstellung besucht hatten. Trotzdem forderte die Staatsanwaltschaft drei Jahre Haft für Jerofejew und Samodurow."

Mit sehr skeptischem Blick auf Amsterdams IJburg, Kopenhagens Örestad und der HafenCity in Hamburg entdeckt Robert Kaltenbrunner eine neue Lust auf 60er-Jahre-Architekturen und auf Bigness: "Dahinter steht die Idee, unter den Bedingungen moderner Stadtentwicklung könne nur das sehr große, komplexe Projekt genügend Kraft entwickeln, um Weichen zu stellen, neue räumliche Ordnungen zu etablieren und Orte zu markieren."

Weiteres: Einen etwas müden Einstand gibt im Interview mit Hans-Jürgen Linke Thomas Schäfer, der ab diesem Jahr das Internationale Musikinstitut Darmstadt und damit die Ferienkurse für Neue Musik verwaltet: "Der Mythos lebt in gewisser Weise - in diesem Jahr unter anderem darin bemerkbar, dass wir viele Studenten, die an den Ferienkursen teilnehmen wollten, ablehnen mussten." Volker Schmidt vergnügt sich auf dem Copenhagen Jazz Fest. Besprochen werden Hans Blumenberg Schrift "Theorie der Lebenswelt" und Vladimir Sorokins Roman "23000" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).
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Welt, 13.07.2010

Eckhard Fuhr war dabei, als in Zerbst ein Denkmal des russischen Bildhauers Michail Perejaslawez für Katharina die Große enthüllt wurde. Hannes Stein schickt einen Brief aus Harlem. Besprochen werden die Ausstellung "Der Westen leuchtet" im Kunstmuseum Bonn und Aufführungen in Aix en Provence.

Zum Trost für die heutige Ausgabe noch etwas aus der Welt am Sonntag: Der Pianist Evgeny Kissin hat einen Brief an die BBC geschrieben, um gegen ihre, wie er findet, einseitige Israel-Berichterstattung zu protestieren. Im Interview mit Manuel Brug erklärt er seine Beweggründe: "Im letzten Jahrhundert haben einige Künstler aus politischer Naivität das Böse unterstützt - wie Ezra Pound oder Knut Hamsun im Zweiten Weltkrieg oder die vielen westlichen Künstler, die sich für die Sowjetunion ausgesprochen haben. Es gibt aber auch ein großes Vorbild: Mstislaw Rostropowitsch. Der hat sofort Alexander Solschenizyn unterstützt, als ihn die UdSSR verfolgt hat."

Kissin mit 15. Er spielt Chopins Mazurka cis-moll, opus 50, Nr. 3


TAZ, 13.07.2010

Philipp Goll liest die Februar-bis-April-Ausgabe der Zeitschrift Osteuropa. Aram Lintzel konstatiert schadenfroh eine grassierende Melancholie über den Zustand des Konservatismus. Claus Leggewie liefert eine Nachbetrachtung zur WM. Damian Zimmermann freut sich über die "dezente" Modernisierung des Düsseldorfer Kunstmuseums K20.

Und Tom.

FAZ, 13.07.2010

Kerstin Holm berichtet vom viel beachteten Moskauer Prozess, bei dem die Kuratoren Andrej Jerofejew und Juri Samodurow für schuldig im Sinne der Anklage befunden wurden, aber "nur" zu Geldstrafen verurteilt wurden. Die Angeklagten wollen in Berufung gehen und einen Freispruch für sich und die Kunst erwirken: "Mit der 'milden' Verurteilung hat der russische Staat wieder einmal deutlich gemacht, dass er die Verbotssphären jederzeit beliebig erweitern kann. Außerdem gibt es jetzt zum ersten Mal wieder offiziell verbotene Kunst in Russland."

