Heute in den Feuilletons

Ich habe selbst in Oxford studiert

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.05.2010. In der NZZ geht Fabio Pusterla mit Philippe Jaccottet über einen verbrannten Hügel. In der Welt wechselt Theodore Dalrymple die Straßenseite: er hat einen britischen Politiker gesehen. Der britische Autor Will Self fürchtet in der taz eine Rückkehr der Schnösel mit antiquiertem Akzent. In der FR warnt Hans-Ulrich Wehler vor einer Demokratiekrise. Die SZ sagt mit dem Oberammergauer Regisseur Christian Stückl: Schalom, Jesus.

NZZ, 15.05.2010

Barbara Villiger erzählt von der sehr schönen Verleihung des Großen Preises der Schweizerischen Schiller-Stiftung an den Dichter Philippe Jaccottet im Stadttheater von Solothurn. Gleich drei Laudationes wurden gehalten, von Pierre Chappuis auf Französisch, von Andreas Isenschmid auf Deutsch und von Fabio Pusterla auf Italienisch. Letzere ist der Aufmacher der Beilage Literatur und Kunst. Pusterla erklärte, was Jaccottets Werk für die italienische Lyrik bedeutet und erinnerte sich an seine erste Begegnung mit dem Dichter. "Als ich zum ersten Mal, völlig verschüchtert, nach Grignan reiste, wo Philippe Jaccottet seit Jahrzehnten lebt, im Gepäck meine ersten Übersetzungen, die ich dem Dichter zeigen wollte, schlug dieser mir einen Spaziergang vor und führte mich auf einen Hügel, wo er oft umherstreifte. Die Bäume auf dem Hügel hatte kurz zuvor ein Feuer halb zerstört. Mitten durch die angekohlten Baumstämme ging Philippe schweigend vor mir her; ab und zu hielt er inne und sagte: 'Dieser hier überlebt vielleicht.'"

Hier noch ein Gedicht von Philippe Jaccottet: "Portovenere".

Weiteres: Georg Klein betrachtet Helen Frankenthalers Gemälde "Acres". Roman Hollenstein stellt die Basler Architekten Quintus Miller und Paola Maranta vor. Besprochen werden Noelle Revaz' - bisher nur auf Französisch erschienener - Roman "Efina" und zwei neue Bücher von Nina Jäckle (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Im Feuilleton beschreibt Marion Löhndorf die politische Stimmung in England vor und nach den Wahlen. Hans Jörg Jans berichtet über die Probleme der italienischen Kulturschaffenden.

Besprochen werden eine Aufführung von Puccinis "Madama Butterfly" in St. Gallen, Oliver Stones "Wall Street"-Sequel in Cannes (eine "weichgespülte Familienwerte-Botschaft" vernimmt die widerwillige Rezensentin Susanne Ostwald), eine Ausstellung über Prinz Eugen (1663-1736) im Unteren Belvedere in Wien und Atom Egoyans Erotikthriller "Chloe".

Welt, 15.05.2010

Unter dem Titel "Griechen der Nordsee" zieht der britische Publizist Theodore Dalrymple recht heftig über das eigene Volk und seine Politiker her: "Unsere Politiker sind zutiefst uninteressant - man würde die Straßenseite wechseln, nur um keinen Abend mit ihnen verbringen zu müssen."

Außerdem in der Literarischen Welt: Klaus Harpprecht liest Wolfgang Kemps literarischen Streifzug über britische Autoren und ihr Verhältnis zu Deutschland ("Die Abenteuer einiger Engländer", erschienen bei Hanser). Christopher Hitchens findet (hier die Originalfassung im Guardian) bei der erneuten Lektüre von Orwells "Farm der Tiere" eine interessante Auslassung: "Zwar existieren ein Stalin-Schwein und ein Trotzki-Schwein, aber ein Lenin-Schwein gibt es nicht." Michael Kleeberg vermisst in seiner Kolumne eine Kultur der skeptischen Liberalität, wie sie einst der Aphoristiker Johannes Gross verkörperte. Besprochen wird unter anderem Hans-Ulrich Treichels neuer Roman "Grunewaldsee" (mehr hier).

Auf der verbliebenen Feuilletonseite berichtet Hans-Georg Rodek aus Cannes: Oliver Stones Finanzhai Gordon Gekko feiert in "Wall Street 2" Auferstehung - aber der Film versuppt nach Rodek zum Familienmelodram. Besprochen werden eine neue CD von LCD Soundsystem (Musik) und Robert Lepages Wiener Spektakel "Lipsynch".

Aus den Blogs, 15.05.2010

Der Komiker Peter Serafinowicz erklärt in einem wunderbaren Artikel auf Gizmodo, warum er illegal downloaded und das für absolut gerechtfertigt hält: "Ich besitze die Printversion von Anthony Lanes gesammelten Kritiken aus dem New Yorker. Es ist ein schweres Buch (rund drei Pfund) und ich wollte eine Kopie für mein iPad. Ich habe also eine ePub-Version des Buchs bei Barnes and Nobles erworben und angenommen, da iBooks auch dieses Format verwendet, dass ich sie auf mein iPad transferieren kann. Nur leider liest der iPad Adobe-verschlüsselten eBücher, jedenfalls jetzt noch nicht. Mit Hilfe einiger sympathischer Twitter-Follower habe ich rund 10 unnütze Stunden damit verbracht, Xcode und obskure Python scripts auf zwei verschiedenen Computern zu installieren, was die einzige Methode zu sein schien, die Adobe eBücher illegal zu entschlüsseln. Meine moralische Rechtfertigung? Ich habe für dieses Buch zwei Mal bezahlt."
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TAZ, 15.05.2010

Im Interview mit Julia Grosse spricht der britische Autor Will Self über Chancen und Risiken der von ihm heftig abgelehnten neuen konservativ-liberalen Regierung: "Die britische konservative Oberschicht wird durch die neue Regierung definitiv wieder aufleben und an Selbstbewusstsein gewinnen, all diese alten Eliten, alten Eton-Schüler, alten Oxford-Absolventen. Ich habe selbst in Oxford studiert, ich weiß, was das für Leute sind. Es sind absolute Snobs, die unter sich nach wie vor in diesem absolut antiquierten, feinen Akzent sprechen. Diese Leute sind antieuropäisch, antiegalitär und pflegen einen unterschwelligen Rassismus."

Weitere Artikel: Aus Cannes berichtet Cristina Nord weniger über den derzeit nicht sehr interessanten Wettbewerb als über die beiden inhaftierten Regisseure Roman Polanski und Jafar Panahi und den auf der Pressekonferenz unterbetonten Unterschied von beider Situation. Der Schriftsteller Petros Markaris nähert sich der desolaten griechischen Gegenwart auf dem Umweg über die Antike. Julia Niemann porträtiert den Popstar 2.0 Justin Bieber. In Andreas Fanizadehs "Leuchten der Menschheit"-Kolumne geht es um die Freidemokraten "Guido, Christian und Roger".

Besprochen werden und Bücher, darunter Philip Roths neuer Roman "Die Demütigung" und die Reiseberichte "Die Wunder des Morgenlandes" des im 14. Jahrhundert lebenden Ibn Butta (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Und Tom.

FR, 15.05.2010

Michael Hesse unterhält sich mit dem Historiker Hans-Ulrich Wehler über die europäische Finanzkrise, die Wehler als nicht zuletzt politisch dramatisch betrachtet: "Sie bewegt sich in einem galoppierenden Tempo über eine Finanz- zur Staatenkrise hin zur Demokratiekrise. Der Hilfsfonds spitzt sie noch weiter zu. In einer solchen Situation ist es ungeheuer wichtig, dass man eine Diskussion führt und dem Bürger die Wahrheit sagt."

Weitere Artikel: In einer Times Mager fragt sich Hans-Jürgen Linke, ob sich hinter dem Bienensterben nicht einfach ein Flexibilisierungsprozess verbirgt. Marcia Pally hat den Kindesmissbrauch als "Weltökumene" entdeckt.

Besprochen werden Franz Hummels in Regensburg uraufgeführte Nietzsche-Oper "Zarathustra", die Frankfurter Inszenierung von Oliver Reeses Solostück "Bartsch, Kindermörder", die Heidelberger Aufführung von Benjamin Brittens Kinderoper "Noahs Flut"Jamie Lidells neue CD "Compass" und Richard Yates' im Original 1975 erschienener Roman (Leseprobe) "Ruhestörung" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 15.05.2010

Christine Dössel unterhält sich mit Regisseur Christian Stückl, der auch die diesjährige Neuauflage der Passionsspiele in Oberammergau inszeniert hat. Im Bruch mit der durchaus antisemitischen Tradition der Veranstaltung wird in der Neuinszenierung Jesu Judentum in den Vordergrund gespielt: "Wenn Jesus das Brot bricht, spricht er die Segnung auf Hebräisch. Und es singen 400 Oberammergauer das 'Schma Israel', das zentrale Glaubensbekenntnis des Judentums: 'Schma Israel, A-donaj E-lohejnu, A-donaj Echad ...'"