Weitere Artikel: Paul Ingendaay resümiert Spaniens Reaktion auf den Weltmeistertitel und würdigt selbst Mannschaft und Trainer. Durs Grünbein verbringt ein Wochenende am Döllnsee und erinnert sich an mancherlei. Vom Opernfestival in Aix-en-Provence berichtet Gerhard Rohde. In der Glosse kämpft Edo Reents frisch munitioniert und hochtemperiert weiter den tapferen Kampf des FAZ-Feuilletons gegen die Bahn. Oliver Tolmein schildert, wie es zum BGH-Urteil in Sachen Präimplantationsdiagnostik kam, und erklärt, warum er es für einen "bedenklichen Rückschritt" hält. Werner Jacob begutachtet das neue VitraHaus (Modell), das die Stararchitekten Herzog und DeMeuron als Ergänzung fürs Vitra Design Museum in Weil am Rhein entworfen haben.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Werken von Lee Bontecou im New Yorker Museum of Modern Art, und Bücher, darunter Paul Beattys Roman "Slumberland" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 13.07.2010

Auf Seite 3 berichtet Sonja Zekri über das Urteil gegen die Moskauer Kuratoren Jurij Samodurow und Andrej Jerofejew, die eine Ausstellung mit künstlerischen Religionssatiren gezeigt hatten. Drei Stunden dauerte die Verkündung, bevor die Richterin die beiden zu einer Geldstrafe verurteilte. "Es ist ein Urteil, das nicht drastisch genug ist, um einen Sturm internationaler Solidarität auszulösen, aber dennoch ein Schuldspruch, der klar macht, dass jede künstlerische Auseinandersetzung mit der Orthodoxie beim nächsten Mal vielleicht doch hinter Gittern enden kann."

Im Feuilleton unterhalten sich Wolfgang Schreiber und Bettina Ehrhardt mit Wolfgang Rihm über seine neue Oper "Dionysos" nach Friedrich Nietzsche, die die Salzburger Festspiele eröffnen wird. Kann der Zuschauer die Geschichte trotz des komplizierten Hintergrunds verstehen?, fragen sie. Darauf ein leicht gereizter Rihm: "Man muss nichts erklären, ich will nichts erklären. Sobald man damit anfängt, ist man bei dieser Oberlehrerhaltung, bei diesem ständigen Hinweisen und Besserwissen. Ich mache Kunst, ich weiß nichts besser (...) Und dieses heilige Nicht-Wissen, das ist meine Begabung. Ich bin nicht geschlagen mit einem Nicht-Wissen, ich bin begabt mit dem Nicht-Wissen-Können."

Weitere Artikel: Aufmacher ist der Nachruf auf den großen Architekten Günter Behnisch, verfasst vom Architekten und Kurator Wolfgang Jean Stock. Alex Rühle liest einen Bericht der Bertelsmann-Steiftung, aus dem hervorgeht, das die Spaltung im Bildungswesen schon im Kindergarten aufgehoben werden muss. Johan Schloemann beklagt den Verlust des altsprachlichen Gymnasiums in Bochum. Alexander Menden gratuliert dem Schauspieler Patrick Stewart zum Siebzigsten.

Eine höchstrangige Delegation die iranischen Staatsfernsehens hat ZDF und ARD besucht. Anders als den Bloggern gelang es der Süddeutschen, eine Äußerung der Sender hierzu zu erhalten. Roland Winter zitiert auf der Medienseite einen ZDF-Sprecher: "Das iranische Fernsehen wollte das ZDF-Nachrichtenstudio besichtigen - wir haben die Delegation dazu, wie zuvor bereits zahlreiche andere Besuchergruppen aus aller Welt, eingeladen."

Besprochen werden neue Choreografien von Alain Platel und Anne Teresa De Keersmaeker in Avignon, Percy und Felix Adlons Film "Mahler auf der Couch", neue Avantgarde-Jazz-Platten und Bücher, und Bücher, darunter Tidiane N'Diayes Studie "Der verschleierte Völkermord - Die Geschichte des muslimischen Sklavenhandels in Afrika" (Leseprobe).