Weitere Artikel: Tobias Kniebe kann in Cannes mit Oliver Stones "Wall Street"-Fortsetzung eher wenig, mit dem Anti-Berlusconi-Film "Draquila" dagegen recht viel anfangen. Aus Guatemala berichtet Richard Fleming, wie die ungeahndeten Verbrechen der Militärdiktatur bis heute weiter Gewalt zeugen und die Gesellschaft vergiften. Jeanne Rubner erklärt die Hintergründe des gerade wieder aufflackernden flämisch-wallonischen Sprachstreits in Belgien. Catrin Lorch gratuliert dem Künstler Jasper Johns zum Achtzigsten.

Im Aufmacher der SZ am Wochenende befasst sich Hilmar Klute mit der Amateurkritikkultur bei Amazon und anderswo. Jeanne Rubner findet in wissenschaftlichen Studien keinen Beleg dafür, dass die gewaltige Überzahl weiblicher Lehrkräfte an Deutschlands Schulen an der signifikanten Minderleistung männlicher Schüler die Schuld trägt. Die historische Wahrheit über Robin Hood, so Alexander Menden, ist, dass es ihn erstens nicht gab und dass zweitens die ihm nahekommenden realen Gestalten eher "betrunkene Psychopathen" waren.

Auf der Literaturseite wird eine Erzählung aus Ingo Schulzes neuem Buch "Engel und Orangen" vorabgedruckt. Sonja Zekri unterhält sich mit der russischen Menschenrechtlerin Ljudmila Alexejewa über "Außenseiter". Auf Zekris Hinweis, dass Medwedjew und Putin wenigstens nicht wie der neuerdings wieder offen verehrte Stalin regierte, meint sie nur: "Aber genau das würden sie so gerne! Leben wie Abramowitsch, herrschen wie Stalin, wenigstens ein bisschen."

Besprochen werden Jossi Wielers Stuttgarter Inszenierung von Leos Janaceks Oper "Katja Kabanova", die Zürcher Uraufführung von Lukas Bärfuss' Stück "Malaga", die "Hans von Aachen"-Ausstellung in Aachen, das neue - und letzte - LCD-Soundsystem-Album "This is Happening", Jennifer Lopez' Film "Plan B für die Liebe" und Bücher, darunter Lorenz Jägers Geschichte der Freimaurer "Hinter dem Großen Orien" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FAZ, 15.05.2010

Jürgen Kaube erklärt wortreich, warum Wolfgang Schäuble seine Krankenakte auch für die Bild-Zeitung nicht öffentlich machen muss. Mark Siemons hat beim Wettkampf der Länder auf der Expo in Schanghai dies gelernt: "Er informiert über die Fähigkeit der Länder, ein stimmiges Konzept ihrer selbst im Verhältnis zum Rest der Welt zu entwerfen." Jürgen Dollase speist bei Sergio Herman im Oud Sluis. München restituiert vier Gemälde von August Mayer, meldet Brita Sachs. Patrick Bahners schreibt zum Tod des des politischen Kommentators Alan Watkins. Vittorio Hösle schreibt zum Tod des Mathematikhistorikers Imre Toth. Edo Reents gibt sich in einem "Porträt" des Psychologen und Netzwerkers Peter Kruse mächtig Mühe, den Mann als Hochstapler darzustellen. Man fragt sich, warum? (Hier Kruses Vortrag bei der re:publica)

In Bilder und Zeiten schreibt Swantje Karich zum 300. Geburtstag der Porzellanmanufaktur in Meißen. Don Alphonso besucht ein Oldtimer-Rennen, die "Mille Miglia". Hansgeorg Hermann hat einen Ortstermin vor der Blechnerei der Brüder Taboh in Thessaloniki. Auf der Medienseite warnt Miriam Meckel davor, dass die Computer mit ihren Algorithmen den Zufall und damit Freiheit und Unberechenbarkeit abschaffen.

Besprochen werden Oliver Stones zweiter "Wall Street"-Film in Cannes, eine Aufführung von "The Infernal Comedy" mit John Malkovich in der Rolle des österreichischen Mörders und Knastpoeten Jack Unterweger, Isabelle Graeffs Projekt "My Mother and I" in der Trolley Gallery in Berlin, der Dokumentarfilm "Inheriting the Future of Music" über Pierre Boulez und das Luzern Festival, einige CDs, darunter Eduard Steuermanns Einspielung der Schönberg-Klavierstücke und eine CD von Peter Wolf, und Bücher, darunter Nicholson Bakers Roman "Der Anthologist" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

In der Frankfurter Anthologie stellt Renate Schostack Ingeborg Bachmanns Gedicht "Die blaue Stunde" (Seite 38) vor:

"Der alte Mann sagt: mein Engel, wie du willst,
wenn du nur den offenen Abend stillst
und an meinem Arm eine Weile gehst,
den Wahrspruch verschworener Linden verstehst,
..."